Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Vincenz Ritter von Rosenzweig-Schwannau)


Aus: Buchstabe Dal

44.

Schenke! Von Zipressen, Rosen
Und von Tulpen plaudert man:

Dreimal ausgeleerte Becher
Schliessen sich der Rede an!1

Trinke, denn die Braut der Wiese
Steht am Schönheitsziele nun

Und die Kunst der Kräuslerinnen
Hat für heute nichts zu thun;2

Wie doch jeder Inder-Psittich
Gar so gern den Zucker pickt,

Der erzeugt aus Perser-Kandel
Nach Bengalen wird verschickt!3

Sieh das Lied, es überschreitet
Zeit und Raum, eh' du's gedacht:

Einen Weg von einem Jahre
Macht dies Kindlein Einer Nacht.4

 Sieh den Zauber jenes Auges,
Das selbst Fromme täuschen muss!

Denn der Schwarzkunst Karawane
Folgt ihm immer auf dem Fuss.

Er stolziert durchnässt vom Schweisse,
Und Jasmine auf der Au

Schämen sich vor Seiner Wange,
Und ihr Schweiss erscheint als Thau.5

Lass die Welt dich nicht verlocken!
Dieses alte Mütterlein

Setzt sich voll von Ränken nieder
Und erhebt sich schlau und fein.

Sei nicht wie Samir gewesen,
Der, als er das Gold geseh'n,

Thöricht sich von Moses wandte,
Um dem Kalbe nachzugeh'n.6

Sanfte Frühlingswinde wehen
Aus des König's Rosenhain,

 Und in den Pocal der Tulpe
Träuft des Thaues heller Wein.

Lass, Hafis, aus reger Sehnsucht
Nach Sultan Ghajaseddin7

Deine Zunge nicht verstummen:
Klage nur bringt dir Gewinn.
 

1 D.h.: Nun spricht man wieder von dem zurückgekehrten Frühling, was aber nicht ohne drei Becher auszutrinken geschehen soll. - Sudi bemerkt, es sei eine Sitte der Trinker, nach dem Speisen drei Becher Wein's zu trinken, um das zu viel Genossene besser verdauen zu können.

2 D.h.: Die Wiese, diese schön geschmückte Braut, ist bereits so reizend, dass sie der Kunst der Dellale, d.i. der Schmückerin oder Haarkräuslerin, entbehren kann. Siehe die 2. Anmerkung zum 3. Ghasel aus dem Buchstaben Be.

[2 Im Originale: Meschschatha, wörtlich die Schmückerin oder Haarkünstlerin, deren Geschäft es ist, die Braut zu schmücken, zu schminken und mit Rosenwasser zu durchdüften. Sie vertritt ganz die Stelle der römischen Ornatrix und heisst auch Dellale, d.i. die Leiterin (zur Schönheit). Wie wir zu sagen pflegen: "die Mutter Natur", sagt hier der Dichter: die Schmückerin oder Künstlerin Natur, indem er seinen Vergleich von einer anderen Eigenschaft derselben entlehnt.]

3 D.h.: Wie sehr doch indische Dichter, die hier Psittiche genannt werden, den persischen Kandelzucker, d.i. meine süssen Gesänge, lieben, die bis nach Bengalen versendet werden.

4 D.h.: Ein Lied, erzeugt in einer einzigen begeisterungsvollen Nacht, findet seine Weg in die entferntesten Länder.

5 D.h.: Die Schaam presst ihnen Schweisstropfen aus, und diese bilden den Thau.

6 Siehe die 3. Anmerkung zum 9. Ghasel aus dem Buchstaben Dal.
[3 Samir, der im Koran erwähnte ägyptische Zauberer, der Anführer des israelitischen Volkes zu Moses Zeit, der Alchimist der Kinder Israel's, der das goldene Kalb aus dem Geschmeide der Juden verfertigte, das diese dann mit ihm anbeteten. Pharao hatte dessen Künste den Wundern, die Moses durch seinen Stab und seine Hand gewirkt hatte, entgegensetzen wollen, aber beschämt musste er zurücktreten und die Macht des wahren Gottes anerkennen.]

7 Sultan Ghajaseddin, Sohn Hussein's, den Timur später seiner Länder beraubte, war Fürst von Herat.

 

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