Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Vincenz Ritter von Rosenzweig-Schwannau)


Aus: Buchstabe Mim

42.

Jahrelang folgt' ich dem Pfade
Zechender Gesellen hier,

Bis ich, auf's Fetwa1 der Weisheit,
Eingekerkert die Begier.

Nach Anca's entfernter Stätte
Ging ich nicht auf eig'nes Glück:

Mit des weisen König's Vogel
Legt' ich diese Bahn zurück.2

Sich enthalten, sich berauschen
Hängt nicht von uns Beiden ab:

Ich gehorchte dem Befehle
Den der ew'ge Fürst mir gab.

Durch die ew'ge Gnade hoff' ich
Einzugeh'n in's Paradies,

Wenn ich auch als Schenkenpförtner
Mich gar häufig brauchen liess.

Wenn ich alter Mann genossen
Joseph's theurer Gegenwart,

War's, weil ich im Trauerstübchen
So geduldig ausgeharrt.3

Schatz der Wünsche! Deinen Schatten
Wirf auf's Herz, das wunde, mir,

Denn dies Haus hab' ich verwüstet
In der Leidenschaft zu dir.

Schenkenlippen nicht zu küssen
Nahm ich mir gar reuig vor:

Nun zerbeiss' ich mir die Lippe
Weil ich Thoren lieh mein Ohr.

Suche nur bei Gegensätzen
Die Frfüllung; denn, fürwahr,

Sammlung des Gemüthes4 fand ich
Nur durch jenes wirre Haar.

Sitz' ich auf des Lieder-Diwan's
Ehrenplatz, was wundert's dich?

 Diente doch durch viele Jahre
Einem Herrn des Diwan's ich.5

Lass den ersten Strahl dich wecken,
Suchend, wie Hafis, das Heil:

Denn an Allem was ich wirkte
Hat das Glück des Coran's Theil.

Am gewölbten Himmelsaltar
Fühlet kein Hafis6 die Lust

Die ich, durch das Glück des Coran's,
Zu erwerben mir gewusst.
 

1 Fetwa heisst die Entscheidung des Mufti, obersten Priesters des Islams.

2 D.h. Ich ging nicht auf's Gerathewohl nach der stillen Wohnung des Geliebten, sondern Liebe und Verstand führten mich hin. - Anca, d.i. die Langhalsige, ist der fabelhafte Vogel, der in den unwirthbaren Gegenden des Berges Kaf lebt, und der Vogel des weisen Königes Salomon ist er Wiedehopf, der diesem Monarchen bei seinem Liebeshandel mit der Königin von Saba als kundiger Bote diente.

3 Wie der greise Patriarch Jakob, nach vielfach ausgestandener Trauer, seinen geliebten Sohn Joseph wieder erhielt, gleichsam zum Lohne der bewiesenen Geduld, so erhielt auch ich meinen dem Joseph an Schönheit gleichenden Geliebten wieder.

4 Die Sammlung des Gemüthes heisst so viel als: Ruhe, Glück.

5 Das Wort Diwan hat zwei Bedeutungen; es heisst nämlich eine Liedersammlung und eine Rathsversammlung, so dass der Ausdruck: ein Herr des Diwans sowohl einen Dichter, der eine Sammlung von Liedern schrieb, als einen Vorsteher einer Rathsversammlung bedeuten kann; daher es ungewiss bleibt, ob Hafis darunter irgend einen Dichter meint, den er sich zum Vorbilde genommen, oder seinen Gönner, den Grosswesir, Vorsteher der Rathsversammlung.

6 Hafis heisst derjenige, der den ganzen Koran auswendig weiss. - Dieses Distichon ist eine Variante des vorhergehenden.

 

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