Liebessonette deutscher Dichter und Dichterinnen

 



Neroccio de'Landi (1445-1500)
Porträt einer Dame (1480)





 




Gustav Renner
(1866-1945)



Bitte

Laß deiner Augen holde Pracht mir tagen,
Daß in dem wüsten Garten meiner Seele
Die Blumen, die der Sturm geknickt, der scheele,
Das Köpfchen heben und zu blühen wagen.

Daß Licht und Luft und sommerlich Behagen,
Das mir so lang entfloh, nun nicht mehr fehle
Und aus der neuerstandnen Saat die Kehle
Der Lerche es zum Himmel möge tragen.

Wohin du blickst, da tauet Segen nieder,
Daß Neid und Mißgunst nebelgleich entschwand
Und sich entwaffnet zürnende Geberde.

Es sieht in dir der Mensch sein Urbild wieder,
Denn Mild' und Reinheit reichten sich die Hand
Und traten sichtbar in dir auf die Erde.
(S. 9)
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Liebeswunsch

O könnt' ich in des Liedes Schale gießen
All meinen Schmerz und Lust, das heiße Bangen,
Das süße Hoffen, heimliche Verlangen,
Die holden Fehler, die der Lieb' entsprießen!

Und diese Schale, voll zum Überfließen,
O möchtest du voll Huld sie doch empfangen
Und, daß begeistert röten sich die Wangen,
Sie bis zum letzten Tropfen auch genießen.

Vielleicht daß dann durch diesen Zaubertrank
Dein Herz in Liebe sich dem meinen neiget,
Das immer dir geklopft in süßem Drang;

Daß, angefacht durch meinen heißen Sang,
Der Funken lodernd bis zur Flamme steiget,
Das Herz bezwingt, das widerstrebend rang.
(S. 10)
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Aus: Gustav Renner Gedichte Gesamtausgabe
Durchgesehen und vermehrt
Gr. Lichterfelde-Berlin Verlag von E. Th. Förster 1904



 

 

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