Liebessonette deutscher Dichter und Dichterinnen

 



Neroccio de'Landi (1445-1500)
Porträt einer Dame (1480)





 




Andreas Gryphius
(1616-1664)



An eben selbige

Doch grünt die frische lieb, ob blum und baum erbleicht,
Die liebe, die sich mir in einem krantz verehret,
Dem bild der ewigkeit, die durch kein end auffhöret
Und keiner zeiten grimm, ja nicht dem tode weicht.

Ihr keuschestes gemüth, das reinem silber gleicht,
Mein licht! hat ihr geschenck mit perlen noch vermehret,
Die, wenn das rauhe saltz der wellen sich empöret,
Kein scharffer schlag der see, kein schäumend fleck- erreicht.

So bleibt ihr hoher geist doch rein in trüben schmertzen,
Ihr geist, den rechte treu aus unverfälschtem hertzen
Durch ihrer seuffzer west in meinen cörper schickt.

Ich wil zwar ihr gemüth aus dem geschencke schätzen,
Diß wort doch, das sie ließ auf dieses silber etzen,
Ist, was den krantz recht ziert und mich allein erquickt.
(S. 194-195)
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An Eugenien

Ich finde mich allein, und leb in einsamkeit,
Ob ich schon nicht versteckt in ungeheure wüsten,
In welchen tygerthier und wilde vögel nisten.
Ich finde mich allein, vertiefft in herbes leid;

Auch mitten unter volck, das ob der neuen zeit
Des friedens sich ergetzt in jauchzen-vollen lüsten,
Find ich mich doch allein. Wir, die einander küssten
In unverfälschter gunst, sind leider nur zu weit.

Ich finde mich allein und einsam und betrübet,
Weil sie so fern von mir, mein alles und mein ich,
Ohn die mir auf dem kreys der erden nichts beliebet.

Doch tritt ihr werthes bild mir stündlich vor gesichte.
Solt ich denn einsam seyn? Ihr bild begleitet mich.
Was kan sie, wenn ihr bild mein trauren macht zunichte!
(S. 196)
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An Eugenien

Ich lebe, wo man den mit recht kan lebend nennen,
Der sonder geist verfällt in bitter-süße pein.
Die seel ist außer mir und sucht den glantz allein
Der augen, die mir nur zu angenehme brennen.

Was kan in meiner nacht ich als die stern erkennen?
Holdseligst! ihr gesicht, der wunder-helle schein,
Erleuchtet diß gemüth, das (geht die welt schier ein)
Kein schwefel-lichter blitz wird von dem vorsatz trennen.

Lasset nord und wetter toben! weil mir diese rosen blühen,
Schreckt mich keiner winter rasen. Lasst die heiße sonn entfliehen,
Mir ist die abend-lufft weit lieber als der tag.

Ob die zunge nicht mehr schwatzet, die nie ein end-urtheil spricht,
Treugt doch der entfärbten wangen lieblich abendröthe nicht.
Die redet mir zu wohl, die schweigend reden mag.
(S. 194)
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An Eugenien

Schön ist ein schöner leib, den aller lippen preisen,
Der von nicht schlechtem stamm und edlem blut herrührt;
Doch schöner, wenn den leib ein' edle seele ziehrt,
Die einig sich nur lässt die tugend unterweisen;

Vielmehr, wenn weisheit noch, nach der wir offtmals reisen,
Sie in der wiegen lehrt; mehr, wenn sie zucht anführt
Und heilig seyn ergetzt, die nur nach demuth spür't;
Mehr, wenn ihr keuscher geist nicht zagt für flamm und eisen.

Diß schätz ich rühmens wehrt, diß ist, was diese welt,
Die aller schönheit sitz, für höchste schönheit hält,
Und das man billich mag der schönheit wunder nennen.

