Liebeslyrik - Miniaturen

Gedichte und Gedicht-Zitate (Stichwort: Sehnsucht)
 


Franz Marc (1880-1916)
Liebespaar


 



Stichwort: Sehnsucht

16./17. Jh.      18. Jh.      19/20. Jh.

 

16./17. Jh.

 

  • Anonyme Barockdichter

    Die verliebte
    sehnsucht

    So kan ich länger doch nicht schweigen /
    Mein herze nimmt die
    sehnsucht ein /
    Es wil sich fast zum tode neigen /
    Und länger nicht mehr meine seyn /
    Es sucht bey dir / mein kind / sein halb verlohrnes leben /
    Ach! warum wiltu es ihm doch nicht wieder geben.

    Man soll ja seinem nechsten dienen
    In allem was geschehen kan;
    Und ziehen gleich die klugen bienen
    Den honig von den rosen an /
    So muß der rose doch geruch und schönheit bleiben;
    Der ruhm besteht auff dem / was andre leute gläuben.

    Da wird / was öffters voller Flecken /
    Für rein und schöne doch geschätzt /
    Und welche in der hoheit stecken /
    Die werden unten angesetzt /
    Was weiß der pövel denn / ob ich bey dir gewesen /
    Weil man das ding ja nicht kan aus der stirne lesen.

    Sucht ihm ein storch zu seinen zeiten
    Für schnee und kälte doch ein loch;
    So kanstu mir nicht übel deuten /
    Ich suchte vor und suche noch /
    Drumb laß mich / liebstes kind / nur endlich bey dir finden /
    Die höle / die mein herz vom froste kan entbinden.

    Und fürchstu etwann schaden /
    Das früchte könten draus entstehn /
    Damit dein schöner leib beladen /
    Alsdenn zu winckel müste gehn /
    So wird die schnöde furcht durch dieses leicht verschwinden:
    Wer vor dem dorffe schiest kan keine scheun' anzünden.
    _____


    Er ist unglücklich in der
    Sehnsucht

    Das ist recht des todes quälen /
    Und die bittre sterbens-angst:
    Wenn du wünscht von ganzer seelen /
    Und doch nicht den wunsch erlangst /
    Wenn dein treues herz begehret /
    Das / woran dein leben hängt /
    Und dir dieses wird verwehret /
    So wird geist und seel bedrängt.

    Keiner liegt in diesem spittel /
    Kräncker nieder als wie ich /
    Eines wohlgeplagten tittel /
    Zieret keinen so wie mich;
    Seit mir feuer in den beinen /
    Und im herzen liebe wohnt /
    Ist mit kummer pein und weinen /
    Meine treue abgelohnt.

    Zwar ich darffs nicht eckel nennen /
    Daß ich eine hab gewolt /
    Der mein keusches opffer brennen /
    Und mein weyrauch steigen solt;
    Treue ists / daß ich die strenge /
    Durch verachtung nicht verlacht /
    Und mein herz bey grosser menge
    Habe besser angebracht.

    Meine seuffzer / und verlangen
    Finden stets ein taubes ohr /
    Meine tod-farb-nasse wangen
    Kommen blöden augen vor /
    Und die wehmuth / die mich plaget /
    Die durch alle blicke bricht /
    Wird nur nicht einmal beklaget /
    Nein / man achtet sie gar nicht.

    Offt verbiet ich meinem herzen
    Daß es mehr verliebt soll seyn;
    Offt verbeiß ich meine schmerzen
    Und laß keine regung ein;
    Aber schwachheit! wenn ich dencke /
    Wie ein mensch der Gottheit gleicht /
    Ists / als wenn in all gelencke /
    Mir die liebe wiederkreucht.

    Dieses tröstet mich am meisten /
    Daß noch hoffnung bey mir grünt /
    Und mein fleiß will dienste leisten /
    Ob er gleich umbsonst offt dient;
    Tropffen höhlen doch die steine
    Ob es gleich was lange währt;
    Und nach vieler folter peine /
    Wird die treue doch verehrt.

    Malmt den Demant gleich kein hammer /
    So zergeht er doch im blutt;
    Hievon treibt mein langer jammer
    Aus den augen eine flut /
    Diese wird das stein-gemütte
    Meiner schönen weichen ein /
    Und ihr kalt gesinnt geblütte
    Lassen für mich wärmer seyn.
    _____

    So glaubstu / Doris / denn / daß dich ein kuß verletzt /
    Den ein erhitzter mund auff deine lippen setzt?
    Die rosen welcken zwar / wenn man sie offt berührt /
    Doch deine werden erst dadurch noch mehr geziert.

    Du weist's / dein auge hat in mir den zug erweckt /
    Du hast in meiner brust das feuer angesteckt /
    Itzt aber / da die glut mit lichten flammen spielt /
    So wegerstu den trost / der diese
    sehnsucht kühlt.
    _____

     

  • Christian Hölmann (1677-1744)

    An *** Schmiedin

    Ich bin des langen hoffens müde /
    Und meine
    sehnsucht foltert mich /
    Drum geh ich vor die rechte schmiede /
    (So nenn ich / schönste ** dich /)
    Und suche da / wo nicht mein glücke /
    Jedoch mein wiedriges geschicke.

    Ich bin der funcken zwar gewohnet /
    Doch wenn ich lange warten muß /
    Eh man die treue mir belohnet /
    So spür ich endlich den verdruß /
    Der heist mich allen liebes-sachen
    Den abschieds-reverenz zu machen.
    _____

     

18. Jh.

 

  • Charlotte von Ahlefeld (1781-1849)

    Als mir, von goldner Freiheit noch umfangen,
    Des Daseyns Fülle blühend sich erschloß,
    Da war's ein dunkles, heiliges Verlangen,
    Das über mich der
    Sehnsucht Flammen goß.
    _____

    Du blickst so lächelnd auf mich nieder,
    Du heller, lieber Abendstern,
    Als hörtest Du die leisen Lieder
    Der ahnungsvollen Schwermuth gern.

    Wenn alles schläft, erweckt die Feier
    Der stillen Nacht wie Melodie
    Der
    Sehnsucht Klage, und ihr Schleier
    Verräth die heißen Thränen nie.

    Dann strahlst Du, holder Himmelsfunken,
    Mir Trost in's kranke Herz herab,
    Und es ersteht mir, wonnetrunken,
    Die Hoffnung aus der Zeiten Grab.
    _____

    Du, den ich längst nicht mehr zu nennen wage,
    Und dessen Bild mich dennoch stets umschwebt!
    Du, der im Innern meines Herzens lebt,
    Wo ich nur Dich, und Schmerz und
    Sehnsucht trage,
    O wenn Dein Blick hinauf zum Himmel strebt
    Und holde Träume Dir der Mondschein webt,
    So denk' auch Du an unsres Glückes Tage.
    _____


    Sehnsucht
    Im Frühling

    Wenn Philomelens bange Liebesklage
    Mir neu ertönt im leisen Pappelhain,
    Da denk' ich sehnend der vergangnen Tage,
    Und seufze schmerzlich: ach, ich bin allein!

    O fühltest Du mit mir das warme Leben,
    Das neu erwacht, rings um mich her sich regt,
    Das Leben der Natur, die mit dem ew'gen Streben
    Im Jugendglanz sich jetzt empor bewegt.

    Denn zwiefach schön war mir des Jahres Morgen
    Mit seinem holden Lächeln neben Dir.
    O banne schnell der Liebe leise Sorgen,
    Und eil' auf ihren Flügeln her zu mir.

    Dann will ich Dir die schönsten Kränze binden,
    Die mir des Frühlings bunter Segen beut.
    Gesellig soll sich Epheu um sie winden,
    Das als der Treue Sinnbild Dich erfreut.

    Nur dann, wenn ich Dich freudig wiedersehe,
    Entschlummert sanft in mir der
    Sehnsucht Schmerz,
    Er flieht mich nur in Deiner theuren Nähe,
    Denn Du allein beglückst und füllst mein Herz.
    _____

     

  • Rosa Maria Assing (1783-1840)

    Sonett

    O dürft' ich dir doch meine
    Sehnsucht sagen,
    Mit welcher liebend ich mich zu dir wende!
    Nein, sehnender schaut nicht die Sonnenwende
    Nach Phöbus hin in glanzerfüllten Tagen.

    Oft frage ich mich mit geheimem Zagen,
    Ob ich dir wohl ein Liebeszeichen sende?
    Dann quälen wieder Zweifel mich ohn' Ende,
    Daß ich kaum Blick noch Händedruck mag wagen!

    Sollt' auch mein Lieben deines nie gewinnen,
    Vergebens seyn mein Thun, mein eifrig Streben,
    Und blieb' dir auch stets unerkannt mein Trachten:

    Doch werd' ich ewig dich nur einzig minnen,
    In deinem Leben nur wird blühn mein Leben,
    Und sollt' in
    Sehnsuchtsflammen ich verschmachten!
    _____

     

  • Susanne von Bandemer (1751-1828)

    Sehnsucht der Liebe

    Wer schildert sie des Herzens reine Wonne
    Die mich durchbebt, wann endlich sich die Sonne
    In Dunkel hüllt, und mir der Stern erscheinet,
    Der uns vereinet.

    Dann fliehen sie, die lang' ersehnten Stunden,
    Bey dir dahin, als wären sie Sekunden,
    Ich spähe nur in deinem süssen Blicke
    Nach meinem Glücke.

    Ja, ewig wird mein ganzes inn'res Leben,
    Sey, wo du willst, zu dir, Geliebter! streben;
    Und dieser Geist wird liebend dich begleiten
    Durch Ewigkeiten.

    Dann werd' ich dort, wo reine Liebe thronet,
    Durch dich vielleicht auf einem Stern belohnet,
    Wo Liebende, die Geist und Herz verbinden,
    Sich wieder finden.

    Und mit verjüngter, Engel gleicher Liebe,
    Empfinden wir die seligsten der Triebe;
    Und trinken dort, im hohen Himmelssaale,
    Die Nektarschale.

    Allein dein Kuss wird süsser mich beleben,
    Als Nektar, den die guten Götter geben:
    Entküss' ich ihn nicht in der nächsten Stunde
    Von deinem Munde?
    _____

     

  • Aloys Blumauer (1755-1798)

    Sehnsucht eines Liebenden

    Immerdar mit leisem Weben
    Schwebt dein süßes Bild vor mir,
    Und ein liebesehnend Beben
    Zittert durch die Seele mir.

    Weg aus deinem Zauberkreise,
    Wo du mich so fest gebannt,
    Zog durch eine weite Reise
    Mich die Freundschaft auf das Land.

    Hier im Mutterarm der schönen,
    Allerfreuenden Natur,
    Fehlt zum Allgenuß des Schönen,
    Herrliche, dein Kuß mir nur.

    Halbgenossen glitscht die Freude
    Ueber meinem Herzen hin,
    Die Natur im Frühlingskleide
    Seh' ich nur mit halbem Sinn.

    Todt sind ohne dich die Fluren,
    Eine Wüste die Natur,
    An den Bäumen find' ich Spuren
    Meiner heißen
    Sehnsucht nur.

     Wenn ein liebesehnend Drücken
    Mich hinaus ins Freie zieht,
    Such' ich oft des Berges Rücken,
    Der dich meinem Aug' entzieht;

    Bleibe dann, wie eine Büste,
    Starr nach dir hinsehend, steh'n,
    Seh' und seh', und mein', ich müßte
    Dich zu mir herüber seh'n;

    Aber, still heraufgegangen
    Kommt der Mond statt deiner dann,
    Und ein inniges Verlangen
    Flammt in meiner Brust sich an.

    Hin, ach, hin zu seinen Höhen
    Möcht' ich fliegen, und auf dich,
    Ach, auf dich herniedersehen,
    Und herniederschwingen mich.
    _____


    Die
    Sehnsuchtsthräne

    Bänglich wird mir, und der Minne
    Leiden wachen auf in mir; -
    Rinne, warmes Thränchen, rinne,
    Sieh, noch viele folgen dir.

    Warum weilet ihr so lange
    An den Augenwimpern mir?
    Ist euch zu versiegen bange,
    Ach, nicht abgeküßt von ihr?

    Rinnet immer, holde Kinder
    Meiner
    Sehnsucht, rinnt herab!
    Ach, sonst fließt ihr einst, noch minder
    Kußgewärtig auf ihr Grab!
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  • Louise Brachmann (1777-1822)

    Die
    Sehnsucht

    Ein leiser Nebel dämmert auf den Wogen
    Des stillen Stroms im Schooß der Unterwelt.
    Doch heiter liegt, umkränzt von Iris Bogen,
    Der Ruhe Land, von Frühlings-Glanz erhellt.
    Die Haine sind von Blüthenduft durchzogen,
    Mit süßem Wohllaut ist die Luft geschwellt,
    Und alles Schöne herrscht und alles Holde
    Auf dieser Fluren Blumengolde.

    Der graugelockte Schiffer lenkt den Nachen,
    Und winkt der Schatten schweigendem Verein.
    Wohl freudig schlief, um jenseits zu erwachen,
    Manch armes Herz zur Ruh' des Todes ein:
    Hier wird der Tugend heil'ge Kraft dem Schwachen,
    Und Kühlung winkt nach schwüler Tage Pein,
    Der finstre Schiffer prüfet streng die Schatten,
    Den Würd'gen nur den Eingang zu gestatten!

    Und mitten in der Schatten stiller Feier
    Erscheint ein Wesen himmlischer Gestalt;
    Die schönen Züge von dem Thränenschleier
    Der sanften Schwermuth dämmernd überwallt.
    Doch aus den Augen bricht ein himmlisch Feuer,
    Mit wundermächt'ger rührender Gewalt,
    Ihr Anblick weckt Erinn'rung vor'ger Schmerzen,
    Doch mächt'ger faßt ihr süßer Reiz die Herzen.

    "Wer bist Du?" fragt der ernste Fährmann düster;
    "Du bist kein Schatten, ird'scher Form entwandt!"
    "Ich bin" – so tönt des süßen Munds Geflüster -
    "Der Liebe
    Sehnsucht von der Welt genannt." -
    "Dann geh' zu Fluren trauriger und wüster!
    Von diesem Ufer ist Dein Fuß verbannt.
    Was Unruh bringt, muß fern von hier entweichen,
    Ein ew'ger Friede herrscht in diesen Reichen." -

    "O banne nicht mich aus des Friedens Hainen,
    Zu tief bin ich der Menschen Brust verwebt.
    Nicht Himmel mehr würd' ihnen Himmel scheinen,
    Wär' ich auf ewig ihrem Blick entschwebt.
    Nur edlem Wunsch kann sich das Glück vereinen,
    Der ist nicht seelig, der nicht liebend strebt.
    Die mir geweiht, die edeln zarten Seelen,
    Sie werden frei, noch hier, sich mir vermählen."
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  • Helmina von Chézy (1783-1856)

    Sehnsucht

    Ach! hätt ich nur Worte, zu singen
    Der Liebe unendliches Lied!
    Ach! könnt' ich mit Flügeln mich schwingen
    Zur Stelle, wo Wiedersehn blüht!

    Da schau ich so träumend ins Weite,
    Der Himmel ist wolkig und grau,
    Ach! wär mir der Liebste zur Seite
    Stünd Alles in Blüthe und Thau.

    In Blicken, da blühte die Minne,
    Auf Lippen, da blühte der Kuß -
    Ach! wie ich so träume und sinne,
    Und einsam stets einsam seyn muß!

    Doch so auch, im bangenden Triebe,
    Willkommen mir, himmlische Pein!
    Das Leben ist Tod ohne Liebe,
    Wie möcht' ich gelassen doch seyn?
    _____


    Abend-Dämmerung

    Glöckchen im Thale, Rieseln im Bach,
    Säuseln in Lüften, schmelzendes Ach,
    Sterne in Wipfeln, äugelnd durchs Laub,
    Ach! und die Seele der
    Sehnsucht Raub!

    Weilst Du so ferne? Bangst wohl nach mir?
    Bringen die Sterne Grüße von Dir?
    Alle so golden, seelig und licht -
    Ach! es sind deine Blicke doch nicht!
    _____


    Sehnenswonne

    O, wer noch nie gewußt,
    Wie süß ist einsam Sehnen
    Der suche Sehnens Lust
    In ewig schönen Thränen.

    Die grüne Einsamkeit,
    Wo Nachtigallen hauchen,
    Muß jedes Herzeleid
    In ihre Wonnen tauchen.

    Komm in die grüne Nacht,
    Komm, Engel sanfter Schmerzen,
    Und steig' in Deiner Pracht
    Hinab in wunde Herzen.

    Bist
    Sehnsucht Du genannt
    In deiner Duftumhüllung,
    So bist Du mir bekannt,
    Du Engel, als Erfüllung.

    Treu', Sehnen, Einsamkeit,
    Drei Himmel sind's auf Erden,
    Liebst, einsam Herz, Dein Leid,
    Wird Leid Dir Wonne werden!
    _____

     

  • Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

    Mignon

    Nur wer die
    Sehnsucht kennt,
    Weiß, was ich leide!
    Allein und abgetrennt
    Von aller Freude,
    Seh ich ans Firmament
    Nach jener Seite.
    Ach! der mich liebt und kennt,
    Ist in der Weite.
    Es schwindelt mir, es brennt
    Mein Eingeweide.
    Nur wer die
    Sehnsucht kennt,
    Weiß, was ich leide!
    _____


    Sehnsucht

    Was zieht mir das Herz so?
    Was zieht mich hinaus?
    Und windet und schraubt mich
    Aus Zimmer und Haus?
    Wie dort sich die Wolken
    Um Felsen verziehn!
    Da möcht ich hinüber,
    Da möcht ich wohl hin!

    Nun wiegt sich der Raben
    Geselliger Flug;
    Ich mische mich drunter
    Und folge dem Zug.
    Und Berg und Gemäuer
    Umfittichen wir;
    Sie weilet da drunten,
    Ich spähe nach ihr.

    Da kommt sie und wandelt;
    Ich eile sobald,
    Ein singender Vogel,
    Zum buschigen Wald.
    Sie weilet und horchet
    Und lächelt mit sich:
    »Er singet so lieblich
    Und singt es an mich.«

    Die scheidende Sonne
    Verguldet die Höhn;
    Die sinnende Schöne,
    Sie läßt es geschehn.
    Sie wandelt am Bache
    Die Wiesen entlang,
    Und finster und finstrer
    Umschlingt sich der Gang;

    Auf einmal erschein ich,
    Ein blinkender Stern.
    »Was glänzet da droben,
    So nah und so fern?«
    Und hast du mit Staunen
    Das Leuchten erblickt,
    Ich lieg dir zu Füßen,
    Da bin ich beglückt!
    _____

     

  • Ludwig Christoph Heinrich Hölty (1748-1776)

    SEHNSUCHT NACH LIEBE

    Süße Kehle des Hains, welche mir sonst, im May,
    Ganz den Himmel ins Herz flötete, Nachtigall,
    Warum flötet dein Lied mir
    Keine Wonne mehr in die Brust?

    Liebe lächelt dir nicht! seufzet die Nachtigall,
    Die den Blumen des Mays hellere Röthe giebt,
    Und den Kehlen des Waldes
    Einen helleren Wonneklang.

    Liebe lächelt dir nicht! rauschet mir jedes Blatt -
    Quillt die Thräne mir schon? Flattert mir das Phantom
    Todter Freuden schon wieder
    Vor den Augen der Phantasie?

    Rosicht schwebt es herauf - - Laura, die Grazie,
    Laura hüpfet daher, die mir den ersten Rausch
    Ueberirrdischer Wonne
    Durch die bebende Seele goß.

    Flieh hinweg, o Phantom! Laura, die Grazie,
    Liebt das Dörfchen nicht mehr, gaukelt von Ball zu Ball,
    Fleugt, im zirkelnden Reigen,
    Durch den schallenden Kerzensaal.

    Sie miskennet mein Herz, wähnet mich kalt und dumm,
    Weil kein goldener Prunk mir vom Gewande blitzt,
    Und mein Fuß die Talente,
    Die Lutetien lehrt, nicht hat.

    Soll denn nie das Gefühl, welches ein Feuerkuß
    An der klopfenden Brust einer Geliebten giebt,
    Meine Seele durchströmen,
    Bis die Blume der Jugend welkt?

