Ida von Hahn-Hahn (1805-1880) - Liebesgedichte

Ida von Hahn-Hahn

 


Ida von Hahn-Hahn
(1805-1880)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:


 

Treue

Ach, was hilft es mir, zu sterben? -
Wenn auch, in der kühlen Gruft,
Staubgeborne Hüll' erwerben
Könnte Schlaf, nach dem sie ruft! -

Ach, was hilft's, wenn ich geschlossen,
Stumm und bleich, die Lippe wüßt',
Wenn mein Aug', sonst glanzumflossen,
Nicht mehr Liebesspiegel ist? -

Mag dem Körper Ruhe werden,
Meiner Seele wird sie nicht,
Denn solang du lebst auf Erden,
Nimmer ihre Fessel bricht.

Nicht der Mund, das Aug', die Locken,
Gaben sie in deine Hand;
Mögen Lebens Pulse stocken,
Sie bleibt fest dir zugewandt.

Und wo sel'ge Geister ziehen,
Von des Paradieses Thür,
Würde trauernd sie entfliehen, - -
Meine Seele bleibt bei dir.
(S. 291)
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"Wenn du wärst mein eigen."

Ach, wenn du wärst mein eigen,
Wie lieb sollt'st du mir sein,
Wie wollt' ich tief im Herzen
Nur hegen dich allein,
Und alle Wonn' und alles Glück
Mir schöpfen nur aus deinem Blick.

Ach, wenn du wärst mein eigen,
Wie wär' die Welt dann schön,
Es bliebe nichts zu wünschen,
Als stets – dich anzuseh'n;
Und, ganz versunken in mein Glück,
Erhielt' die Welt nicht einen Blick.

Ach, wenn du wärst mein eigen,
Wie würd' ich dann so gut;
Auf deine Hoheit stützte
Ich meinen schwachen Muth.
Mein höchster Lohn, mein höchstes Glück
Erglänzte mir in deinem Blick.

Ach, wenn du wärst mein eigen,
Wie schien' mir hold der Tod,
Er träfe uns zusammen; - -
Und, gleich dem Abendroth,
Wär' er der Schluß des Tags voll Glück,
Verzehrend süß, ein Liebesblick.

Ach, wenn du wärst mein eigen,
Bis einst mein Auge bricht,
So würd' ich droben sagen:
"Ich laß ihn ewig nicht!
Im Himmel selbst ohn' ihn kein Glück!"
Das ist mein Trost, mein Hoffnungsblick.
(S. 96-97)
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Erste und letzte Liebe

Als die Sonne deiner Jugend frühe
In des Todes Schattenarme sank, -
Als, vereinsamt, öden Daseins Mühe
Deines Lebens Lust und Kraft bezwang; -
Als das dunkle Heer von Gram und Schmerzen
Dich umfing mit langer, trüber Nacht, -
Da ist spät noch dem umflorten Herzen
Liebe, wie der Morgenstern, erwacht.

Bleich und ernst, von Wolken früh umzogen,
Glänzt er – kühn wie einst die Sonne – nicht,
Ziehet durch den Tag am Himmelsbogen
Kaum geahnt, still und ohne Licht.
Dich zu wärmen hat er keine Stralen,
Dich zu trösten hat er keinen Glanz,
Gleich der Sonn' mit Farb' und Feuer malen
Kann er nicht den hingewelkten Kranz.

Darum tritt er nimmer in die Schranken
Mit der Sonne, läßt ihr das Gebiet,
Aber ewig treu und ohne Wanken
Durch die Pforten deiner Nacht er zieht;
Schwebt als Abendstern dir leis' entgegen
In des Äthers weichem Dämmerschein,
Und, dein Führer auf den letzten Wegen,
Schlummerst du in seinem Lächeln ein.
(S. 255)
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Altes Mährchen

Als Kind schon hört' ich singen und sagen
Von einer alten Wundermähr,
Die sich aus fernen Nebeltagen,
Weit aus der Vorwelt stamme her.
Bald schmücke sie in Prachtgewänder
Der Dichtkunst zaub'risch sich heraus,
Bald flatt're sie durch Fabelländer
Und sei auch dort ganz wohl zu Haus;
Denn wenn man Alles recht ermißt,
Sie immerdar dieselbe ist.

Dann dacht' ich oft mit stillen Sorgen:
"Wird mir die Fabel werden klar?
Drin liegt noch andrer Sinn verborgen;
Als je in Gellert's Fabeln war."
Doch erst in stolzer Jugend Schimmer
Verstand ich diesen Kindheitstraum,
Seitdem verläßt sein Sinn mich nimmer,
Erfüllt der öden Seele Raum;
Und welches Bild ich auch erwählt,
Ein jedes nur von – Lieb' erzählt.

Von einem Vöglein hört ich singen,
Das sich, wohin kein Auge schaut,
Wohin die Späher niemals dringen,
Ins tiefste Herz ein Nest gebaut.
Dort singt's in süßen, milden Tönen
Ganz heimlich froh und traurig dann,
Kann nie sich von dem Nest entwöhnen,
Böt' man ihm auch ein schön'res an,
Und weit und breit ist es bekannt,
Und – Liebe wird sein Nam' genannt.

Dann hört' ich auch, ein Stern erstehe
Ganz plötzlich wie ein Meteor,
Das nimmer auf- noch untergehe,
Im ew'gen Lichte stral' empor,
Das alle Freuden hold verkläre,
Weit schöner als durch Sonnenschein,
Um selbst des tiefen Schmerzes Zähre
Zum reinen Spiegel sich zu weih'n;
Denn alles Weh und alle Lust
Bringt Liebe nur in Menschenbrust.

Von einer hohen Zauberblume
Ward mir die Sage auch einmal,
Erblühend in dem Heiligthume
Des Busens an dem Feuerstral,
Der, aus verwandter Seele dringend,
Die Knosp' erschließt zu Götterpracht
Und, sie in heil'ge Kränze schlingend,
Zur schönsten Himmelsblüte macht. -
Wenn sie auch hier in Staub zerfällt,
Die Liebe lebt in bess'rer Welt.

Und eine Leier, zart besaitet,
Voll nie geahnter Harmonie,
Wenn Meisterhand sie übergleitet -
So klingt noch andre Melodie; -
Sie ruhte still und tief verstecket,
Bis sie, berührt von einer Hand,
Zum neuen Leben auferwecket,
Noch nie der Töne Ende fand. -
Der Liebe Laut harmonisch klingt,
Und wenn er auch durch Leiden dringt.

Doch laßt ihn ruh'n, gönnt ihm den Schlummer,
Erweckt ihn nicht durch euer Wort,
Es spricht ein gar so tiefer Kummer
Aus seinem weichen Moll-Accord,
Den ihr in eurem frohen Leben,
In eurem Jubel nicht versteht,
Und darum wol mit Furcht und Beben
Von der zerbroch'nen Leier geht. -
Es rührt sie wieder jene Hand
Nur in der Liebe Vaterland.