Wer dieses schauen wil, wird finden, was er sucht
Und kaum zu finden ist, wenn er, o blum der zucht!
O schönste! wenn er euch wird was genauer kennen.
(S. 110)
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An eben selbige

Sie, dennoch sie, mein licht! sie wil beständig seyn.
Ob die zeit sich gleich verändert und die sonne sich versteckt
Und die wüsten felder trauren und das feld mit schnee bedeckt,
Sie dennoch (wie sie schreibt) geht kein verändern ein.

Die bäume sind entblößt, das wasser hart als stein,
Der palläste göldne spitzen sind mit grauem reiffleckt,
Aller blumen welcke blätter, die durchbeiste kält erschreckt.
Nur ihre rose steht in frischem glantz allein;

Warum doch wil ich hier verziehen,
Wo nichts denn unlust ist und kalte winter-lufft,
Weil sie mir noch, mein licht! zu ihren rosen rufft?

Ade! ich muss von hinnen fliehen.
Wer länger schmachten wil in scharffer frostes-pein,
Wenn ihm der frühling rufft, muss es nicht würdig seyn.
(S. 196-197)
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An eben selbige

So fern, mein licht! von euch, so fern von euch gerissen,
Theil ich die trübe zeit in schmertzen und verdruss
Und wünsch all augenblick, dass mir des himmels schluss
Erlaub, euch bald voll lust und unverletzt zu grüßen.

Mein trauren kan ja nichts (wie hoch es auch) versüßen,
Als ihr, o meine lust! Wie dass mit schnellem fuß
Ich denn mein werthes heyl bestürtzt verlassen muss,
Indem ich einig mag die keusche schönheit küssen?

Ihr Parcen, die ihr uns das tag-register setzt,
Ach führt mich wieder hin zu dem, was mich ergetzt!
Warum doch suchet ihr mich von mir selbst zu scheiden?

Mein leib, ich geh es nach, sitzt ja in diesem land;
Die seele geb ich dir zu fester treue pfand,
Bey welcher ich voll ruh, ohn welch' ich stets muss leiden.
(S. 195)
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An Eugenien

Wenn meine seel in euch, mein licht! wie kan ich leben,
Nun das verhängnis mich so ferne von euch reißt?
Wie kan ich fröhlich seyn, wenn ihr mir euren geist
Nicht für den meinen woll't (den ihr gefangen) geben?

Man sieht mich hier, doch nur als ein gespenste schweben,
Als ein verzaubert bild, das sich beweglich weist
Durch fremder künste macht. Diß, was man sterben heißt,
Kan meine schmertzen wol, nicht meine flamm' auffheben.

Klagt euch das hertze nicht, das ihr in bande legt,
Wie scharff die geißel sey, die meine glieder schlägt?
Doch nein! es ist zu schwach, sein elend auszusprechen.

Es weiß nichts mehr von mir, es kennt euch nur allein;
Es freu't sich seiner angst und wünschet diese pein
Der bande, durch ein band, das ewig sey, zu brechen.
(S. 134)
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An Eugenien

Was wundert ihr euch noch, ihr rose der jungfrauen!
Dass dieses spiel der zeit, die ros', in eurer hand,
Die alle rosen trotzt, so unversehns verschwand?
Eugenie! so gehts, so schwindet, was wir schauen.

So bald des todes sens wird diesen leib abhauen,
Schau't man den hals, die stirn, die augen, dieses pfand
Der liebe, diese brust in nicht zu reinstem sand,
Und dem, der euch mit lieb itzt ehrt, wird für euch grauen.

Der seufftzer ist umsonst, nichts ist, das auf der welt,
Wie schön es immer sey, bestand und farbe hält.
Wir sind von mutterleib zum untergang erkohren.