    Geuß mir Lieb' in die Brust, wenn du des Sonnensaals
    Zinnen wieder entsinkst, lächelnder Mayenmond,
    Oder wecke, mit lindem
    Odem, Blumen auf meiner Gruft.
    _____

     

  • Johann Georg Jacobi (1740-1814)

    Sehnsucht

    Was hab' ich, gutes Mädchen!
    Als jenes kleine Feld
    Um dein geliebtes Städtchen,
    Mir eine ganze Welt?
    Der andern acht' ich wenig;
    Da traur' ich, wie verbannt!
    Dein König ist mein König,
    Dein Land mein Vaterland.

    Die ersten grünen Haine
    Sind dort, wo Liebchen geht;
    Die Luft ist erst die meine,
    Die sich um sie gedreht.
    O, wann begrüß' ich wieder
    Dein Städtchen, meine Welt,
    Und höre Lerchen-Lieder
    Auf deinem kleinen Feld,

    Und sehe Morgen-Schimmer
    Bey dir, und hellen Tag?
    O denke nur, daß immer,
    In jedem Glocken-Schlag,
    Des Wiedersehns Minute
    Durch meine Seele schallt,
    Weil, ach! in deinem Blute
    Mein eignes Leben wallt!
    _____

     

  • Christine Westphalen (1758-1840)

    Sehnsucht. An * *

    Kennst du das Land, wo Treue, Brust an Brust,
    Auf ewig liebt mit reiner Engellust?
    Des Schicksals Schluß ein Herz mit Hoheit trägt;
    Das Wehmuth still, das Wonne laut bewegt?
    Kennst du das Land?
    Dahin! Dahin!
    Sehnt sich ein Herz, ein liebevoller Sinn.

    Kennst du das Land, wo, an des Himmels Blau,
    Kein Sturm sich regt und kein Gewittergrau?
    Wo Harmonie die weite Schöpfung eint,
    Und Sonn' und Mond nur Glückliche bescheint?
    Kennst du das Land?
    Dahin! Dahin!
    Schwärmt oft ein Herz, ein sanftumwölkter Sinn.

    Kennst du das Land, dem geistig wir entstammt?
    Das Vaterhaus, das unsern Sinn entflammt?
    Von wo uns fern ein zarter Lispel rauscht,
    Dem ahnungsvoll der Geist mit Wonne lauscht?
    Kennst du das Land?
    Dahin! Dahin!
    Möcht' ich - und schnell - möcht' ich mit dir entfliehn.
    _____


    Sehnsucht

    Kehre wieder, holde Jugend!
    Kehre wieder, Lenz der Liebe!
    Gold'ne Hoffnung, kehre du!

    Dämmerung hebt ihr Gefieder;
    Schatten seh' ich um mich schleichen,
    Und die Zeit entflieht im Nu!

    Ach schon senkt zur Abendfeyer
    Sich die Sonne schweigend nieder,
    Und der Schlummer winkt mir zu.

    Kehre wieder, holde Jugend!
    Kehre wieder, Lenz der Liebe!
    Gold'ne Hoffnung, kehre du!

    Von entflohenen Minuten
    Kehret mir doch auch nicht Eine -
    Alles deutet hin zur Ruh. -
    _____


    Die Getrennten

    Fern von dir ergreift, im Flug,
    Mich die
    Sehnsucht; ihre Schwingen
    Eilen, mich zu dir zu bringen:
    Doch ihr Wesen ist Betrug.

    Ich umschwebe dich; allein
    Körperlos sind die Gestalten.
    Will ich's fassen, will ich's halten,
    Schwindet gleich der leere Schein.

    Schweigend blick' ich zu dir hin;
    Auch dein Auge, voll von Seele,
    Schaut auf mich aus dunkler Höhle,
    Mit der
    Sehnsucht bangem Sinn:

    Und es spricht - es spricht - ich seh! -
    Schwillt es nicht vom Thau der Thränen?
    Dich erfüllt ein gleiches Sehnen;
    Dich beklemmt der Trennung Weh.

    Ist es Wesen? ist es Schein?
    Frag' ich seufzend: - doch die Blicke
    Kehren bald in sich zurücke;
    Fühlen bänger sich allein.

    Warum trennt uns Zeit und Raum?
    Muß ich, mich zu dir zu stehlen,
    Der Verbannten Schleyer wählen:
    Phantasie? - den wachen Traum?

    Kehre wieder; komm zurück!
    Wesenlos um dich zu schweben,
    Trag' ich nicht; um dich zu leben,
    Ist des Lebens höchstes Glück.
    _____


     

19./20. Jh.

 

  • Theodor Apel (1811-1867)

    Das Leben drängt sich hervor und quillt
    In tausendfarbigen Blüten -
    Was willst Du die
    Sehnsucht, die nimmer sich stillt,
    Im Busen verschlossen noch hüten?
    Hervor, was im Herzen Dir schlummert so bang,
    Dann wird auch die Klage zum Jubelgesang
    In den Stimmen des Lenzes, der Liebe!
    _____

     

  • Elsa Asenijeff (1867-1941)

    Einstmal, wenn
    Sehnsucht nimmer schweigen kann,
    Schleich ich mich nächtlich an dein Lager heran,
    Wenn die Lider
    Wie weisse Falter auf blauen Blüten wiegen,
    Und die Träume auf deinem Denken liegen,
    Wie Steine auf tiefen, tiefen Brunnen
    Dann schleich ich mich an dein Lager ein
    Und halt dein geliebtes Haupt
    In meinen bebenden Händen,
    Und wein meine Tränen
    In deine Augen hinein.
    _____


    ZAUBERHAFTE MONDNACHT

    Ich steh an den Balkon gelehnt,
    Es ist so tiefe, tiefe Nacht – – –
    Ich kann nicht ruhn – – –
    So hab ich dich noch nie gesehnt –!
    War ich das Mondlicht doch,
    Das über deinem Körper spielt,
    Und sich an deinem Mund verfängt,
    – In deinem Barte zitternd wühlt,
    Und zart an deinen Händen hängt.
    Es leuchtet Liebe die lichte Welt!
    Alle Blätter haben sich aufgestellt
    Und sehen träumend die blaue Nacht –
    Die Amsel ist nach bangem Sinnen stumm –
    – Alle Blumen lächeln und fürchten sich
    Und wissen doch nicht warum, – – –
    O fühlst du nichts?
    Die
    Sehnsucht steht an deiner Tür
    Und reckt die Brüste
    Und spannt die Arme weit
    Und glüht nach deiner Seligkeit – – –
    O wärst du hier!
    _____

    Mich zerreisst die
    Sehnsucht nach dir! Berstet Wände!
    Sturm trag mich zu ihm!
    O Süss – Einziger, sei da, nimm mich hin!
    Nur einen lichten Morgen, nur eine helle Stunde –
    Denn
    Wo du nicht bist, ist Nacht und Hölle!
    _____


    MENSCHWERDUNG

    In die Bucht des Schweigens
    Lass Leib und Seele überfluten,
    Ich bin das Tal der
    Sehnsucht
    – – – – – – – – – – – – – – –
    Aus der Schönheit deines Herniederneigens
    Soll mein Verlangen in ein neues Sein verbluten.
    _____


    VERIRRTE SEELE

    Ich hab solche
    Sehnsucht nach dir!
    Komm, sei lieb!
    Komm heimlich zu mir!
    Der Tag will nicht dunkeln,
    Die Nacht bleibt zu grell,
    Meine Augen funkeln
    Den Weg dir hell.

    Ich hab so wilde
    Sehnsucht nach dir!
    Es soll nicht sein,
    Ich weiss es wohl –
    Aber es ist! – und ich vergehe vor Pein!

    Leg ich das Feuer in mein Blut hinein?
    Nein, nein!
    Alle Flammen der Welt sollen sein!
    Ich hab so süsse
    Sehnsucht nach dir,
    Für einen Kuss von dir.
    Geh ich hinaus in die Welt . . .
    Und bleibe allein . . .
    Soviel gute Gedanken hab ich für dich
    Als der Himmel Sterne zählt!

    Ich hab so brennende
    Sehnsucht nach dir!
    Komm, wie du magst,
    Mit deinem bleichen Erlösergesicht
    Oder dem Faunslächeln, von dem ich träume –
    Nur säume –
    O, säume nicht! –
    _____


    ERSEHNTE SELIGKEIT

    O wär das Lager uns bereitet,
    Von gleitender Seide linnenhaft umspannt . . .
    Läg deine blasse, kühle Hand
    Mir kosend
    Um den Hals gebreitet –
    Und wären unsre Lippen
    Purpurrosenhaft geeint . . .

    Ersehnte Seligkeit, die ich nicht kenne!
    O wühlte deiner
    Sehnsucht Flamme
    Meinen Körper aus,
    Bis ich verbrenne!
    – – – – – – – – –  - - - -
    Süsser, Süsser!
    Fach mich an und – lösch mich aus!
    _____

     

  • Lisa Baumfeld (1877-1897)

    Sehnsucht

    "... Psyche, my soul." ... Edgar Poe

    Du hast dereinst in heissen Stunden
    Oft weinende, wünschende
    Sehnsucht empfunden,
    Oft glühend begehrendes, drängendes Brennen,
    Den ewigen Urquell des Seins zu erkennen
    Und lichtgesättigt ... erkennend vergeh'n ...

    Du hast oft dämm'rig verträumtes Weh'n
    Und leises, lindlallendes Sehnen gefühlt
    Nach mildem Balsam, der Wunden kühlt,
    Nach schlummernder, stillender Friedensnacht ...

    Dann wolltest du duftende, klingende Pracht
    Und ewiger Schönheit berauschende Flut
    Und ewiger Liebe beglückende Glut ...
    Und immer hast du dich gesehnt und gequält
    Nach dem Einzigen, Einen, das immer dir fehlt',
    Und hast dereinst in heissen Stunden
    Oft weinende, wünschende
    Sehnsucht empfunden ...

    Das ist vorbei ... du bist so stille!
    Verstummt all dein irrender, rastloser Wille,
    Verstummt ist das alte, süss-traurige Lied,
    Das dich so oft gequält, gemüht,
    Und endlich magst du glücklich sein!

    Doch meine Seele seufzet: - Nein,
    Mir ist so eisig, eisig' kalt!
    Ich wollt', sie käme wieder bald!
    Das schmächtige, duftige, todkranke Weib,
    Mit ewig verlangendem, bebendem Leib
    Und ewig verlangenden, schmerzlichen Blicken ...
    Denn Schmerz und Verlangen ist höchstes Entzücken ...
    Und süsser Genuss sind todtraurige Lieder ...
    Ich sehne, ich sehne nach
    Sehnsucht mich wieder!
    _____


    Sehnsuchtslied

    Blass und klingend fiel die Sonne
    In das morgenfeuchte Laubnetz ...
    Aus den Ranken, blass und klingend,
    Schwebte licht ein wehes Lied.

    Sehnsuchtswirr und qualvoll zärtlich, ...
    Ängstlich schauernd vor dem Leben,
    Und mit tausend feinen Fasern
    Durstig doch nach Leben lechzend ...
    Durstig nach dem Ungelebten,
    Das im weiten Liladuft liegt ...

    Aus den Ranken, blass und klingend,
    Schwebte licht ein weisses Wehlied,
    Und es sang von einem Garten,
    Den die Sonne schmeichelnd einspinnt, ...
    Wo aus grossen Blumenkelchen
    Dunkle Rosenträume aufblüh'n ...
    ... In der Ferne, kindisch kosend,
    Plaudert eine liebe Spieluhr.
    Über allem, liladuftig,
    Webt ein weiter Sommerhimmel,
    Und ein flüchtig süsses Hauchen ...
    ... Feuchter Flieder, weisse Rosen ...
    Und von stiller, blonder Freude,
    Und das Ungelebte, Liebe ...
    Sehnsuchtswirr und qualvoll zärtlich
    Klang das alte Lügenmärchen,
    Und ich sog es ein, verdurstend,
    Und ich weiss doch - niemals! niemals -
    _____

     

  • Cathinka Serafina Bergmayr (1814-1843)

    Sehnsucht

    Der Himmel ist so klar, so hell,
    Kein Wölkchen trübet ihn;
    Es rieselt frisch und froh der Quell,
    Die Wasser, sie fliehen dahin.
    Und Blümlein stehn am Ufer dort
    So lieblich anzuschau'n, -
    Mich zieht es fort
    Zum lieben Ort,
    Mir eine Hütte zu bau'n.

    Wer ist es doch, der mit mir fühlt,
    So wunderbar - so tief -
    Der liebevoll erkennen will,
    Was so lange schon in mir schlief?
    Der meiner denkt in Einsamkeit,
    Der mit mir Freude theilt,
    Dem Einsamkeit
    Entzücken beut -
    Weil bei mir sein Gedanke verweilt?

    Wohl heil'ge Treue weih' ich dem,
    Der also mich erkennt,
    Und der mit nie empfundner Lust
    Seine einzige Liebe mich nennt!
    Mein reines Herz beklagt sich nicht,
    Weil schnell dies Glück entflieht;
    Ein Zauberlicht
    Entschwindet nicht:
    Das in dem Auge geglüht!
    _____

     

  • Otto Julius Bierbaum (1865-1910)

    Du mein Baum voll lauter Blüten!
    Du mein Glück! Du meine Ruh!
    Meiner
    Sehnsucht weiße Taube
    Regt die Flügel, regt die Flügel
    Dir im Schoße. Süße! Süße!
    Welch ein Wunder: Ich und du!
    _____


    Sehnsucht

    Wie eine leise Glocke klingt
    Die
    Sehnsucht in mir an;
    Weiß nicht, woher, wohin sie singt,
    Weil ich nicht lauschen kann.

    Es treibt das Leben mich wild um,
    Dröhnt um mich mit Gebraus,
    Und mählich wird die Glocke stumm,
    Und leise klingt sie aus.

    Sie ist nur für den Feiertag
    Gemacht und viel zu fein,
    Als daß ihr bebebanger Schlag
    Dräng in die Lärmluft ein.

    Sie ist ein Ton von dorten her,
    Wo alles Feier ist;
    Ich wollte, daß ich dorten wär,
    Wo man den Lärm vergißt.
    _____

     

  • Rudolf G. Binding (1867-1938)

    Tag der Liebe

    Hat dich heiliger ein Hauch berührt?
    Hat die Sonne heißer dich gegrüßt?
    Bist vom Blühen wilder du verführt?
    bist von
    Sehnsucht tiefer du versüßt?

    Schreite selig in dein Licht empor.
    Schnell verflogen ist was schwert und trübt.
    Raunt es dir das Leben doch ins Ohr:
    Tausend tausendfach bist du geliebt.
    _____

     

  • Ernst Blass (1890-1939)

    Offen kündend und doch schweigend,
    Deine Augen sind wie Flammen.
    Innig waren wir zusammen,
    Ahnungsvoll und süss uns neigend.

    Zärtlichkeiten, ganz geständig,
    Strömten zu wie Melodein.
    Sieh, es trat der Gott lebendig
    Und voll
    Sehnsucht in dich ein.
    _____

     

  • Udo Brachvogel (1835-1913)

    Nachtgesang

    Sanft sei Dein Schlaf! Auf Deine weichen Locken
    Leg' segnend sich die Hand des Herrn.
    Der Lüfte Athmen möge stocken
    Und Alles schweigen nah und fern;
    Die Vöglein schauen stumm Dir zu,
    Kein Laut, kein Hall, Nichts störe Deine Ruh'.

    Sanft sei Dein Traum! Es soll Dein Haupt umfächeln
    Schönheit und Frieden hold vereint.
    So oft magst Du im Traume lächeln,
    Als meine
    Sehnsucht nach Dir weint;
    Sei wachend streng, doch träumend mild,
    Verkläre einmal doch mein traurig Bild!
    _____

    Wenn Du von Hoffnung nicht verlassen,
    Gefoltert von der
    Sehnsucht Plagen
    Statt Gegenliebe feindlich Hassen
    Und Hochmuth nur davon getragen:

    Wenn Du verweinet nicht die Stunden,
    Ob Dir in Thränen Trost noch bliebe,
    Und Du sie doch nicht überwunden, -
    Dann kennst Du nicht die ew'ge Liebe!
    _____

    Kannst Du je mich wieder lieben,
    Kannst Du jemals mir verzeih'n?
    Ach, nur Schmerz ist mir geblieben
    Und der herbsten Reue Pein.

    Blinder Wahn hat mich getrieben
    Und Verdachtes falscher Schein,
    Doch er mußte schnell zerstieben,
    Seit Du fort, und ich allein.

    O wo ist mein Trotz geblieben,
    Dem ich lieh des Rechtes Schein?
    Sehnsucht hat ihn schnell zerrieben,
    Sehnsucht ach nach Dir allein.

    Tausend Bände, sie beschrieben
    Kaum Dir meiner Reue Pein.
    Meine Seel' ist aufgerieben, -
    Bald auch wird's mein Leben sein.
    _____

     

  • Georg Busse-Palma (1876-1915)

    Aufforderung

    Nun kam der Lenz, der Flügelspreiter
    Der
    Sehnsucht, wieder in das Land.
    Ach meine
    Sehnsucht ist nichts weiter
    Als Liebe, die ihr Nest nicht fand.

    Viel tausend Rosen seh ich blühen,
    Und alle Gärten stehn in Pracht.
    Wo aber wird das Haupt erglühen,
    Das meine Unrast ruhig macht?

    Ein Herz zum Nisten sucht mein Sehnen,
    Dann will es stäte Liebe sein —
    Die Arme auf, ihr holden Schönen,
    Und fangt das gern gefangne ein! — —

    _____


    Sehnsucht

    Schwingen schwüler Abendwinde
    Haben sie zu dir gebracht.
    Meine rote
    Sehnsuchtssünde
    Sieht dich nackend jede Nacht.

    Und dann wühlen ohne Ende
    Kühlung suchend sich ein Paar
    Schmaler fieberheißer Hände
    Ach im Traum nur! in dein Haar.

    Und dann pressen halbverschmachtet
    Lippen sich auf deinen Leib,
    Lippen, die den Tod verachtet
    Und jetzt betteln: sei mein Weib!

    Aber du in keuscher Kühle
    Ahnst noch nichts von solchem Schmerz.
    Moulin rouge, die rote Mühle
    Mahlt dich später, weißes Herz! — —
    _____


    Pierrots Liebe

    Die beiden Hände hast du mir gegeben
    Und lieb und zärtlich mich dazu geküßt.
    Ich nahm dein Herz und schenkte dir mein Leben,
    Mein Weib und Kind, die du mir beides bist.

    Du warst zu jung, um gleich mit mir zu kommen.
    Weil ich dich liebte, ging ich fort von dir.
    Doch deine Treue hab' ich mitgenommen
    Und meine
    Sehnsucht ließ ich dir dafür! — —
    _____


    Liebe

    Von jedem verkündet,
    Erträumt und erstrebt;
    Von keinem ergründet
    Und restlos erlebt;

    Vom Alltag umschlossen
    Nach kurzem Genuß,
    Und wieder genossen
    Im flüchtigsten Kuß;

    An Umfang geringe,
    Doch flammendurchblitzt,
    Wie funkelnd im Ringe
    Der Edelstein sitzt;

    In
    Sehnsucht gebettet,
    Auf
    Sehnsucht gestellt,
    Verknüpft und verkettet
    Sie uns mit der Welt! -
    _____

     

  • Peter Cornelius (1824-1874)

    Der
    Sehnsucht Träne mag ich stillen

    Der
    Sehnsucht Träne mag ich stillen,
    Im Herzen bleibt die
    Sehnsucht doch,
    Und hier im Lied, das sagt dir noch:
    Die Träne floß um deinetwillen!

    Ich armer Staub, ich hab' ein Sehnen
    Nach dir, dem andren Häuflein Staub,
    O dürft' ich einst, des Todes Raub,
    In einem Sarg mit dir mich dehnen.

    Ich hab' dich nicht - o welch Entbehren!
    Ich träum' dich wohl in meine Näh',
    Doch mehrt das nur des Herzens Weh,
    Das nach dir selber muß begehren!

    Wie mühsam, schleppend ist mein Singen,
    Wie halb das doch so schöne Wort,
    Nur die Gedanken stürmen fort
    In Liebeshast zu dir zu dringen.

    Die Hoffnung, wäre Gott ein Dichter,
    Wär' seine schönste Melodie,
    Der Sprache schönstes Wort ist sie,
    Wie Sterne hell und fast noch lichter.