So wurden höchste Erdenschönen,
Der Stern, die Blume licht und laut;
Indem wir sie zur Herrin krönen,
Wird unsre Liebe uns vertraut.
Sie überstralt mit reinen Flammen
Das Dasein bis zum stillen Grab,
Und sinkt auch dort das Herz zusammen,
Die Liebe sinkt nicht mit herab.
Die Gottheit ihr kein Ende mißt,
Weil alles Einz'ge ewig ist.
(S. 108-110)
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Lebensbilder

Auf am blauen Himmelsbogen
Kommt der stille Stern gezogen,
Wenn im West die Sonne sank.
Seit viel tausend langen Jahren
Zieht er in der Brüder Schaaren
Seinen ew'gen Weg entlang,
Hofft die Sonne zu erreichen; -
Sieht er sie in Nacht erbleichen,
Ist der erst' am Abendhimmel, -
Schaut mit heißem Sehnsuchtblick
Nach der Hohen stets zurück, -
Harrt am längsten im Gewimmel, -
Und entschwebet und entschwindet,
Eh' er seine Liebe findet.

Auf des See's smaragdnen Wogen
Kommt der schöne Schwan gezogen,
Herrscher dieser klaren Flut,
Die sich schmiegt um seine Glieder; -
Und er sehnet sich, durch Lieder
Auszusprechen Busens Glut,
Um von süßen Melodieen
Sanft gewiegt dahin zu ziehen.
Nicht erfüllt den Wunsch das Leben! -
Dann erst, wenn der Tod ihn ruft,
Sprenget der der Töne Gruft,
Daß im Klang er mög' entschweben;
Und er muß zur Heimalt schwinden,
Will er Ziel der Sehnsucht finden.

Wie die Schwäne, wie die Sterne,
Zieh' auch ich in weiter Ferne
Von des Daseins einz'gem Glück.
Mag auch Frühlingssonne prangen,
Meine Sonn' ist untergangen,
Seit er schwand aus meinem Blick! -
Und die armen, stillen Lieder
Bringen nimmer ihn mir wieder
Und die Klag' darf Niemand hören! -
Fest verschlossen in der Brust
Bleibt die schwermuthvolle Lust,
Und ich fühl' mit ew'gen Zähren:
Soll ich meine Liebe finden,
Muß ich erst im Tod entschwinden.
(S. 98-99)
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"Dein Bild allein."

"Dein Bild allein" hebt ewig unverloren
Sich aus des Busens Heiligthum empor,
Und gleich dem Phönix, den der Glanz geboren,
So geht es aus dem Flammenmeer hervor,
Wenn alle Schmerzen, welche mich durchdringen,
Vor seinem Nah'n in Harmonie verklingen.

"Dein Bild allein" ruht auf des Herzens Grunde
Wie eine Perl', zu der der Taucher drang;
Er senkt sich furchtlos zu des Meeres Schlunde,
Nicht Well' und Wogen hemmen seinen Gang,
Nicht schrecken ihn der wilden Flut Gefahren; -
Er sieht das Kleinod, und er will's bewahren.

"Dein Bild allein" den stillen Altar schmücket,
Auf dem die Flamme meiner Liebe glüht;
Der Pilger ist am Gnadenbild entzücket
Nicht mehr, als Wonn' in meinen Busen zieht,
Wenn ich die Blum', auf meinem Weg gefunden,
Zum Opferkranz für den Altar gebunden.

"Dein Bild allein" hält selbst in ihren Träumen
Unwandelbar die Seele liebend fest,
Und in der Traumwelt ungemeßnen Räumen
Ist's der Gedanke, der sie nie verläßt,
Der nächtlich auf dem Mondenstrale schwebet
Und bleichen Traum mit Tagesglanz belebet.

"Dein Bild allein" stralt mir in Zauberfarben,
Von zarter Hand der Liebe treu gemalt;
Wenn alle Gluten ringsumher erstarben,
Es trotzet der Zerstörung, der Gewalt;
Und was ich lieben soll, was mich erfreuen,
Es muß von ihm sich eine Ahnung leihen.

"Dein Bild allein", die immerblüh'nde Rose,
Inmitten Schnee's und Winterstürme Weh'n,
Ihm wird nicht eins der tragisch ernsten Loose:
Vergöttert, dann vergessen sich zu seh'n.
Es ist zu schön für das Vergessenwerden,
Und seines Gleichen such' ich nicht auf Erden.

"Dein Bild allein" läßt nicht in Worte fassen,
Nicht malen mit den ird'schen Farben sich;
Und ach, ich kann, ich kann es nimmer lassen;
Denn wenn ich's ließe, niemals ließ' es mich.
Nie war mir etwas treu, so ganz, so mein,
Als wie dein Bild, dein süßes Bild allein.
(S. 100-101)
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Sappho

Deine Leier ist verklungen,
Deine Sänge sind verhallt;
Um die Brust, die schmerzbezwungen
Bang nach Frieden hat gerungen,
Längst die stille Woge wallt.

Deines Geistes Blüten sanken
In den Zeitenstrom hinab,
Doch – woraus sie ohne Wanken
Leben und Begeistrung tranken, -
Liebe sinkt nicht mit ins Grab.

Segnend hauchte diesen Funken
Die Natur dir freundlich ein;
Wer aus solchem Kelch getrunken,
Nimmer wird er hingesunken
In das dumpfe Leben sein.

Zwar – dir waren Liebesflammen
Feindlich wie ein Blitz geweiht,
Und das Opfer sank zusammen; -
Aber aus der Asche stammen
Ruhm und die Unsterblichkeit.

Wo Begeistrung ihre Kronen
Drückt auf ein erwähltes Haupt,
Wo die Lorbeerkränze thronen,
Kann Genuß denn dorten wohnen? -
Wird an Glück da nur geglaubt? -

Wer der Götter Festgelage
Theilt und ihres Himmels Licht,
Gilt es ihm denn eine Klage,
Daß ihm für die Erdentage,
Ach, ein Hüttchen oft gebricht? -

Doch! wol giebt es schwere Stunden,
Wo die Größe nicht genügt,
Wo, von heißer Angst umwunden,
Matt die Seele ihren Wunden,
Ihrem Durst nach Glück erliegt.

Wem von Göttern nicht das Siegel
Höchster Hoheit aufgedrückt,
Irrt sich in der Wahrheit Spiegel,
Und zur Strafe sind die Flügel,
Weh! gebrochen und zerknickt.

Schöner Schwan! so nahmen Wogen
Kosend dich in ihren Schooß,
Und, von ihnen fortgezogen,
Bist du himmelan geflogen,
Bist verkläret, rein und groß.

Mag der Schmerz sich wild verbluten
In dem irdisch kurzen Traum,
Deiner Seele ew'ge Gluten
Heben hoch dich aus den Fluten. - -
Venus stieg aus Meeresschaum.
(S. 235-236)
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Der Funke der Liebe

Der Funke der Liebe, im Herzen geboren,
Geht nimmer Dem, der ihn empfunden, verloren,
Er glühet und brennt in die Ewigkeit fort;
Denn wäre dem Menschen die Kraft nicht gegeben,
Zu lieben bis hin ins unsterbliche Leben,
So gäb's wahre Liebe nicht hier und nicht dort.

Nicht wird er entzündet an rosigen Wangen,
Und nicht an dem Feuer des Jugendverlangen,
So flüchtigem Dienste ist er nicht geweiht.
Und selber die Freude auf schimmerndem Flügel,
Sie bringet ihm nicht der Unsterblichkeit Siegel. -
Der Funke der Liebe wohnt über der Zeit.

Und nicht kann er langsam mit Tagen veralten,
Auch nicht an dem Eise der Jahre erkalten,
Das andre so heiße Gefühle verwischt.
Es mögen auch glühende Thränen erzählen,
Daß still sie gebrochen die mildesten Seelen; -
Der Funke der Lieb' nicht in Thränen erlischt.

