Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Vincenz Ritter von Rosenzweig-Schwannau)


Aus: Buchstabe Mim

59.

Ich liebe ein freundliches Antlitz
Und herzenanziehendes Haar;

Ein trunkenes Auge entzückt mich,
Auch Wein, ist er lauter und klar.

Du sagtest ich solle dir deuten
Das Räthsel vom ewigen Bund;1

Erst wenn ich zwei Becher geleeret,
Da thu' ich es willig dir kund.

Wer Liebe empfindet, der leiste
Auf Rettung aus Flammen Verzicht;

Hoch rag' ich empor wie die Kerze:
D'rum schrecke durch Feuer mich nicht!

Ein Mensch bin ich, stammend aus Eden;
Allein ich besuchte die Welt,

Wo Liebe zu mondgleichen Jungen
Zur Stunde gefangen mich hält.

Gewährt mir das Glück seine Hilfe,
Und ziehe beim Freunde ich ein,

So fegen die Locken der Huris
Das Lager vom Staube mir rein.

Schiras ist ein Fundort der Reize,
Für Lippenrubine ein Schacht:

Dies kränkt mich, den Edelsteinhändler,
Der leider schon Bankbruch gemacht;

Und weil mir manch' trunkenes Auge
Gar oft in der Stadt hier erschien,

So bin ich berauscht, wenn in Wahrheit
Ich jetzt auch kein Trinker mehr bin.

Es ist diese Stadt von sechs Seiten
Erfüllt mit der Schönen Gekos,

Und sämmtliche Sechs wollt' ich kaufen,
Wär' leider nicht Armuth mein Loos.

Hafis, mein Gemüth hat, wie Bräute,
Im Glanze zu zeigen sich Lust;

 Doch mangelt mir leider ein Spiegel:
D'rum fährt mir ein Ach aus der Brust.

Hafisen versetzt der Gedanke
An Thoren in flammende Gluth:

Wo weilet der Schenke? er giesse
Auf's Feuer mir kühlende Fluth!2
 

1 D.i. Vom Urvertrag, Ahdi elest. Siehe die 4. Anmerkung zum 15. Ghasel aus dem Buchstaben Mim.

[
4 Der Urvertrag, Ahdi elest, ist der Vertrage, den Gott mit den ersten Menschen schloss, indem er sie fragte: Bin ich nicht euer Herr? (Elestu birrebiküm), worauf sie mit: Ja (Beli) antworteten, und also sich verbindlich machten, Gott als ihren Herrn anzuerkennen.]

2 Dieses Distichon ist eine Variante des vorhergehenden.

 

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