    Die Hoffnung, dürft' ich die nicht hegen,
    Wenn böse Macht mir die entriß,
    Mir wär' der schnelle Tod gewiß,
    Und Tod wär' dann noch reicher Segen.

    Denn was der Blume Luft und Licht,
    Der Boden, dem sie kann entsprießen,
    Der Tau, der mild sich will ergießen,
    Soll sie vergehn und welken nicht,

    Das bist du mir, daher die Tränen,
    Die Hoffnung lächelnd mir gestillt;
    Doch lächelt Hoffnung noch so mild,
    Dein eigen Lachen ist mein Sehnen.
    _____

     

  • Max Dauthendey (1867-1918)

    Wie einen Baum, den der Blitz überfiel, hatte mich
    die
    Sehnsucht gezeichnet,
    Jetzt wohnen deine Bienen bei mir, und meine Augen
    fließen über von deinem Honig.
    _____


    Des hab' ich mich noch nie bedankt

    Des hab ich mich noch nie bedankt,
    Daß deine Hände nach mir langen
    Und deine Lippen mich empfangen,
    Daß in den Hügeln deiner Brüste
    Ich mir fürs Leben
    Sehnsucht küßte,
    Und gern mein Herz nach deinem krankt.
    Des sei die Stund, die dich vollbracht,
    Die dich zur Liebeslust erdacht,
    Von jeder neuen Stund bedankt.
    _____

    Die Glocken läuten in den Stühlen, wenn sich der Mittag stolz erfüllt,
    So läutet jubelnd mir mein Blut, wenn ich dich küsse
    und die
    Sehnsucht stirbt.
    _____


    Die
    Sehnsucht peitscht

    Die Sehnsucht peitscht mit scharfem Dorn,
    Sie reitet mich wild
    Und gibt mir den Sporn,
    Und ob mein Herz streitet,
    Sie macht mir die Hände zu Hufen aus Horn
    Und rennt mit mir durch die Wände.

    Die
    Sehnsucht, sie ist wie Salz im Meer,
    Die Zunge wird mir bitter,
    Und Durst klebt schwer
    In Gaumen und Brust.
    Und wie der Schaum auf Wellen lebt,
    So mir die
    Sehnsucht am Munde schwebt.
    Wie Wellen, die sich erdrücken müssen,
    Erdrücken sich meine verlassenen Lippen
    In
    Sehnsucht nach deinen Küssen.
    _____


    Manch Tag, der ist wie 's Leben lang

    Manch Tag, der ist wie 's Leben lang,
    Wenn's Schätzlein fehlt.
    Taumelt wie ein Falter den Weg entlang,
    Fühlst dich kahl wie der Baum,
    Den der Wind abschält.
    Ein Span steckt dir im Hals, im steifen,
    Kannst kein Lied mehr pfeifen,
    Und alle Weg' durch den Wald gehauen,
    Die sind unendlich anzuschauen.
    Gehst du zu ein Stück,
    Zieht jemand dich am Rock zurück.
    Bald bist du tot, weißt 's ganz bestimmt,
    Wenn niemand dir die
    Sehnsucht nimmt.
    _____


    Mein Herz als Mond verkleidet

    Rühr' im Schlaf an deine Wangen,
    Hangen Tropfen an den Kissen,
    Du und ich allein nur wissen:
    Unser Sehnen hat vereint
    Heiß sich in den Schlaf geweint.

    Ach, mein Herz wie's liebt und leidet!
    Spür es leis als Mond verkleidet
    Weiß an deiner Tür.

    Sehnsucht muß mit hellen Händen
    Noch im Schlaf dein Zimmer blenden,
    Und die blanken Scheiben schicken
    Blicke, die tags dunkel bleiben;
    Wo sie ungesehen fielen,
    Steigen Lichter aus den Dielen.

    Schweigen müssen Uhr und Zeit,
    Sehnsucht spielt auf blauen Geigen,
    Und wie einst auf Märzenauen
    Werden Balken in den Räumen
    Wieder kühn zu Knospenbäumen.
    Und auch taut im Mond wie Eis
    Lautlos deines Spiegels Glas,
    Will mir Heimlichkeiten zeigen,
    Die der Spiegel nie vergaß,
    Er, der zärtliche Vertraute,
    Der nur lebt von deinen Augen
    Und in deine
    Sehnsucht schaute.
    Dicht an deinen weißen Wangen
    Will ich deinen Atem fangen.
    Was die Scham mir nicht gestand,
    Küß ich aus dem Schlaf der kleinen, zagen, zahmen Hand.

    Rötet Morgen sich im Land,
    Auf dem roten Dach der Welt
    Tötet sich der Mond gelassen;
    Und wer ahnt in lauten Gassen,
    Daß, wo
    Sehnsucht hingestellt,
    Sich noch nachts das Pflaster hellt,
    Und mein Herz, als Mond verkleidet,
    Nächtlich blinde Wünsche weidet.
    _____


    Bleibt die Geliebteste zu lang aus

    So viele Haare,
    So viele Gedanken
    Sich sonst um meinen Schädel ranken.
    Doch heut nach meiner Gedankenzahl
    Bin ich am Schädel ratzekahl.
    Die
    Sehnsucht hat mir ohn' Gewissen
    Das letzte Härlein ausgerissen.
    Und wie des Müllers Esel dumm
    Trag ich als Sack mein Hirn herum.
    Alles, was ich im Leben verstund,
    Hält vor der
    Sehnsucht erschreckt den Mund.
    Die Worte fallen wie Balken schwer,
    Gedruckte Bücher sind plötzlich leer,
    Und bleibt die Geliebteste zu lang aus,
    Sitze ich ganz verblödet im Haus.
    Alles werd' ich wieder neu lernen müssen,
    Vielleicht sogar lieben und küssen.
    _____


    Dein Haar ist mein zärtlichstes Kissen

    Und schmückt dein Haar meine Kissen,
    Wie wird die Welt mir so gut;
    Deinem Haar verschrieb ich mein Blut,
    Deinem Haar, das im Dunkel noch lacht,
    Und das der Leidenschaft Geste
    Stumm wie das Feuer nachmacht.

    Dein Haar schreibt viel brennende Zeilen,
    Dein Bett ist der heißeste Brief;
    Dein Haar ist mein zärtlichstes Kissen,
    Auf dem meine
    Sehnsucht entschlief.
    _____

     

  • Marie Eugenie Delle Grazie (1864-1931)

    Sehnsucht

    Ich steh im tiefen Thal,
    Und sing' mein stilles Lied,
    Und nie gekannte Qual
    Durch's Herz mir leise zieht.

    Dort schäumt der wilde Bach
    Und rauscht in's Land hinein,
    Ich zög' ihm gerne nach,
    Er aber eilt allein.

    Es wandert Stern an Stern
    In stiller Mitternacht,
    Zög' ihnen nach so gern
    Wo Liebe ewig wacht.

    Ach, alles zieht und eilt
    Und grüßt den theuern Ort,
    Wo er, der Liebste weilt -
    Nur ich, ich darf nicht fort.

    Du schöne, klare Well
    Laß deinen losen Scherz,
    Zieh' leise, murmle hell,
    Mahn' ihn an meinen Schmerz.

    Du sanfter Mondenschein
    Sag', daß ich treu ihm blieb,
    Blick in sein Herz hinein,
    Frag' ob er mich noch lieb'?
    _____

     

  • Sophie Borries Ps. Diotima (1799-1841)

    Sehnsucht

    Liebes, liebes Auge du!
    Ach! noch einmal nur mit Leben
    Möcht' dein Licht ich decken zu
    Mit der Lippen warmem Beben;

    Ach! die theure, gute Hand
    Einmal noch in Lust und Schmerzen
    Drücken nur an mein Gewand,
    Wo's am näh'sten ist dem Herzen;

    Einmal noch "du meine Seele!"
    Hauchen dir mit Liebeston.
    Wäre, daß dem Glück nichts fehle,
    Dann mein Odem auch entfloh'n!
    _____

     

  • Felix Dörmann (1870-1928)

    Liebe!

    Du hast Deinen brünstigen Leib mir geschenkt,
    Mit rasender Wollust das Hirn mir durchtränkt -
    Ich aber ich dürste nach Liebe.

    Der Wollust berauschender Opiumwein,
    Er lullt ja die brennende
    Sehnsucht nur ein,
    Die brennende
    Sehnsucht nach Liebe.

    Im Wahnwitzgejauchz' dionysischer Gier
    Aufzittert noch immer, noch immer in mir -
    Die schreiende
    Sehnsucht nach Liebe.
    _____

    Auch Dich hab' ich, reinste der Frauen,
    Mit Lasterbegierden entweiht.
    Nicht darf ich Dein Antlitz mehr schauen
    In Ewigkeit.

    Mein Herz ist im Schlamme versunken,
    Gespenstig flackert in mir
    Nur
    Sehnsucht, wahnwitztrunken,
    Und kranke Gier.

    Was soll mein schluchzendes Ringen,
    Der Seele Verzweiflungsgebet?
    Ich kann die Dämonen nicht zwingen - -
    Es ist zu spät.
    _____


    Sehnsucht

    Ich sehne mich nach einer Traumgestalt,
    Nach einem unberührten, keuschen Wesen,
    Das noch im Buch der Sünde nicht gelesen,
    Das Wollust nicht einmal im Geist umkrallt.

    In ihrer Seele müßte Mitleid wohnen
    Mit jedem Menschen und mit jedem Tier,
    Am allermeisten aber doch mit mir,
    In dem das Elend und die Marter thronen.

    Und wie vom übervollen Weinpokal
    Die goldnen Fluten achtlos niederschießen,
    Müßt' ihre Himmelsreinheit mich umfließen
    Und tilgen meiner Seele Sündenqual.
    _____

     

  • Carl Ferdinand Dräxler-Manfred (1806-1879)

    Sehnsucht

    Wie der Weinstock im Herbste
    Voll Trauben hängt,
    So ist meine Seele
    Voll Gedanken an dich.

    Wie die Mutter jammert
    Um ihr verlornes Kind,
    So seufzt und sehnt sich und klaget
    Mein Herz um dich.

    Als ich dich hatte,
    Dir liebend gesellt,
    Dein Freund, dein Gatte,
    War ein Himmel die Welt.

    Verwitwet jetzt wir Beide,
    Nur
    Sehnsucht im Sinn -
    O Liebe, Glück und Freude,
    Wo seid ihr hin!

    _____

     

  • Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857)

    Sehnsucht

    Selig, wer zur Kunst erlesen,
    Ruhig in getreuer Lust,
    Hoher Dinge seltsam Wesen
    Selber froh erschreckt, mag lesen
    In der Wundervollen Brust!

    Wie die Rosse mutig scharrten!
    Ach! die Freunde sind voraus!
    Draußen blüht der schöne Garten,
    Draußen Wald und Liebchen warten,
    Und ich kann nicht, kann nicht raus!

    Bleib' ich ewig fern vom Glücke? -
    Wen die Treue ganz durchdrang,
    Einmal trafen Liebesblicke,
    Ach! er kann nicht mehr zurücke,
    Und ich kniee Lebenslang.

    Lodert, lodert heil'ge Kerzen!
    Bleibet unerhört mein Flehn:
    Will ich in den Freuden, Schmerzen,
    Mit dem unentweihten Herzen
    Treu und heilig untergehn.
    _____

     

  • Ludwig Eichrodt (1827-1892)

    Sehnsucht

    Mitten in dem Spiel der Freuden,
    In der Arbeit Drang und Lust,
    Schleicht das Sehnen und das Leiden
    In die unbewachte Brust.

    Denn du weilst so fern, so ferne,
    Und ich bin so ganz allein;
    Und bei dir bin ich so gerne,
    Und ich kann nicht bei dir sein!

    Wie ein Röslein in dem Scherben,
    Wenn es Niemand warten mag,
    So verkümmern, so verderben
    Muß auch ich am lichten Tag.

    Alles Leben geht zu Grabe,
    Und die Seel auch ganz zu Grund,
    Wenn ich dich nicht wieder habe,
    Werd ich nimmer mehr gesund.
    _____

     

  • Gerrit Engelke (1890-1918)

    Sehnsucht

    Sanft strömt vom andern Ufer aus dem Wälderschweigen
    Über lichtbeglänzte Flut der Abend.
    Trunken schweift der Blick ins Weite,
    Steigt geöffnet in die wolkigen Gefilde,
    Taumelt in das grenzenlose Licht hinein -
    Und das Herz schwingt zitternd ein:
    Nur selig sein.
    _____

     

  • Bruno Ertler (1889-1927)

    Sehnsucht ließ zu dir mich finden
    und den fernen, müdgetäuschten,
    lieben, dummen Kinderglauben
    hast du wachgerufen —
    du — —
    wie zuweilen noch die Sonne
    eine Apfelblüte zaubert
    spät im Herbst.
    _____


    Nächtlicher Gang

    Still ist die Nacht, die toten Gassen schweigen
    und einsam hallt mein müder Schritt.
    Die
    Sehnsucht kam und löst' mich aus dem Reigen
    und nahm mich mit.

    Fern hör' ich noch die hohen Geigen sinken
    zum tollen Tanz,
    die Menschen lachen, und die Becher klingen
    beim Mummenschanz. — —

    Die Nacht ist still; es jauchzen tausend Lieder
    im Herzen mir —
    und doch mir eins und immer eines wieder:
    Das Lied von dir. —
    _____

     

  • Gustav Falke (1853-1916)

    Herz, Welt, Geliebte! Alles voll Begehren,
    in süßer Wirrnis und mit
    Sehnsuchtshänden,
    mit immer ausgestreckten
    Sehnsuchtshänden,
    und Lippen, die nach deinen Küssen dürsten.
    O süße Liebe, süße schlimme Liebe,
    die so mit Rosen peitscht, daß unser Blut
    die Schwelle färbt, wo unsere
    Sehnsucht kniet.
    _____

     

  • August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

    Am Glanze deines Angesichtes
    Ward meiner
    Sehnsucht Mond erhellt.
    Am milden Strahle deines Lichtes
    Erblühte meine innre Welt.

    Du bist zur Sonne mir geworden,
    Die immer scheint und freundlich lacht,
    Die wie die Sonn im hohen Norden
    Auch scheint in später Mitternacht.
    _____

    Was singst du Herz so bang und laut
    Nach inniger Vereinung?
    Die
    Sehnsucht ist ja deine Braut,
    Nur Trug ist die Erscheinung.
    Sooft der Mond zur Sonne schaut,
    Er wird ihr niemals angetraut
    In inniger Vereinung.
    Drum singe nicht so bang und laut!
    Die
    Sehnsucht bleibt ja deine Braut,
    Nur Trug ist die Erscheinung.
    _____

     

  • Cäsar Flaischlen (1864-1920)

    Dich sehen,
    ist: die Heimat haben!
    dich sehen,
    ist: zu Hause sein!
    alle
    Sehnsucht ist begraben,
    alle Wünsche schlummern ein!
    _____

     

  • Marie Laura Förster (1817-1856)

    Sehnsucht

    Nicht blos bei des Posthorns Tönen,
    Nicht blos wenn der Lenz erwacht,
    Reizend alle Fernen macht,
    Fühl' ich dieses bange Sehnen.

    Nicht blos in den trüben Stunden,
    Wenn der Seele Stimme schweigt,
    Draußen auch das Licht erbleicht -
    Nein, allewig ist's empfunden.

    Fühl' es, wenn ich fortgeflogen,
    Mit des Posthorns liebem Ton,
    Nah' mir alle Fernen schon,
    Die mich lockend angezogen.

    Fühl' es, wenn in reicher Fülle
    Mir das Leben Blüten streut,
    Fühl's, ob jeden Tag erneut
    Freude mir entgegenquille.

    Ja, es klingt in all' Empfinden,
    Ja, es färbt mir jede Zeit,
    Klingt in Schmerz und Seligkeit,
    Ewig Suchen, nimmer Finden!

    O, und daß von Tag zu Tagen
    Sich der eine Faden zieht,
    Stets mein Auge weiter sieht,
    Weiter mich die Wünsche tragen -

    Leid ist's, das mit Lust mich füllet,
    Schmerz, der Balsam schon enthält;
    Schönstes Glück, daß diese Welt
    Nie des Geistes
    Sehnsucht stillet.

    Sie ist Element des Lebens,
    Unzertrennlich meinem Geist,
    Dem ihr ew'ges Glühn verheißt:
    "Du, du sehnest nicht vergebens!"
    _____

     

  • Else Galen-Gube (1869-1922)

    Der Wind küßt meine Stirn – warum nicht Du? ..
    O du, o du, daß jetzt in dieser Stunde
    dein Arm mich nicht umschlungen hält im Mohn,
    daß heiße Küsse nicht von deinem Munde
    auf meinen
    sehnsuchtsoffnen Lippen lohn! ……..
    _____


    O, du Sommernacht


    Erbarme dich mein in den Nächten voll Glut,
    die mit sengenden Atem die Stirn mir umkosen,
    erbarme dich meiner – sie tun mir nicht gut
    die Nächte, geschwängert vom Dufte der Rosen.

    Wenn Jasmin und Hollunder in Blütenpracht
    ihren Kelchen Wohlgerüche entsenden,
    dann denk ich an eine Julinacht
    mit all ihrem üppigen selgen Verschwenden.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Die Luft ist so schwül, und mein Zimmer so heiß!
    Es klopft in den Schläfen, die Pulse fliegen.
    Ihr Nächte, wie ich zu hassen euch weiß! -
    Ihr zwingt meine
    Sehnsucht auf Knieen zu liegen.

    Und ich fühle den Sommer mit seiner Pracht
    tief in mir mit seinem versengenden Feuer -
    Wie ich dich hasse, du Sommernacht!
    O du Sommernacht, wie bist du mir teuer! –
    _____


    Morgen

    Frostig in die Ecke gekauert,
    von Kälte und Sturm bis ins Mark durchschauert,
    liege ich zitternd mit klappernden Zähnen,
    und zerrissen von sündhaftem Sehnen,
    tief im Coupé in die Kissen vergraben.
    Und ein einzger Gedanke nur lebt in mir
    neben der wahnsinnigen
    Sehnsucht nach dir:
    morgen werd ich dich wiederhaben - -
    morgen!
    _____


    Sehnsucht nach dir

    Ich will dich wiederhaben,
    ich sehne mich nach dir …..
    Was soll ich so alleine
    denn auf der Welt noch hier?

    Ich will dich herzen, küssen,
    um deinen roten Mund
    wollt ich, Geliebter, steigen
    bis in der Erde Grund.

    Mein Herzblut wollt ich geben
    und alle Schönheitsmacht,
    könnt ich damit dein Leben
    gewinnen eine Nacht! - -
    _____

    Mein Herzallerliebster, mein Sonnenschein
    kam wieder. Bald bin ich nicht mehr allein,
    bald werde ich liegen in Wonne und Lust
    in seinen Armen, an seiner Brust,
    bald wird er mir küssen die Lippen rot …
    vorüber sind
    Sehnsucht und Trennungsnot.
    _____

    O, wäre ich in jener dunklen Stunde,
    wo mir der Tod mein Allerliebstes nahm,
    in meinem wilden, heißen Liebesgram,
    ihm schweigend in das Jenseits nachgegangen.
    Ich hätte nie gekannt der
    Sehnsucht Qual,
    nie Erdenjammer, nicht ein einzig Mal
    zur Welt geblickt, in durstendem Verlangen.
    _____


    Wenn der Jasmin ……

    Wenn der Jasmin vor meinem Fenster blüht,
    wenn Stille herrscht, blutrot der Vollmond glüht,
    dann kommt die
    Sehnsucht mit der Mitternacht,
    wo alles schläft – nur mein Verlangen wacht,
    es bläst mit Feueratem zu mir her
    und fordert Liebe! … Liebe? Noch viel mehr!
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

    Die Nacht vergeht mit müdem, schweren Schritt.
    O nähm sie mich ins ewge Dunkel mit!
    Der Morgen naht in fahlem Nebelgrau,
    einsam, verzweifelt lieg ich arme Frau
    und späh mit heißen Blicken rings umher
    nach Liebe – doch mein Pfühl bleibt liebeleer.
    _____

     

  • Emanuel Geibel (1815-1884)

    In diesen Frühlingstagen, da genesen
    Das Herz nicht will vom süßen
    Sehnsuchtsleid,
    Wie spricht, was einst bei Platon ich gelesen,
    Vertraut mich an aus dunkler Fabel Kleid!
    Geschaffen, schreibt er, ward als Doppelwesen
    Der Mensch dereinst im Anbeginn der Zeit,
    Bis ihn ein Gott, weil er nicht Schuld gemieden,
    In seine Theile, Mann und Weib, geschieden.

