Thekla Lingen (1866-1931) - Liebesgedichte

Thekla Lingen

 

Thekla Lingen
(1866-1931)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:



 

Rosen

Ach, gestern hat er mir Rosen gebracht,
Sie haben geduftet die ganze Nacht,
Für ihn geworben, der meiner denkt -
Da hab' ich den Traum der Nacht ihm geschenkt.

Und heute geh' ich und lächle stumm,
Trag' seine Rosen mit mir herum
Und warte und lausche, und geht die Thür,
So zittert mein Herz: ach, käm er zu mir!

Und küsse die Rosen, die er gebracht,
Und gehe und suche den Traum der Nacht ...

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 33)
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Warnung

Ach, gieb mich frei und lass mich ziehen,
Du siehst, zu eng ist mir dein Haus,
Umsonst mein Ringen und mein Mühen -
Lass in die Freiheit mich hinaus!

Zwing mich nicht länger hier zu leben,
In dieser Welt so trüb und klein -
Ich kann ihr nichts, sie mir nichts geben,
Und Jedes grollt in bittrer Pein.

Hab' jung und unklug mich gebunden,
Kopfschüttelnd schau ich nun zurück;
Ich glaubte, als ich dich gefunden,
Ich stünde vor dem grossen Glück.

Und wusste nicht, als ich gegeben
Dir meine ganze Jugend hin,
Wie weit, wie gross, wie lang das Leben,
Wie wandelbar der Menschen Sinn.

Drum gieb mich frei, noch eh' die Sünde
Mich mit den mächtigen Armen fasst,
Eh' ich zur schlimmen Stunde künde,
Dass du mich ganz verloren hast.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 12)
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Ach, ist es denn so lange her,
Und weisst du nichts und gar nichts mehr
Von allem unserm Lieben!
Nun gehst du hin mit "Trallala"
Und drehst den Mantel hier und da,
Von eitler Lust getrieben.

Geh hin, geh hin, du leerer Wicht!
Um deine Liebe wein ich nicht,
Ich wein um meine Treue -
Dass es dir seine Lieb geschenkt,
Dess ist mein Herze so gekränkt
Und weint in bittrer Reue.

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 52)
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Ach, wie du kamst
Und meine beiden Hände nahmst -
Weiss nicht, wie es geschehen ist,
Und wie du hingesunken bist,
So tief, so tief das Haupt gebeugt!
Da hab ich mich zu dir geneigt
Und zog dein Haupt an meine Brust,
Du hast kein einziges Wort gesagt -
Wir haben es beide doch gewusst.

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 65)
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Er spricht

Allem Schmerz sei nun ein Ende!
Sieh, ich will dir Glück bereiten,
Reich mir deine lieben Hände,
Komm zu stillen Seligkeiten.

Komm, du sollst mir nicht mehr weinen,
Ach, ich will dir Frieden geben,
Neue Sterne werden scheinen,
Neue Wunder sollst du leben.

Lass des Lorbeers Stachelkrone,
Lass sie dir vom Haupte fallen,
Sieh, du bist mir hoch vor allen,
Nimm mein Leben hin zum Lohne.


Sie spricht
Liebster, komm und lass dich küssen,
Schenk mir diese hohe Stunde,
Immer werd ich weinen müssen,
Nimmer stillst du meine Wunde.

Sieh, des Lorbeers Stachelruten
Müssen meine Stirne schmücken,
Meine Schläfen müssen bluten,
Frieden wird mich nie beglücken.

Liebster, reich mir deine Hände,
Will sie dir in Demut küssen,
Und dann werd ich weiter müssen,
Bis ich meinen Weg vollende.

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 74-75)
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Zigeunerliebe

Bin eine schwarze Rose,
Erblüht in dunkler Nacht,
Die Locken flattern lose -
Gieb acht, mein Lieb, gieb acht!

Mein Herz kennt keine Treue,
Und willst du meine Huld,
Mein Herz kennt keine Reue -
Dein eigen sei die Schuld!

Bin eine schwarze Rose,
Gott hat mich so gemacht,
Die Locken flattern lose -
Gieb acht, mein Lieb, gieb acht!

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 15)
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Wandlung

Da ist nun einer gekommen,
Mit dem ich nicht spielen kann;
Er hat mir mein Lachen genommen,
Ein stiller, ein schöner Mann.

Wenn mich die Andern umringen
Mit Scherzen und leerem Gethu,
Dann folgt er mit schweren Blicken
Und schweigt und lächelt dazu.

