Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Vincenz Ritter von Rosenzweig-Schwannau)


Aus: Buchstabe Dal

95.

Will man wirklich bare Münze
Einer Probe unterzieh'n1

Und auf alle Klausner fahnden,
Deren Thun verdächtig schien?

Meine Meinung ist, die Freunde
Unterliessen ganz und gar

Etwas And'res zu ergreifen,
Als des Freundes Ringelhaar.

Weislich halten sich die Zecher
An des Schenken Locke fest,

Dass sie eine Stütze haben,
Wenn der Himmel sie verlässt.

Setzt der Rabe seine Füsse
Schamlos auf den Rosenbaum,

Nun so müssen alle Sprosser
Greifen nach des Dornes Saum.2

 Mit der Kraft des Arm's der Tugend
Prahle nicht in Schöner Reih'n:

Denn mit einem einz'gen Reiter3
Nehmen leicht ein Schloss sie ein.

Herr, wie gierig lechzt nach Blute
Dieser Türkenkinder Schaar!

Mit dem Pfeile ihrer Wimper
Macht sie Beute immerdar.

Schön sind Tänze, wenn sich ihnen
Lied und Flötenton gesellt;

Doch besonders, wenn bei'm Tanze
Man die Hand des Liebchens hält.

O Hafis, die Mitwelt kümmert
Nimmermehr der arme Mann:

Drum, sich fern von ihr zu halten
Ist das Beste, wenn man's kann.
 

1 D.h. die Handlungen (der Klausner) genau untersuchen.

2 Ein Ausdruck, der so viel heisst als: trauern.

3 Ein Reiter, Suwari, ist ein Zärtlichkeitsausdruck, mit welchem Dichter den Gegenstand ihrer Liebe oder überhaupt die Schönen zu belegen pflegen.

 

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