    Ein heilig Räthsel deutet mir dies Wort;
    Wer fühlt' es nie, daß Bruchstück nur sein Leben,
    Ein Ton, nur angeschlagen, zum Akkord
    Mit seinem Gegenton sich zu verweben?
    Wir all sind Hälften, ach, die fort und fort
    Nach den verlornen Zwillingshälften streben,
    Und dieses Suchens Leid im Weltgetriebe
    Wir heißen's
    Sehnsucht, und das Finden Liebe.
    _____


    Im Gebirg

    Nun rauscht im Morgenwinde sacht,
    So Busch als Waldrevier!
    So rauscht meine
    Sehnsucht Tag und Nacht,
    Rauscht immerdar nach dir.

    Du merkst es nicht, du bist so weit,
    Kein Laut herüber spricht;
    O schlimme Zeit, einsame Zeit!
    Und Flügel hab' ich nicht.

    Vom höchsten Berg mein Auge sieht
    Umsonst nach West und Ost,
    Ein Gruß zu dir, von dir ein Lied,
    Das ist mein einz'ger Trost.

    So sing' ich denn durch Wald und Dorn
    Meine Weis' im Wanderzug:
    "Deine Lieb' das ist ein süßer Born,
    Deß trink' ich nie genug."
    _____

    Wenn still mit seinen letzten Flammen
    Der Abend in das Meer versank,
    Dann wandeln traulich wir zusammen
    Am Waldgestad im Buchengang.

    Wir sehn den Mond durch Wolken steigen,
    Wir hören fern die Nachtigall,
    Wir athmen Düfte, doch wir schweigen -
    Was soll der Worte leerer Schall?

    Das höchste Glück hat keine Lieder,
    Der Liebe Lust ist still und mild;
    Ein Kuß, ein Blicken hin und wieder,
    Und alle
    Sehnsucht ist gestillt.
    _____

     

  • Martin Greif (1839-1911)

    Seufzer der
    Sehnsucht

    Größer kein Herzeleid,
    Als in der Rosenzeit
    Einsam zu stehen,
    Lieber vor Traurigkeit
    Alternd vergehen,
    Als in der Rosenzeit
    Einsam sich sehen.
    _____

     

  • Franz Grillparzer (1791-1872)

    Sehnsucht nach Liebe

    Alles liebet, alles scherzet
    In der fröhlichen Natur;
    Alles küsset, alles herzet
    Auf den Höhn in Wald und Flur!

    Läßt der holde Lenz sich nieder,
    Sanft umschwärmt vom lauen West,
    Senkt der Vogel sein Gefieder,
    Bauet liebend sich ein Nest.

    Und der Löwe flieht das Morden,
    Das sonst höchste Lust ihm schafft;
    Er verläßt der Brüder Horden,
    Huldigt Amors Zauberkraft.

    Und dir soll ich mich entziehen,
    Die uns menschlich fühlen lehrt?
    Liebe! ach, dich soll ich fliehen,
    Die der Tiger selbst verehrt?

    Ich allein nur soll dich meiden,
    Holde Spenderin der Lust?
    Ich soll wilde Tiere neiden
    Um das Fühlen ihrer Brust?

    Nein! dem schönsten aller Triebe
    Sei mein fühlend Herz geweiht!
    Schenke mir Themirens Liebe,
    Amor, Gott der Zärtlichkeit!
    _____

     

  • Theresa Gröhe (Ps. T. Resa) (1853-1929)

    Mein Lied

    Die
    Sehnsucht ist's, die aus mir singt,
    Ich bin ihr nie und nie entflohn -
    Durch Schluchzen und durch Jauchzen klingt
    Immer derselbe irre Ton.

    Wen einmal recht sie angeblickt -
    Großäugig - dunkel - schmerzensbang' -
    Der bleibt von ihrem Bann umstrickt,
    Der bleibt ihr Sklave lebenslang'.

    Auch durch mein Lied weht schwül ihr Hauch
    Und loht wie Flammen daraus her -
    Mein bestes Herzblut trinkt sie auch -
    Auch ich entrinn' ihr nimmermehr!
    _____


    Sehnsucht

    Sehnsucht - breite die Flügel aus,
    Trag' mich hinüber nach seinem Haus!

    Trankst ja mein Herzblut so manche Nacht,
    Wuchsest empor in blühender Pracht.

    Raunst und flüsterst nun Nacht und Tag,
    Jagst mir des Herzens fiebernden Schlag -

    Weckst mir des Jammers stürzende Flut,
    Gießt mir Flammen ins stockende Blut. -

    Sehnsucht - trag' mich durch dämmernde Nacht
    Bis an sein Haus mit Sturmesmacht!

    Daß ich ihn einmal - einmal noch seh'
    Eh' ich - Vampyr - an dir vergeh'!

    Daß er mich einmal noch küssend umfaßt,
    Ehe du ganz mich getötet hast.
    _____


    Wo magst du sein?

    Nun schwanken die Blumen im Abendwinde,
    In weiche Dämm'rung versinkt der Hain,
    Ein Flüstern geht durch die Blätter der Linde,
    Mein Herz brennt in
    Sehnsucht, - wo magst du sein?

    Zuweilen nur noch ein fernes Rufen -
    Ein Vogellaut aus blühendem Baum,
    Ein flüchtiger Schritt auf der Treppe Stufen -
    Dann wieder Schweigen, Dämm'rung und Traum.

    Blausilbern dehnt sich die schimmernde Ferne,
    Von Mondlicht umflossen lehn' ich allein -
    Die Stille kommt, die Nacht und die Sterne!
    Mein Herz brennt in
    Sehnsucht, - wo magst du sein?
    _____

    Dich wiedersehn! Die Tage gehn
    Bald stürmisch und bald still dahin.
    Der Regen sprüht, die Winde weh'n,
    Grau liegt der Nebel auf den Höh'n,
    Schwer liegt ein Ahnen mir im Sinn.
    Fast trauriger, als da ich schied,
    Blick' ich hinaus in Sturm und Graus,
    Die Brust von
    Sehnsucht wild durchglüht.
    _____


    Noch immer!

    Die Tage gehen weiter ihren Gang,
    Ich lebe weiter. - Meine Seele rang
    Seit Monden nun, daß sie dem Glück entsage. -
    Doch wie sie kämpfte, wie sie grausam litt,
    Noch immer heimlich ging die Hoffnung mit,
    Durch all' die bangen, stummen
    Sehnsuchtstage.
    _____

     

  • Julius Grosse (1828-1902)

    Sehnsucht

    Sehnsucht, auf den Knieen
    Schauest du himmelwärts.
    Einzelne Wolken ziehen,
    Kommen und entfliehen,
    Ewig hofft das Herz.

    Liebe, himmlisch Wallen
    Goldener Jugendzeit!
    Einzelne Strahlen fallen
    Wie durch Pfeilerhallen
    In das Leben weit.

    Einsam in alten Tagen
    Lächelt Erinnerung;
    Einzelne Wellen schlagen
    Rauschen herauf wie Sagen:
    Herz, auch du warst jung!
    _____

     

  • Sidonie Grünwald-Zerkowitz (1852-1907)

    Gestörtes Küssen

    Wenn mich die
    Sehnsucht zu Dir trägt,
    Dann fühl' ich nur: ich möcht sie stillen!
    Ob's auch erlaubt? mein Herz nicht frägt,
    Es läßt der
    Sehnsucht ihren Willen ...

    Und wie die Wolke, glutenschwer,
    In der es zuckt und dumpf gewittert,
    Zur zweiten in der Lüfte Meer
    In mächt'gem Drang hinüberzittert:

    So drängt mein Alles hin zu Dir,
    In Eins mit Dir mich zu verschlingen!
    So angstvoll und so wohl wird mir ...
    Mit Küssen möcht' ich Dich durchdringen!

    Und wenn sich dann ein Zufall stemmt,
    Ein arger gegen solche Stunde,
    Den Kuß, der auf dem Weg' schon, hemmt,
    Der blitzgleich führ' von Mund zu Munde:

    Scheid' ich von Dir verdüstert nicht!
    Nein, wie die Wolke, die verscheuchten
    Der Windsbraut Flügel, forteilt licht
    Nach kurzem, glühndem Wetterleuchten! ...

    Nicht trag' im Herzen ich Verdruß
    Drob, daß der Zufall Dich entrissen
    Vom Mund mir, eh' der Liebe Kuß
    Ich süß gekonnt zu Ende küssen!

    Mir ist, als segne mein Gemüt,
    Der Schuld entronnen, Zufalls Unhuld ...
    Trag'
    Sehnsucht heim, die weiter glüht
    Und Seligkeit der ... der ... der - Unschuld!
    _____

     

  • Karl Gutzkow (1811-1878)

    Sehnsucht

    O könnt' ich jene Töne wiedergeben
    Und jene purpurroten Farben malen
    Von Abendglocken und von Abendstrahlen
    Aus meiner Jugend erstem Liebeleben!

    O könnt' ich wieder durch die Gärten schweben -
    Die Abendnebel dampfen aus den Thalen
    Und einen Bund, beglückt von süßen Qualen,
    Umspinnen Elfen, die im Mondschein weben.

    Ich höre manchmal wie aus weiter Ferne
    Ein Glöcklein wieder mit bekanntem Schalle
    Und märchenhafter glüh'n die Abendsterne -

    Dann sag' ich wild, von innrer Kraft gedrungen:
    Ich will euch wieder, ihr Erinnerungen!
    Sie zucken wohl, doch bald verstummen alle.
    _____

     

  • Ida von Hahn-Hahn (1805-1880)

    In der Ferne

    Im Gebirg' du, ich am Meere,
    Nur vereint durch
    Sehnsuchtglut,
    Fühlen wir des Schicksals Schwere,
    Die als Trennung auf uns ruht.

    Wie auch Wald und Wellen rauschen,
    Harmonieenreich ist's nicht,
    Sinn und Seele mag nur lauschen,
    Wenn die liebste Stimme spricht.

    Mag Gebirg' und Woge prangen,
    Schön von Sonn' und Mond ummalt, -
    Ach, der Blick wird nur gefangen,
    Wenn ins Aug' das Auge stralt.

    Wellen ruhen, Berge schimmern
    Träum'risch, wie in stiller Lust,
    Und der Hoffnung Sterne flimmern
    Tröstung in die heiße Brust.
    _____


    Der Liebe
    Sehnsucht

    Was ziehen die Wolken am Himmel dahin,
    Entführen mir ferne den fröhlichen Sinn,
    Verschweben in Sonnen-, in Sternenschein; -
    Wie mag es so selig da droben sein!

    Was rauschen die Wogen am Uferrand,
    Bespülen liebend das blühende Land;
    Der Himmel lächelt tief in sie hinein, -
    Wie mag es so selig dort unten sein!

    Was klopfet das Herz mir so bang in der Brust,
    In süßem Schmerz und in zagender Lust;
    Was fodert sein Auge die Seele mein, -
    O könnt' ich denn selig auf Erden sein? –
    _____

     

  • Robert Hamerling (1830-1889)

    Einsam ist die Menschenseele:
    Ob wir Herz an Herz auch drücken,
    Klafft doch immer eine Tiefkluft,
    Die wir niemals überbrücken:
    Nichts kann ganz des andern werden,
    Jedes folgt dem eig'nen Triebe,
    Und ein Traumbild bleibt die
    Sehnsucht,
    Und ein schöner Wahn die Liebe.
    _____


    Sehnsucht

    Ich sehne mich nach gold'nen Glückes Zielen,
    Nach süßem Munde, holderblühten Wangen;
    Von weichen Armen wär' ich gern umfangen,
    Und meine Lippen fänden gern Gespielen.

    Ich möchte nicht umsonst mit Blicken zielen
    Nach einem schönen Auge voll Verlangen:
    An einem zarten Halse möcht' ich hangen,
    Und fessellos in seidner Locke spielen!

    Wohl reizt mein sehnend Auge manch' ein lichtes
    Gebild, das tausend Reize hold beleben;
    Doch ach, kein süßes Wort der Liebe spricht es.

    Es hält nicht Stand dem glüh'nden Liebestreben;
    Der Zauber eines holden Angesichtes
    Berührt mich stets nur im Vorüberschweben!
    _____


    Verlorne Liebe

    In meinem Herzen wogt und klingt die Liebe,
    Der Strom der
    Sehnsucht, heiß und allumfangend;
    Nach außen strebt er stürmisch, glutverlangend -
    Was wäre
    Sehnsucht, die verhohlen bliebe?

    Doch es umkränzt den Quell so glüh'nder Triebe
    Kein Blütenufer, glatt und weich und prangend;
    Ihm blaut kein Meeresschoß, drin lust-erbangend
    Und todesfroh sein sel'ger Strom zerstiebe.

    Wie hoch vom Felsenrand, dem scharfgezackten,
    In Waldesdunkel, fern dem Glanz der Sonnen,
    Der Bergstrom stürzt in düstern Katarakten:

    So stürzt, aus himmelnahem Quell geronnen,
    Vertosend einsam in des Liedes Takten,
    In öde Nacht sich meiner Liebe Bronnen!
    _____

    Kalt und herzlos lächelst du, stolze Schöne!
    Unfruchtbar ist Liebe zu dir, wie
    Sehnsucht,
    Heiß entbrannt für göttlichen Formenreiz in
    Farben und Marmor!
    _____


    Ermüde nicht!

    Mein sehnend Herz, ermüde nicht zu lieben,
    Ermüde nicht zu klagen und zu dichten,
    Ermüde nicht, im Liede zu berichten,
    Durch wen du leidest, und in welchen Trieben!

    Oft rührt die Mädchenherzen zart geschrieben,
    Die Klage, die gesprochen rührt mit nichten,
    Und mußt auf Myrth' und Rose du verzichten,
    Getrost, dir ist der Lorbeer doch geblieben!

    Sehnsucht ist Weihe für den Dichterorden:
    Sie hat die gold'ne Lyra den Poeten
    Gestimmt, so viel geblüht in Süd' und Norden;

    Die seufzten all' in solcher Triebe Ketten,
    Und wären sie der Liebe froh geworden,
    Nie hätten sie des Ruhmes Höh'n betreten!
    _____


    Gemma

    Schlanke Lilje, schlanke Lilje,
    Schöne Tochter der Lagunen,
    Hast du dir noch nicht gedeutet
    Meines Blickes glüh'nde Runen?

    Ach, wann stillst du diese
    Sehnsucht,
    Die so rein in dir entzückt ist,
    Stets dich sucht und nie dich findet,
    Und auch suchend schon beglückt ist;

    Die mich Tag für Tag des Abends
    Unter strahlenden Arkaden
    Fernher lockt auf deine Spuren,
    Süß umrauscht von Serenaden?

    Schmerzlich freu' ich mich der
    Sehnsucht,
    Stets erneuerten Genusses,
    Eh' ich sterbe, schönste Donna,
    In der Wonne deines Kußes!
    _____

    Über die Klüfte weg
    Baut sich die Liebe
    Nächtlich den gold'nen Steg
    Schönste, zu dir!
    Mitten im nächt'gen Graus
    Fördern die Triebe
    Selig des Wunderbau's
    Prangende Zier!

    Sehnsucht, sie legt den Grund,
    Sie, die so offen
    Auch aus geschloss'nem Mund
    Immer dich ruft!
    Aber die Wölbung spannt
    Mächtiges Hoffen
    Muthig von Rand zu Rand
    Über die Kluft!
    _____

    Wohl ist mein Herz aus leicht entzündbar'n Stoffen,
    Doch selten thut mir Frauenreiz Genüge;
    Kalt weht mich an als eine schöne Lüge,
    Was erst wie Himmelszauber mich getroffen.

    Und doch ist Liebe noch mein höchstes Hoffen,
    Auf ihrer Spur geh'n meiner
    Sehnsucht Flüge:
    O fänd' ich liebenswerte, theure Züge,
    Und säh' der Schönheit ganzen Himmel offen!
    _____

     

  • Henry von Heiseler (1875-1928)

    Ich bin bei dir im Schatten,
    Ich bin bei dir im Licht,
    Die
    Sehnsucht, die wir hatten,
    Sie quält uns länger nicht.

    Welch neues Glück beginnt hier,
    Seitdem das Unheil wich?
    Denn bei einander sind wir
    Kein Mensch, nur du und ich.

    Der Schatten ging zunichte,
    Jetzt wandelt nur das Licht
    Von deinem Angesichte
    Zu meinem Angesicht

    Und Liebe wird zu Worten
    Und
    Sehnsucht wird Gesang
    Und sprengt die letzten Pforten
    In ihrem überschwang.
    _____

     

  • Karl Henckell (1864-1929)

    Rose der
    Sehnsucht

    Es schläft der Park und brodelt Mittagsträume,
    Die Schwäne ziehn, verstohlene Lüfte säuseln.
    Feuchtglänzend schimmern die Magnolienbäume,
    Indes die Pappeln silberhoch sich kräuseln.

    Mich lockt vom Beet die dunkelrote Rose,
    Die ihrer Schwestern hellen Kranz besiegt -
    Und so bist du, wenn königlich das lose,
    Nachtschwarze Haar dir um die Schultern fliegt.

    Müd hing mein Arm noch auf der Ruhbank Rücken,
    Jetzt hebt ein Wunsch ihn mit der
    Sehnsucht Schwingen:
    Er will vom Beet die dunkle Rose pflücken
    Und innig, ach, dein schönes Haupt umschlingen.
    _____


    Vollmond am See

    Mondlicht durch die Platanen rinnt,
    Welle schlägt ans Gestade,
    Vollmond silberne Streifen spinnt
    Über die feuchten Pfade.

    Jetzt mit dir, Geliebte, so
    Leicht in den Lichttanz tauchen,
    Überrieselt vom Mondentau
    In abgründiger Himmel Blau
    Unser
    sehnsuchtschwellendes Herz verhauchen!
    _____


    Samtrose

    Samtrose, die sie zärtlich mir gesandt,
    Samtrose, selbst gepflückt von ihrer Hand!
    Ein schwerer Duft, ein dunkeltiefes Rot,
    Wie ihre Wange, wenn sie lustdurchrieselt loht.

    Samtrose, deinen Hauch einatm ich lang,
    Aus deinem Kelche quillt ein süßer Klang.
    Liebend ein Silberstimmchen gaukelt empor,
    Samtrose, lauschend, lauschend leg ich an dich das Ohr.

    Samtrose, die berührt ihr feiner Mund,
    Nun will auch ich dich küssen wonnewund.
    In deinem Kelch, an dem sie zart getrunken,
    Sind meine Lippen, zitternder
    Sehnsucht voll versunken.
    _____

     

  • Max Herrmann-Neiße (1886-1941)

    O meines Herzens tiefste Feuerbrände,
    O jedes Lied, das
    Sehnsucht mir erdacht
    O Deine Hände, Deine weißen Hände,
    O alles, was in ihnen weint und lacht!
    _____

    Warum müssen meine Hände welk werden
    Vom langen Warten!
    Warum bringst du mir nicht deine Wunder
    In die umflorten Dämmerstunden wieder,
    Wo meine
    Sehnsucht hungrig hockt!
    Wo blüht dein Schoßhaar weichgelockt,
    Wo gibst du dich mit Heilandes Gebärden -
    O zaghaft zarten! -
    Und windest Wunder
    Um Jünglingsglieder?
    _____


    Zweifelangst

    Du: Verlorenheit an Flammenflüssen,
    Blondes Blühen zwischen Taumelküssen -
    Weiß ich denn, was deine
    Sehnsucht zittert,
    Wenn mein Blut in deinem Schoß gewittert?

    Tanzt sie mit den braunen Bronzegöttern,
    Spielt sie sich zu den gefeiten Spöttern,
    Hat sie mich, wenn ich mein ganzes Leben
    Dir verließ, nicht längst schon preisgegeben?

