Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Vincenz Ritter von Rosenzweig-Schwannau)


Aus: Buchstabe Elif

10.

Gestern war's, als aus dem Tempel
Unser Greis1 in's Wirthshaus trat;

Ordensbrüder! was beschliessen
Wir, nach einer solchen That?

Und wie wenden zu der Ka'ba2
Wir uns hin, der Jünger Schaar,

Wenn zum Weinhaus sich der Meister
Hält gewendet immerdar?

Nun so lasst denn gleichen Schrittes
Uns auch in die Schenke geh'n,

Denn so muss es, durch des Schicksals
Ewigen Beschluss, gescheh'n.

Wüsste Weisheit, wie sich selig
Fühlt das Herz in Seinem Haar,3

Des Verstandes würden Weise,
Meiner Kette wegen, baar.

Kaum dass sich die Ruh'4 im Netze
Meines Herzensvogels fing,

Als du deine Locken löstest5
Und die Beute mir entging.

Einen Koransvers der Anmuth
Macht' dein Huldgesicht mir klar:

Desshalb trifft nur Huld und Anmuth
Man in meinem Commentar.6

Ist des Nachts nicht einzuwirken
Auf dein Felsenherz im Stand'

Meiner Seufzer Feuerregen
Und des Busens nächt'ger Brand?

Als der Wind dein Haar berührte,
Schien die Welt mir schwarz zu sein;

Keinen and'ren Vortheil brachte
Deines Haares Lust7 mir ein.

Meiner Seufzer Pfeil durchdringet
- Schweig', Hafis - des Himmels Schloss:

 Sei der eig'nen Seele gnädig
Und vermeide mein Geschoss!
 

1 Nämlich Scheich Ssanan Abdurrassak aus Jemen, ein frommer Vorstand der Derwische, der sich in ein christliches Hirtenmädchen verliebte, ihre Schweine hütete und, als sie einst Wein von ihm verlangte, in die Schenke ging und dort, da er kein Geld hatte, seine Kutte versetzte. Er ist Verfasser eines religiösen Werkes, das seinen Namen zum Titel hat.

2 Kaba, das heilige Haus der Wallfahrt zu Mekka.

3 D.h. Wie selig sich das Herz in den Banden der Locken des Geliebten fühle. - Unter Seinem Haar wird das Haar des Geliebten verstanden; eine Auslassung des Hauptwortes, die bei Dichtern in diesem Falle häufig vorkommt.

4 Wörtlich: Versammlung (des Gemüthes).

5 Gleichsam: zerstreutest, im Gegensatze der gedachten Versammlung (des Gemüthes).

6 D.i. In meinen Gedichten, die gleichsam der Commentar des Koranverses deiner Huld und Anmuth sind.

7 Das Wort, das im Persischen Lust bedeutet, nämlich Sewda, heisst auch Schwärze; und ebenso bedeutet das Wort, das hier durch "dein Haar" wiedergegeben ist, auch "der erste Theil der Nacht".

 

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