Liebessonette deutscher Dichter und Dichterinnen

 



Neroccio de'Landi (1445-1500)
Porträt einer Dame (1480)





 




Wolfgang Müller von Königswinter
(1816-1873)



Sonette

1.
Wie freut mich diese volle Jugendblüte,
In der die hochgewachsnen Formen prangen,
Das schöne Haupt von dunkelm Haar umhangen,
Die Augen voller Schalkheit, Lust und Güte!

Das Lippenpaar, das für den Kuß erglühte,
Das feine Lächeln auf den Pfirsichwangen,
Die süße Stimme: frei und unbefangen
Klingt jedes Wort aus lieblichstem Gemüthe!

O Sterne, Vögel, Blumen, Himmel, Sonnen,
Und was die Welt an holden Wundern heget,
Wohl füllt ihr Anblick uns das Herz mit Wonnen.

Doch wenn ein solches Bild den Geist beweget,
Die andern sind wie Schemen leicht zerronnen.
Hier ist der Schönheit Siegel aufgepräget.
(S. 35)


2.
O Wölbungen der Stirne, welche ragen
Groß, hoch und klar aus dunklen Lockenwellen!
O Augen, welche bald sich leuchtend hellen,
Und bald von fernen tiefen Träumen sagen!

O zwischen Wangen, die zum Wettstreit fragen
Die Rosen all', der Lippen süße Schwellen,
Wo tiefe Seligkeiten frischauf quellen,
Und dieses Haupt, vom schlanksten Leib getragen!

Ein hold Gemüth, dem Ernst, dem Scherz ergeben,
Das Güt' und Herzlichkeit zum Sitz erkoren,
Und das die Lieb' und Anmuth tief durchweben!

Ein Weib so schön, so tugendreich geboren,
Trat vor mich hin voll siegbewußtem Leben,
Daß ich, betrachtend es, mich selbst verloren.
(S. 36)


3.
Nur aus der Ferne darf ich dich beschauen!
Dann ruhn die tiefen sel'gen Blicke lange
Auf Haar und Augen und auf Lipp' und Wange
Und auf den Gliedern, die sich herrlich bauen.

Mich dir zu nahen, faßt' ich nie Vertrauen,
Zu dir zu reden, ist das Herz mir bange;
Kaum ward berührt von deiner Stimme Klange
Mein furchtsam Ohr, du Zierde aller Frauen!

Es leben andre frei und ungebunden
In deinem Kreis, es sagt dir der Verwegne
Leicht, heiter, frisch, was er für dich empfunden.

Doch ich, von deiner Schönheit trunken, segne
Von ferne dich; ich preise schon die Stunden,
Du schönes Kind, worin ich dir begegne.
(S. 36-37)


4.
Mich selber hab' ich nun so ganz verloren,
Ich schau' in mich und kenne mich nicht wieder.
Wo sind die frohen Thaten, süßen Lieder,
Die unbefangen einst der Geist geboren?

Dein denk' ich, wenn aus goldnen Morgenthoren
Der Tag erhebt sein strahlendes Gefieder;
Dein denk' ich, sinkt die dunkle Nacht hernieder.
Es sei ein Wahn, und doch, wie gern erkoren!

Mir selber fremd, kann ich mich nicht verstehen,
Mein Wort schier fürchtend, brüt' ich hin in Schweigen,
Ich bebe fast, mein Spiegelbild zu sehen.

Doch mag ich gern mich ein Verlorner zeigen;
Statt meiner ist - o Heil, daß es geschehen! -
Ein hohes, liebes, holdes Bild mein eigen.
(S. 37)


5.
Wie sind die alten Zeiten doch vergangen!
Aus freud'gem Herzen kann ich nicht mehr singen;
Gewaltsam quält den Geist in wildem Ringen
Hochfahrend Wünschen und verzweifelnd Bangen.

Seh' ich dich plötzlich, glühen mir die Wangen,
Vor dir zu reden kann ich kaum mich zwingen,
Gleichwie gelähmt sind mir des Geistes Schwingen,
In wirrem Taumel zittr' ich scheu befangen.

Bin ich dir ferne wächst der Muth dem Herzen,
Mein stürmend Wort, es fürchtet keine Schranken,
Ich wag' es keck zu kosen und zu scherzen.