    Bebt sie mit den Bäumen, grünt in Gräsern,
    Bauscht die Töne den Posaunenbläsern,
    Streichelt Bettler, singt Artisten sicher,
    Zaubert Hütten hell und heimatlicher?

    Breitet weichen Weg den Unbeschuhten,
    Weckt wohltätig, die in Welksein ruhten - -
    Weiß ich denn, wenn ich in dir gebettet
    Bin, wohin sich deine
    Sehnsucht rettet?
    _____


    Aus
    sehnsuchtsschweren Tagen

    In diesen Tagen, da ich ohne dich soll sein,
    reift soviel Zärtlichkeit und wartet dein,
    und meine Liebe leuchtet wie ein Glas voll Wein,
    das dir den Willkommtrunk kredenzen will
    und dich an meines Gartens Grenzen still
    begrüßen und ganz ohne Worte sagen:
    "Kehr' wieder, bitte, bei mir ein
    und laß von meinem Herzen wieder dir die Stunden schlagen!"

    In diesen Tagen, da ich ohne dich soll sein,
    legt sich Liebkosung zu Liebkosung gleich Perlenangebinden,
    daß du mit ihnen wieder deine Schönheit schmückst,
    wenn du dich über meine Augen bückst,
    wirst du An-dich-Gedenken wie dein treu bewahrtes Abbild wiederfinden,
    und wie du von den Linden
    die schwülen Düfte pflückst,
    sollst du aus meinen
    Sehnsuchtswunden einen Kranz um
    deine Schläfen winden.

    Denn diese Tage sind von dir erfüllt
    bis an den Rand, - bin ich nicht nur dein Kleid?
    Bin Schattenleib, der meine Seele, dich, umhüllt,
    dich mein Unsterbliches! Und wie ich schreite,
    geh' ich nur immer deinem Schritt entgegen,
    und so werd' ich heut nacht zur Ruh' mich legen,
    daß ich in deine Träume gleite
    und unsre Hochzeit wird aus Ruderschlag zu dir und Herzeleid.
    _____

    Je mehr du mich verläßt, desto lieber muß ich dich haben;
    je älter ich werde, desto jungenhafter bin ich in dich verschwärmt.
    Wieder hat sich heut mit der schüchternen
    Sehnsucht des Knaben
    mein alterndes Herz nach dir gesehnt, um dich gehärmt.
    _____


    Sehnsuchts-Verse

    Mir ist so bang in diesem fremden Ort:
    Du läßt mich lang auf eine Nachricht warten.
    Sonst kamen Telegramme, Briefe, Karten.
    Doch wo bleibt jetzt ein kleines Liebeswort?

    Wie oft am Tage laufe ich zur Post!
    Der Mann am Schalter ist schon ungehalten.
    Kann Deine Liebe plötzlich so erkalten?
    Mein
    Sehnsuchtsnotruf funkt nach West und Ost.

    Wo find ich eine Ahnung Deiner Spur?
    Die Winde wissen nichts von Deinen Schritten,
    und auch Dein Sternbild läßt sich nicht erbitten,
    und unzugänglich schweigen Fluß und Flur.

    Schon wittert meine Furcht Dich in Gefahr
    und träumt um Dich die schlimmsten Abenteuer.
    Die stumme Wacht der Nacht scheint nicht geheuer.
    Ist unsrer Liebe Bündnis nicht mehr wahr?

    Führt Dich das Unbekannte so weit fort,
    daß Deine Rufe mich nicht mehr erreichen?
    Wo Du auch immer seist, gib mir ein Zeichen!
    Mir ist so bang in diesem fremden Ort.
    _____

    O, die
    Sehnsucht nach dir umweht
    immer und immer meinen verirrten Geist,
    wie der Wind um das Gebet
    segelnder Luftpiloten kreist.

    Sonne meinen weißen Boten!
    Du mein See Genezareth!
    Meine Inbrunst schwebt über dir als silberne Taube ...
    An deinen Ufern kniet im Staube
    schluchzend dein Prophet.
    _____

    Verström mich in dein Blut, das schwerer schwillt
    und voller sich zu runden Früchten reiht!
    Ich bin dir immer Gast, und dennoch ungestillt
    und
    sehnsuchtstoll nach dir in alle Ewigkeit!
    _____


    Bald werd ich bei dir sein ...

    Bald werd ich bei dir sein ...
    über ein Kleines
    ist meine
    Sehnsucht ein
    Lächeln beim Lampenschein ...

    über ein Kleines
    weiß ich, wenn Wandrer gehn,
    daß ihnen Wiedersehn
    zärtlich beschieden ...

    dort: in der Schmiede
    springt aus dem Feuerschein
    Purpur wie Willkommenwein -

    bald werd ich bei dir sein!

    über ein Kleines ...
    _____

    Du bist so fern. Ich höre nach dir hin
    über den Großstadtlärm, über Cafémusik,
    die dir nah ist ... Ich härme mich, daß ich schwieg:
    ich hab' dich gern, auch wenn ich Abwehr bin.

    Manchmal ist Schnee um alles, was ich will:
    Sehnsucht ist eingeschneit, Leidenschaft, Liebesmacht.
    Und wie ein Wächter schreite ich durch die Nacht,
    aber ich steh vor deinem Fenster still.
    _____

     

  • Paul Heyse (1830-1914)

    Trennt euch zuweilen,
    Ihr glücklich Liebenden!
    Ach, nur die Ferne
    Glüht Seel’ und Seele
    Magisch zusammen;
    Ach, nur die
    Sehnsucht
    Vermählt euch ganz!
    _____

     

  • Ludwig Jacobowski (1868-1900)

    Und wie ich stehe am Fenster allein
    Und lausche der Winde Sturmeslied,
    Da fällt mir ein Strahl in das Herz hinein,
    Daß weiche
    Sehnsucht die Seele durchzieht.

    Ein Sehnen so mild das Herz umwallt,
    Es ist wohl lockende Frühlingsmahnung,
    Die das klopfende Herz voll Allgewalt
    Durchströmt mit süßer Liebesahnung.
    _____

    Wenn ich in
    Sehnsuchtsglut erbebe
    Nach einem Herzen unschuldsrein,
    Dann hüll' ich mich in's Truggewebe
    Holdsel'ger Liebesträume ein.

    Und eine Welt bau' ich, im Glanz
    Von tiefer Neigung süßen Scherzen,
    Und wind' mir einen Dornenkranz
    Von selbstgewollten Liebesschmerzen.
    _____


    Sehnsucht

    Alte Gruben schaufle um,
    Tiefer werden sie und breiter;
    Altes Leid wird nimmer stumm,
    Denn im neuen schluchzt es weiter.

    Alter Wein, der unversehrt,
    Kocht in seines Saftes Gluten;
    Alte
    Sehnsucht schwillt und nährt
    Sich vom eigenen Verbluten.
    _____


    Auf fremdem Stern ...

    Auf fremdem Stern will ich dir's sagen,
    Wie meine
    Sehnsucht mich gequält,
    Und wie selbst meinen holdesten Tagen
    Das allerholdeste gefehlt.

    Wohl küßt' ich manche Mädchenblüte,
    Ach, süße Lippen blüh'n genug.
    Und doch, es war nicht deine Güte,
    Dein Lächeln nicht, dein Händedruck.
    _____


    Ich habe manches Weib geliebt ...

    Ich habe manches Weib geliebt,
    Dies gab mir ihre Seligkeit;
    Am Ende war's nur Bitterkeit
    Und Schmerzen, die kein Mann vergiebt.

    O, blüht denn nie das Wunderfest,
    Das Glück, das so in Fülle steht,
    In
    Sehnsucht kommt, in Sehnsucht geht,
    Und doch noch
    Sehnsucht hinterläßt.
    _____

     

  • Isabelle Kaiser (1866-1925)

    Nachtbild

    Blasser werden meine Wangen,
    Müd und leise wird mein Gang,
    Und ein zitterndes Verlangen
    Bebt durch meiner Lieder Klang.

    Ruhlos lieg' ich in der Kammer
    Nachts, wenn Winterstürme wehn
    Und die
    Sehnsucht und der Jammer
    Klagend durch den Garten gehn.

    Bebend öffne ich mein Fenster,
    Ruf': "Gesellen, schlafet ein!"
    Ach! da huschen die Gespenster
    Atemlos zu mir herein.
    _____

     

  • Theodor Körner (1791-1813)

    Mein Lieben, mein glühens unendliches Lieben,
    Wo ist all das andere Treiben geblieben?
    Versunken in
    Sehnsucht nach deinem Licht
    In den einen Wunsch, der für alle spricht.
    _____


    Sehnsucht der Liebe

    Wie die Nacht mit heil'gem Beben
    Auf der stillen Erde liegt!
    Wie sie sanft der Seele Streben,
    Üpp'ge Kraft und volles Leben
    In den süßen Schlummer wiegt!

    Aber mit ewig neuen Schmerzen
    Regt sich die
    Sehnsucht in meiner Brust.
    Schlummern auch alle Gefühle im Herzen,
    Schweigt in der Seele Qual und Lust:
    Sehnsucht der Liebe schlummert nie,
    Sehnsucht der Liebe wacht spät und früh.

    Leis wie Äolsharfentöne
    Weht ein sanfter Hauch mich an.
    Hold und freundlich glänzt Selene,
    Und in milder, geist'ger Schöne
    Geht die Nacht die stille Bahn.

    Aber auf kühnen, stürmischen Wegen
    Führt die Liebe den trunkenen Sinn.
    Wie alle Kräfte gewaltig sich regen!
    Ach, und die Ruhe der Brust ist dahin!
    Sehnsucht der Liebe schlummert nie,
    Sehnsucht der Liebe wacht spät und früh.

    Tief im süßen, heil'gen Schweigen
    Ruht die Welt und atmet kaum,
    Und die schönsten Bilder steigen
    Aus des Lebens buntem Reigen,
    Und lebendig wird der Traum.

    Aber auch in des Traumes Gestalten
    Winkt mir die
    Sehnsucht, die schmerzliche, zu,
    Und ohn' Erbarmen, mit tiefen Gewalten,
    Stört sie das Herz aus der wonnigen Ruh.
    Sehnsucht der Liebe schlummert nie,
    Sehnsucht der Liebe wacht spät und früh.

    So entschwebt der Kreis der Horen,
    Bis der Tag im Osten graut.
    Da erhebt sich neugeboren
    Aus des Morgens Rosentoren
    Glühendhell die Himmelsbraut.

    Aber die
    Sehnsucht in meinem Herzen
    Ist mit dem Morgen nur stärker erwacht;
    Ewig verjüngen sich meine Schmerzen,
    Quälen den Tag und quälen die Nacht.
    Sehnsucht der Liebe schlummert nie,
    Sehnsucht der Liebe wacht spät und früh.
    _____

     

  • Nikolaus Lenau (1802-1850)

    Die bezaubernde Stelle

    Liebende, die weinend mußten scheiden, -
    Wenn nach heißer
    Sehnsucht langen Leiden
    Sie ans Herz sich endlich dürften pressen,
    Würden sich zu küssen hier vergessen.
    _____

     

  • Heinrich Leuthold (1827-1879)

    Alle
    Sehnsucht ruft vergebens
    Wie ein Ach, im Wind verhaucht,
    Einem Glück, das in des Lebens
    Dunkeln Strom hinabgetaucht.
    _____


    Ave Maria

    Mit ihren Wonneschauern naht sie sacht,
    Auf leichten Sohlen wandelt sie einher,
    Die sanfte Zauberkönigin, die Nacht,
    Und ihres Sternenmantels stille Pracht
    Ausspannt sie langsam über's Mittelmeer. -
    Vom Kirchlein, einsam auf dem Fels am Strand,
    Weht leises Läuten über Meer und Land;
    Sonst Alles still; - nur durch das Schilf spielt lind
    Der Abendwind.
    Ave Maria!

    Ich aber steure läßig meinen Kahn;
    Des Weltengeistes Odem lausch' ich stumm,
    Und meine Seele taucht, ein weißer Schwan,
    Sich in der
    Sehnsucht stillen Ozean;
    Die Liebe sei mein Evangelium ...
    Im Norden fern im engen Kämmerlein
    Weint jetzt ein blondes Kind und denket mein. -
    Die jedes Glück, die mir den Frieden lieh
    Und Poesie,
    O sei gegrüßt, Marie!
    _____


    Sehnsucht

    Was weckst du mich auf in der thauigen Nacht,
    Du
    sehnsuchtflötende Nachtigall?
    Nun ist mit deinem melodischen Schall
    Auch ein Widerhall
    Vergangenen Glücks erwacht.

    Wie heute schlugst du im Lindenbaum ...
    Ich herzte und küßte mein rosiges Kind;
    Die Saiten der Liebe erbebten gelind
    Wie Harfen im Wind ...
    O seliger Maientraum!

    Und als ich gekommen nach manchem Jahr,
    Da schwammen in Thränen die Aeugelein blau,
    Der Lenz in dem Herzen, der Lenz auf der Au
    War hin, weil ein Thau
    Auf beide gefallen war.

    Was lockst du mich wieder mit dunkler Gewalt,
    Mit Lügen von Lenz und von Liebeslust?
    Da längst doch verdorrt in der eigenen Brust
    Der schwellende Blust
    Und die jubelnden Lieder verhallt.

    O Nachtigall, flötend im Lindenbaum!
    Der Frühling vergeht und die trügende Gunst
    Der Götter ... Was soll uns die fröhliche Kunst?
    Die Liebe ist Dunst
    Und das flüchtige Leben ein Traum.
    _____

     

  • Detlev von Liliencron (1844-1909)

    Sehnsucht

    Ich ging den Weg entlang, der einsam lag,
    Den stets allein ich gehe jeden Tag.
    Die Haide schweigt, das Feld ist menschenleer;
    Der Wind nur webt im Knickbusch um mich her.
    Weit liegt vor mir die Straße ausgedehnt;
    Es hat mein Herz nur dich, nur dich ersehnt.
    Und kämest du, ein Wunder wärs für mich,
    Ich neigte mich vor dir: ich liebe dich.
    Und im Begegnen, nur ein einziger Blick,
    Des ganzen Lebens wär es mein Geschick.
    Und richtest du dein Auge kalt auf mich,
    Ich trotze, Mädchen, dir: ich liebe dich.
    Doch wenn dein schönes Auge grüßt und lacht,
    Wie eine Sonne mir in schwerer Nacht,
    Ich zöge rasch dein süßes Herz an mich
    Und flüstre leise dir: ich liebe dich.
    _____


    Tiefe
    Sehnsucht

    Maienkätzchen, erster Gruß,
    Ich breche dich und stecke dich
    An meinen alten Hut.

    Maienkätzchen, erster Gruß,
    Einst brach ich dich und steckte dich
    Der Liebsten an den Hut.
    _____

    Breite um Nacken und Hals mir die Arme,
    Lege dein Haupt an die klopfende Brust.
    Daß ich an deinem Herzen erwarme,
    Breite um Nacken und Hals mir die Arme;
    Siehst du nicht, daß ich vergeh im Harme
    Mächtige
    Sehnsucht nach Liebe und Lust?
    Breite um Nacken und Hals mir die Arme,
    Lege dein Haupt an die klopfende Brust!
    _____

     

  • Thekla Lingen (1866-1931)

    Erwartung

    Mein still Gemach füllt deiner Rosen Duft,
    Und meine
    Sehnsucht webt in Träumen
    Dein Bildnis in die Luft -
    O kämst du doch!
    Was soll dein Säumen?
    Führt dich kein Wunsch in meine Nähe?
    Ich drücke an die Scheiben mein Gesicht
    Und spähe - -
    Der Mond steht längst im Garten,
    Durch stille Zweige bricht sein weisses Licht -
    Dich seh ich nicht!
    _____


    Unrast

    Schon harrst du gesattelt, mein wildes Ross,
    Hier drinnen ist's schwer und schwül!
    Hinaus, hinaus! ... Es schläft mein Genoss
    Tiefatmend auf heissem Pfühl.

    Hinaus, hinaus ohne Zügel und Zaum
    Und ziellos im sausenden Ritt!
    Frau
    Sehnsucht, die kennet nicht Zeit und nicht Raum,
    Frau
    Sehnsucht, sie reitet ja mit!

    Hinweg über Tiefen, durch Schatten der Nacht
    Hinüber zu leuchtenden Höhn,
    Dahin, wo Gottvater am Lebensquell wacht,
    Gottvater ins Auge zu sehn.

    Und weiter und weiter im sausenden Ritt
    Mit Sonnen und Sternen im Spiel!
    Frau
    Sehnsucht, die Süsse, sie reitet ja mit -
    Wo ist ihren Wünschen ein Ziel?

    Und wir irren und suchen, bis Morgenrot
    Die bleichenden Sterne grüsst,
    Bis mir der Schlummer all meine Not
    Von pochender Schläfe küsst.
    _____


    Sehnsucht

    So still und heiss ist die Sommernacht,
    Da bin ich jäh aus dem Schlaf erwacht,
    Am Fenster duften die Linden -
    Die
    Sehnsucht sitzt auf des Bettes Rand
    Und winkt und winkt mit verstohlener Hand,
    Und ich kann keinen Schlaf mehr finden.

    Von fernher das Meer herüberrauscht,
    Es zittert mein banges Herz und lauscht,
    Kann nimmer den Morgen erwarten -
    Weich geht der Nachtwind und seufzt und klagt,
    Und ich folge hinaus, hinaus in die Nacht,
    In den sommerduftenden Garten ...
    _____


    Neue
    Sehnsucht

    Wie ward so still mein Herz!
    Wie schlummern meine Wünsche nun
    So traumlos tief;
    Sie ruhn,
    Mit müdem Flügel heimgekehrt.
    Schwer drückt der Schlaf sie nieder
    In stumme Nacht,
    Dass jähe Angst mich fasst -
    O wären sie doch wieder zum Licht erwacht! ...
    Zu lange währt der Friede,
    Der sie birgt in seinem Schoss,
    Und ist ihr Los,
    Zu sterben den stillen Tod der Müden,
    Zu vergehn,
    Noch ehe sie die starke That gesehn -
    Dann muss ich weinen auf ihr frühes Grab!
    Es hat der Friede sie getötet,
    Ich habe um ihren Tod gebetet,
    Da ich sie in den Schlaf gesungen hab' -
    Nun bangt mir vor der Nacht -
    O wären sie doch wieder zum Licht erwacht! ...
    _____


    Zur Dämmerstunde war's -

    Zur Dämmerstunde war's,
    Zur schlimmen Zeit -
    Und deine Rosen dufteten im Zimmer,
    Ins Fenster brach der letzte Abendschimmer -
    Und meine
    Sehnsucht ging so weit.

    Sie suchte dich -
    Wie dufteten die Rosen!
    Und lechzend barg ich mein Gesicht hinein
    Und sog die süssen, süssen Düfte ein -
    Wie fühlt' ich deine Wünsche mich umkosen!

    O kämst du jetzt,
    Wie würde ich dich lieben! ...
    Ich ging und sperrte weit mein Fenster auf -
    O Lust! da kamst die Strasse du herauf,
    Von gleicher
    Sehnsucht zu mir hergetrieben.

    Und wie im Traum blieb ich am Fenster stehn
    Und nickte stumm - Du stürmtest in das Haus,
    Breitetest schweigend deine Arme aus - -
    Es musste sein - So ist es denn geschehn!
    _____

     

  • Feodor Löwe (1816-1890)

    Kannst du den Sprosser deshalb schelten,
    Daß er an seines Weibchens Nest
    Aus liederreicher Brust die Töne
    Wie Trauersänge schallen läßt?

    Daß er voll unbekannter
    Sehnsucht
    In wehmuthvollen Klängen schlägt,
    Da doch der Zweig, auf dem er flötet,
    Sein Haus und seine Liebe trägt?

    Darf er in Liedern nicht mehr klagen,
    Dann schweigt auf ewig sein Gesang;
    Denn Balsam ist dem kleinen Sänger
    Aushauchen all' den Schmerzensdrang.

    So lass' auch mir an deiner Seite
    Der unbekannten
    Sehnsucht Schmerz!
    Darf ich nicht singen mehr von Leiden,
    Dann zuckt in ew'gen Leid mein Herz.
    _____

     

  • Hermann Löns (1866-1914)

    Frühlingsabend

    Der Abendstern blinkt durch die Zweige,
    Es schwimmt der Wald in blauem Duft,
    Die allerletzte Drossel flötet,
    So weich und milde ist die Luft.

