Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Vincenz Ritter von Rosenzweig-Schwannau)


Aus: Buchstabe Dal

165.

Am frühen Morgen, wenn der Ost
Des Lebens milden Duft verhaucht,

Die Au das Paradies verhöhnt,
Weil sie in mild're Luft sich taucht;

Wenn Rosenduft, vertausendfacht,
Die Au in dichte Schleier hüllt,

Und Widerschein des Morgenroth's
Den Horizont mit Rosen füllt;

Wenn einer Harfe süsser Klang
So lockend ruft zum Morgenwein,

Dass selbst der Zelle frommer Greis
Die Strasse schlägt zur Schenke ein;

Wenn der Monarch des Firmament's,
Den gold'nen Schild vor dem Gesicht,

Sich mit des Morgens lichtem Schwert
Die Herrschaft einer Welt erficht;

Und wenn es, trotz des Rabens1, nun
Dem Königsfalken2, goldbeschwingt,

Auf diesem lazurblauen Dach
Sein Strahlennest zu bau'n gelingt,

Dann eile hin zum Wiesenfest,
Denn für die Schaulust ist's Gewinn,

Ergreift die Tulpe den Pocal
Des Ergawan und des Nesrin.3

Wie lieblich auf dem Wiesengrün
Die Rose ihre Wange zeigt!

Wie glutherfüllt das Morgenlied
Des Sprossers in die Lüfte steigt!

Doch welcher Strahl ist's, dem das Licht
Der Morgenfackel4 hell entsteigt?

Und welcher Funke ist's, der sich
Am Firmament als Leuchte5 zeigt?

Bestände in Hafisens Haupt
Der Wahn nicht, ein Monarch zu sein,

 Wie nähm' er mit der Zunge Schwert
Das weite Feld der Erde ein?

Sieh, wie der Ost unausgesetzt
- Ein Trunk'ner, der nach Schönen schielt -

Bald mit der Rose Lippen kost,
Bald mit Basilienlocken spielt!

Verschiedenheit in dem Gebild
Und Einheit in dem Stoffe macht,

Dass jede Blüthe dem Verstand
Die Deutungen verhundertfacht.

Ich sinne nach, in wessen Brust
Der segenreiche Athem webt,

Der in der frühen Morgenzeit
Dies dunkle Staubgefäss6 belebt?

Warum der runde Himmel mich
Mit hundertfachem Gram umstellt,

Und, eines Zirkels Punkte gleich,
Beständig in der Mitte hält?

Erschloss ich Keinem mein Gemüth,
So hab' ich wohl sehr klug gethan:

Denn eifersüchtig ist die Zeit
Und stürmt oft unversehns heran.

Wer sein Geheimniss, Kerzen gleich,
Geschäftig And're wissen lässt,

Den hält der Scheere Zünglein Nachts
Bei seiner eig'nen Zunge fest.

Mein Schenke mit dem Mondgesicht,
Wo weilt er? Liebend reiche er

Mir, den er halb berauscht gemacht,
Den Becher dar, doch voll und schwer;

Auch bring' er Kunde von dem Freund
Und hinterher ein volles Glas,

Er leer' es auf des Freundes Wohl,
Der seiner Liebe nie vergass.

Und stimmt der Sänger dann ein Lied
In unser'm frohen Kreise an,

 Sing' er bald Weisen aus Irak,
Und Weisen bald aus Isfahan.

Ein Alexander, der den Mann,
Der sein geweihtes Haus bewohnt,

Durch seinen Thürstaub, Chisern gleich,
Mit ew'ger Lebensdauer lohnt;

Ein Schmuck des Segensangesichts
Wird Scheïch Ebu Ishak7 genannt,

Der Hohe, unter dessen Fuss
Wie Gärten blüht das ganze Land.

Wenn zu der Herrschaft Firmament
Empor er lenkt den stolzen Schritt,

So ist das Haupt der Ferkadan8
Die erste Stuf', auf die er tritt.

Er ist das Augenlicht Mahmud's9
Und einem Blitze gleicht sein Schwert,

Aus dem das Feuer auf den Feind,
Versengend, in zehn Zungen fährt.

 Zieht er das Schwert, so wogt das Blut
Bis zu des Mondes höchstem Stand,

Und zum Mercur10 reicht sein Geschoss,
Wenn kräftig er den Bogen spannt.

Es schämt die Braut des Ostens11 sich
Vor seiner Einsicht Strahlenschein:

Drum schlägt sie auch, wie sich's gebührt,
Den Weg des Unterganges ein.

O hoher, angesehner Fürst!
Wer deinen Diener sich genannt,

Erfasst - so hoch steigt seine Macht -
Die Zwillinge bei'm Gürtelband.

Glückswünsche werden vom Mercur
Zu Tausenden dir überreicht,12

Weil dein Gedanke dem Befehl:
»Es werde und es wurde« gleicht;

Und deinem Neider, deinem Feind
Stellt immer sich zur Gegenwehr

 Der Lanzenschwinger13; darum trägt
Er Früh und Abends seinen Speer.

