Liebessonette deutscher Dichter und Dichterinnen

 



Neroccio de'Landi (1445-1500)
Porträt einer Dame (1480)





 




Otto Friedrich Gruppe
(1804-1875)



Die Lieb' ist aller Sterne feste Sonne,
Die durch den weiten Himmel Leben sprühet
Und schafft, daß jede Farbe lustig glühet;
Die Wesen dürsten, und sie stillt mit Wonne.

Die Erde wäre sonst nur eine Nonne,
Die Sonn' auf ihren Wangen wär verblühet,
Nur Tod und Winter hätten sich verfrühet:
Die Welt wär nichts als eine finstre Tonne.

Wer zweifelt noch, woher die Lieb' entstamme?
Auf jeglichem Altar ist sie die Flamme,
Und ist die Flamm' auf Vesta's keuschem Heerde.

Nehmt ihrer wahr! Sonst wächst sie ungeheuer,
Verschlingt in Flammen Himmel euch und Erde,
Und überflammet Höll' und Fegefeuer!
(S. 355)
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Wie sündlich, Knospen vor der Blüthe Prangen,
Wie sündlich, Blühte vor der Frucht zu fällen:
Laß ab, unreifem Kusse nachzustellen,
O, wenn du kannst, bezähm ein wild Verlangen.

Weißt du den Kuß auf schönstem Mund dir hangen,
So braucht er Schatten und muß still bei hellen
Thränen erblühn, sich süßen und sich schwellen,
Und langsam reifen bei verschämten Wangen.

Wer gab? wer nahm? Er fällt in trauter Stunde,
Wie reife Frucht, leis' angerührt, zum Munde,
Und für dies Leben ist das Herz erquicket.

Er ist so sanft von stillgeweinten Thränen,
So heiß und ungestüm von herbem Sehnen,
Und süßes Flüstern wird davon ersticket!
(S. 356)
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Was hebt den jungen Busen zum Gesange,
Daß er so mächtig schlägt, so innig klaget?
Die Liebe, die sich nicht zu denken waget,
Und wieder Liebe mit dem starkem Drange!

Schau ich nun aber deine blasse Wange,
Ach, nur ein Schmerz ists, der am Herzen naget,
Und auch dein thränenfeuchtes Auge saget,
Vertraut dem Gram ist dieses Herz schon lange.

Die Kunst ward keinem der mit reinem Munde
Nicht Lieb' und Schmerz aus vollem Kelch getrunken,
Den bittern wie den süßen bis zum Grunde.

Den einen trankst du; hoch mit Sangeslippen
Sollst du der sel'gen Liebe Kelch auch nippen:
Und zünde dir ins Herz ihr heil'ger Funken!
(S. 357)
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Aus: Gedichte von O. F. Gruppe
Berlin Gedruckt und verlegt bei G. Reimer 1835



 

 

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