    Die gelben Haselkätzchen zittern
    Im Abendwinde hin und her,
    Ich träume in den Frühlingsabend
    Und meine Brust seufzt tief und schwer.

    Es ist ein Seufzer voller
    Sehnsucht,
    Halb ist es Leid, halb ist es Lust,
    Auch du denkst meiner diese Stunde,
    Schwer hebt sich jetzt auch deine Brust.
    _____


    Sehnsucht

    Die Lungenblumen blühen
    Aus dunkelgrünem Moos,
    Mein Herz das bebt und zittert
    Meine
    Sehnsucht ist so groß.

    Die beiden blauen Blüten
    Erinnern mich so sehr
    An deine lieben Augen,
    Mein Herz das schlägt so schwer.

    Es geht ein Zittern und Beben
    Durch meiner Seele Grund,
    Rot ist die eine Blüte,
    Rot wie dein roter Mund.
    _____


    Voll Seufzen und
    Sehnsucht

    Die silbernen Espenkätzchen
    Zittern im Abendwind,
    Ein bläuliches Gedämmer
    Die Blöße überspinnt.

    Des Mondes goldene Sichel
    Hinter den Eichen steht,
    Ein heimliches Geflüster
    Durch die Büsche geht.

    Über die Tannenkronen
    Lautlos die Eule zieht,
    Hinten, ganz hinten im Walde
    Ruft sie ein Liebeslied.

    Durch das Schweigen des Waldes
    Zog es dich zu mir,
    Ein Lied voll Seufzen und
    Sehnsucht
    Das schrie und rief nach dir.
    _____

     

  • Ernst Wilhelm Lotz (1890-1914)

    Sterne der Nacht ...

    Sterne der Nacht, ihr leuchtet so schön!
    Mild und klar strahlt ihr des Frühlings
    Volle
    Sehnsucht mir ins Blut. -
    Wie die Augen der Geliebten
    Leuchten in der Nacht -:
    In der Liebesnacht.
    _____


    Das war in der Nacht ...

    Das war in der Nacht:
    Die Nacht duftete von Opferbränden,
    Die hatte jemand der Liebesgöttin dargebracht:
    Mit zitternden Händen
    Hatte er von
    Sehnsucht ein Feuer angefacht;
    Die Flammen knisterten, die Funken sprühten
    In gotthohe Ferne -:
    Du sahst, wie sie droben glühten:
    Liebessterne.
    _____

     

  • Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942)

    Sehnsuchtslied

    Leise schlägst in deinem Lied du einen Ton an -
    und dir ist, als fehlte noch etwas.
    Und du suchst verwirrt bei allen Tönen,
    ob sie dir nicht sagen können,
    wo's zu finden, wo und wie und wann...
    Doch der eine ist zu blaß
    und zu lüstern ist der zweite
    und der dritte ist so voll mit Weite -
    viel zu voll.

    Du suchst lange - Moll und Dur und Moll
    werden lebend unter deinen Händen.
    Und dann schlägst du plötzlich eine Taste an,
    und - es kommt kein Ton.
    Und das Schweigen ist dir wie ein dumpfer Hohn,
    denn du weißt es plötzlich ganz genau:
    Dieser fehlt dir. Wenn ihn deine Hände fänden,
    fiele ab von deinem Lied der Bann,
    war' das Ende nicht mehr leer und grau.

    Und du rührst und rührst die Taste -
    fragst dich, wo hier wohl die Hemmung liegt,
    suchst, ob nicht doch deiner Hände Weiche siegt,
    deine Augen betteln voll Verlangen.
    Kein Ton kommt. Einsamkeit bleibt nun zu Gaste
    in dem Lied, das dir so schwer und süß gereift.

    Um den ungespielten Ton wirst du nun ewig bangen,
    bangen um das Glück, das dich nur leicht gestreift
    in den leisen Nächten, wenn der Mond dich wiegt
    und die Stille deine Tränen nicht begreift.
    9.1.1941
    _____

    Ich möchte leben.
    Schau, das Leben ist so bunt.
    Es sind so viele schöne Bälle drin.
    Und viele Lippen warten, lachen, glühn
    und tuen ihre Freude kund.
    Sieh nur die Straße, wie sie steigt:
    so breit und hell, als warte sie auf mich.
    Und ferne, irgendwo, da schluchzt und geigt
    die
    Sehnsucht, die sich zieht durch mich und dich.
    Der Wind rauscht rufend durch den Wald,
    er sagt mir, daß das Leben singt.
    Die Luft ist leise, zart und kalt,
    die ferne Pappel winkt und winkt.
    _____


    Das Glück

    Schlafen möcht' ich,
    Der Wind wiegt mich ein,
    Und die
    Sehnsucht singt mich zur Ruh'.
    Weinen möcht' ich.
    Schon die Blumen allein
    Flüstern Tränen mir zu.

    Sieh die Blätter:
    Sie blinken im Wind
    Und gaukeln Träume mir vor.
    Ja und später -
    Lacht wo ein Kind,
    Und irgendwo hofft ein Tor.

    Sehnsucht hab' ich
    Wohl nach dem Glück?
    Nach dem Glück.
    Fragen möcht' ich:
    Kommt es zurück?
    Nie zurück.
    18.8.1941
    _____

    Ich bin in
    Sehnsucht eingehüllt, ich sehne mich
    nach dir. Mein heißes
    Sehnsuchtslied erfüllt
    die Welt und mich mit ihr.
    _____

    So tragen wir beide dasselbe Leid, ein jeder für
    sich allein. Mich krönt aus Tränen ein schweres
    Geschmeid' und dich ein
    Sehnsuchtsedelstein.
    Und der Wind singt uns beiden den ewigen Sang
    von Sehnen und Verzicht, doch auch wenn es
    dir zum Sterben bang - du rufst mich trotzdem nicht.
    _____


    Schlaflied für die
    Sehnsucht
    (Zu singen nach der Melodie
    "di zun iz fargangen" von M. Gebirtig)

    O lege, Geliebter,
    den Kopf in die Hände
    und höre, ich sing' dir ein Lied.
    Ich sing' dir von Weh und von Tod und vom Ende,
    ich sing' dir vom Glücke, das schied.

    Komm, schließe die Augen,
    ich will dich dann wiegen,
    wir träumen dann beide vom Glück.
    Wir träumen dann beide die goldensten Lügen,
    wir träumen uns weit, weit zurück.

    Und sieh nur, Geliebter,
    im Traume da kehren
    wieder die Tage voll Licht.
    Vergessen die Stunden, die wehen und leeren
    von Trauer und Leid und Verzicht.

    Doch dann - das Erwachen,
    Geliebter, ist Grauen -
    ach, alles ist leerer als je -
    Oh, könnten die Träume mein Glück wieder bauen,
    verjagen mein wild-heißes Weh!
    _____

     

  • Emerenz Meier (1874-1928)

    Sehnsucht

    Der Abend kommt, der Wind durchstreift
    Das düstre Waldrevier.
    Ich schau ins Tal, so herbstlich still,
    Und sehne mich nach dir.

    Der Nebel wallt so grau und schwer,
    Er drückt die Höhen schier.
    Die Sonne rötet scheidend ihn, -
    Ich sehne mich nach dir!

    Wann war's, als du zu gleicher Stund
    Wie Glück begegnet mir,
    Und wann, als uns das Schicksal schied? -
    Ich sehne mich nach dir. -

    O hätt ich niemals dich gesehn,
    Wie stünd ich froh dann hier!
    So blieb vom kurzen Glückstraum mir
    Die
    Sehnsucht nur nach dir.
    _____

     

  • Christian Morgenstern (1871-1914)

    Sehnsucht

    Dort unten tief im Dämmer-Grunde,
    wo nun so wach die Wasser gehn,
    und hier verstreut und da im Bunde
    die mondumwobnen Villen stehn,

    dort hast du nun mit all den andern
    zur sanften Ruhe dich gelegt,
    indes dem Freund allein im Wandern
    das Blut sich minder ruhlos regt...

    Schlaf' süß in deinem Silbertale,
    mein Dunkelauge, Rätselkind,
    gegrüßt von jedem reinen Strahle,
    der selig in die Tiefe rinnt!

    Schlaf' süß! und sieh den Freund im Traume
    sich nächtlicher Natur vertraun
    und von des Bergwalds dunklem Saume
    verzückt und schmerzlich niederschaun!
    _____


    Sehnsucht

    Hier in Bergeseinsamkeiten
    brennt mein Wesen, dich zu halten,
    Zu entrückten Wirklichkeiten
    unsre Träume zu gestalten;
    unter diesen Tannen möcht ich
    mit dir wandern, Mund an Munde,
    und mit deinem Braunhaar flöcht ich
    uns in eins zu zartem Bunde...

    Bis den allzutraut Verschlungnen
    sich die Schritte bang verwirrten
    und der Leidenschaft-Bezwungnen
    Blicke heiß die Runde irrten:
    Daß auf sanften Mattenlehnen
    eine treu umbuschte Stelle
    ihrer Jugend starkem Sehnen
    heimlich hold entgegenschwelle.

    O wie wollten wir hier oben,
    Liebste, Tag und Nacht verküssen,
    allem Sittenwahn enthoben,
    aller Vorsicht trocknen Schlüssen!
    Komm, o komm durch alle Weiten!
    Laß uns hier im Bergesgrunde
    feiern unsrer Hohen Zeiten
    unaussprechlich süße Stunde!
    _____

    Ich wache noch in später Nacht und sinne,
    wie ich dir etwas Liebes sagen möchte,
    daß ich dir einen Kranz von Worten flöchte,
    daraus du würdest meiner
    Sehnsucht inne,

    die mich nach deiner Gegenwart erfüllet,
    als wär' ich nur bei Dir gewahrt vor Sorgen,
    als lebt' ich nur in Deinem Blick geborgen,
    dem teuren Blick, der mich in Liebe hüllet.
    _____


    Leise Lieder...

    Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
    Lieder, die kein sterblich Ohr vernimmt,
    noch ein Stern, der etwa spähend wacht,
    noch der Mond, der still im Äther schwimmt;

    denen niemand als das eigne Herz,
    das sie träumt, in tiefer Wehmut lauscht,
    und an denen niemand als der Schmerz,
    der sie zeugt, sich kummervoll berauscht.

    Leise Lieder sing ich dir bei Nacht,
    dir, in deren Aug mein Sinn versank,
    und aus dessen tiefem, dunklen Schacht
    meine Seele ewige
    Sehnsucht trank.
    _____


    Liebesbrief

    Vor deiner Kammer singt und singt
    - so schreibst du, Kind - die Nachtigall,
    und, daß der
    Sehnsucht bangen Schall,
    dein Herz so wehvoll widerklingt!

    Gedenkst du noch des Glückes all,
    das uns tiefheimlich einst umringt? ...
    Vor deiner Kammer singt und singt
    - so schreibst du, Kind - die Nachtigall.

    Wenn heut ihr wiederum gelingt
    ihr nächtlich süßer Überfall -:
    Oh denk', ich sei's, der leichtbeschwingt
    von seiner
    Sehnsucht Überschwall
    vor deiner Kammer singt und singt!
    _____

     

  • Eduard Mörike (1804-1875)

    Sehnsucht

    In dieser Winterfrühe
    Wie ist mir doch zumut!
    O Morgenrot, ich glühe
    Von deinem Jugendblut.

    Es glüht der alte Felsen,
    Und Wald und Burg zumal,
    Berauschte Nebel wälzen
    Sich jäh hinab das Tal.

    Mit tatenfroher Eile
    Erhebt sich Geist und Sinn,
    Und flügelt goldne Pfeile
    Durch alle Ferne hin.

    Auf Zinnen möcht ich springen,
    In alter Fürsten Schloß,
    Möcht hohe Lieder singen,
    Mich schwingen auf das Roß!

    Und stolzen Siegeswagen
    Stürzt ich mich brausend nach,
    Die Harfe wird zerschlagen,
    Die nur von Liebe sprach.

    - Wie? schwärmst du so vermessen,
    Herz, hast du nicht bedacht,
    Hast du mit eins vergessen,
    Was dich so trunken macht?

    Ach, wohl! was aus mir singet,
    Ist nur der Liebe Glück!
    Die wirren Töne schlinget
    Sie sanft in sich zurück.

    Was hilft, was hilft mein Sehnen?
    Geliebte, wärst du hier!
    In tausend Freudetränen
    Verging‘ die Erde mir.
    _____


    [An Luise]

    Wahr ists, mein Kind, wo ich bei dir nicht bin,
    Geleitet
    Sehnsucht alle meine Wege,
    Zu Berg und Wald, durch einsame Gehege
    Treibt mich ein irrer, ungeduldger Sinn.

    In deinem Arm! o seliger Gewinn!
    Doch wird auch hier die alte Wehmut rege,
    Ich schwindle trunken auf dem Himmelsstege,
    Die Gegenwart flieht taumelnd vor mir hin.

    So denk ich oft: dies schnell bewegte Herz,
    Vom Überglück der Liebe stets beklommen,
    Wird wohl auf Erden nie zur Ruhe kommen;

    Im ewgen Lichte löst sich jeder Schmerz,
    Und all die schwülen Leidenschaften fließen
    Wie rosge Wolken, träumend, uns zu Füßen!
    _____

     

  • Erich Mühsam (1878-1934)

    Manchmal fühl' ich ein Ahnen,
    ein Sehnen, vor dem mir bangt,
    und weiß nicht, woher es kommt,
    und weiß nicht, wozu es frommt.
    Das zieht und zerrt, und ich weiß nicht wohin,
    weiß nicht, wonach meine
    Sehnsucht verlangt. -
    Ich weiß nur dies: Es ist Liebe darin!
    _____

    Du, ich soll dich wiedersehn
    und deine Hände mit Küssen netzen
    und vor deinen Füßen mein Herz zerfetzen
    und dir meine
    Sehnsucht gestehn.
    Du, - ich will vor dir knien
    und mein Haupt in deinem Schoß vergraben, -
    und du sollst mich wie einen Knaben
    zu dir ans Antlitz ziehn.
    Du - dann will ich zu dir weinen
    und will dich Braut und Mutter nennen, -
    bis uns die Nachtstunden trennen -
    wo nur
    Sehnsüchte uns vereinen.
    _____

     

  • Clara Müller-Jahnke (1860-1905)

    Die eine Saite

    Und wieder spielt der Abend auf den Wogen
    in seiner herbstlich sonnenroten Pracht.
    Auf goldner Straße kommt dahergezogen
    die stille
    Sehnsucht, die so selig macht.
    In lila Purpurdämmrung träumt der Strand.

    Ein lauer Wind aus rosenroter Weite:
    und mir im Herzen tönt die eine Saite, -
    - die du gespannt.
    _____

     

  • Anton Noder (Ps. A. de Nora) (1864-1936)

    Sehnsucht

    Sehnsucht ist der Wünsche Flug,
    Die der Seele schnellster Flügel
    Vorwärts über Tal und Hügel
    In das Land der Liebsten trug.

    An des Hauses Fensterlein
    Pochen sie mit leisem Schlagen:
    Liebchen, höre was wir sagen! -
    Aber niemand läßt sie ein.

    Und sie ziehen ihren Zug
    Rückwärts über Tal und Hügel,
    Langsam, mit gelähmtem Flügel -
    -
    Sehnsucht ist der Wünsche Flug.
    _____

     

  • Alfons Petzold (1882-1923)

    Der ewige Becher

    Deine Liebe ist ein Becher,
    gefüllt mit edlem Wein.
    Ich will der ewig trunkne Zecher
    sein.

    Ich trinke alle Nächte, alle Tage
    und halte einsam fröhliche Gelage,
    mein Mundschenk ist die
    Sehnsucht tief in mir
    nach dir!
    _____

    Du bist die
    Sehnsucht
    und ihre Erfüllung,
    Tiefe der Inbrunst
    und ihre Enthüllung.

    Du gabst den Wurzeln
    Erde zu greifen.
    Nun kann ich blühen
    und herbstzu reifen.
    _____

    Jede Nacht ist eine Stufe
    zur Erfüllung meiner
    Sehnsucht hin
    und auf jeder steh ich lang und rufe
    laut nach Dir mit überwachem Sinn.

    Gläubig hülle ich mein Denken
    in die Seide meiner Liebe ein.
    Einmal wirst Du kommen und im Schenken
    reich wie jetzt in dem Versagen sein.
    _____

    Wie der dürstende Hirsch nach Wasser schreit,
    schrei ich nach Dir, Geliebte, doch du bist weit.

    Durch den Wald meiner
    Sehnsucht stürme ich kreuz und quer,
    doch alle Wiesen und Büsche sind von Dir leer.

    Und dennoch höre ich, wie Du mich leise lockst,
    wie Du da und dort im flüchtigen Laufe stockst.

    O Du, meine Hindin, o Du, mein weißes Reh,
    wir werden beide verbrennen vor
    Sehnsucht im kalten Schnee.
    _____

     

  • August Graf von Platen (1796-1835)

    Sehnsucht

    Wandl' ich im stillen Hain mit Lust,
    Sitz ich an klaren Bächen,
    Da fühl ich was in tiefer Brust
    Unfähig, es auszusprechen.

    Und glänzt mein Bild in der ruhigen Flut,
    Und säuseln die Wipfel der Buchen,
    Da erneuert sich mir die sehnende Glut
    Und mein vergebliches Suchen.

    Was ist es, das innig und tief mich erfüllt,
    Oft heiter, oft düster und trübe?
    Ist's Sehnen nach einem entfernten Gefild?
    Ist's Sehnen nach heimischer Liebe?

    Versteckt in jener Waldung liegt,
    So denk ich oft, mein Eden:
    Ich suche, bis die Eule fliegt,
    Doch hab ich's nie betreten!
    _____

     

  • Luise von Ploennies (1803-1872)

    Zwei Bäume

    Zwei Bäume hab' ich einst im Wald gesehn,
    Die wollten sich einander nahe stehn.
    Sie schau'n sich an voll
    Sehnsucht, möchten gern
    Sich fest umschlingen; doch sie stehn zu fern,
    Denn andrer Grund ist Jedem angewiesen,
    Darin des Lebens starke Wurzeln sprießen.
    So neigt sich Jeder still zum Andern hin,
    Der Eine scheint den Andern anzuzieh'n,
    Bis es zuletzt gelingt den schlanken Zweigen,
    Sich in den Kronen liebend zu erreichen.
    Wie sie die Aeste in einander flechten,
    Sind sie beschirmt von liebevollen Mächten;
    In blauen Lüften, wo die Wolken jagen,
    Da dürfen sie sich ihre
    Sehnsucht klagen.
    Sie dürfen Blüth' um Blüthe selig tauschen,
    An ihren Düften wonnig sich berauschen.
    Sie stehn, vom Licht des Abendroths umglüht,
    Gleich wie von tausend Rosen überblüht;
    Verklärend weben aus der Himmelsferne
    Ihr heilig Licht darum die ew'gen Sterne.

    So möcht' ich mich mit dir zur Höhe schwingen,
    Mit tausend Liebesarmen dich umschlingen,
    Mit meines Herzens innigsten Gedanken
    Dich unauflöslich fassen und umranken.
    So möcht' ich deinem höchsten Leben lauschen,
    So möcht' ich Seel' um Seele mit dir tauschen,
    Hoch über'm düstern Nebelreich der Erden,
    Im Himmelblau mit dir vereinigt werden,
    Wo keines Menschen Augen auf uns sehn,
    Wo nur die Sterne auf und niedergehn.
    _____

     

  • Hermione von Preuschen (1854-1918)

    Schlaf' Kindlein, schlaf'

    Am Fenster sitz' ich, fremd am fremden Strand.
    Die Sonne sank, nur an den Felsen noch
    Spielt Rosengluth; eintönig raunt das Meer
    Ein Wiegenlied der armen
    Sehnsucht zu:
    Schlaf', Kindlein, schlaf! denn wachtest Du, Dir hülfe
    Nicht Glück noch Stern und nur allein die Zeit,
    Die nun sich träge nur vom Rocken spinnt,
    Doch, wenn wir glücklich sind, so eilend flieht.
    Schlaf', Herz, Du
    sehnsuchtkrankes, armes Herz,
    Schlaf', Kindlein, schlaf', Dein Liebster ist ja fern;
    Im Tannenschatten weilt' er wohl bei Tag
    Und dachte Dein und, da der Abend sinkt,
    Presst er die Hände auf das bange Herz
    Und flüstert ihm, wie ich: Schlaf', Kindlein, schlaf'!