Mag auch an schönheit was der rosen gleiche seyn,
Doch ehe sie recht blüht, verwelckt und fält sie ein;
Nicht anders gehn wir fort, so bald wir sind geboren.
(S. 110-111)
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Auf hn. Godofredi Eichorns und Rosine Stoltzin hochzeit

Obgleich der weiße schnee itzt thal und berge decket,
Und manch geschwinder fluss in einen harnisch fährt,
Indem er sich des zorns der grimmen kält erwehrt,
Vor welcher ieder baum bis in den tod erschrecket;

Ob gleich der bleiche frost, die scharffe sens ausstrecket
Und alle blumen raubt, die Chloris hat begehrt,
Hat doch der liebe glut euch süßer zeit beschert,
Als wol die sonne selbst und hitz und lust erwecket.

Sie hat, herr Gottfried! euch die schöne rose bracht,
Bey der ihr früling habt und aller winter lacht.
Wol euch und mehr denn wohl! was mögt ihr noch erdencken?

Wol euch und mehr denn wol! wenn diese rauhe zeit
So schöne blumen gibt und solche lust bereit,
Was wird euch nicht der herbst für süße früchte schenken?
(S. 112)
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An Lucinden

Was ist der zarte mund ? ein köcher voller pfeile,
Durch die ein weiches hertz bis in den tod verletzt.
Recht wird der augen glantz irrlichtern gleich geschätzt,
Die manchen geist verführt in nicht zu langer weile.

Die wunder-schönen haar sind feste liebes-seile.
Wer durch der sternen glantz nicht wird in euch verhetzt,
Wer sich der lilien der wangen widersetzt,
Muss doch gewertig seyn, dass ihn die brust ereile.

So sprecht ihr und ist wahr; wer voll von zunder steckt,
Wird leicht zu böser lust und eurer lieb erweckt.
Man kan zu glut und stro leicht holtz und schwefel finden.

Wer aber bey sich selbst, was ihr für löblich acht,
Eu'r mehr denn falsches hertz und schwartz gemüth betracht,
Den, glaubt mir, werdet ihr Lucinde nicht entzünden.
(S. 112-113)
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An Jolinden

Was habt ihr, das ihr mögt an euch eur eigen nennen?
Die schminck ists, die euch so blutrothe lippen macht;
Die zähne sind durch kunst in leeren mund gebracht;
Man weiß das meisterstück, wodurch die wangen brennen;

Eur eingekaufftes haar kan auch ein kind erkennen;
Der schlimme schweiß entdeckt des halses falsche pracht;
Die auffgesteiffte stirn wird billich ausgelacht,
Wenn sich der salben eys wil bey den runtzeln trennen.

Gemahlte! sagt mir doch, wer seyd ihr, und wie alt?
Ihr, meyn ich, sechzehn jahr; drey stunden die gestalt.
Ihr seyd von hanf; und sie ist über see ankommen.

Ihr schätzt euch trefflich hoch; umsonst! der mahler hat
Noch für ein schöner bild, das feil war in der stadt
Und länger bleibt denn ihr, drey cronen nur genommen.
(S. 114-115)
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An Melanien

Ihr glaubet warlich nicht, wie schön' es sey zu sehen,
Wenn ihr den krummen hals noch dreymahl krümmer macht
Und durch den weiten mund so wunderlieblich lacht,
Der sonst nichts kan, denn nur frisch liegen und gut schmähen.

Euch dünckt, der wisse nicht, wie ihm doch sey geschehen;
Der ziehe närrisch auf mit seiner neuen tracht;
So hab euch jener nicht des grusses werth geacht;
Dem musst ihr seine sprach und iedes wort bejähen;

Dem mangelts an der stirn, und jener sieht nicht recht,
Und der ist gar zu schön, und dieser gar zu schlecht;
Der kan den degen nicht recht an die seite binden.

Habt ihr den spiegel auch, der dort hieng an der wand,
Melanie! wol ie genommen in die hand?
Ey liebe! schaut hinein, da ist was guts zu finden!
(S. 115)
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An Callirhoen

Wie kommts Callirhoe? was mag die ursach seyn,
Dass du mich gestern hast so traurig angeblicket?
Wie dass du alle lust und freundligkeit verschicket?
War meine gegenwart ein ursprung neuer pein?

