Liebessonette deutscher Dichter und Dichterinnen

 



Neroccio de'Landi (1445-1500)
Porträt einer Dame (1480)





 




Agnes Kayser-Langerhannss
(1818-1902)



Verlangen

Dein Augenpaar, mir däucht's ein klarer Bronnen
Mit reichen Schätzen tief in seinem Grunde,
Der edle Blick verräth mir selten Kunde,
Wie ich auch rang, noch hab' ich nichts gewonnen.

Dein Augenpaar, mir däucht's wie gold'ne Sonnen,
Die leuchtend an des Himmels fernem Runde,
Mit höhern Sphären in dem sel'gen Bunde,
Wie heil'ger Schein dem ird'schen Kreis entronnen.

In Demuth wagt' ich auf zu dir zu schauen,
Und wie die Quelle Durst'gen Labung spendet,
Gab'st Frieden du erregtem, heißem Triebe.

Nun wag' ich mehr, o kröne mein Vertrauen,
Nicht Glanz allein, auch Gluth die Sonne sendet,
Du strahltest Licht, nun gieb mir deine Liebe!
(S. 143)
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Der Liebsten zur Beruhigung

Du denkst an mich und wähntest, wenn ich ferne,
Vergäß ich dein, mich drängten andre Dinge;
O, süßes Mädchen, was ich auch vollbringe,
Es ist für dich, wie alles, was ich lerne.

Ja, wüßtest du, daß selbst das Schwerste gerne,
Seit du mich liebst, ich frischen Muth's erringe,
Du wär'st beglückt, und, daß es mir gelinge,
Folg' ich dir nach, wie Schiffer ihrem Sterne.

Weit ist der Weg, bevor du zu erreichen,
Viel Mühen giebt's, Gefahren zu bestehen,
Die leichten Sinn's mir sonst unmöglich schienen.

Doch denk' ich d'ran, du wirst mir ganz zu eigen,
Möcht' ich die Kämpfe doppelt noch erhöhen,
Den großen Einsatz würdig zu verdienen.
(S. 145)
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Der Liebe Macht

Des Daseins Kämpfe drückten meine Seele,
Sie traten überall mir rauh entgegen,
Wenn ich begann mich frei und froh zu regen,
Erkannt' ich, daß ich oft im Irrthum fehle.

Und, wie ich nun verwirrt, gepeinigt wähle,
Bald dieses will, bald jenes überlegen,
Begegnet mir ein Freund auf meinen Wegen,
Er lacht mich aus, daß ich mich selber quäle.

Nun war dem Zweifel freier Raum gegeben,
Sollt' ich mir selbst beim Thu'n und Handeln rathen?
Dem Zufall trau'n, der uns so leicht bemeistert?

Da fand ich dich und neu erschien das Leben,
Die Liebe klärt mein Wollen, meine Thaten,
Und, was ich schuf, gelang, durch sie begeistert.
(S. 146)
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Aus: Gedichte von Agnes Kayser-Langerhannß
Berlin Verlag von E. H. Schroeder
Hermann Kaiser Unter den Linden 41 (1865)


 

 

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