    … Am Fenster sitz' ich, fremd am fremden Strand,
    Und kann die
    Sehnsucht nicht zum Schlummer zwingen;
    Wild schreit sie auf und meine Augen schweifen
    Bang' über's Meer, umsonst! Schlaf', Kindlein, schlaf'.
    _____


    Ziellose Liebe

    Die wüsten Wasser durchschneidet der Kiel.
    Wohin ich fahre, - mein fernes Ziel,
    ich kenne es nicht, und die Nacht so schwer
    und so dunkel - das Leben so dunkel und leer. -

    Ein Licht am Ufer - der Sapphosprung!
    Da steigt sie auf, so leuchtend und jung,
    ich seh ihre ragende Lichtgestalt -
    ihr letzter
    Sehnsuchtsschrei verhallt.

    Die Liebe, die Liebe - einziges Ziel,
    mit ihr alle Stürme Kinderspiel.

    Der Sappho Schrei, wie lange vergellt.

    Am Felsen der
    Sehnsucht alles zerschellt!
    _____


    Und überflutet …

    Ich denke dein – und wie die
    Sehnsucht schwillt
    und überflutet meiner Seele Ufer,
    da ruf ich deinen Namen in die Nacht,
    doch keine Antwort kommt mir, keine, keine.

    Fern bist du, fern; - vor meinem innern Blick
    scheinst weiter du zu schweben, immer weiter,
    und meine Arme fassen in das Nichts.
    Doch aller Lebensdrang bäumt sich empor
    noch einmal jach in letzten irren Feuern

    … Ich denke dein und hoch die
    Sehnsucht schwillt
    und überflutet meiner Seele Ufer.
    _____


    Mein Kanaan

    In deinen Augen lag ein Müssen,
    ein Phosphorstrahl,
    dein Mund stieß mir mit weichen Küssen
    ins Fleisch die Qual.

    Am Marterholz der
    Sehnsucht häng ich
    nun festgebannt,
    denn einzig nur bei dir empfind ich
    gelobtes Land.

    Weh! zwischen uns die tiefen Wasser
    durchfurcht kein Kahn
    und ferner schwindet, immer blasser
    mein Kanaan.
    _____

    Lieder der
    Sehnsucht, mit Blut geschrieben,
    von meinem meerestiefen Lieben, -

    sie sollen dem Einen Kunde bringen
    auf ihren tränentauigen Schwingen,

    sie sollen ihm tief in die Seele dringen,
    daß er Wunderwerke möge vollbringen, -

    Lieder der
    Sehnsucht, mit Blut geschrieben
    von meinem meerestiefen Lieben!
    _____


    Der
    Sehnsucht nach

    Rastlos, ruhlos - der
    Sehnsucht nach,
    wandle ich von Gemach zu Gemach.

    In weichen Wolken wogendes Düften,
    ein Vogelträumen verklingt in Lüften,
    auf meinen Lippen deine Worte.
    - In meiner Seele alles verdorrte,
    das nicht in deinen Zungen spricht.
    Das Leben ward mir zum Gedicht,
    das nur in deiner Sprache redet,
    ohne dein Sein im Sand verödet,
    mit dir, vom Morgenschein gerötet,
    um ewige Glut und Schönheit betet -
    und nur verenden will in Bränden,
    die du geschürt mit Dichterhänden.

    ... Ich wandle von Gemach zu Gemach,
    rastlos, ruhlos - der
    Sehnsucht nach!
    _____


    Wie Vögel

    Schmetterlinge schillern und glühn,
    groß wie Vögel -.

    Wunsch und
    Sehnsucht gaukeln und blühn
    wie am Himmel ein Sternensprühn,
    bunt wie Vögel.

    Träume, tolle, erwachen zu Hauf,
    schlagen die toten Augen auf,
    scheu wie Vögel!

    Sterben nach einem einzigen Tag,
    liegen zerstreut über Feld und Hag -
    zahllos wie Vögel!
    _____


    Hungerphantasie

    Wenn der Hunger steigt und die Not der Seele,
    die
    Sehnsucht nach Glück würgt die schmachtende Kehle,
    dann wähnst Du von starker Arme Gewalten
    in Wollustschauern Dich niedergehalten.
    Dann fühlst Du erstickt Dich von saugenden Küssen,
    wähnst in wühlenden Wonnen vergehen zu müssen,
    in wühlenden Wonnen, mysterisch umfacht!
    Und dann wachst Du auf – so allein – in der Nacht
    und reckst die Arme in Finsternissen!
    - Nach Lebensbränden verschmachten müssen,
    das sind die sengensten, zehrendsten Schmerzen,
    die brennende
    Sehnsucht nach wild – wildem Herzen.
    Zehrende Unrast durch alle Glieder,
    aufs Lager Dich zwingend wieder und wieder.
    Nach Wonne verschmachten mit Wonnegesichten -
    das sind die Qualen, die uns vernichten!
    _____

    Weißt du noch, wie wir die Rosen pflückten
    von unsern Lippen in lodernden Küssen,
    die Dornen der
    Sehnsucht ins Herz uns drückten,
    bis wir an den Wunden verbluten müssen.
    _____

     

  • Alberta von Puttkamer (1849-1923)

    Sehnsucht

    Die Glocken rufen um Mitternacht;
    Die
    Sehnsucht ist großäugig aufgewacht
    Und redet sacht.

    Sie wandert in Nächten und ruht am Tag -
    Ihr Herz hat einen fiebernden Schlag,
    Daß ich tief erschrak.

    Sie ist wie ein irregewandertes Kind -
    Um die Stirn trägt sie ein Dornengewind,
    Und schluchzt und sinnt.

    Nun ward so ruhelos mein Heerd,
    Da sie um Mitternacht eingekehrt,
    Und mich weinen gelehrt.

    Sie löste vom Haupt sich ein Dornenreis,
    Und drückt' es auf mein Herze leis,
    - Das blutet nun heiß ... -
    _____

    So liegt auch die göttliche Leidenschaft
    Von Gluthen umlodert in einsamer Haft;
    Und nur, wer den feurigen Gürtel durchbricht,
    Der hebt ihr Geheimniß zu Tag und zu Licht!

    Und nur, wer ein Siegfried in leuchtender Kraft,
    Der verborgenen
    Sehnsucht Erlösung verschafft,
    Wird den schmerzlichen Gluthen zum Trotz, und dem Stein,
    Das Schöne erlösen vom Traume zum Sein!
    _____

     

  • Ernst Rauscher (1834-1919)

    O laß uns lieben immerfort!
    Was And're sagen, o beacht' es nicht,
    Die herzensarm und siech.
    Es bleibt ja doch das schönste Wort,
    Wenn eine Seele zu der andern spricht:
    Ich liebe dich!

    Der Glaube ging, die Hoffnung floh -
    Es zagt die Kraft, der Ruhm ist ungewiß;
    Und heiß der
    Sehnsucht Glut!
    O bleibe, Herz, der Liebe froh,
    Sie blieb uns vom verlor'nen Paradies'
    Als einzig Gut!
    _____


    Wiedersehen im Vorüberfahren

    Nach langer Zeit als erster Gruß
    Ein flüchtig nur erhaschter Blick!
    Und doch! o welch' ein Überfluß
    Lag nicht darin an Wonn' und Glück!

    Der Liebe ganzes großes Gut,
    In Tagen der Entbehrungsqual
    Gespart, verschwendete die Glut
    Von einem einz'gen Augenstrahl.

    Erzählend von der
    Sehnsucht Pein,
    Der langen Trennung bitt're Mähr',
    Vom Deingedenken, still und rein,
    Von froher, treuer Wiederkehr!

    O käm' die Stunde bald genaht,
    Wo dir die Lippe wiederholt,
    Was schon der Blick verkündet hat,
    Als du an mir vorbeigerollt!
    _____


    Sehnsucht

    In Abenddämmerung verschwimmt
    Gebirg und Thal gemach,
    Der Stern der Liebe still erglimmt,
    Und leiser geht der Bach.

    Mit süßem Heimweh denk' ich dein -
    Kaum daß ich mich entfernt,
    Von dir, mein All', getrennt zu sein
    Mein Herze nimmer lernt!

    Mir ist, als müßt' ich durch die Nacht!
    Flugs! ziehen in die Welt,
    So drängend ist der
    Sehnsucht Macht,
    Die jählings mich befällt.

    Vom End' der Welt, vom fernsten Pol'
    Durch jegliches Revier
    Viel hundert Meilen zög' ich wohl
    Für Einen Kuß von dir!
    _____

     

  • Anton Renk (1871-1906)

    Hand in Hand geht man im Walde,
    Du mein blondes Sommerkind;
    Danken wir dem blauen Tage,
    Daß wir so voll
    Sehnsucht sind.

    Sommerhochamt: Lichterfunkeln,
    Wälderweihrauch, Klängewehn,
    Und den Kelch erhebt die Liebe
    Gnadenspendend, ungesehn.

    Laß dich küssen und dir schauen
    Tiefbeseligt ins Gesicht. -
    Und der Wald mit Orgeltönen
    Heilig, heilig, heilig spricht.
    _____

    O schwiege doch die
    Sehnsucht still. -
    Wo will das hin, wie soll das enden?
    Den Frühling meiner Seele will
    Ich einem guten Menschen spenden. -
    O schwiege doch die
    Sehnsucht still.

    Mir ist's, als ob durch Frühlingsräume
    Ich einem Kinde rufen müßt':
    "Ich habe reiche Rosenträume,
    Und Küsse, die ich nie geküßt,
    Und Lieder, die ich nie gesungen,
    Und Kronen, überedelsteint,
    Die keine Stirne noch umschlungen,
    Und Träume, die noch nie geweint."

    Ich wandre fort und träume so:
    Müßt ich zum End' der Erde gehen,
    Es muß am Wege irgendwo
    Ein Kind mit weißen Händen stehen.
    - O, wenn ich diese Unschuld fände,
    Da wollte ich sie fragen still,
    Ob sie mir geben ihre Hände
    Und meinen Frühling haben will?

    So wandre ich mit meinem Traum
    Bis an der Ewigkeiten Saum. –
    _____

     

  • Rainer Maria Rilke (1875-1926)

    Liebe auch läßt sich den Wellen vergleichen,
    Sehnsucht wälzt ihre Wogen zum Ziele,
    flüchtendes Nahen, nahendes Weichen,
    heiligster Ernst und doch schönstes der Spiele.
    _____

    Wenn oft der Tag, der hastig wilde,
    die
    Sehnsucht in mein Herz verdrängt,
    sobald die Nacht, barmherzig milde,
    die Schatten auf mein Auge senkt,

    läßt sie sich nimmermehr bezwingen,
    wie lang sie auch verborgen blieb,
    dann schwebt sie auf den Ätherschwingen
    zu dir, mein fernes, schönes Lieb...

    Und um den Weg nicht zu verfehlen,
    dorthin, wo Liebchens Fenster liegt,
    weiß sie ein Vöglein zu beseelen,
    das spät zum Neste heimwärts fliegt.

    Die
    Sehnsucht lenkt der Flügel Gleiten,
    sie weiß mit Vorbedacht zum Schluß
    das liebe Vöglein so zu leiten,
    daß es am Fenster rasten muß.

    Dort muß es eine Weile bleiben,
    ehs weiter fortsetzt seine Bahn;
    auch pocht es manchmal an die Scheiben
    mit seinem Schnabel leise an.

    Du aber schläfst. - Doch will ich schwören,
    wärst du noch wach im Kämmerlein,
    du hättests oft schon pochen hören!
    Und siehst du's mal - so laß es ein!
    _____

    Mein Herz macht
    Sehnsucht hämmern.
    Was ist doch
    Sehnsucht? Sag!
    Ein Morgennebeldämmern
    am Liebeslenzestag.

    Denn ist er dann vergangen
    der Nebel, der die Au
    bedrückt, bleibt auf den Wangen
    der Blumen heller Tau.

    Und mildert sich das Sehnen,
    bleibt in des Menschen Blick
    wohl auch der Tau der Tränen
    noch lange oft zurück.
    _____

    Dorthin mein Sehnen flieht
    da wo du bist,
    wenn sich von Tränen müd
    mein Auge schließt.

    Dann ist, als lösten sich
    die Leiden schwer,
    als kämst zu trösten mich
    du zu mir her.

    Aber noch kaum gestillt
    Sehnsucht mir schien,
    flieht schon dein Traumgebild,
    muß es denn fliehn?
    _____


    Lieder der
    Sehnsucht

    (Gedichtkreis für Lou Andreas-Salome)

    Die Sehnsucht singt:

    I
    Seit deinem ersten Leiden
    geh ich mit dir, - und schau:
    Kannst du mich unterscheiden?
    Heute träumt uns beiden:
    Ich bin eine einsame Frau.

    Du darfst mich noch nicht erkennen.
    Ich bin - die
    Sehnsucht, nicht wahr?
    Einmal wirst du mich nennen,
    leg mir dann leise das Brennen
    heiliger Rosen ins Haar.

    Schon kannst du heimlich winden
    den Kranz, zu krönen mein Haupt.
    Leise wirst du entblinden,
    wenn er gelang, und mich finden
    schön, -wie du mich geglaubt.

    II
    Sahst du schon je nach meinem Kleide,
    vernahmst du meiner Stimme Ton?
    Der Frühling kommt. Wir wandern beide,
    und alle Lüfte sind wie Seide,
    und alle Wiesen warten schon.

    Führ mich die weiten, weißen Wege
    Vielleicht, daß ich in süßer Angst
    dir einst im heimlichsten Gehege
    die Hände auf die Stirne lege,
    nach denen du in Träumen langst.

    III
    Du darfst mir nicht ins Auge sehn,
    du weißt nicht, wer ich bin, -
    und durch den Felderfrühling gehn
    wir doch zusammen hin.

    Vielleicht enthüllt mein Auge sich.
    Wir wandern weit zu zwein.
    Führst du mich oder führ ich dich
    ins Hirtental hinein?

    IV
    - - -:Du fragst mich oft: Wirst du noch lange
    gehn neben mir so fremd und blaß.

    Bis es mich weckt mit Zauberzwange,
    vielleicht ein Lied mit seinem Klange,
    vielleicht ein Schaun ins Maigeprange,
    ein kleines leises Irgendwas.

    Ein Abend an dem Sommerweiher,
    ein Insellanden irgendwo:
    Dann lös ich meine leisen Schleier
    und meine Augen grüßen freier
    zu dir. - Bis zu der fernen Feier
    führ mich den Weg und frag nicht so.

    V
    Die Sehnsucht singt:
    Ich bin dir wie ein Vorbereiten
    und lächle leise, wenn du irrst;
    ich weiß, daß du aus Einsamkeiten
    dem großen Glück entgegenschreiten
    und meine Hände finden wirst.

    Ich geh mit dir durch alle Prose
    und lehre ratend dich verstehn
    die tiefen Werte aller Lose.
    Das ist: in jeder kleinen Rose
    den großen Frühling werden sehn.

    ***

    Fand auf fernentlegnen
    Wegen Rosen. Mit dem Reis,
    das ich kaum zu halten weiß,
    möcht ich dir begegnen.

    Wie mit heimatlosen
    blassen Kindern such ich dich, -
    und du wärest mütterlich
    meinen armen Rosen.
    _____

    Und du warst schön. In deinem Auge schien
    sich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen.
    Und Hoheit hüllte wie ein Hermelin
    dich ein: So kam dich meine Liebe krönen
    Und meine nächteblasse
    Sehnsucht stand,
    weißbindig wie der Vesta Priesterin,
    an deines Seelentempels Säulenrand
    und streute lächelnd weiße Blüten hin.
    _____

    Wenn zwei sich finden tief im Lenzen,
    muß das ein liebes Wandern sein.
    Ein jedes Wort ist ein Ergänzen,
    der weite Weg hat keine Grenzen,
    und tausend Tiefen hat der Hain.

    Und lauter leise Lauben warten,
    und lauter linde Lüfte gehn
    mit Lispeln in dem birkenzarten
    Geäst, weil durch den Blütengarten
    die
    Sehnsucht irrt auf sachten Zehn .....
    _____

     

  • Joachim Ringelnatz (1883-1934)

    Meine Gedanken trafen dich still allein
    Spät in der Nacht in deinem Kämmerlein,
    Sahen dich kindlich vor meinem Bildnis beten.
    Meine Gedanken sind leise beiseite getreten,
    Und sie sprachen voll
    Sehnsucht: Ach wenn sie doch wüßte,
    Daß ich ihr Bild zur selben Stunde küßte.
    _____


    Sehnsucht nach zwei Augen
    (September 1930)

    Diese Augen haben um mich geweint.
    Denk ich daran, wird mir weh.
    Wie die mir scheinen und spiegeln, so scheint
    Keine Sonne, spiegelt kein See.

    Und rührend dankten und jubelten sie
    Für das kleinste gute Wort.
    Diese Augen belogen mich nie.

    Nun bin ich weit von ihnen fort,
    Getrennt für Zeit voll Ungeduld.
    Da träumt's in mir aus Leid und Schuld:
    Daß sie noch einmal weinen
    Werden über meinen
    Augen, wenn ich tot bin.
    _____


    Tropensehnsucht

    Nashornida nannte ich die Kleine.
    Eigentlich klingt das so mild.
    Nashornida hatte Trampelbeine
    Und war wild.

    Nashornida hat mir einen Knochen,
    Alle Gläser, Porzellan und die
    Linke Wand vom Kleiderschrank zerbrochen.

    Doch sie hat nach Afrika gerochen,
    Und das reizte meine Phantasie.
    _____

     

  • Anna Ritter (1865-1921)

    Da faßtest du mit scheuem, heißem Druck
    Nach meinen Händen -
    Willig gab ich nach.
    Die
    Sehnsucht hatte Beide uns umstrickt,
    Kurz ging dein Athem, wie in Gluth erstickt
    Klang jedes Wort, und deine Lippe sprach
    Von Liebe mir in zärtlich dunklen Lauten.
    _____

    Sieh meine Wangen,
    Bin ich nicht schön?
    Sieh, wie die Locken
    Mein Antlitz umwehn!
    Ein spinnweben Röcklein,
    Zwei purpurne Schuh,
    Ein Krönchen von Brombeer
    Und Gaisblatt dazu -
    So tanze ich singend
    Bergab und bergauf,
    Kein Stein läßt mich gleiten,
    Kein Arm hält mich auf.
    - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
    Du Wilder … du Großer -
    Ich hör deinen Schritt!
    Schon reißt dein Verlangen
    Mich Zitternde mit,
    An schwindelnden Gründen
    Und Klüften vorbei -
    Wer weiß meine
    Sehnsucht,
    Wer hört meinen Schrei ..?
    _____


    Wenn die Noth am größten …

    Empörte Wogen, vom Sturm zerwühlt,
    Ein zehrend Feuer, das Keiner kühlt.
    So strömt's mir heiß durch die Adern hin -
    Das macht wohl, daß ich so jung noch bin.

    Und doch verlassen, und doch allein. -
    Herrgott, wie könnt es denn anders sein!
    Allüberall lockt die süße Lust,
    Und trag' doch auch keinen Stein in der Brust.

    Wie oft, des Abends im Kämmerlein,
    Ist's mir, als hört ich mein Herze schrein,
    Als riß die
    Sehnsucht in meinem Schooß
    Von allen Ketten sich keuchend los.

    Behüt mich, Gott, vor der dunklen Nacht,
    Wenn mir der Dämon im Blut erwacht! …
    "Die Kinder schlafen!" … Ein Engel sprichts -
    "Ihr ew'gen Mächte, nun fürcht' ich nichts!"
    _____


    Unbegehrt

    Es stand eine Rose im tief tiefen Grund,
    Von Liebe und
    Sehnsucht durchglühet,
    Kam Keiner, der ihre Schönheit begehrt,
    Ist einsam und traurig verblühet.

    Ich weiß eine Seele, die glühte so heiß,
    Die Liebe, das Glück zu umfangen,
    Kam Keiner, der ihre Blüthe begehrt,
    Ist einsam zu Grunde gegangen.
    _____

    Weiß ist mein Arm und meine Lippen brennen,
    Der Ampel Licht
    Blitzt wie ein Sternlein durch das Kammerfenster -
    Du siehst es nicht!

