Wenn je ein Schönes mir zu bilden glückte . . .

Kurze Liebesgedichte deutscher Dichter und Dichterinnen

 



Julius Hammer
(1810-1862)



Geliebte, deiner Schönheit Brief
Hat Gott geschrieben inhalttief;
Sollt' ich nun nicht mich sehnen müssen,
Voll Inbrunst Gottes Hand zu küssen?
(S. 9)
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Es fliegt, ein loser Schmetterling,
Um deiner Schönheit Licht
Mein liebekühnes Herz und scheut
Den Tod in Flammen nicht.

Und müßt' es in der Glut vergehn, -
Wer in der Schönheit stirbt,
Er stirbt nur, daß er ihr gehört
Und Leben sich erwirbt.
(S. 12)
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Wind, führet dich dein Lauf
Zu meiner Liebsten Locken,
O, wühle sie nicht auf,
Zerstreu' sie nicht in Flocken!

Du könntest, was dein Scherz
Entführt, ihr nicht ersetzen;
Denn drinnen ist mein Herz
Mit seiner Liebe Schätzen.
(S. 17)
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Du Reicher, der mich Bettler schilt,
Du kennst nicht meinen Werth!
Weißt du, was meine Seele gilt,
Der vollstes Glück beschert?

Und wäre dein auch eine Welt,
Doch würd' ich reicher sein:
Mehr ist mir als die ganze Welt
Die Heißgeliebte mein!
(S. 22)
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Ich bin verwandelt um und um,
So eigen ist mir zu Sinn,
Daß ich mich frag': Ist auf einmal
All' deine Weisheit hin? -

Mein ist das Herz, die Locke dein,
In der es gefangen sich;
Sie fesselt eines Thoren Herz,
Ach, und der Thor bin ich!
(S. 23)
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Da du mir das Herz genommen,
Nimm nun auch der Seele Leben;
Denn was soll mir dieses frommen,
Seit ich jenes hingegeben?

Oder gib mein Herz zurücke,
Gib es mir zurück mit deinem,
Und zu tausendfachem Glücke
Leben beide wir in einem.
(S. 38)
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O du mein liebstes Traumgebild,
Die blasse Furcht ist nicht in dir:
Geschirmt von deiner Schönheit Schild,
Kommst du in finstrer Nacht zu mir!

O du mein liebstes Traumgesicht,
Du bringst mir Leben, Licht und Lust,
Und nimmt dich mir das Morgenlicht,
Wird's finstre Nacht mir in der Brust.
(S. 40)
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Wie schnellen Wandel doch erdulden muß
Mein armes Herz, das nimmer ruht!
Zur Rose wird's durch deiner Blicke Gruß,
Von dir getrennt ist's Feuerglut.
(S. 47)
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Seicht nur, dacht' ich in meinem Wahn,
Ist der Liebe Ocean -
Und so stürzt' ich mich hinein.
Weh' mir, Wog' auf Woge thürmend,
Bricht die wilde Flut umstürmend
Ueber meinem Scheitel ein!
(S. 58)
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Aus: Unter dem Halbmond
Ein osmanisches Liederbuch
von Julius Hammer
Leipzig F. A. Brockhaus 1860



 

 


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