Die Asche der Theuren selbst kann ihn nicht decken;
Er weiß aus Zerstörung das Leben zu wecken,
Und Gräber und Staub hemmen nicht seinen Lauf.
Denn so wie der Phönix aus rein'genden Flammen, -
Bricht einstens das Erdengerüste zusammen, -
So schwingt er sich froh zur Unsterblichkeit auf.
(S. 60-61)
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Leben und Lieben

Die Blitze, sie zucken vom Himmel herab,
Die Stürme umtoben ein einsames Grab,
Und drunten im Grabe schläft friedlich und tief
Ein Herz, das das Leben zu Schmerzen berief.

Wol ward es getroffen von Angst und von Pein,
Doch nimmer gebrochen durch diese allein;
Das Glück, welches Andern der Lebensbaum trägt,
Es hat dieses Herz in das Grab hingelegt.

Und was nicht gelungen dem Haß und dem Neid,
Die Liebe hat früh es dem Tode geweiht.
Mit "Leben und Lieben" – dem Wonnegebet -
Hat es sich ein Grab und den Frieden erfleht.
(S. 72)
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Der Rose Traum

Die Rose liegt so stille
In Dorn und Laubes Hut,
Als ob in Schönheitsfülle
Sie selbstbewusst sich ruht.

Doch solch ein eitles Wähnen
Hegt meine Rose nicht; -
Nur tiefes, heißes Sehnen,
Das von der Zukunft spricht.

Ihr Ruhen ist nur Träumen,
Und ach! wie hold, wie süß! -
Wird Wirklichkeit nicht säumen
Zu thun, was Traum verhieß? -

Vom schönsten Himmel steigen
Sieht sie den Zephyr mild,
Zur Erd' herab sich neigen
Aufs liebliche Gefild.

Dann fühlet sie ihn leise
Auf Blumendüften nah'n,
Wie immer engre Kreise
Voll Liebe sie umfah'n.

Und seines Athems Fächeln
Ist Glück, das nichts ermisst. -
Nun dieses sel'ge Lächeln! -
Er hat sie wach geküsst. -

Ihr Traum zeigt nichts von Stürmen,
Von Winter und von Schnee,
Nicht wie sich Wolken thürmen,
Und nicht der Trennung Weh.

Nur Wonne ohne Gleichen
Fühlt sie in Zephyr's Arm,
Und wähnt: sie könn' nicht weichen
Dereinst dem Schmerz, dem Harm.

Ich will den Zauber brechen
Nicht durch ein hartes Wort.
Die Zukunft wird es sprechen, -
Nimmt Lebensfreude fort.

Nein, freue du dich immer
An diesem goldnen Schaum; -
Des reinsten Glückes Schimmer
Gleicht ganz der Rose Traum.
(S. 58-59)
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Abschied

Erlöschen werden bald die heil'gen Sterne,
Die meinem Dasein kurzen Glanz verlieh'n,
Dann muß ich wieder in die öde Ferne
Des Lebens mit gebrochnem Herzen zieh'n.

Dann steh' ich einsam auf des Glückes Trümmer,
Das wie ein Tempel jetzt zum Himmel steigt,
Und schön geschmückt, als wie mit Festtagsschimmer,
Die Sel'gen selbst zu mir hernieder neigt.

Dann ist des Herzens ewig reges Sehnen
Das Einz'ge, was mich noch am Staube hält;
Dann ruf' ich deinen Namen unter Thränen
Hinaus in meine leergewordne Welt.

Doch spricht man viel von Freud' und Wonn' hienieden,
Und Jugend sei des Glückes auch Gewähr. -
Zu deinen Füßen nur war mir die Welt beschieden,
Getrennt von dir ist Tod, ist Alles leer.

Sie war doch mein, die Welt! und alle Schmerzen
Und Klag' und Trauer wiegen es nicht auf,
Daß eine Liebe lebt in diesem Herzen,
Die weder wankt noch wechselt in dem Lauf.

Daß ein Gefühl in meiner Seele lebet,
Von Tausenden umsonst, umsonst erfleht,
Das jeglichen Gedanken treu umschwebet,
Und einst mit mir zur stillen Heimat geht.

O, daß ich diese Liebe hier gefunden,
Es überwindet doch der Trennung Graus,
Und söhnet mich in meinen schwersten Stunden
Noch schön mit dem verarmten Dasein aus.
(S. 37-38)
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Frühlings Erwachen

Es lächelt der Himmel
Im reinen Azur,
Der Blumen Gewimmel
Verzieret die Flur.

Der Vögel Gesänge
Durchschmettern den Wald,
Die Nachtigall Klänge
In Einsamkeit hallt.

Wohin man sich wendet,
Strömt Jubel und Licht,
Wird Freude gespendet
Und Trauer zunicht.

Wohin man sich wendet,
Der Frühling erwacht,
Der Tod ist beendet,
Und Tag folgt auf Nacht.

Es freut sich am Leben,
Wer jüngst noch geweint,
Ermunternd das Streben
Nach Glück ihm erscheint.

Es heben sich Herzen,
Die jüngst noch so schwer,
Vermindert sind Schmerzen,
Sie drücken nicht mehr.

Es lächeln die Augen,
Von Thränen noch naß,
Und Scherze umhauchen
Die Wange, noch blaß.

Aber trauernd schauet meine Seele
In die Lust der ganzen Welt hinein,
Welcher Freuden ich für Andre zähle -
Ich muß fern von jeder Freude sein.

Wie des Samums Weh'n zu einer Wüste
Auch den schönsten Blumengarten macht,
Wenn sein Hauch die zarten Blüten küsste: -
Also hat die Liebe mir gelacht.

Und wo sie sich einen Tempel fodert,
Ach, da stürzet jeglicher Altar;
Feuer, das mit ihr zum Himmel lodert,
Bringt das Wesen selbst als Opfer dar.

Es verzehret kleine Freudenblüten,
Macht zur Wüste auch das reichste Herz;
Ewig muß im stillen Busen hüten
Man des Leidens und – des Glückes Schmerz.

Glaubt ihr nicht an jenen Schmerz im Glücke,
Der prophetisch durch die Seele bebt? -
"Halte fest die flücht'gen Augenblicke,
Wie ein Luftgebild sind sie entschwebt!"

Der die Augen, welche Liebe stralten,
Plötzlich mit Gespenstern grausig schreckt,
Und die Stirn, wo Wonnen süß sich malten,
Mit der Trauer finsterm Schleier deckt!

Seht, vor ihm ist längst schon untergangen
Meiner Hoffnung heitrer Sonnenstral;
Mag er auch für alle Welten prangen,
Mir, ach mir erscheint er nicht Einmal.

Treu sind nur die Sterne mir geblieben,
Treu mit ihrem tröstend stillen Licht.
Glücklich kann ich nicht mehr sein, - doch lieben,
Lieben kann ich, bis das Auge bricht.
(S. 75-77)
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Guter Rath

Flüchtig sei die süße Liebe,
Und ihr meint, vom Wahn bethört,
Nur, wenn ewig sie euch bliebe,
Sei sie auch des Höchsten werth.

Blickt umher! in flücht'ger Schöne
Pranget Alles, was entzückt;
Hier der Nachtigallen Töne,
Dort die Flut, so reich geschmückt.

Flüchtig ist der Regenbogen,
Schnell entschwebt, ein traumhaft Bild,
Flüchtig sind des Stromes Wogen
Und die Frühlingslüfte mild;

Flüchtig froher Kindheit Spiele,
Wie der Jugend stolzer Sinn,
Flüchtig auch des Lebens Schwüle, - -
Ach! der Wechsel ist Gewinn.