    Die
    Sehnsucht kreist mir ruhelos im Blute,
    Ach, dass du kämst
    Und all mein Leid und meine große Liebe
    An's Herze nähmst!
    _____


    Sehnsucht nach dem Geliebten

    Um dich hab ich die ganze Nacht
    In Weh durchweint, in Noth durchwacht,
    Um dich begrüßt mit heißem Schlag
    Mein Herz den grauen Wintertag -
    Ach, wirst du kommen, Liebster mein,
    Die Sonne dieses Tags zu sein?

    Das Leben rinnt uns durch die Hand,
    Ist jeder Tag ein Körnlein Sand,
    Das häuft sich an und lastet schwer,
    Darunter blüht kein Hoffen mehr -
    O komm, so lang der Sonnenschein
    Uns noch umleuchtet, Liebster mein!
    _____

     

  • Otto Roquette (1824-1896)

    Alte
    Sehnsucht, junges Hoffen

    Alte
    Sehnsucht, junges Hoffen,
    Alte Lust und neue Qual!
    Und da liegen all sie offen
    Bittre Wunden ohne Zahl.
    Daß der Funke nicht verglimme,
    Unbewußt entfachst du ihn,
    Wie soll ich vor deiner Stimme,
    Wohin vor mir selber fliehen?

    Heut unbändig wildes Glühen,
    Heute still wie ein Gebet,
    Heut ein schmerzlich banges Mühen,
    Und ein Ringen früh und spät!
    Schuld ist Hoffen, Schmerz Verzichten,
    Und Besitzen bittrer Wahn,
    Peinvoll so in Gleichgewichten
    Schwankt der
    Sehnsucht eitle Bahn.

    Senke tief die Schwinge nieder,
    Laß mich ruhn, geschäft'ger Tag!
    Doch die schlummerdurst'ge Lider
    Auch die Nacht nicht trösten mag.
    Und aufs Neue stets getroffen
    Folgt der Flucht in's Ruhethal
    Alte
    Sehnsucht, junges Hoffen,
    Alte Lust und neue Qual!
    _____

     

  • Hugo Salus (1866-1929)

    Sehnsucht

    Meine
    Sehnsucht hat so weiche Schwingen,
    Daß sie nur für Zephyrwellen taugen,
    Hat so märchen-märchentiefe Augen,
    Daß sie bis zum letzten Himmel dringen.

    Meine
    Sehnsucht kommt an Frühlingstagen,
    Wie ein Hauch die Stirne mir zu küssen,
    Kommt ein Wörtlein mir ins Ohr zu sagen,
    Daß sich meine Lider senken müssen.

    Und das Wörtlein hat nicht Sinn noch Kunde,
    Aber ist so seltsam süß im Klange,
    Und mein Herz vergeht im Überschwange,
    Und zum Seufzer wird der Hauch im Munde ...
    _____


    Tiefe
    Sehnsucht

    Gott, mag mir der Himmel nur immer vergönnen,
    Nach wem mich zu sehnen, wen lieben zu können,
    Die Lider recht innerlich einzudrücken,
    Um hell meiner
    Sehnsucht Gefäß zu erblicken,
    Und mag mir geben, den Seufzern und Küssen
    Ein hold vergebliches Ziel zu wissen!
    Dann will ich ganz still sein und ohne Klagen
    Entsagen und selig die Tage ertragen,
    Dann will ich das seltsame Leben verstehn
    Und lächelnd dem Abend entgegengehn ... 
    _____


    Blasses Mädchenangesicht

    Du blasses, schmales Mädchengesicht,
    Glaub meinen schmeichelnden Worten nicht,
    Ich warne dich! Ich warne dich!

    Kann so süßen Gesichtern nicht widerstehn,
    Fühl' gleich die Seele übergehn,
    Ich kenne mich, ich kenne mich!

    Wenn meine
    Sehnsucht ein Antlitz hat,
    Ist's solch' ein blaß-blasses Teerosenblatt,
    Wie dein Gesicht, dein süßes Gesicht!

    Und sag' ich dir: "Mädchen, ich liebe dich",
    So spricht meine
    Sehnsucht nur zu sich,
    Du hast nur ihr Antlitz. Glaub mir nicht!

    _____

     

  • Richard von Schaukal (1873-1942)

    O süße
    Sehnsucht

    O süße
    Sehnsucht, holdes Leid,
    im Herzen dein Flattern und Drängen!
    Ich glätte darüber mein Alltagskleid,
    die Flügel dir zu zwängen.

    Da willst aus meinen Augen dich,
    Gefangene, ergießen:
    Geliebte, lächelnd laß sie mich
    mit glänzenden Fenstern verschließen.

    _____

     

  • Ilse von Stach (1879-1941)

    Meiner Seele
    Sehnsucht

    Nun hab ich dich zum ersten Mal gesehn,
    und ungerührt im Herzen, ungebunden,
    als hätt' ich deinen Zauber nie empfunden,
    sah ich dich von der Ferne vor mir stehn. -

    O Gott, ich bitte nicht um Gunst und Glück,
    das ich für bittre Stunden tauschen wollte,
    gib mir, und wenn ich daran sterben sollte,
    gib meiner Seele
    Sehnsucht mir zurück.
    _____


    Resignation

    Und Tage sind, wo alle
    Sehnsucht schweigt.
    Und ob ich ganze Nächte schlaflos lausche,
    daß sie vom Herzen mir entgegenrausche,
    mir klingt kein Ton, der aus der Tiefe steigt.

    Komm, süße
    Sehnsucht, komm zu meiner Qual!
    Du bist lebend'gen Lebens ew'ge Quelle.
    Du drohst Vernichtung wie des Meeres Welle,
    vernichte mich, so lebt' ich doch einmal.

    Wer wird mir geben, was mein Herz begehrt?
    Daß ich des Daseins Fülle, die ich fasse,
    ohnmächtig nicht und schlaff entgleiten lasse,
    noch eh' sie mich erlöst, noch eh' verzehrt.

    Ach, Tage sind, wo alle
    Sehnsucht schweigt.
    Ich weiß nicht, ob sie mir vom Sterben sagen,
    noch ob sie Fluch, ob Segen in sich tragen,
    nur daß mein Haupt sich stumm verzichtend neigt.
    _____


    Hast Du die
    Sehnsucht ...

    Hast Du die
    Sehnsucht nur geweckt zur Qual?
    Ich suche und ich fliehe Deine Nähe,
    mir bangt mein Herz, wenn ich Dein Antlitz sehe,
    und habe, Dich zu sehn, doch keine Wahl -
    ich muß! Ganz ungewollt und ungewußt
    will sich mein Weg nicht von dem Deinen wenden -
    und wollt ich gehn und wollt ich enden ...
    ich sänke jauchzend Dir an Deine Brust.

    _____

     

  • Ernst Stadler (1883-1914)

    Betörung

    Nun bist du, Seele, wieder deinem Traum
    Und deiner
    Sehnsucht selig hingegeben.
    In holdem Feuer glühend fühlst du kaum,
    Daß Schatten alle Bilder sind, die um dich leben.

    Denn nächtelang war deine Kammer leer.
    Nun grüßen dich, wie über Nacht die Zeichen
    Des jungen Frühlings durch die Fenster her,
    Die neuen Schauer, die durch deine Seele streichen.

    Und weißt doch: niemals wird Erfüllung sein
    Den Schwachen, die ihr Blut dem Traum verpfänden,
    Und höhnend schlägt das Schicksal Krug und Wein
    Den ewig Dürstenden aus hochgehobnen Händen.
    _____


    In diesen Nächten

    In diesen Nächten friert mein Blut
    nach deinem Leib, Geliebte.
    O, meine
    Sehnsucht ist wie dunkles Wasser
    aufgestaut vor Schleusentoren,
    In Mittagsstille hingelagert
    reglos lauernd,
    Begierig, auszubrechen.
    Sommersturm,
    Der schwer im Hinterhalt geladner Wolken hält.
    Wann kommst du, Blitz,
    Der ihn entfacht,
    mit Lust befrachtet, Fähre,
    Die weit der Wehre starre Schenkel
    von sich sperrt? Ich will
    Dich zu mir in die Kissen tragen
    so wie Garben jungen Klees
    In aufgelockert Land.
    Ich bin der Gärtner,
    Der weich dich niederbettet.
    Wolke, die
    Dich übersprengt,
    und Luft, die dich umschließt.
    In deine Erde
    will ich meine irre Glut vergraben und
    Sehnsüchtig blühend
    über deinem Leibe auferstehn.
    _____

     

  • Karl Stieler (1842-1885)

    Sehnsucht

    Sehnsucht, wie lang dehnst du den Tag,
    Wie öd' ist mir auf grüner Erden!
    Stumm pocht das Herz mir, Schlag um Schlag,
    Will es denn nimmer Abend werden?

    Und wird es Abend – wähnst du dann,
    Daß dir der Abend Frieden brächte?
    O, nur noch tiefer webt mein Bann! -
    Sehnsucht, wie lang dehnst du die Nächte.
    _____

     

  • Francisca Stoecklin (1894-1931)

    Du bist sehr fern,
    der Raum, der unsere Blicke trennt
    ist nicht in einem Tag
    zu überbrücken.
    Nur meine
    Sehnsucht ist so stark,
    daß sie mich kühn
    in deine Nähe trägt.
    _____

     

  • Theodor Storm (1817-1888)

    Abends

    Warum duften die Levkojen soviel schöner bei der Nacht?
    Warum brennen deine Lippen soviel röter bei der Nacht?
    Warum ist in meinem Herzen so die
    Sehnsucht auferwacht,
    Diese brennend roten Lippen dir zu küssen bei der Nacht?
    _____


    Nachts

    Wie sanft die Nacht dich zwingt zur Ruh,
    Stiller werden des Herzens Schläge;
    Die lieben Augen fallen dir zu,
    Heimlich nur ist die
    Sehnsucht rege.
    Halbe Worte von süßem Bedeuten
    Träumerisch über die Lippen gleiten.
    _____

     

  • Kurt Tucholsky (1890-1935)

    Sehnsucht nach der Sehnsucht

    Erst wollte ich mich dir in Keuschheit nahn.
    Die Kette schmolz.
    Ich bin doch schließlich, schließlich auch ein Mann,
    und nicht aus Holz.

    Der Mai ist da. Der Vogel Pirol pfeift.
    Es geht was um.
    Und wer sich dies und wer sich das verkneift,
    der ist schön dumm.

    Denn mit der Seelenfreundschaft - liebste Frau,
    hier dies Gedicht
    zeigt mir und Ihnen treffend und genau:
    es geht ja nicht.

    Es geht nicht, wenn die linde Luft weht und
    die Amsel singt -
    wir brauchen alle einen roten Mund,
    der uns beschwingt.

    Wir brauchen alle etwas, das das Blut
    rasch vorwärtstreibt -
    es dichtet sich doch noch einmal so gut,
    wenn man beweibt.

    Doch heller noch tönt meiner Leier Klang,
    wenn du versagst,
    was ich entbehrte öde Jahre lang -
    wenn du nicht magst.

    So süß ist keine Liebesmelodie,
    so frisch kein Bad,
    so freundlich keine kleine Brust wie die,
    die man nicht hat.

    Die Wirklichkeit hat es noch nie gekonnt,
    weil sie nichts hält.
    Und strahlend überschleiert mir dein Blond
    die ganze Welt.
    _____

     

  • Wilhelm Waiblinger (1804-1830)

    Sehnsucht nach der Geliebten

    Wo weilst du in der Ferne
    du meines Herzens Wonne,
    bei'm Schein der lichten Sterne,
    bei'm Glanz der goldnen Sonne?

    So ruf' ich aus am Tage
    in einsam düstern Nächten,
    und manche stumme Klage
    will mit dem Himmel rechten.

    Es deuten alle Stellen
    auf wonnevolle Stunden,
    doch meine Thränen quellen,
    denn ach! sie sind verschwunden.

    Wie viel Erinnerungen
    in meiner Seel' erbeben?
    Aus weiter Fern erklungen
    sie zu mir niederschweben.

    Und sinkt herab das Dunkel
    erhellt die düstere Räume,
    der Lampe Lichtgefunkel
    erscheinen wache Träume.

    Ihr Geist in holden Bildern
    schwebt dann an mir vorüber,
    mir Herz und Sinn zu mildern,
    doch werd' ich nur noch trüber.

    Denn um in ihren Armen
    der Liebe Lust zu fühlen,
    an ihrem Mund, den warmen,
    mit Küssen süß zu spielen.

    Will ich jetzt mit den Händen
    nach ihr gewaltsam streben,
    doch an den dunkeln Wänden
    seh' ich das Bild verschweben.
    _____

     

  • Frank Wedekind (1864-1918)

    Sehnsucht

    Und sei mir noch so traurig auch zu Sinn,
    Ich will's nicht glauben, daß ich elend bin.
    Der Fluch, das Leid, das mich zu Grund gerichtet,
    Am Ende war ja alles nur erdichtet.

    Die Phantasie treibt oft ihr Possenspiel.
    Schon manchen hob sie, der zu Boden fiel,
    Im Geist empor. Schon manchen aus den Höhen
    Des Himmels ließ sie Schreck und Unheil sehen.

    Laß ab von mir, du große Zauberin!
    Erbarm dich mein, entschleire meinen Sinn!
    Zerteil die Nacht, mit der du mich geschlagen -
    O Sonnenglanz des Glücks, wann wirst du tagen!
    _____

     

  • Paul Wertheimer (1874-1937)

    Seelen

    Du weisst, wir bleiben einsam: du und ich,
    Wie Stämme, tief in Gold und Blau getaucht,
    Mit freien Kronen, die der Seewind streift;
    So nah, doch ganz gesondert, ewig zwei.
    Und zwischen beiden webt ein feines Licht
    Und Silberduft, der in den Zweigen spielt,
    Und dunkel rauscht die
    Sehnsucht her und hin.
    _____


    Das Erlebnis

    Früher, da ich nur
    Sehnsucht war,
    Sang ich von Küssen, Lauben, wildem Haar.
    Nun ist mein Herz ganz ruhig, leicht und klar.

    Nun wird es kaum von einem Takt bewegt.
    Seit sich das Glück in meiner Stube regt
    Und seine Arme flüsternd um mich schlägt!

    _____


    Der Tanz

    Und so bist du mein: im Tanze,
    Still das Haupt, in läss'ger Ruh.
    Deine Augen, feucht, im Glanze,
    Winken, blinken, sinken zu.

    Und im Ruhen und im Schweben
    Hüllt dich meine
    Sehnsucht ein;
    So dem Tanze hingegeben,
    Wirst du's bald der Liebe sein.
    _____


    Sehnsucht

    Sehnsucht ist Glück.
    Ich sehnte mich nach deinen Lippen hin,
    Du meines Traums rotblonde Königin -
    Sehnsucht war Glück.

    Ich träumte dich mit weit gelöstem Haar,
    Ich gab dir meiner Nächte Purpurschein,
    Und dein Gespräch strömte wie starker Wein,
    O wie im Traum dein Atem glühend war.

    Nun bin ich bei dir - und ist dies das Glück?
    All was wir reden ist so laut und schwer.
    Und unser Schweigen ist von Wünschen leer.
    Nach meiner
    Sehnsucht sehn' ich mich zurück. - -

    Ist die Erfüllung immer kalt und bleich?
    Dann bleibt Gestalten stumm in mich gebannt!
    Ich küsse, Abschied suchend, deine Hand.
    Nun bin ich wieder Herr in meinem Reich.

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  • Ursula Anna Wörner (1865-1911)

    In
    Sehnsucht wandelnd

    Dein Herz strahlt, eine Sonne, groß und rein,
    Und um mich weht dein sanfter, frischer Mut:
    Da grünt und lenzt der Liebe heiliger Hain
    Mit Wipfeln träumend in der Himmelsglut.
    In
    Sehnsucht wandelnd dring' ich tiefer ein -
    Durch lichte Auen zieht getragne Flut,
    Auf Uferbüschen glänzt der goldne Schein -:
    Ein Tempel ragt - - an Marmorsäulen ruht
    Beseligt und gestillt nun all mein Sein.
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  • Joseph Christoph von Zedlitz (1790-1862)

    Sehnsucht

    Als mein Auge sie fand
    Und mein Herz sie erkannt,
    O, wie glühte die Brust
    Von Entzücken, von Lust!

    Wie voll Düfte die Au',
    Und der Himmel, wie blau!
    Und der Wald voll Gesang,
    Und die Lüfte voll Klang!

    Ohne Sie, wie so kalt,
    Und die Welt, wie so alt,
    Und die Erde, wie leer,
    Und das Herz, ach! – so schwer.
    _____

     

  • Kathinka Zitz-Halein (1801-1877)

    Sehnsucht des Entfernten

    Kein Schweizer kann sich mit so heißen Thränen,
    Mit solcher innig schmerzlichen Begier
    Zurück nach seiner Heimat Alpen sehnen,
    Als ich nach dir!

    Wenn ihn des Sturmes grimme Donner trafen,
    Und ihm Verderben drohte für und für,
    Dann sehnt sich so kein Schiffer nach dem Hafen,
    Als ich nach dir!

    Kein Strandender, im sichern Port zu landen,
    Fleht zu dem Himmel auf so inniglich;
    So hofft kein Sklav' Erlösung aus den Banden,
    Als ich auf dich!

    So sehnt kein Blinder sich nach Lichteshelle,
    Mit solcher heißen schmachtenden Begier
    Sehnt sich kein Dürstender zur kühlen Quelle,
    Als ich nach dir!

    So kann kein Epheu sich um Ulmen lauben,
    Um keine Planke so die Rebe sich;
    So kann kein Christ an Gottes Worte glauben,
    Als ich an dich!

    So glüht im Frühling keine junge Rose
    Wenn sie der Liebe Morgenroth bestrich,
    So brennt kein Vulkan in der Erde Schoose,
    Als ich für dich!

    Und ruft ein Engel mich zu bessern Landen,
    Umfängt das Grab mein bleichendes Gebein,
    Dann ist mein Geist befreit von seinen Banden,
    Auch dort noch dein!
    _____

     

  • Stefan Zweig (1881-1942)

    Verflogene
    Sehnsucht

    Die Frühlingsnacht naht lind und lau
    Durch träumende Gelände.
    Wie süßer Atem einer Frau
    So lösungsmild, so zart, so lau
    Sind ihre weichen Hände.

    Die tragen Deine
    Sehnsucht fort,
    Du fühlst sie Dir entschwinden ...
    Nun weißt Du nicht ihr Ziel und Wort,
    Suchst Deine
    Sehnsucht fort und fort
    Und kannst sie nimmer finden ...
    _____


    Du!

    Früher zogen müd, auf schwankem Kiele
    Meine Träume dunklen Fernen zu.
    Doch nun eilt mit frohem Wimpelspiele
    Ihrer Botenschar in heitrer Ruh
    Hin zu einem lichten
    Sehnsuchtsziele
    Und dies
    Sehnsuchtsziel bist Du ...
    _____


    Volksmotiv

    Ich blicke in die milde Sternennacht,
    Da ist in mir ein leiser Wunsch erwacht.

    Und meine starke
    Sehnsucht fliegt und fliegt
    Fernhin, wo still im Schlaf mein Liebchen liegt.

    Und meiner Liebe goldnen Sonnenschein
    Webt sie ihr in den blassen Traum hinein.

    Da werden alle Bilder hell und bunt.
    In sel'gem Lächeln rundet sich ihr Mund.

    Und meine
    Sehnsucht bringt das höchste Glück
    - Dies Lächeln ihrer Lippen - mir zurück ...
    _____


    Sehnsucht

    Niemals hab ich Liebeslust empfunden
    In den raschen, mauerschwülen Stunden! -
    Hier im alten Parke, wo nur noch verspätet

    Sonnenblitze schimmern und die Stimmen
    Müde in die Dunkelheit verschwimmen,
    Möcht' ich lieben, wenn der Abend leise betet. -

    Treten möcht' ich durch die offne Pforte
    Und im Dämmer einer Liebsten Worte
    Flüstern, bis Gewährung ihre Wange röthet,

    Dort, wo hinter goldumglänzten Gittern
    Rote Rosen in Erwartung zittern
    Vor dem Herbst, der sie in seinem Arme tötet ...
    _____


     

 

 

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