Verdross dich Flacci kuss? Fürwar, ich meine, nein.
Hat dich der süße schlaff verzaubert und umstricket?
Hat dich der grimme schmertz, die liebes-pest, gedrücket?
Missfiel dir, was ich sprach? Mir fällt die ursach ein:

Da als dein schlaff-gemach ward von uns eingenommen,
Da sind wir, wehrte nymph! dir viel zu nahe kommen.
Wohl, folge meinem rath, wo du dich rächen wilt!

Wenn sich die schwartze nacht wird für dem monden schämen,
Magst du mein schlaff-gemach, ja selbst mein bett' einnehmen.
Die rach' ist mehr denn recht, die gleich mit gleich vergilt.
(S. 121)
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An Eugenien

Gleich als ein wandersmann, dafern die trübe nacht
Mit dicker finsternis lufft, erd und see verdecket,
Betrübt irr't hin und her und mit viel furcht erschrecket,
Nicht weiß, wohin er geht, noch was er lässt und macht,

So eben ists mit mir; doch wenn der mond erwacht
Und seiner strahlen kertz im wolckenhaus anstecket,
Bald find't er weg und rath: so wird mein geist erwecket,
Nun mich der neue trost aus eurem brieff anlacht.

Doch, warum heißt ihr mich diß schöne pfand verbrennen?
Wolt ihr in meiner nacht mich bey der glut' erkennen?
Diß, meines hertzens feu'r, entdeckt ja, wer ich sey.

Sol, schönste! diß papier nur meine brust berühren,
So wird es alsobald in aschen sich verlieren,
Wo von der flamm' es nicht wird durch mein weinen frey.
(S. 121-122)
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An die freunde

Gehabt euch alle wol! O erden gute nacht!
Ihr himmel! ich vergeh. Umsonst hat meine wunden,
Mit so viel wehrtem fleiß Callirhoe verbunden.
Man hat umsonst an mich so liebe schreiben bracht.

Uranie! umsonst hab ich so viel gewacht!
Eugenie! ich bin eh' als ihr meynt, verschwunden.
Die kalte brust erstarrt; der puls wird nicht mehr funden;
Die augen brechen mir; der matte geist verschmacht.

Sol ich, mein vaterland! sol ich dich nicht mehr schauen?
Sol ich mein todtes pfand der fremden grufft vertrauen?
Scheid ich, Eugenie! ohn euren abschied-kuss?

Mein licht! ihr werdet mir die augen nicht zudrücken
Und mit cypressen mich und lorber-zweigen schmücken?
Der myrten acht ich nicht, weil ich verwelcken muss.
(S. 124)
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H. Eliae Æbelii und jungfrau Barbarä Gerlachin hochzeit

Bisher hört ich allein, mein werther freund! euch singen,
Wofern es singen heißt, wenn nicht geferten sind.
Schaut, wie der himmel euch zu neuem danck verbind,
Der zu violl und laut die liebe braut muss bringen!

Wol. Lasst die balge gehn! nun wird die orgel klingen!
Stell't lange pausen ein! singt hurtig, nicht zu lind
Den euch bequemen bass! wo ihr tenor sich find,
Wird leichtlich der discant sich in die tripel zwingen.

Der alt, so itzt noch ruht, und was die kluge welt
Vor stücklein mehr erdacht, drauff man so trefflich hält,
Wird schon zu rechter zeit sich ins concert auffmachen.

Wol dem, der also singt! Wie viel gewündschter lust
Ist, dünckt mich, euer hertz, herr Aebel! ihm bewusst!
Wie wird die jungfer braut doch denn so gerne lachen!
(S. 146-147)
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H. Nathanael Rossteuscher und Alithææ Roussiæ hochzeit

In dem das feste Genpf der helden kühnheit übt
Und endlich ihren ruhm durch seinen fall ausbreitet,
Bricht auch der harte sinn, den ihr bis noch bestreitet,
Und euer Alithè bekennet, dass sie liebt.