Lasset drum vorüberwehen,
Was die äußern Sinne streift;
Für die Ewigkeit bestehen
Kann nur, was im Innern reift.

Wollt ihr, daß in eurem Herzen
Unvergänglich Liebe sei; -
Liebt zum Grabe, liebt mit Schmerzen,
Und sie bleibt euch ewig treu.
(S. 220-221)
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Geburtstagliedchen zum 7. Mai

Geist der Liebe, schaust du wieder
In der Sonne Frühlingspracht,
Auf die grüne Erde nieder,
Die im Blütenschmucke lacht.

Geist der Liebe, blickst du wieder
In mein einsam trauernd Herz,
Führst zurück ihm seine Lieder,
Zu betäuben seinen Schmerz.

Weckest du die alten Laute
Jener innern Stimme auf,
Meiner Seele still Vertraute,
Trotz des Lebens Wechsellauf.

Ja, sie sind mir treu geblieben,
Was ich auch entbehrt', verlor;
Träumen kann ich, dichten, lieben,
Zaubern aus dem Nichts hervor.

Mit dem Lenz erwacht das Leben
Frühlingsjung in meiner Brust;
Der Gesang ist mir gegeben
Zum Ersatz für jede Lust.

Wünschen darf ich nichts, noch hoffen,
Nichts nenn' ich auf Erden mein;
Keine Zukunft steht mir offen
Und zum Grab geh' ich allein.

Aber nimmer will ich klagen,
Daß ich nicht den Himmel fand;
Nur die Liebe kann mich tragen
In der Liebe Vaterland.

Darf ich doch im Herzen singen,
Was ganz still der Mund verschweigt,
Mich in Tönen aufwärts schwingen,
Wenn die Erde rauh sich zeigt;

Meines Herzens Sprache leihen
Allem, was das Auge schaut,
Es zu meinen Boten weihen
Und zu meiner Liebe Laut.

Geist der Liebe, allen Segen,
Himmelsfrieden, süße Ruh',
Was sonst lag auf meinen Wegen,
Trag' es meinem Freunde zu.
(S. 73-74)
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Der Verlust

Gieb mir meine Seele wieder,
Du, der sie gefesselt hält
Am gebrochenen Gefieder,
Einsam, still in deiner Welt.
Gieb mir die Gedanken wieder,
Die sich ewig zu dir wenden,
Ohn' zu ruhen, ohn' zu enden,
Immer wogend auf und nieder.

Alles ist mir untergangen,
Selbst die holde Poesie,
Die mich trostreich sonst umfangen
Und dem Schmerz die Thräne lieh.
Alles ist mir untergangen
Mit dem lieben, süßen Sterne,
Der nun zieht in weiter Ferne,
Und der einzig mein Verlangen.

Als ich hoffte, konnt' ich singen, -
Kann doch Ros' im Winter blüh'n,
Sonne durch die Scheiben dringen,
Ihr verkündend Sommers Glüh'n! -
Doch jetzt kann ich nimmer singen,
Hoffnung, Muth sind mir gebrochen,
Still ist meines Herzens Pochen
Und geknickt die kühnen Schwingen.
(S. 128)
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Liebeständelei

Hab' ich wirklich dich gerettet
Aus des wirren Lebens Reih'n,
Bist du ganz an mich gekettet,
Bist du endlich, endlich mein? -
Darf ich mich nun überlassen
Einer wonnereichen Zeit,
Müssen meine Träum' erblassen
Vor dem Glanz der Wirklichkeit? -

Darf ich's denken, darf ich's glauben,
Daß du nun mein eigen bist,
Nimmermehr mir wegzurauben
Durch die Welt und Menschenlist?
Daß in sel'gen Himmelshöhen
Engel unsers Glücks sich freu'n,
Und der Liebe Augen sehen
Nieder, um die Lieb' zu weih'n? -

Halt' mich fest an deinem Herzen -
Sieh, mir schwindelt vor dem Glück;
Standhaft trug' ich Leid und Schmerzen,
Und nun beb' ich bang zurück. -
Halt' mich fest an deinem Herzen,
Diesem heil'gen Friedensport,
Aller Lieb' und Wahrheit Kerzen
Leuchten, flammen mir von dort.

Wie des Himmels höchste Gnade
Stralt dein liebes Auge mir,
Müßt' ich sterben, flöge g'rade
Meine Seel' empor zu dir.
Und du gäbest neues Leben
Meinem Dasein, neues Licht;
Könnt' ich ganz in dich verschweben,
Fürcht' ich auch das Sterben nicht.

Sollt' ich bei den Geistern weilen? -
Nein! – Ich flög' zwar himmelwärts,
Wohin alle Geister eilen, -
Doch der Himmel ist dein Herz.
Und du nähmst mit ew'ger Milde
Deinen Flüchtling auf, gewiß!
Öffnetest ihm die Gefilde
Deines stillen Paradies'.

Thätest dann die goldne Pforte
Leise, leise wieder zu,
Und in diesem Ruheorte
Fänd' ich meine ew'ge Ruh'.
Wie das Bienchen einen Morgen
In dem Kelch der Tulpe liegt,
Schlief ich, ganz in dir verborgen,
Von und in dein Herz gewiegt.
(S. 111-112)
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Liebesliederchen

1.
Ich hätte nie gesungen,
Ich stände schweigend ganz,
Wär' nicht zu mir gedrungen
Dein Wunderwesen-Glanz.

Schwarz ruht und trüb der Spiegel
Der Fluten in der Nacht,
Bis wie auf Geisterflügel
Der Mond sich hebt und lacht.

Ein Silberschleier schwebet
Herab nun auf die Flut,
Und jede Welle bebet
Und zittert in der Glut.

2.
Jetzt brauch' ich andre Zeichen,
Als mir bisher genug;
Die Alltagsworte reichen
Nicht an der Seele Flug.

Ein König alter Zeiten,
Durch eines Rings Magie,
Wußt' Vogelsang zu deuten,
Dem er die Sprache lieh.

Mein Wissen reichet weiter,
Es überfliegt die Welt,
Weil Liebe, mein Begleiter,
Den Weltkreis trägt und hält.

3.
Seit mir dein Lächeln lohnet,
Fürcht' ich nicht Nacht, noch Tod;
Auf deiner Stirne wohnet
Ein ewig Morgenroth.

Aus deinem Auge sprühet
Ein Dasein, das nie bricht,
Und ach, dein Kuß erglühet
Wie Leben und wie Licht.

4.
O lieblich ist's, zu sagen,
In Bildern immer neu,
In trüb'n und guten Tagen,
Daß Lieb' die alte sei.

Aus Himmelssphären bringe
Ich jetzt der Geister Gruß,
Die Frühlingsblüten schlinge
Ich dir um Haupt und Fuß.

Und stillt kein Lied mein Sehnen,
Genüget nichts dem Sinn,
So sink' ich unter Thränen
Zu deinen Füßen hin.

5.
Ins Herze mein geschrieben,
Da steht ein Nam' allein,
So glänzend wie beim trüben
Gewölke Sternenschein.

Er steht in Flammenzeichen
Ganz göttlich einsam da,
Von Keinem zu erreichen,
Er tödtet, was ihm nah'.

Mich, mich allein belebet
Der Feuerstral so mild,
Und meiner Brust entschwebet
Im Liede dann dein Bild.