Ich küsse dich - die Arme dich umranken -
Ich schwör' dir ew'ge Treu' - o bittre Schmerzen! -
Klein ist die That - groß sind nur die Gedanken!
(S. 38)


6.
Nie werd' ich handeln gegen Recht und Sitten,
Drum was ich thue, sei mir unbenommen.
Sahst du mich jemals unbescheiden kommen,
Muthwillig je mich folgen deinen Schritten?

Ach, keiner sieht's, steh' in der Nächte Mitten
Ich vor dem Hause, wo du wohnst, beklommen?
Was geht's dich an, will mir dein Bild nur frommen?
Was geht's dich an, wenn ich um dich gelitten?

Nie wird mein kühnres Wort sich zu dir wagen:
Stets magst du freudig ungestört erhören,
Was, die mit Rang und Reichthum prunken, sagen.

Ein schlichter Sänger bin ich; mir gehören
Nur Lieder, ach, die Last ist leicht zu tragen,
Und Lieder werden dir die Ruh' nicht stören!
(S. 38-39)


7.
Du ziehst in Schönheit wie die Nacht, Maria,
Geheimnißreich, gewaltig, hehr und prächtig!
Das reiche Haar umwallt dich dunkelflechtig,
Die Augen blühn wie Sternenpracht, Maria!

O träumerische Sternenpracht, Maria!
So strahlt der große Himmel klar allnächtig,
Du ziehst in Herrlichkeiten zaubermächtig
Und unbewußt doch deiner Macht, Maria!

So folg' ich stille deinen stolzen Pfaden,
Bezaubert ganz und meiner selbst vergessen
Und übervoll von dir die Brust, Maria!

O dürft' ich der Gefühle mich entladen
Vor dir, die mir die Seele qualvoll pressen!
Endloses Leid, endlose Lust, Maria!
(S. 39)


8.
Bald voller Jubel hoch emporgetragen,
Und bald im stillen Kummer fast vergangen,
Bald freud'gen Lebens voll und bald befangen,
Bald unstet, bald voll herzlichem Behagen!

Die Nächte träumen, wachen an den Tagen,
In Aengsten voller Muth, in Lust voll Bangen,
Gepeinigt von den Zweifels gift'gen Schlangen,
Nach tausend Zeichen forschen voller Zagen!

Auf hoffnungsödem Meer der Sehnsucht gleiten,
Nur unbestimmten Wünschen hingegeben,
Dann wieder feste Plane stark bereiten!

In einem Bilde sich zu sammeln streben,
Und sonst verlieren sich in Raum und Zeiten! -
O Gott, ich lieb' und lebe dieses Leben!
(S. 40)


9.
In deine Augen bin ich oft versunken,
So tief, so wunderbar sah ich noch keine,
Abwehrend leuchten sie in keuscher Reine,
Anlockend sprühen sie von lichten Funken.

Bald still und kühl, bald wie von Feuer trunken,
So gleichen sie dem edeln Demantsteine,
Thautropfen bald, um dann im Sonnenscheine
Mit blendend reicher Farbenpracht zu prunken.

Welch seltsam Spiel! Geheimnißvolle Blitze,
Was habt ihr vor? Wollt ihr mir Leben spenden?
Zückt ihr verderbend zu des Daseins Sitze?

Ich möchte fliehn und stets muß ich mich wenden.
Der Lanze denk' ich, die mit ihrer Spitze
Heilt oder tödtet. Ach, wie soll das enden?
(S. 40-41)


10.
Ich kann nicht wie ein eitler Schwätzer werben
Mit süßem Wort und seichten Tändeleien,
Mit Ständchen, Blumen, Stein- und Perlenreihen,
Mit goldnem Schmuck und andern bunten Scherben.

Soll mein Geständniß alles auch verderben:
Ich werde dir zum Tempeldienst nur weihen
Ein reines Herz - das bringt allein Gedeihen -
So heischet Lieb' zu leben und zu sterben.

Vermag nur Glanz und Pracht dich zu beglücken,
So neige dich der Schmeichler leichten Scherzen,
Die dich mit hohlen Erdendingen schmücken.

