Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Vincenz Ritter von Rosenzweig-Schwannau)


Aus: Buchstabe Nun

16.

In Moschushyacinthen hülle
Das zarte Blatt der Rose ein,

Das heisst: Verbirg die holde Wange,
Und mach' aus Welten Wüstenei'n!1

Lass Schweiss vom Angesichte träufeln,
Und mach' der Fluren weites Reich

Von Rosenwasser überfliessen,
Den Flaschen meiner Augen gleich!

Erschliesse freundlich die Narcisse
Die voll von Schlummer ist und Wein

Und schläf're der Narcisse Auge,
Das Eifersucht ermattet, ein!

Dem Leben eines Menschen ähnlich
Ist schnell die Rose auch verblüht:

D'rum gib, o Schenke, rasch im Kreise
Den Wein herum, der rosig glüht,

 Und labe dich am Veilchendufte,
Und greife nach des Liebling's Haar,

Und blicke auf der Tulpen Farbe,
Und Wein verlange immerdar!

Wirf auf das Angesicht des Glases
Das Auge, wie's das Bläschen thut,

Und schliess' vom Bläschen auf die Stützen,
Auf welchen dies Gebäude2 ruht;

Und weil die Liebenden zu morden
Zum Brauch dir und zur Sitte ward;

So leer' ein Gläschen mit den Feinden,3
Und tadle dann mich streng und hart!

Es fleht auf des Gebetes Wege
Hafis um des Genusses Glück:

Das Fleh'n der herzenskranken Männer,
O weise, Herr, es nicht zurück!
 

1 D.i. Bedecke das Rosenblatt deiner Wange mit den Moschushyacinthen deiner Locken und mache die Welt (aus Sehnsucht dich zu schauen) zur Wüstenei.

2 D.i. Das Weltgebäude, das so vergänglich ist wie ein Weinbläschen.

3 Damit du nämlich auch mich tödtest.

 

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