6.
Laß mich ewig vor dir knieen,
Ewig dir ins Auge schau'n;
Blumen können nur erblühen,
Wenn die Sonne stralt den Au'n.

Blumen können Duft nur spenden,
Wenn der Zephyr sie umspielt,
Mit den Flügeln, den behenden,
Ihre heißen Kelche kühlt.

Süße Blicke, gebt mir Frieden,
Daß mein Herz gleich Blumen ruht;
Und die Stürme, mir beschieden,
Bannt sie in der Lieder Glut.

7.
Du thöricht Herz, ich fasse
Mit beiden Händen dich,
Und werfe dich zu Boden
Und zürne sehr: "Nun brich!"

"Du zeigst, ein Zauberspiegel,
Nur ewiglich ein Bild,
Das ganz mir die Gedanken,
Die Seele ganz erfüllt."

Doch ach, was hat's gefruchtet? -
Es war ein arger Wahn!
Verhundertfacht nun lächelt
Das holde Bild mich an.
(S. 187-190)
_____

 

Traurige Liebe

Ich liebte dich mit Schmerzen,
Seit dich mein Aug' erschaut;
Mit Jubel und mit Scherzen
War nimmer ich vertraut.

Ich liebte dich mit Thränen,
So glühend und so bang;
Das Lächeln fand im Sehnen
Nach dir den Untergang.

Wol fleht' ich um den Segen
Des Himmels, - um das Glück,
Doch ach! von allen Wegen
Stieß es mich rauh zurück.

Jetzt lieb' ich meine Schmerzen
Mehr als des Glückes Pracht;
Sie sind die Bergmannskerzen
In tiefer Grubennacht.

Sie zeigen mir den einen,
Unschätzbaren Demant; -
Wie mag ich denn nur weinen,
Da deine Lieb' ich fand? –
(S. 219)
_____

 

In der Ferne

Im Gebirg' du, ich am Meere,
Nur vereint durch Sehnsuchtglut,
Fühlen wir des Schicksals Schwere,
Die als Trennung auf uns ruht.

Wie auch Wald und Wellen rauschen,
Harmonieenreich ist's nicht,
Sinn und Seele mag nur lauschen,
Wenn die liebste Stimme spricht.

Mag Gebirg' und Woge prangen,
Schön von Sonn' und Mond ummalt, -
Ach, der Blick wird nur gefangen,
Wenn ins Aug' das Auge stralt.

Wellen ruhen, Berge schimmern
Träum'risch, wie in stiller Lust,
Und der Hoffnung Sterne flimmern
Tröstung in die heiße Brust.
(S. 231)
_____

 

Vision

In stillen und heiligen Stunden,
Da sah' ich der Wunder gar viel!
Von himmlischen Blüten umwunden,
Stand froh ich am endlichen Ziel.

Die Arme der ewigen Liebe,
Sie öffneten segnend sich mir;
Der Erdenwelt träum'risch Getriebe,
Es löste in Ruhe sich hier.

Nie folgten auf Tage die Nächte,
Und nimmer auf Wonne der Schmerz;
Es kämpften nie feindliche Mächte
Um ein und das nämliche Herz.

Kein Aug' mußt' in Thränen sich hüllen,
In Dornen nicht greifen die Hand;
Kein Engel verbluten im Stillen,
Den drückend die Kette umwand.

Kein banges und ängstliches Streben
Erfüllt mit Verlangen die Brust;
Harmonische Saiten erbeben
Und klingen nur Friede und Lust.

Ein ununterbrochener Reigen
Umschlingt der Geschaffenen Sein,
Und unter den Palmengezweigen
Ruht Liebe und Treu' im Verein.

Es tönt nicht die bitterste Klage
Von Trennung den bebenden Hall;
Gelöset ist jegliche Frage,
Denn Alle besitzen das All. -

Doch ob ich in dämmernder Ferne
Geschauet dies sel'ge Gesicht,
Ob droben auf besserem Sterne,
Das weiß und das sage ich nicht.

Vom ewigen Morgenrothe
Umfloß mich der Glanz und das Glück;
Doch wie ein vergeßlicher Bote,
So bring' ich nur Wen'ges zurück.
(S. 205-206)
_____

 

Liebesliederchen

1. Der Liebe Erwachen

Ist es noch dieselbe Erde,
Die mein flücht'ger Fuß berührt,
Oder hat ein neues "Werde!"
Neue Wunder hier vollführt?

Stralte mir der alte Himmel
Schon mit diesem lichten Blau,
Und der Blumen bunt Gewimmel,
Schmückt' es stets so reich die Au'? -

Zogen mir der Stunden Kreise
Immer so im Flug dahin,
Und entfaltete sich leise
Längst ein Eden meinem Sinn? -

Nein, ich bin wie aufgewachet
Aus dem tiefen, langen Traum,
Und die Welt, die um mich lachet,
Wahrlich, ich erkenn' sie kaum.

Und seit wann dies neue Leben,
Das so wonnig mich durchdringt
Und mit nie gefühltem Beben,
Zitternd, fest das Herz umschlingt? -

Weiß ich, wer die Wunder spendet? -
Träumend, sinnend steh' ich da;
Doch ich glaub', es ward vollendet,
Als – ich Ihm ins Auge sah.


2. Der Liebe Malerei

Wieder hab' ich ihn geschauet,
Zu dem stets das Herz mich zieht,
Dem die Seele ganz vertrauet,
Dem der Fuß doch scheu entflieht.

Meine Augen aufzuschlagen,
Wenn in seiner Näh' ich bin,
Mag ich Arme nimmer wagen;
Doch – ein flücht'ger Blick reicht hin.

Denn wer einmal ihn gesehen,
Der vergißt ihn nimmermehr,
Und wohin ich möge gehen,
Schwebt sein Bild rund um mich her.

Seine Augen seh' ich immer
Mild und klar wie Sternenlicht,
Und ich denk', der Liebe Schimmer
Ist's, der himmlisch sie durchbricht.

Seiner schönen Stirne Stralen,
Wie Kristall so rein, so hell! -
Wollte man die Hoheit malen,
Schöpfe man an diesem Quell.

Wenn er geht, - der Seele Schwingen
Heben leicht und stolz den Gang;
Wenn er spricht, - die Worte klingen
Von des innern Wohllauts Klang.

Doch die süßen Lippen stören
Aus den Träumen mich heraus; -
Möcht' ein Wort von ihnen hören,
Und – sie sprechen's doch nicht aus.


3. Der Liebe Sehnsucht

Was ziehen die Wolken am Himmel dahin,
Entführen mir ferne den fröhlichen Sinn,
Verschweben in Sonnen-, in Sternenschein; -
Wie mag es so selig da droben sein!

Was rauschen die Wogen am Uferrand,
Bespülen liebend das blühende Land;
Der Himmel lächelt tief in sie hinein, -
Wie mag es so selig dort unten sein!

Was klopfet das Herz mir so bang in der Brust,
In süßem Schmerz und in zagender Lust;
Was fodert sein Auge die Seele mein, -
O könnt' ich denn selig auf Erden sein? –
(S. 89-91)
_____

 

Fischers Nachtlied

Jeden Abend hergezogen
Komm' ich, wenn die Sonne sinkt
In des Meeres grüne Wogen,
Weil ich meine: Liebchen winkt.

