Mohammed Schemsed-din Hafis

(Übersetzung: Vincenz Ritter von Rosenzweig-Schwannau)


Aus: Buchstabe Nun

23.

Es ist mein Herz ein heil'ger Vogel
Der nistet auf dem Himmelsthron;

Des Körpers Käfich macht ihm bange
Und satt ist er der Erde schon;

Und fliegt dereinst der Seelenvogel
Aus diesem Staubgefäss1 empor,

So wählet er zum zweiten Male
Ein Plätzchen sich an jenem Thor;

Und fliegt empor der Herzensvogel,
So sitzt er auf dem Sidra2 auf:

D'rum wisse, uns'res Falken Stelle
Ist nur des Himmelsthrones Knauf.

Der Schatten ist's des höchsten Glückes
Der auf das Haupt der Erde fällt,

Wenn unser Vogel seinen Fittich
Ausspreitet über diese Welt;

 Er hat nur über'm Himmelsrade
In beiden Welten seinen Stand;

Sein Leib entstammt dem Geisterschachte,
Und seine Seele kennt kein Land.

Der Ort, wo unser Vogel glänzet,
Sind höh're Welten nur allein,

So wie ihm Kost und Trank nur bietet
Des Paradieses Rosenhain.

Hafis, du Wirrer, du der immer
Von Einheit nur gesprochen hat,

Durchstreiche mit der Einheit Rohre
Der Menschen und der Geister Blatt!3
 

1 D.i. Aus dieser Erde.

2 Sidra, der Paradiesesbaum.

3 D.h. O du verwirrter Hafis, der du immer die Alleinslehre gepredigt hast (nach welcher der Anbetende mit dem Angebeteten durch die höheren Mysterien der Liebe Gottes in Eins verschmilzt), lass den Gedanken an Menschen und Geister fahren, die dieser Verschmelzung mit Gott zuwider läuft. - Hafisens Commentator Sudi meint, dieses Ghasel sei apokryph, obwohl es sich in den meisten handschriftlichen Ausgaben unseres Dichters vorfinde.

 

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