Nun schöpfft ihr just aus dem, was euch bisher betrübt;
Die hochzeit-göttin hat den einzug schon bereitet,
Weil Hymen, was ihr wündscht, ins triumph-bette leitet
Und den so werthen feind euch gäntzlich übergiebt.

Er wolle noch mit ihm glück, ehre, sanfftes leben,
Gewündschte just und freud und heil und segen geben
Und fortgang und gewinn, und was mein Phœbus hat!

Der wundsch ist zwar nicht neu' und voll gemeiner sachen,
Herr bräutgam! ihr mögt selbst der braut was neues machen,
Das leben, seel und geist und händ und füße hat!
(S. 147)
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Auf herrn Herings hochzeit. An die braut

Ob zwar die schöne zeit der erden neues leben,
Den menschen neue lust, den bäumen neue zier
Und früchte wieder schenckt, doch traurt ihr für und für
Und wolt euch, jungfrau braut! zu keiner lust erheben.

Wie, dass man euch doch sieht in steten schmertz schweben?
Wo rührt diß ubel her? Mich dünckt, ich mercke schier
Den ursprung aller pein. Dir, dir Cupido! dir
Schreibt man die plage zu. Doch kan ich rettung geben,

So sprach er, und warff pfeil und fackel aus der hand
Und wagt sich auf die see, der mutter vaterland,
Als da er (was ihr wünscht) den hering hat gefangen.

O mehr denn fremder fall! sol diß ein mittel seyn
Was seuch und feber bringt! Ja, schrie er, diß allein
Ist was die krancke sucht, und was sie sol empfangen.
(S. 147-148)
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Auf herr Seilers und frau Richterin hochzeit in Crossen

Das vor in krieges-glut durchaus verglimmte Crossen
Wird, nun der neue fried uns höchst-erfreulich grüßt,
Auch mitten in der kält durch Amors süße list,
Mit unversehnem feur umringet und beschlossen,

Mit fried- und freuden-feur, das was uns vor verdrossen,
Verzehrt und gantz verbrennt, das nicht die häuser frisst,
Das haus und städte baut. Komm, der du frostig bist,
Und schau, wie kält und krieg und trauren wird beschlossen.

Ihr werthen bürger folgt! Eur vater geht voran.
Wünscht nicht alleine glück, versucht, was er gethan!
Der bürgermeister kan alleine nicht bestellen

Das schwere regiment, den angestifften bau,
Den richterstuhl, den rath, land, weinberg, feld und au;
Drum gibt die Richterin ihm eitlen hülff-gesellen.
(S. 187-188)
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Auf jungfer Marianæ Beckerin und hn. Rieses hochzeit

Holdseligstes geschlecht an treffligkeit und sinnen!
Wen hast du nicht bisher zu deinem dienst bewegt?
Es hat sich west und ost und nord und sud erregt
Und deine gunst gesucht durch liebe zu gewinnen.

Vor dir lag kunst und schwerdt; du zwangest das beginnen
Der reisenden zu stehn; der handel ward gelegt,
So bald man um dich warb, der nicht zu ruhen pflegt.
Die riesen werden nun auch deiner schönheit innen.

Einer aus der allzeit rauhen wolck und himmel-stürmer schaar
Suchet deiner schönsten eine, die durch ihrer sternen paar
Sein nie gezwungen hertz verändert und verkehret.

Er vergisst der riesen sitten, er wil mehr denn menschlich seyn;
Er verwirfft die wilden speisen, unsre nahrung geht ihm ein;
Er wil die Beckerin, dieweil er brodt begehret.
(S. 188)
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Auf herrn von K. und jungfrau von S. beylager

Bisher habt ihr nichts gesehen, werther freund! als noth und tod,
Nichts als elend, nichts als schmertzen, nichts als überhäuffte klagen.
Ihr habt eurer seelen seele auf der bahr hinweggetragen.
Eur Nistitz ward zu nichte, staub und rauch und graus und koth.