Schnell hat mich der Kahn getragen,
Und mein Netz ist voll und schwer;
Mühe scheu' ich nicht und Plagen,
Denn mein Liebchen freut sich sehr.

Ach, wie froh an diesem Strande
Harr' ich manche halbe Nacht,
Bis das Knistern in dem Sande
Mir verkündet: Liebchen wacht.

Kommst du nicht? – Kommst du denn nimmer,
Nimmermehr an dieses Herz? -
Nein! es sieht des Mondes Schimmer
Dort dein Grab, hier meinen Schmerz.

Sterne kommen, Sterne scheinen
Tröstend bis zum Morgenroth;
Ich muß jede Nacht durchweinen;
Süßes Liebchen, bist ja todt.
(S. 53)
_____

 

Lebenssonne

Kann das Aug' dich nicht erspähen,
Wird es um mich Nacht und trübe,
Nebel um die Stirne wehen,
Es versinkt der Stern der Liebe;
Meine Sonne ist verdürstet,
Meine Rosen sind verblüht,
Und der Wind im Laube flüstert
Dumpf und hohl ein Trauerlied.

Kann die Hand dich nicht erreichen,
So verschweben die Gestalten,
Farb' und Form von ihnen weichen,
Seelenlose Schatten walten,
Grau in Grau verschwimmt das Leben!
Ohn' die Stralen meines Lichts,
Die das Weltenall durchbeben,
Ist mir Alles, Alles – Nichts.

Doch wenn mir die Gluten starben,
Senke ich den Blick nach innen;
Dort erblüht in tausend Farben
All mein Denken, all mein Sinnen;
Was in äußrer Welt verloren,
Giebt die inn're mir zurück,
Gleich dem Phönix neu geboren,
Grüßt mich ewig neu das Glück.

Denn dein Wunderbild entschwindet
Nimmer aus der tiefsten Seele,
Wenn mein Auge es nicht findet,
Wacht es auf in Zauberhöhle,
Giebt der Phantasie die Pracht; - -
Und ein Traum von deinem Wesen,
Er verklärt die tiefste Nacht.
(S. 237-238)
_____


Dir

Meinst du, dich hätt' ich vergessen,
Weil mein Lied oft mächtig klingt,
Kühn im Raume ungemessen
Wie ein junger Aar sich schwingt? -

Meinst du, süße Liebeslieder
Wären jetzt wol ausgeglüht,
Tönten nicht im Herzen wieder, -
Frühling wäre abgeblüht? -

Laß mich singen, laß mich sagen
Alles, was den Busen füllt;
Wollen, träumen, jubeln, klagen,
Giebt des innern Wesens Bild.

Und wenn ich das Schöne singe,
Denk' ich nur an dich allein,
Wenn ich heitre Kränze schlinge,
Ist's, dein Auge zu erfreu'n.

Wenn ich auf zum Himmel fliege,
Grüß' ich dich in deiner Welt;
Feire ich der Wahrheit Siege,
Bist du dieser Siege Held.

In Vergessenheiten tauchen
Könnt' ich Leben, Sonnenlicht,
Aber dich, Licht meiner Augen,
Seele meines Lebens, nicht! –
(S. 276-277)
_____

 

Erstes Begegnen

Mir ist, als kennt' ich dich seit Jahren,
So heimisch fühl' ich mich bei dir,
Nie hab' ich solche Ruh' erfahren,
Wie du mir bringst; o bleibe hier!

Mir ist, als müßt' ich dir vertrauen
Mein Schifflein auf dem Lebensmeer,
Um fest auf deine Kraft zu bauen,
Wenn's meinem Ruder folgt nicht mehr.

Mir ist, als müsse ich dir klagen,
Was nimmer sonst mein Mund verräth;
Du bringst ja Glück, verscheuchst die Plagen,
Und schwieg' ich, - hätt's dein Aug' erspäht.

Mir ist's, als könnt' ich niemals lassen
Von diesem lieben, holden Blick;
Am Grabe würd' er mich erfassen,
Das Leben strömt aus ihm zurück.

Mir ist, als wär' ich ganz dein eigen,
Ein Theil von dir, vielleicht dein Traum,
Vielleicht dein Glück – die Worte schweigen! -
Ach, wohnt es auf der Erde Raum? –
(S. 125)
_____

 

Mein Ruheplatz

Nur zum Sterben, nicht zum frohen Leben,
Gönnet mir den Platz an seiner Brust; -
Und des Todeskampfes grauses Beben
Wandelt sich in süße Himmelslust.

Ewig zieht's mich heimatlich zum Herzen,
Wo das meine eigne Wärme fand;
Nimmer kann ich, nimmer es verschmerzen,
Daß uns nur ein Augenblick verband.

Denn der Augenblick gab meinem Wesen
Mehr der Wonn' als langer Jahre Zahl.
Leicht und selig fühlt' ich mich, genesen
Von der unbestimmten Sehnsucht Qual.

In des Lethe Wogen sank vergessen
Jedes Nachtstück meines Lebens hin,
Jede Freude schien mir ungemessen,
Jeder Tag der Ewigkeit Gewinn.

Goldne Wölkchen trugen sanft und leise
Mich dahin auf meinem Erdenpfad;
Gram und Sorge war der Pilgerreise,
Ach, auf tausend Meilen nicht genaht.

Wonnezeit, entschwandest du uns Beiden
Wie in Nebeln frühes Morgenroth? -
O, das Weltmeer hätt' uns müssen scheiden,
Oder nichts, gar nichts als nur der Tod.

Wozu leben, wenn das Wesen ferne,
Das die Seele meines Lebens ist;
Dem das Glück erscheint mit gleichem Sterne,
Dem die Lieb' mit gleicher Wage misst.

Wozu leben, wenn dahingeschwunden
Alle Hoffnung auf die bess're Zeit,
Auf die Wiederkehr der süßen Stunden,
Die sich, ach, fast niemals uns erneut.

Wozu leben, wenn der Tag von heute
Dem von morgen Thrän' auf Thräne bringt,
Wenn Erinn'rung giebt dem Schmerz Geleite,
Jeder Ton wie Abschiedklage klingt? -

Bringt hinaus die Blum', daß Frühlingsonne
Noch einmal die welkende erquickt;
Sie erblüht im Winter, euch zur Wonne, -
Ihre Kraft hat er mit Eis zerdrückt.

Jetzo kommen sie zu spät, die Stralen,
Welche sonst ihr Glanz und Schmuck verlieh'n;
Wenn sie lieblich auch die Blätter malen, -
Sie muß sinken, welken und verblüh'n.

Laßt mich sterben, wo ich nicht konnt' leben,
Hangend an dem heil'gen Angesicht;
Froh wird meine Seele dann entschweben,
Wenn mein Aug' in seinem Auge bricht.

Wenn sein Lächeln Seligkeit verkündet,
Welche sonst nur Engelmund verhieß,
Dann im Tod die freie Seele findet
Ihrer Liebe ew'ges Paradies.
(S. 63-65)
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Hymne

So weit um mich her die Blicke auch schweifen,
So viele der Bilder sie flüchtig ergreifen, - -
Schatten nur sind's, die vorüber mir streifen,
Schatten vom wahren, vom wirklichen Sein.
Denn in des Busens verschwiegener Stille
Waltet des Lebens, des schöneren, Fülle;
Umwebt bald von froher, bald trüberer Hülle,
Trag' ich im Herzen – dein Bild allein.