Und muß ich auch vergehn in Gram und Schmerzen,
Ich wahr', entsagend aber voll Entzücken,
Der Jugendliebe hohes Bild im Herzen.
(S. 41)


11.
Nur in der Nächte heimlich stillen Träumen
Wagt es die Seele Bilder sich zu schmücken,
Die, ach, nur jene dunkle Zeit beglücken,
Bis Licht und Leben strahlt in allen Räumen.

Mit dir dann wandl' ich unter Blütenbäumen,
Ich wage leis' die weiße Hand zu drücken,
Mund schwillt an Mund in himmlischem Entzücken:
So ruhn wir an des Stromes Blumensäumen!

Ach, kommt der Tag mit seinem kalten Leben,
Ist meine Seele trübe, wund, zerschlagen,
Mir hat geträumt, was nimmer sich begeben.

Sei fest, mein Herz, das Schlimmste zu ertragen,
Unmännlich ist's zu zagen und zu beben,
Es gilt ein starkes muthiges Entsagen!
(S. 42)


12.
Ich habe nun das höchste Glück genossen,
Und brauche vor dem Tode nicht zu beben;
Was ewig jung hält durchs verwirrte Leben,
O, dieser Zauber hat sich mir erschlossen.

Ich sah in dir, von Jugend hold umflossen,
Die ew'ge Schönheit; göttlich, hell umgeben
Von himmlischen Gebilden kann ich streben
Zu jenen Höhen, denen sie entsprossen.

Gesegnet seist du, denn mein schönstes Hoffen
Hat sich in dir erfüllt; und das Verderben
Vermeidet mich, seit mich dein Blick getroffen.

Wer je die Schönheit sah, er kann nicht sterben,
Ihm steht ein volles reiches Leben offen:
Sie preisend muß er Ewigkeit erwerben.
(S. 42-43)


13.
O gält' es Kraft und Muth, dich zu erringen,
Ich würde nimmer müd' um dich zu streiten,
Ich wollte segeln durch des Meeres Weiten,
Der Alpen höchste Zacken überspringen.

Ja, könnten dich erfechten scharfe Klingen,
Gern wollt' ich gegen ganze Heere reiten;
Und schreckten Zauber mich von allen Seiten,
Dein Bild im Herzen, würd' ich sie bezwingen.

Doch selten heischt die Liebe kühnes Wagen;
Wer kann, was ihr gefällt, wol recht erkunden?
Wer kann, was sie begehrt, wol recht erfragen?

Den süßesten Verein hat oft gebunden
Ein einzig Wort voll süßem bangem Zagen. -
O wer solch holdes Zauberwort gefunden!
(S. 43)


14.
Entscheide dich! Nicht fürder mag ich bangen!
Wozu dies strenge herrische Verhalten?
O spende warme Blicke nach den kalten,
Und tausche deine Starrheit mit Verlangen!

Nicht ewig kann die Lust voll Wettern hangen,
Einmal muß sich das Sonnenlicht entfalten.
Entsag' den andern, willst du mich erhalten,
Entsag' der Welt, hast du mein Bild empfangen!

Das ist kein Zagen jungfräulicher Scheue,
Nein, Launen sind es, laß sie endlich schwinden,
Sonst trifft dich endlich selber bittre Reue!

Mit frevlem Spiele wirst du nimmer binden
Mein unerfahrnes Herz, das so voll Treue,
Wie du wol schwer ein zweites möchtest finden.
(S. 44)


15.
Zu bald verlass' ich diese Zauberkreise,
Nicht ohne Wünsche hab' ich sie durchzogen;
Ich schwieg, wie hoch mein Herz dahingeflogen,
Nur meinem Lied vertraut' ich still und leise.

Heil dir! O könnte deines Dichters Weise
Die Lose lenken fest und klar gepflogen,
Hoch in den Sternen überm Himmelsbogen,
Sie fielen dir, sie fielen mir zum Preise!

Gescheh' es nie; doch wenn dir einst im Leben
Verwehn des Glaubens und der Liebe Lichter,
Dem Frauenherzen hold als Trost gegeben,

Lied diese Lieder, die ich dir zu schlichter
Erinnrung gab. Ich würde freudig beben,
Wär dir's ein Trost, daß dich geliebt ihr Dichter.
(S. 44-45)


16.
Ach, fern von dir, ist mir das Herz zerschlagen,
Aus trüben Augen kann ich kaum mehr schauen,
Die Sonne blinkt so matt, die Lüfte grauen,
Und nebeldumpf dahin die Wolken jagen.