Wir selbst sahen nichts als flammen und entblößter schwerdter noth,
Mussten, was wir saur erworben, auf die grimmen heere wagen,
Ja das leben-lose leben täglich in die schantze schlagen,
Waren unser feinde schrecken und der rauhen feinde spott.

Itzt seht euch besser um, indem der fried auffwacht
Und euch ein lieblich aug und reines hertz anlacht;
Indem das land beginnt als aus der grufft zu blühen.

Ihr könt eur eigen glück nicht gäntzlich übersehn,
Drum sieht die seherin was guts noch wird geschehn
Durch euren fleiß und schweiß und ihr erhitzt bemühen.
(S. 188-189)
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Auf herrn Ephraim Herrmans hochzeit

Bisher bist du, mein freund! ein mann der jungen heere,
Die du durch tapffre zucht, der tugend kunst und schweiß
Führst zu der ewigkeit und theurer künste preis,
Dass sie die rauhe nacht der thorheit nicht beschwere.

Schau! was der himmel dir vor nahmen nicht beschere?
Itzt wirst du herr und mann, den treu-gesinnten fleiß
Bekräntzt auf diesem zug ein werthes myrten-reiß
Und bringt, was deine müh in lauter lust verkehre.

Was wünsch ich dir? Sey herr und mann!
Thu, was ein herr mann soll und kan!
Vermehr ein junges heer mit noch mehr kleinen heeren!

Diß sucht die kirch, ein fürsten wohnhof sieht
Nach diesem zweck, durch den das land auffblüht;
Bedencke, welche? was? wieviel? von dir begehren!
(S. 189)
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Auf hn. Samuel von Schafs und frau Reginæ gebohrner
Jonstonin vermählung

Der weitberühmte mann, der vater, hat der welt
Der kräuter eigenschafft, der vögel art und wesen,
Der thiere zucht und was von fischen auszulesen,
Und ertz und holtz und säfft und steine vorgestellt.

Er zeigt uns, was den leib, der seelen haus, erhält,
Bringt alle zeiten vor, lehrt, wie das land genesen
Und sich entziehen mög' erhitzter seuchen besen.
Wie dass aus allem ihr denn nur ein schaf gefällt?

Holdselge königin ! schätzt sie den hirten-stab
Vor allein, was man schätzt, denn vor die schönste gab?
Ist sonst nichts, als ein schaf, das würdig sey zu lieben?

Nein warlich, weil nichts mehr den reinen sitten gleicht,
Nochmehr weil dieses schaf von Gott durch bitt erreicht.
Dis bleibt das höchste gut, was Gott uns selbst verschrieben.
(S. 190)
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Auf hn. Gottfried Klesels und jungfrau
Catharinä Ederin hochzeit

Ederin,
Redein*.

Herr Klesel! fühlt er auch die bitter-süße pein,
Mit der die liebe quält ? Setzt dem verletzten hertzen
Die strenge hitze zu mit immer-neuem schmertzen?
Hochwerthe jungfrau braut! sie red ihm trost-wort ein!

Verzehrt er seine zeit in trauren so allein ?
Wacht er die lange nacht bey den gelehrten hertzen,
Sie red ihm lust-wort ein! ein wort voll wonn und schertzen,
Ein wort voll freud und heil wird nur ihr jawort seyn,

Wie wol, wann Gottes fried und unbefleckte sinnen
Durch einred ohne falsch einander lieb gewinnen!
Ich weiß, der herren herr steht alles ihnen zu,

Sein einred ists, was ihn in allem stand ergötzet,
Ihr einred ist, die er weit über alles schätzet.
Sie finden lust bey Gott und er bey ihnen ruh.
(S. 190-191)

* Redein, Einred, wortspiel mit dem namen Eder
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Auf eines guten freundes hochzeit

Man glaubt, dass schnee und lufft auf bergen stets zu finden,
Ob schon der himmel sich in lauter gluth verkehrt
Und von der sonnen brand die ströme selbst verzehrt,
Auch Chloris vor dem grimm des löwen muß verschwinden;

Drum habt ihr, nun den leib die sonn euch wil entzünden,
Nun euch der liebe flamm in seel und hertze fährt,
Erquickung, lufft und trost auf bergen itzt begehrt
Und sucht der sorgen euch im frischen zu entbinden.