Kümmert denn mich nur das Treiben und Leben,
Mich, daß die Menschen erschaffen und streben,
In ihrem Wahn sich zum Höchsten erheben? -
Ach, es ist Alles so nichtig und klein! -
Ich seh' vergebens die Blumen erblühen,
Sonnen und Monde und Sterne hinziehen,
Ewig im wechselnden Tanze entfliehen, - -
Ich seh' auf Erden – dein Bild allein.

Alles, was je ich geliebt und verehret,
Was sich als Schönstes der Seele verkläret,
Wird von der ewigen Flamme verzehret, -
Einer ist edel, ist herrlich und rein.
Wohin die Wellen der Liebe auch schlagen,
Wohin die Flügel der Sehnsucht mich tragen,
Ich seh' durch Reihen von Nächten und Tagen
Immer und ewig – dein Bild allein.

Will sich die Seele zum Himmel aufschwingen,
Los von den Fesseln des Irdischen ringen,
Und in den Raum der Unendlichkeit dringen,
Hin zu den Quellen vom ewigen Sein; -
Himmel ist dort, wo sein Athemzug wehet,
Himmel, wo fern ihn mein Auge erspähet,
Himmel und Seligkeit, die nicht vergehet -
Mir ist der Himmel – dein Bild allein.

Möge die Zeit nun die Schwingen entfalten,
In ihrem eisernen, ruhigen Walten,
Stunden zu Tagen, zu Jahren gestalten,
Bringen der Freuden und Schmerzen Verein; -
Möge das Dasein sich nächtlich umtrüben: -
Mir ist doch ewige Wonne geblieben,
Trag' ich im Busen die Kraft, dich zu lieben,
Lebt mir im Herzen – dein Bild allein.
(S. 39-40)
_____

 

Der Zauberer

Von Zauberei will man nichts wissen,
Man ist jetzt klug und aufgeklärt;
Und doch wird der dran glauben müssen,
Den die Erfahrung hat bekehrt.

Ich weiß zum Beispiel viel zu sagen
Von einem mächt'gen Zauberer;
Ob's mehr gibt, muß man mich nicht fragen,
Für mich ist er nur da, nur er!

Und ist er da, so scheint verschwunden
Das Weltenall vor meinem Blick,
Im Spiegel, den ich dann gefunden,
Strahlt nur sein Wesen mir zurück.

Die Blume, welche er gebrochen,
Wie ist sie lieblich anzuseh'n;
Wie klingt das Lied, von ihm gesprochen,
Gleich Zaubersang dem Ohre schön.

Berühret seine Hand die Saiten,
Melodisch tönen sie allein. -
Er muß den heitern Scherz mir deuten,
Soll er auch wirklich heiter sein.

Sein Auge find' ich stets am Himmel,
Und seinen Blick im Sternenheer;
Sein Lächeln lichtet das Gewimmel
Gleichgült'ger Menschen um mich her.

Die Lüfte wehen reiner, freier,
Tut seine Nähe sich mir kund;
Nie lieb ich alles Schöne treuer,
Als wenn vom Schönen spricht sein Mund.

Das Schönste, was ich sah, war wieder
Nur die Erinnerung an ihn,
Sowie im Nachhall süße Lieder
Leis' über Echo's Lippen zieh'n.

Er ist des lauten Tags Gefährte,
Er ist der Nächte holder Traum;
Im Herzen, das er ganz verklärte,
Hat gar nichts außer ihm noch Raum.

Wohin ich wende die Gedanken,
Erscheint mir überall sein Bild;
Die ganze Welt ist ohne Wanken
Und Wechsel nur von ihm erfüllt.

Und das, o liebe kluge Leute,
Das wäre keine Zauberei? -
Was wär' es denn? - Man dicht' und deute
So viel man will - es bleibt dabei!

Ob Spruch und Stab dabei im Spiele,
Das weiß ich nicht. - Sucht nur umher,
Vielleicht gelanget ihr zum Ziele. -
Ich weiß, er zaubert, ach, nur er! –
(S. 78-79)
_____

 

Trostlosigkeit

Warum weckt ihr, rauhe Lüfte,
Mich aus meinem Grab, so tief? -
Meine Liebe ist mir ferne -
O, wie ich so selig schlief!

Warum weckt mich Morgensonne
Aus des Traumes stiller Nacht? -
Weiß sie nicht: von Ihm zu träumen,
Holder ist's, als wenn sie lacht.

Warum wecken Blum' und Sterne
Glüh'nde Sehnsucht in mir auf,
Warum nehmen Flut und Wolken
Ewig meiner Liebe Lauf? -

Warum singen Nachtigallen
Mit dem süßen Klagelaut
Alle Schmerzen meines Busens,
Die ich keinem Ohr vertraut?

Ein Gedächtniß seiner Schöne
Ist für mich nur die Natur,
Und worauf der Blick auf falle,
Sieht er seines Wesens Spur.

Ewig wandelt mir zur Seite
Trauernd die Erinn'rung mit;
Wie ich Aug' und Sinn auch wende,
Sie nur leitet jeden Schritt.

Nun denn Liebe, heil'ge Liebe,
Dir geweiht sei mein Altar,
Und dies Herz, das du verzehrest,
Bringt sich selbst als Opfer dar.
(S. 43-44)
_____

 

Augen und Sterne

Was die Dichter euch erzählen,
Sterne dort am Himmelszelt,
Daß sie euch zum Sinnbild wählen, -
Gilt's den Sternen dieser Welt, -

Das, ihr armen, schönen Lichter,
Haltet nur für Wahrheit nicht;
Denn es ist ja nur der Dichter,
Der so schmeichelnd zu euch spricht.

Wählen würde ich euch nimmer
Zum Vergleich mit Augenstral;
Diese Glut und – Sternenschimmer!
Giebt's da wirklich eine Wahl? -

Kalte Sterne, könnt ihr weinen? -
Zog der Thräne Silberflor
Über euren Glanz, den reinen,
Mildernd je den Schleier vor? -

Könnt ihr lächeln, arme Sterne? -
Wißt, wenn mir sein Auge lacht,
Blick' ich nicht in Himmelsferne,
Und ihr selbst versinkt in Nacht.

Ihr müßt kommen, glänzen, gehen
Ohne Seele immerdar;
Kalt den Schmerz am Grabe sehen,
Kalt die Braut am Traualtar.

Für mein Herz könnt ihr nicht taugen,
Die ihr nichts mir gebt als Schein; -
Aber wollt ihr, süße Augen,
Meines Lebens Sterne sein?
(S. 106-107)
_____

 

Einsamkeit des Herzens

Was die Hand auch mag ergreifen,
Wohin meine Blicke streifen,
Einsam steh' ich und allein.
Gleich dem Alcyon fortgezogen
Von des Meers bewegten Wogen,
Find' ich nie die Heimat mein.

In der Menschen Lustgewühle,
Bei dem Tanz, beim frohen Spiele,
Muß ich ewig einsam steh'n;
Denn im lauten Glanz der Tage
Können sie nicht meine Sprache
Und mein Wollen nicht versteh'n.

Die Natur in ihrer Stille
Faßt nicht eines Herzens Fülle,
Das voll Sehnsucht zu ihr spricht.
Blumen blühen, Sterne scheinen; -
Wie die Menschen lächeln, weinen, -
Wissen Blum' und Sterne nicht.

Daß der Leier Saiten klingen,
Daß sich Lieder ihr entschwingen,
Nimmer mir den Sinn verklärt.
Denn sie sind im Schmerz gesungen,
Wie der Pelikan die Jungen
Mit dem eignen Herzblut nährt.

