Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Vincenz Ritter von Rosenzweig-Schwannau)


Aus: Buchstabe Dal

84.

Es entbehrt, wenn ich Ihn schaue,
Leicht mein Herz die Wiesenflur;

Gleich Zipressen liegt's in Banden,
Hat, gleich Tulpen, Maale nur.

Keines Menschen Brauenbogen
Neigt sich mein Zipressenbaum;

Denn der Welt entsagt, wer wohnet
In des Winkels engem Raum.

Dass das Veilchen Seiner Locke
Gleichen will, bringt mich in Gluth;

Was dem schwarzen, schnöden Dinge
Doch für Zeug im Hirne ruht!

Nichts als finst're Nacht und Wüsten;
Komm' ich je am Ziele an,

Wenn die Fackel seiner Wange
Mir nicht leuchtet auf der Bahn?

Weinen muss die Morgenkerze,
Und mit ihr zugleich auch ich:

Denn um mich Verbrannten kümmert
Nimmermehr mein Götze sich.

Auf der Wiese wandelnd, blicke
Nach dem Thron der Rose hin:

Denn als Truchsess reicht die Tulpe
Den Pocal der Königin.

Weinen muss ich, gleich der Wolke
Des Behmen1 auf dieser Flur:

Den Genuss des Sprossernestes
Hat ja, sieh, der Rabe nur.

Deine Locken überfallen
Nachts das Herz beim Wangenschein:

Wie so kühn sind diese Räuber,
Brechen Nachts bei Fackeln ein!

Das betrübte Herz Hafisens
Bangt nach Liebesunterricht,

 Hat nicht Lust an schöner Aussicht
Und verlangt nach Gärten nicht.
 

1 Behmen, der Name des zweiten Wintermonats, dem nach der Lehre der Maghen ein Genius dieses Namens vorsteht, der auch der Schutzgenius einzelner Tage ist.

 

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