Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Vincenz Ritter von Rosenzweig-Schwannau)


Aus: Buchstabe Dal

60.

Erinn're dich an jene Zeiten,
Wo noch dein Dorf mein Wohnort war,

Wo noch der Staub an deiner Pforte
Das Aug' mir machte hell und klar!

Wie Lilien wahr und wahr wie Rosen
- Weil reinen Umgang ich gepflegt -

Bewegte sich mir auf der Zunge,
Was sich im Herzen dir bewegt.1

Wenn Sinniges das Herz vernommen
Vom alten Manne: dem Verstand,

So commentirte stets die Liebe
Das, was es allzu schwierig fand.

Beschlossen war's in meinem Herzen:
Nicht leben wollt' ich ohne Freund;

Was thu' ich nun, da mein Bemühen
Und das des Herzens fruchtlos scheint?

Als ich, der Freunde denkend, gestern
Zur Schenke ging mit frohem Muth,

Da fiel ein Weinkrug mir in's Auge,
Den Fuss in Thon, das Herz in Blut:

Ich suchte eifrigst zu erforschen
Des Trennungsschmerzes wahren Grund;

Doch hier gab des Verstandes Mufti
Nur seinen Unverstand mir kund.

Du hast ganz Recht: das Türkissiegel
Des Bul-Ishak erglänzte hell,

Allein die Tage seines Glückes
Entschwanden leider allzu schnell.2

O über diese Qual und Härte
In dieser netzumstrickten Welt!

O über jene Huld und Gnade,
Die seinem Kreise nie gefehlt!

Sah'st du, Hafis, das stolze Repphuhn,
Wie es mit lautem Schall gelacht

 Und an des Schicksalsfalken Kralle
Der Sorgen ledig nie gedacht?
 

1 D.h.: Ich errieth und sprach alle deine Gefühle aus.

2 Bul-Ishak, oder Ebu Ishak, der letzte Fürst der Ilchaniden, war zugleich Scheich des Ssofi, weshalb Hafis seinen Ring einen Türkisring sein lässt, da blau die Lieblingsfarbe der Ssofis war. Er war ein grosser Gönner der Gelehrten, von denen mehrere, die Hafis später aufzählt, seiner kurzen Regierung grossen Glanz verliehen. Der Tod riss ihn in der Blüthe seiner Jahre dahin.

 

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