Liebessonette deutscher Dichter und Dichterinnen

 



Neroccio de'Landi (1445-1500)
Porträt einer Dame (1480)





 




Friedrich Bouterwek
(1766-1828)



Philosophie der Liebe

Mag, wer will, ergrübeln und erklären,
Was das Herzensräthsel, Liebe, sey.
Nennt es blinde Sinnenschwärmerey!
Nennt es einen Flug in höh're Sphären!

Ist es dieß: so will ich gern entbehren,
Was ihr wißt. Ich misse nichts dabey.
Ist es jenes; o so mag der May
Dieses Wunderhimmels ewig währen.

Hört, ihr Weisen, was ihr noch nicht wißt!
Wallen Seelen in einander über,
Ist's nicht Eine, die ihr Glück ermißt.

Aber wenn mein Mund ein leises: "Lieber!"
Psychens Munde schwärmerisch entküßt,
Wissen Wir, was Lieb' und Himmel ist.
(S. 51)
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Die Dämmerungsfeyer

Das war ein Kuß!  Mit Jahren, freudenlos
Und düster, würd' ich ihn nicht theuer büßen,
Ich saß im Dämmerlicht zu ihren Füßen,
Und drückte mein Gesicht in ihren Schooß.

Wie ward in meiner Brust mein Herz so groß!
So fühlte sich vielleicht, als ihn die süßen
Erscheinungen zum Gott sich träumen ließen,
Endymion auf seinem Schlummermoos.

Sie spielte still mit meinen wüsten Locken.
Ich drückte meinen Arm um ihre Knie',
Und sah empor, begeistert und erschrocken.

Ich fragt' ihr Aug', und Psyche, Psyche, sie,
Sie senkte sich auf meine Lippen nieder,
Und Arm' in Armen fanden wir uns wieder.
(S. 52)
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Aus: Friedrich Bouterwek's Gedichte
Neueste Auflage Wien 1820 Bey B. Ph. Bauer



 

 

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