Die Vögel singen schmerzlich tiefe Klagen,
Braun starrt der Berg und düsterfarb' die Auen,
Es schleicht der Fluß so klanglos durch die Gauen:
Mir dehnt sich Stund' an Stund' zu langen Tagen!

Hinaus, mein Herz, zu hohen Bergeswegen! -
Ich schau' ins Land, wo sich die Pfade breiten,
Zu dir, zu dir, dem liebsten Ort entgegen.

Ach, wie die Vögel ziehn, die Kähne gleiten,
Die Wolken sich ob Berg und Wald bewegen:
Ich weine still gedenkend alter Zeiten!
(S. 45)


17.
Je mehr ich strebe mich zu überwinden
In dieser Liebe, ach, je mehr verstricke
Ich mich hinein, je mehr ich diese Blicke
Vermeiden will, je mehr möcht' ich sie finden.

All meine Hoffnungssterne seh ich schwinden,
Und keine Tröstung mehr, die mich erquicke!
Mir grollen ringsum dunkel die Geschicke!
Wie soll die Anmuth sich dem Gram verbinden?

Das ist der Liebe wunderbares Wesen!
Wen ihr allmächt'ger scharfer Pfeil getroffen,
Der wird trotz allen Mitteln nicht genesen.

Er kann nur einzig auf Erlösung hoffen,
Wenn er der Liebe, die ihn hold erlesen,
Ans Herz sich schmiegt, hingebend, warm und offen.
(S. 46)


18.
Oft stürmt die Seele doch in lauten Klagen,
Sie bebt und zittert, ach, in wildem Bangen,
Daß diese Liebe, die mein Herz empfangen
Als reifen Samen, keine Frucht getragen.

Ich bin in diesen buntgeschmückten Tagen
Stets stolz und männlich meinen Weg gegangen,
Doch kann ich nicht mit Erdengütern prangen:
Was gelten Herzen, die für Schönheit schlagen?

O wag' es nur den Schleier aufzuheben,
Sieh eine Welt, die nur nach wilder neuer
Zerstreuung sucht, um rasch dahinzuleben;

Mir dient zum Trost, daß immer ich mit treuer
Begeisterung der Wahrheit war ergeben,
Treu hütend meiner Liebe heil'ges Feuer.
(S. 46-47)


19.
Wie trag' ich dieses Glück? Die Zeiten ließen
So schlimm sich an. Wie heiter sie sich wenden!
Ich wähnte meine Treue zu verschwenden,
Und meine Liebe freudelos zu schließen.

Und jetzt darf ich das höchste Glück genießen.
An ihrer Brust beginnen und vollenden
Die Tage sich; ich seh' von allen Enden
Den reichsten Segen in mein Leben fließen.

Wie das mir kam? Ich stand mit ihr alleine,
Wir wechselten in langem Blick die Kunde
Von unsrer Liebe, und sie war die meine.

Dann lag zu heißem Kusse Mund an Munde!
Sie floh hinweg, daß sie im stillen weine!
Das war der Anfang zu dem schönsten Bunde.
(S. 47)


20.
Du fragtest mich, warum die Töne schweigen,
Die unablässig sonst dem Geist entquollen?
Nichts hab' ich mehr zu wünschen und zu wollen:
Das Glück, nach dem ich rang, ist ganz mein eigen.

Am liebsten mag das Lied der Sehnsucht steigen
Aus Herzen, weichgestimmten, sehnsuchtsvollen,
Aus Seelen, die verschmäht in Kummer grollen;
Und Leid und Sehnsucht kann ich dir nicht zeigen.

Ich plaudre, tändle, herze, scherze, küsse;
Du gibst mir Antwort, Brust an Brust gedrungen:
Das sind des Lebens lieblichste Genüsse.

