Liebessonette deutscher Dichter und Dichterinnen

 



Neroccio de'Landi (1445-1500)
Porträt einer Dame (1480)





 




Agnes Franz
(1794-1843)



Bei Gerhard von Kügelchens Gemälde:
Die gefesselte Psyche

Was sinn't die Stirn in heiliger Verklärung?
Sehnt nach der Götterheimath fernem Glück,
Nach ew'ger Liebe seliger Gewährung
Sich Dein entzückter, sehnsuchtsvoller Blick?

Berührt von höher'm, wärmern Sonnenstrahle
Langst Du empor zur lichten Himmelswelt,
Hinweg Dich sehnend von dem dunklen Thale
An dem Dich streng die Erdenfessel hält.

Die bunten Fitt'ge regen sich, und streben
Verlangend auf, das gold'ne Licht zu grüßen,
Wie Blumen dürsten nach dem Strahl der Sonne;

Doch angehörend noch dem Erdenleben
Darf nur der Traum die reine Stirn Dir küssen,
Und Ahnung heißt der Blicke stumme Wonne.

Aus: Gedichte von Agnes Franz
Erste Sammlung Zweite Auflage Essen 1836 (S. 131)
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Bei Gerhard von Kügelchens Zeichnung:
Irdische und himmlische Liebe

Hoch der Fackel dunkle Gluth geschwungen,
Die des Siegers luft'ge Bahn erhellt:
Senket sich zu frohen Huldigungen
Eros auf die hochentzückte Welt.

Doch wer nennet mir den stillen Knaben,
Diesem gleich an lieblicher Gestalt?
Doch den Blick so himmlisch, so erhaben,
Fackellos, von reinerm Licht umwallt?

Immer höher scheint er aufzuschweben,
Uns zu winken zu des Lichtes Räumen,
Still entzückend sel'ger Hoffnung Lust. -

Hehres Kind, von Strahlen licht umgeben,
Freundlich führst Du aus der Erde Träumen
Heimwärts zu des ew'gen Vaters Brust!

Aus: Gedichte von Agnes Franz
Erste Sammlung Zweite Auflage Essen 1836 (S. 132)
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Rosenperlen

In schönen Tagen sah' ich euch erblühen,
Ihr Rosen jener reichgeschmückten Flur!
Jetzt wahr' ich euch als schwarze Perlenschnur,*
Doch kann der süße Duft euch nicht entfliehen.

So war mir einst ein süßes Glück geliehen;
Es schwand, jedoch den äußern Sinnen nur.
Sein inn'res Seyn war göttlicher Natur,
Und durfte mit dem Lenze nicht verblühen.

Wie aus der Rose Staub ein Geist erwacht,
Deß süßer Hauch den Lenz weit überdauert:
So die Erinn'rung aus dem Grab der Zeiten.

Unsterblich ist der Liebe heil'ge Macht;
Sie beut, wenn Trennung uns und Tod umschauert,
Noch einen Quell von stillen Seligkeiten.

* Bekanntlich werden aus Rosenblättern schwarze,
wohlriechende Perlen verfertigt.

aus: Gedichte von Agnes Franz
Zweite Sammlung Essen 1837 (S. 127)
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