Heilige Liebesspur

Worte von Heiligen, Mystikern und anderen Hellhörigen
(vom 11. Mai 2010)

(c) Günter Havlena - Pixelio.de




Thomas von Kempen
(1380-1471)




Es ist etwas Großes um die Liebe


Es ist etwas Großes um die Liebe; sie ist in Wahrheit ein großes Gut. Sie allein macht jede Last leicht und erträgt alles Ungleiche mit gleichem Muthe. Sie trägt Lasten, ohne sie zu fühlen, und macht alles Bittere süß und schmackhaft. Die Liebe zu Jesu ist edel; sie treibt zu großen Thaten und weckt die Begierde, immer vollkommener zu handeln. Die Liebe strebt aufwärts, und läßt sich durch niedere Dinge nicht fesseln. Die Liebe will frei seyn und entfernt von allem Weltsinn, damit ihr innerer Blick nicht getrübt werde, kein zeitlicher Vortheil ihr Fallstricke lege und kein Nachtheil sie niederbeuge. Nichts ist süßer, als die Liebe, nichts stärker, nichts höher, nichts ausgebreiteter, als die Liebe, nichts vollkommener. Im Himmel und auf Erden ist nichts besser als sie, denn die Liebe ist aus Gott geboren, und sie kann in keinem erschaffenen Wesen, sie kann nur in Gott Ruhe finden.
Wer liebt, der siegt, läuft und ist voll Freuden; er ist frei und kennt keine Fesseln. Er gibt Alles für Alles und hat Alles in Allem, er ruht, über Alles erhoben, in dem Einen Höchsten, aus dem alles Gute hervorquillt. Er sieht nicht auf die Gaben, sondern wendet sich hinaus über alle Gaben zu dem Geber. Die Liebe kennt oft kein Maß, sondern flammet oft empor über alles Maß. Die Liebe fühlet keine Last, sie scheuet keine Arbeit und will mehr thun, als sie vermag; sie klagt über keine Unmöglichkeit, denn sie glaubt, sie könne Alles und dürfe Alles. Sie ist darum zu Allem tüchtig, vollführt Vieles und bringt so Manches zu Stande, was derjenige, der nicht liebt, ohnmächtig liegen läßt.
Die Liebe wacht, und schläft auch im Schlafe nicht. Keine Mühe ermüdet sie, die Klemme beklemmt sie nicht, der Schrecken erschreckt sie nicht, sondern gleicht einer lebendigen Flamme und einer brennenden Fackel bricht sie in die Höhe aus und dringt sicher durch. Wer liebt, der weiß, was dieß Wort sagen will. Die glühende Empfindung der Seele, die da ruft: "Mein Gott, du meine Liebe! du ganz mein und ich ganz dein", ist eine mächtige Stimme für das Ohr der Gottheit.

 

 

Text aus: Stimmen aus dem Heiligthum der christlichen
Mystik und Theosophie. Für Freunde des inneren Lebens
und der tiefern Erkenntniß der göttlichen Dinge
gesammelt und herausgegeben von
Dr. Julius Hamberger [1801-1885]
Erster Theil Stuttgart 1857 (S. 138-139)

 

Bild: (c) Günter Havlena - Pixelio.de





 

 


 

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