Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Vincenz Ritter von Rosenzweig-Schwannau)


Aus: Buchstabe Mim

52.

Ein Fetwa des Wirth's besitz' ich,
Und ein Wort, ein altes, spricht:

»Dort nur ist der Wein verboten
Wo's an einem Freund gebricht.«

Ich zerreisse diesen Mantel,
Denn er hüllt nur Falschheit ein:

Umgang mit Nichtgleichgesinnten
Ist dem Geiste Höllenpein.1

Dass mit Hefe mich besprenge
Des Geliebten Lippenpaar,

Weile ich am Schenkenthore
Schon durch manches lange Jahr.

Weil mein alter Dienst Ihm etwa
Schon aus der Erinn'rung schwand,

So erinn're, Morgenlüftchen,
Ihn an's alte Freundschaftsband!

Sollte, selbst nach hundert Jahren,
Meinen Staub dein Duft umweh'n,

Würde mein Gebein, mein morsches,
Tanzend wieder aufersteh'n.

Hundert Hoffnungen mir gebend
Stahl mein Herz der Herzensdieb:

Doch gewiss hält sein Versprechen
Wem ein edler Sinn verblieb.

Ängstige dich nicht! o Knospe,
Schmachtest du in Banden auch,

Denn dir werden Hilfe bringen
Morgenluft und Abendhauch.

Sorge auf ganz ander'n Wegen
Für dein Wohlergeh'n, o Herz,

Denn des Arztes Mittel heilen
Nimmer des Verliebten Schmerz.

Strebe nach des Wissens Perle:
Trägst nach Jenseits sie mit dir:

 Doch mit Gold und Silber wurden
Andere betheiligt hier.

Unzerreissbar sind die Netze2
Wenn's an Gottes Huld gebricht,

Denn den steinbeworf'nen Satan3
Überwält'gen Menschen nicht.

Fehlt, Hafis, dir Gold und Silber,
Danke Gott für dein Geschick:

Rechtlichkeit und Sängergaben
Sind sie nicht das höchste Glück?
 

1 Die Nichtgleichgesinnten sind hier der Dichter und der Falschheit deckende Mantel.

2 Die Netze des bösen Feindes nämlich.

3 Satan heisst darum der Steinbeworfene, weil ihn die Engel auf Gottes Geheiss mit Steinen aus dem Paradiese trieben.

 

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