Heil mir, daß ich der Einsamkeit entsprungen!
Mehr werth ist mir, als alle Liedergüsse,
Das kleinste Wort, das deiner Lieb' entklungen!
(S. 48)


21.
Ach alles, was du einst mit mir gefühlet,
All' die Beseligungen dieser reichen
Und holden Liebe, hat mit allen Zeichen
Die Zeit von deiner Seele weggespület.

Dahin, dahin! So bist du abgekühlet.
Dies Zittern, Beben im Vorüberschleichen,
Dies plötzliche Erröthen und Erbleichen -
Ach, wie das alles noch im Herzen wühlet!

Mein Bildniß mochte immer dir entschwinden;
Denn meinem Wesen ist nicht eingeschrieben
Reiz, Anmuth, Schönheit, Glück, um dich zu binden.

Doch Eins ist immer schmerzhaft mir geblieben:
O weh, dir fehlt das schöne Nachempfinden
Für unsrer Jugend volles erstes Lieben!
(S. 48-49)


22.
Laß ruhn auf deinen Zügen meine langen
Sehnsücht'gen Blicke, wo einst manche Stunde
Sie ruhten, als in sel'gem Liebesbunde
Glückselig Geist den Geist in sich empfangen!

Laß ruhn den Blick auf deinen schönen Wangen,
Wo meine lagen, auf dem süßen Munde,
Wo meiner schwoll, in deiner Augen Grunde,
Wo Seele sich an Seele festgehangen!

Ich wünsche nichts, als leis heraufzuschwören
Die bleichen Schatten längstvergangner Stunden;
Schmerzsel'ge Lust will mich dazu bethören.

Ach, ich erlebe, was ich einst empfunden:
Die alten Schwüre wähn' ich neu zu hören,
Und brennend bluten all die alten Wunden!
(S. 49)


23.
O hadre nicht, wenn ich nach deinen Tritten
So wie vor Zeiten noch die meinen lenke,
Wenn ich in Flur und Gärten mich versenke,
Die ich seit langen Tagen nicht durchschritten;

Wenn ich vor deinem Hause oft inmitten
Der tiefen Nächte steh'! Daß ich dich kränke,
Geschieht es nicht; und zürnest du, bedenke,
Was ich um dich nicht alles schon gelitten!

Was geht's dich an! Du brauchst nicht mehr zu lauschen,
Du hörst von mir nicht fürder Huldigungen,
Nicht Wünsche, Herz um Herz mit mir zu tauschen.

Ich folge dir, um an Erinnerungen
Glücksel'ger Zeiten still mich zu berauschen;
Ach, statt der Lust hält Wehmuth mich umschlungen!
(S. 50)


24.
Es scheinet fast, du hast die Zeit vergessen,
Als wir uns suchten einst an allen Tagen,
Bis wir nach langem Wunsch im Arm uns lagen,
Nach Willen uns zu küssen und zu pressen;

Als wir getrennt die Nächte still gesessen
Bald voller Lust und bald voll bittrer Klagen;
Bis du mich endlich zwangest zu entsagen,
War beides, Freud' und Kummer, unermessen.

O leugne nicht, daß Liebe das gewesen,
Was du mir weihtest; menschlich edle Einheit,
Sie schmückte dein jungfräulich keusches Wesen.

Dich lockte, ach, des Glanzes eitle Kleinheit,
Als später du im Buch der Welt gelesen;
Die Liebe floh dir mit der Seele Reinheit.
(S. 50-51)


25.
Als schönstes liebstes Bild muß ich dich nennen,
Das mir ins Leben fiel; du hast vor allen
Dem jugendheitern Sinn voreinst gefallen;
Du lehrtest mich die süße Liebe kennen.

Und nimmer dacht' ich mich von dir zu trennen,
Als du erhöret meines Herzens Lallen:
Die Götterbilder in den Tempelhallen
Ich sah sie plötzlich stürzen und verbrennen.

Ich hab' dir froh geopfert all mein Leben;
Die heiligsten Gefühle und Gedanken,
Mein Sein war ganz dir selig hingegeben.

Ach, du vergaßest es! Dein leichtes Schwanken,
Es ließ ein Herz, - Gott mög' es dir vergeben! -
Das froh wie keines war, zum Tod erkranken.
(S. 51)


26.
Es war zu jeder Zeit umsonst mein Streben
Zu forschen, ob aus innerm Seelendrange
Du mich verlassen, ob in hartem Zwange
Du fremder Ueberredung nachgegeben.