Der Himmel, der da freudig sieht,
Wie stattlich sich dein Pferd bewegt,

Hat ihm als schlechtes Lagerstroh
Die Jakobsstrasse14 unterlegt.

Das Missgeschick, das du ertrugst,
Wird noch dereinst dir Glück verleih'n:

Denn Jupiter15 schlägt diesen Weg
Bei seiner Art zu handeln ein.

Wenn dich die Zeit durch Leiden prüft,
Hat sie dabei die Absicht nur

Tief einzuprägen in dein Herz
Der Mässigkeit und Reinheit Spur:

Nur desshalb wird das heil'ge Buch16
Vor allen ander'n hoch geschätzt,

Weil es bereits der Lauf der Zeit
Gar mancher Prüfung ausgesetzt.

Als einen Helden an Verstand
Erkenne man nur jenen Mann,

Der, eh' er eine Bahn betritt,
Bedenkt, ob er drauf wandeln kann.

Der Seele lauterer Geschmack
Bleibt frei vom bittern Gram der Welt

Bei Jedem, der in seinem Mund
Den Zucker deines Dankes hält;

In jedem Stand kann Jener nur
Geniessen seines Lebens Frucht,

Der, eh' er eine Bahn betritt,
Sich selbst erst prüfend untersucht

Und, sieht er keinen Grund zum Krieg,
Das Glas zu fassen sich erlaubt;

Doch, wenn des Handelns Zeit erscheint,
Zum Schwerte greift, das Seelen raubt.

Der Hoffnung auf verborg'ne Huld
Entsage nicht, bei aller Pein:

 Das Mark, so lieblich und so weich,
Hat seinen Sitz im harten Bein.

Der Zucker wurde nur so süss
Nach längerer Enthaltsamkeit:

Drum sind auch enge Ritzen17 nur
Sein Aufenthalt in früh'ster Zeit.

Wo links und rechts des Unglück's Strom
Mit solcher Wildheit sich ergiesst,

Dass selbst der Rettung and'res nicht
Als abzutreten übrig ist,

Liegt nur dem Berge nichts daran,
Der fest auf seinem Grunde ruht,

Wenn noch so hohe Wogen schlägt
Die aufgeregte Meeresfluth.

Geht auch dein Feind jetzt frech einher,
Dir trüb' es nicht den heiter'n Sinn:

Denn diese Frechheit selber fasst
Zuletzt noch an dem Zügel ihn;

Und sprach er mit verweg'nem Mund
Von diesem Königshause schlecht,

So treff' ihn der verdiente Lohn
In Weib und Kind und in Geschlecht!

Lang währe deines Lebens Zeit,
Da sich dein Walten für den Geist

Der Menschen und der Geisterschaar
Als ein Geschenk der Huld erweist.

Der Worte erster König ist
Hafis; drum nimmt er immerdar

Das Feld der Rede in Besitz
Durch seines Wortes Sulfekar.18
 

1 D.i. der Nacht.

2 D.i. der Sonne.

3 D.h.: Neigt sich die Tulpe über Ergawane und Nesrine hin.

4 D.i. der Sonne.

5 Als Mond nämlich.

6 D.i. die Erde.

7 Scheich Ebu Ishak, Sohn Mahmud's, der letzte Fürst aus der Familie Indschu, war zugleich Vorsteher eines geistlichen Ordens, weshalb seinem Namen der Titel Scheich vorgesetzt ist. Ihm entrissen die Mussafferiden die Herrschaft von Schiras. Dieses zu seinem Lobe verfasste Gedicht ist kein Ghasel, sondern eine Kasside, d.i. ein Zweckgedicht, von denen weiter unten noch ein Paar folgt und worunter auch dieses eigentlich gehört. Doch nicht nur der Commentator Sudi, sondern alle handschriftlichen Ausgaben des Diwans des Hafis weisen ihm sonderbarer Weise die Stelle an, die es hier einnimmt.

8 Ferkadan heissen die dem Pole nahen, am hellsten leuchtenden zwei Sterne des kleinen Bären.

9 D.i.: Der geliebte Sohn seines Vaters, des Fürsten Mahmud.

10 Der Planet Mercur heisst auf persisch Tir, d.i. Pfeil.

11 D.i. die Sonne.

12 Der Planet Mercur gilt auch für den redigierenden Schreiber in den Angelegenheiten des Himmels.

13 D.i.: Der Stern Areturus, der als berittene Kriegsmann, eine Lanze schwingend, abgebildet wird.

14 Der Witz dieser Stelle liegt darin, dass die Jacob's- oder Milchstrasse auf persisch Kiehkieschan, wörtlich übersetzt: Strohzieher, d.i. Strohherbeischaffer heisst.

15 Der Planet Jupiter (Muschteri), der Schutzherr der Scheiche und Gelehrten, die auch nur durch Mühen und Drangsale zum Ziele gelangen.

16 D.i. der Koran.

17 Die Ritzen des Zuckerrohres nämlich.

18 Sulfekar, der Name des berühmten Schwertes des Ali, das dieser von seinem Schwiegervater, dem Propheten, erhalten hatte.

 

zurück