Doch lockt euch ieder nicht auf die gespitzte höh,
Ein rosen-berg allein gibt rath in heißem weh,
Der auf dem wipffel lässt die schöne nymfe schauen.

Wohl! achtet keiner müh; besteigt, was ihr begehrt,
Und wo euch auf dem berg erfrischung wird beschert,
So lasst uns auffs gebirg im sommer hütten bauen!
(S. 191)
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An eben selbige

Was hat des fürsten hof, was fand die weise stadt,
Das mächtig sey mich zu erfreuen?
Ich muss die schöne zeit bereuen,
Die mein gemüth ohn sie, mein licht! verzehret hat.

Bey ihr find ich, was ich voll hertzens-seuffzer bat.
Die saamen in das land einstreuen,
Begehren so nicht das erneuen
Des frühlings, der mit thau krönt die erfrischte saat,

Als mich verlanget sie zu schauen,
Sie, meine lust, wonn und vertrauen!
Die mir der himmel gab, zu enden meine klagen.

Sie kan ich diesen tag nicht sehn.
Ach himmel! lass es doch geschehn,
Dass mir mög ihr gesicht die nacht ein traum vortragen!
(S. 195-196)
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Neujahrs-wunsch an Eugenien

Man fängt das neue jahr mit wunsch und gaben an.
Mein hertz! ihr hab ich selbst zu eigen mich gegeben
Und bin nicht weiter frey. Mein ihr verpflichtet leben
Hat nichts, zu dem sie nicht schon anspruch haben kan.

Doch wünschen mag ich noch: der große wunder-mann,
Durch den die erde muss in ihrem wesen schweben,
Durch den der himmel muss sich in die höh erheben,
Hat offt dem wünschen krafft und fortgang zugethan.

Was wünsch ich aber ihr, das gut vor sie und mich
Und nicht vergänglich sey, das iede zeit für sich
Und nicht durch fremde gunst beständig könne werden?

Wer achtet, was die zeit, was seuch und räuber nimmt,
Was seinem untergang, indem es wächst, bestimmt?
Wenn Gott uns zweyen nur wolt einen geist bescheren.
(S. 197)
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An Clelien

Zeit, mehr denn über zeit, die brüste zu verdecken,
Indem der jahre reiff sich an die schläffe, legt.
Deckt zu, was grauen, hass und keine luist erregt!
Verdeckt, vor was ihr selbst (beschaut euch!) musst erschrecken!

Der rosen schnee ist weg, versteckt die dörren hecken!
Ob Chloris, ob Dian nacht einzuziehen pflegt,
Stehts dennoch der nicht an, die nichts als knochen trägt,
Gehüllt in schrumpffend fell voll schwärtzlich-gelber flecken.

Legt ein! eur marckt ist aus; schließt kram und laden zu!
Fragt nicht, was lieben sey! denckt an die lange ruh!
Doch nein! was fällt mir ein? entblößet hals und brüste!

Entdeckt (damit ihr noch was nützet auf der welt),
Wie seuch und lange zeit und schminck hab euch verstellt!
Dämpfft durch diß fremde bild der tollen jugend lüste!
(S. 197-198)
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Aus: Andreas Gryphius Lyrische Gedichte
Herausgegeben von Hermann Palm
Gedruckt für den litterarischen Verein in Stuttgart
Tübingen 1884



 

 

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