Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Vincenz Ritter von Rosenzweig-Schwannau)


Aus: Buchstabe Dal

61.

So lang als Spur und Name
Vom Weinhaus lebt und Wein,

So lang wird auch mein Schädel
Des Wirthes Wegstaub sein.

Kömmst du zu meinem Grabe,
So fleh' um Gnade dort:

Denn für die Zecher alle
Wird es zum Wallfahrtsort.

Mir hängt seit ew'gen Zeiten
Des Wirthes Ring im Ohr;1

Ich bin wie ich gewesen:
Es bleibt ganz wie zuvor.

Dein Aug' und mein's, o Frömmler,
Erfüllt von Selbstvertrau'n,

Durchschaut dies Räthsel2 nimmer,
Und wird es nie durchschau'n.

Heut trat mein trunk'ner Türke
Voll Mordlust aus dem Haus:

Aus wessen Auge fliesset
Nun wieder Blut heraus?

Der Ort, den deine Sohle
Bezeichnet, wird hinfort

Für jeglichen Verliebten3
Ein wahrer Andachtsort.

Die Nacht, in der aus Sehnsucht
Mein Aug' zu Grabe geht,

Bleibt's wach, bis dass der Morgen
Des jüngsten Tag's ersteht.

Doch wenn Hafis beim Glücke
So wenig Hilfe fand,

Kömmt der Geliebten Locke
Gar bald in And'rer Hand.
 

1 D.h.: Ich bin von Ewigkeit her bestimmt ein Sclave des Wirthes, d.i. ein Trinker zu sein. - Der Ring im Ohre gilt für das Zeichen des Sclaventhums.

2 Das Räthsel der Liebe nämlich.

3 Wörtlich: Besitzer des Blickes, was, wie bereits gesagt wurde, eben so viel bedeutet als Verliebte.

 

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