Großer Geister Hochgedanken
Heben über Raumes Schranken,
Sind uns ewig lieb und nah'.
Aber in den hehren Kreisen
Stehe zitternd zwischen Weisen
Ich mit meiner Thorheit da.

Wohin flüchten? – Was beginnen? -
Ach, umsonst wär' all' mein Sinnen,
Tönte nicht dein süßes Wort.
Deiner Liebe reiche Fluten
Löschen meiner Sehnsucht Gluten,
Tragen friedlich mich zum Port.
(S. 210-211)
_____

 

Keine Fragen!

Was dringet ihr mit Fragen
Neugierig auf mich ein? -
Ich weiß euch nichts zu sagen,
Mein ist's Geheimniß, mein!

Was soll ich euch erzählen
Von meiner süßen Lieb';
Der Aufschluß wird euch fehlen,
Mir selbst er ferne blieb.

Zwar kann ich euch verkünden,
Mein Lieben war wol schön,
Wie's selten ist zu finden, - -
Doch fragt mich nur nicht – wen? -

Mein Herz war schnell verloren;
Ich ging im Traum herum,
War dann wie neugeboren - -
Doch fragt mich nicht – warum? -

Mit ew'ger Wonne blickte
Ich ihm ins Auge froh,
Sein Dasein mich entzückte - -
Doch fragt mich nur nicht – wo? -

Die goldnen Stunden flogen
Zu flüchtig uns dahin;
Auch er ist fortgezogen - -
Doch fragt mich nicht – wohin? -

Ich meinte, überstehen
Würd' ich die Trennung nie,
Und doch, doch ist's geschehen - -
Doch nimmer fragt mich – wie?!
(S. 118-119)
_____

 

Liebeswünsche

Wenn ich ein Vöglein wär', flög' ich zu dir,
Sänge dir Lieder, blieb' einsam nicht hier.

Wenn ich ein Blümlein wär', wollt' ich dir blühen,
Wollt' deine Blicke stets hin auf mich ziehen.

Wenn ich ein Lüftchen wär', würd' ich dich kühlen,
Fröhlich um Locken und Stirne dir spielen.

Wenn ich ein Bächlein wär', wollt' ich dir rauschen,
Wie auf ein Märchen sollt'st du auf mich lauschen.

Wenn ich ein Stern wär', dir ewig zu scheinen,
Sicher dann solltest du nimmermehr weinen.

Wenn ich der Schlaf wär', käm' leis' ich hernieder,
Fächelte Ruh' dir mit weichem Gefieder.

Wenn ich der Traum wär', so brächt' ich dir Grüße
Fern von der Lieben und Blumen und Küsse.

Wenn ich die Sehnsucht wär', zög' in dein' Sinn,
Wenn ich die Liebe wär', blieb' ich darin.
(S. 62)
_____
 

Mein Wunsch

Wie arm, mein Herz, und ach! wie arm, mein Leben,
Seid ihr doch von der Wiege bis zum Grab;
Ich habe nichts dem einz'gen Freund zu geben,
Der mir sein Herz, das große, reiche, gab.

Wol wahr! ich strebte nicht nach diesem Lohne,
Ich suchte nicht danach, als ich ihn fand;
Gleich einer Fürstin nahm ich meine Krone,
Und ich verdient' sie, weil er sie mir wand.

Zwar weilt mein Fuß in Nebeln dieser Erden,
Allein mein Haupt umfließt der Krone Schein;
Und Wonnen, die uns durch die Liebe werden,
Sie zogen all' in meinen Busen ein.

Das dank' ich ihm! – Und was konnt' ich ihm bieten
Für dieses Demants ungemess'nen Schatz? -
O still, mein Herz, es giebt nichts zu vergüten,
Nur Liebe ist der reichen Lieb' Ersatz.

Und doch fühl' ich bisweilen solch Verlangen,
Die Welt zu werfen hin vor seinen Fuß;
Blieb' auch sein Auge nimmer daran hangen,
Ein flücht'ger Blick' genügt' als schönster Gruß.

Umsonst such' ich nach Worten und nach Tönen,
Die wiedergeben, was im Busen glüht;
Sie bleiben fern vom Sonnenthron des Schönen,
Ein bleicher Schatten ist mein wärmstes Lied.

Ja, wär' ich Meisterin der Melodieen,
Dann strömte mir des Wohllauts Quell herab,
Dann sollten prächtig meine Lieder blühen
Als Rosenkranz um seinen Pilgerstab.
(S. 83-84)
_____

 

Goldnes Loos

Wie magst du denn klagen,
Was trübt deinen Blick,
Als hielten nur Plagen
Umhüllt dein Geschick? -

"Die Jugend entflohen,
Die Tage dahin,
Entfremdet den Frohen
Der düstere Sinn;

Der Frühling entschwunden,
Der Himmel erbleicht,
Durch bittere Stunden
Der Frohsinn verscheucht;

Die Sonne ermattet,
Die Flammen verglüht,
Und Gräber, umschattet,
Von Blumen, - verblüht! –"

Das klinget wol trübe
Ein graus'ger Verein!
Doch ist denn die Liebe,
Die Liebe nicht dein? -

Laß Jugend entfliehen,
Den Frühling mit ihr,
Die Freuden hinziehen, - -
Sie bleibet bei dir.

Und willst du sie meiden,
Verstoßen wol gar;
Still weiß sie zu leiden,
Bleibt treu immerdar.

Bereit, stets zu theilen,
Sei's Jubel, sei's Schmerz, -
Am Busen zu weilen,
Und wär' er von Erz; -

Von ferne zu stehen,
Wenn Tröstung gebricht,
Demüthig zu flehen:
O zürne drum nicht; -

Der Thränen nicht achten,
Dem Harm nicht entflieh'n,
Nur ewig zu trachten,
Dich ihm zu entzieh'n, -

Und jubelnd zu Füßen
Dir sinken voll Lust,
Wenn liebend du schließen
Sie willst an die Brust -

Sich weih'n dem Verderben,
Am Kreuze zu ruh'n,
Zu lächeln im Sterben - -
Kann Liebe nur thun!

Zersplittre dein Leben
Nicht hier und nicht dort;
Was einst sie gegeben,
Giebt ewig sie fort.

Im Himmel, auf Erden,
Gering oder groß,
Mußt selig du werden,
Ist Liebe dein Loos.
(S. 239-241)
_____

 

Nachtlied

Zur Ruhe ist gegangen
Der Menschen Treiben, Thun;
Sie finden ihr Verlangen, -
Nur mein Herz kann nicht ruh'n.

Jetzt erst wird Alles stille,
Die Nacht zieht groß einher,
Mit ihres Friedens Fülle; -
Schlaf, Herz, was willst du mehr.

Zu dir kommt auch der Frieden,
Wenn gleich der Busen schwer;
Er naht sich gern den Müden, -
Schlaf, Herz, was willst du mehr.

Denkst du vergangner Zeiten? -
O, sie sind dir Gewähr,
Daß sie auf schön're deuten. -
Schlaf, Herz, was willst du mehr.

Denkst du des fernen Lieben? -
Dein Freund liebt dich so sehr;
Dein Schmerz würd' ihn betrüben. -
Schlaf, Herz, was willst du mehr.
(S. 57)
_____
 


Alle Gedichte aus: Gedichte von Ida Gräfin Hahn-Hahn
Leipzig F. A. Brockhaus 1835


 

 


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