Doch kühn darf sich das Wort zu dir erheben,
Daß du ein Herz verschmäht vom reinsten Drange
Und einen Geist, dem auf des Lebens Gange
Die Schönheit und die Freiheit rechtes Leben.

Verwachte Nächte und verweinte Tage
Lag ich dem Gram in harten dürren Armen;
Ich litt um dich, wie nimmermehr ich's sage.

Doch fleh' ich nicht um niedriges Erbarmen.
Einst blüht der Geist aufs neu': durch Leid und Plage
Kann ja die reiche Seele nicht verarmen!
(S. 52)


27.
Wer will verlorne Liebe nicht beklagen!
Ich sag' es laut, ich mußte sie beweinen,
Und doch will es mir oft als Glück erscheinen,
Ach, unsrer Seelen zeitiges Entsagen.

Ich hätte mich zuletzt nach langen Tagen
In dir geirrt; anhangend nur dem Kleinen,
Dem Mittelmäß'gen mußtest du erscheinen,
Wo mir das Herz für Großes nur geschlagen.

Jetzt glomm die Liebe nur für kurze Zeiten,
Doch Rosen glich sie, hellen Lenzgeschenken,
Die sich durch liederreiche Gärten breiten.

Und will ich in Erinnrung mich versenken,
So bleibet sie, solang' mir Tage gleiten,
Dem Geist das wundervollste Angedenken.
(S. 52-53)


28.
Leb' wohl, leb' wohl auf alle Erdentage!
Ich will dich nun für ew'ge Zeiten meiden,
Erstorben ist die Liebe in uns beiden,
Wir sind uns todt, und ich, mein Kind, entsage.

Nicht Liebeswünsche, Liebeslust und Klage
Erklingt dir fürder; magst du froh dich weiden
Am Leben, - Gott behüte dich vor Leiden! -
Ich thu' nach dir nun fürder keine Frage.

Doch weih' ich meine Brust noch zum Altare:
Du stehst darin in jungfräulicher Reine,
Der Gürtel schmückt den Leib, der Kranz die Haare.

Ruh' keusch und hell in diesem festen Schreine!
Als meiner ersten Liebe Bild bewahre
Ich dich in ewig heil'gem Glorienscheine.
(S. 53)


29.
Als ich dich liebte, liebtest du nicht wieder:
Du sahst mich krank und siech, den Wunden, Armen,
Ach, ohne Mitgefühl und ohn' Erbarmen;
Da starb mein Herz, es schwiegen seine Lieder.

Zu einem andern flog mit Glanzgefieder
Dein junger Sinn; du hofftest zu erwarmen
In des Geliebten lebensvollen Armen,
Doch floh er dich und bog dein Leben nieder.

So sehn wir wieder uns nach langen Tagen
Verhärmt, vergrämt; wir haben gleiche Leiden,
Ach, um verlorne Liebe nun getragen!

Es hat den andern keiner zu beneiden,
Wir sehn versöhnt uns an mit bangem Zagen:
O, schöne junge Liebe starb uns beiden!
(S. 54)


30.
So mußte diese Liebe denn entschweben:
Im Wind zerstoben ist das sel'ge Scherzen!
Die Sehnsucht todt! Ich zünde an die Kerzen:
Ich will das Leichentuch noch einmal heben.

Die Jugend hin, der beste Theil vom Leben!
Zerrissen, ach, der beste Theil vom Herzen!
Einst doppelt froh durch dich, dann voller Schmerzen!
Allein jetzt gilt es länger nicht zu beben.

Zum letzten mal red' ich von alten Tagen,
Nicht länger schwelg' ich in verrauschten Wonnen,
Den Schmerz will ich mit Lust nicht fürder tragen!

Leb' wohl, leb' wohl, zerronnen ist zerronnen!
Der Jüngling ist dahin, die Lieb' zerschlagen;
Doch ist die Freiheit und der Mann gewonnen!
(S. 54-55)
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Aus: Dichtungen eines Rheinischen Poeten
von Wolfgang Müller von Königswinter
Erster Band Leipzig F. A. Brockhaus 1871



 

 

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