Wie ferner Blitze Leuchten
Trifft mich der mahnende Blick -
Ich fühle mein Wesen erzittern,
Als suche mich mein Geschick.

Ich hör' meine Stunde nahen
Und lausche mit zager Lust
Hinab auf ihr süsses Drängen
Tief innen in meiner Brust.

Uralte Weisen erklingen,
Umrauschen den bangen Sinn -
Wie ist es mir nur geschehen,
Dass ich nicht mein eigen bin?

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 31)
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Da steht ein Stuhl so leer -
Da hat einer gesessen -
Mir ist das Herz so schwer,
Kann ihn nicht vergessen.

Der Mai steht vor der Tür,
Froh sind die andern,
Ach, er ging fort von mir,
Ging wandern …

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 50)
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Die Geigen sangen die ganze Nacht,
Wir haben bei froher Tafel gelacht.

Ich sass glückselig neben dir,
Dein Blick wie Sonne über mir.

Da hat dein Fuss sich scheu verirrt,
Ich war erschrocken, jäh verwirrt.

Ich schloss die Augen lusterstarrt,
Da dir mein Fuss zu eigen ward.

Die Geigen sangen die ganze Nacht,
Wir beide haben nicht mehr gelacht.

Verstummt der Jubel, ich bin allein
Im dunkel-stillen Kämmerlein,

Und träume und träume, wie es wird,
Wenn sich dein Mund so süss verirrt.

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 64)
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Allein

Die Stunden fliehn,
Ich bin allein …
Das Feuer knistert im Kamin,
Ich sitze stumm und regungslos,
Die Hände ruhen still im Schoss -
Ich denke dein.

Der Sturm fährt heulend durch die Nacht!
Wie ist mein tiefstes Sein erwacht
Nach dir – nach dir!
O, wärst du hier!
Wie wollt ich dir so Liebes thun
Und still an deiner Schulter ruhn.

Der Sturm fährt heulend um das Haus,
Die Flammen glühen dunkel aus,
Die Stunden fliehn erbarmungslos,
Und meine Hände still im Schoss -
Und könnten doch in deinen ruhn!
Wo weilst du nun? …

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 36)
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Dort hinter dem Walde braust der Zug,
Der meinen Liebsten von mir trug.

Er trug ihn zu einer andern hin,
Gott weiss es, wie ich verlassen bin.

Gott weiss es, nun ist die Welt mir leer,
Wem geb ich mein Leben, ich brauch es nicht mehr.

Dort hinter dem Walde braust der Zug,
Der all mein Glück von hinnen trug.

Dort trag ich mein junges Leben hin,
Gott weiss es, wie ich verlassen bin.

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 54)
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Schwere Stunde

Du bist so still mit mir allein,
Der Vollmond bricht zu uns herein;
Dein Auge fragt so unruhvoll -
Ich weiss nicht, ob ich sagen soll,
Dass ich dich liebe.
Wohl lieb ich dich in dieser Stund,
In dieser Stund,
Doch morgen -
Da ringst du dir die Hände wund
In Sorgen.
Sieh mich nicht an so unruhvoll,
Ich weiss nicht, ob ich sagen soll,
Dass ich dich liebe!
Es war einmal in solcher Stund,
Ich küsste einen andern Mund,
Da starb mir das Verlangen,
Und ich bin fortgegangen. -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Wend ab, wend ab dein Angesicht,
Dir sag ich's nicht -
Ich möchte bei dir bleiben.

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 71)
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So geht's

»Du grosser Sumser, sum, sum, sum,
Du summst und brummst wie toll herum,
Und immer, immer um das Licht -
Siehst du die glühe Flamme nicht,
Den heissen roten Schein?«

»Wohl seh ich sie, und sum, sum, sum
Muss ich doch immerzu herum -
Weil sie so rot ist und so glüh
Und ach, so schön! drum lieb ich sie,
Muss immer bei ihr sein!«

Und sehnend geht es sum, sum, sum
Und immer um das Licht herum,
Er streift's mit heissem Kuss
Dann mit versengtem Flügelpaar
Sinkt taumelnd hin der kleine Narr,
Summt seinen letzten Gruss.

So wehe klagt er: sum - sum - sum -
Dann liegt der Sumser tot und stumm ...

Es musste so geschehn! ...
Er starb den allerschönsten Tod
In seiner Flamme heiss und rot -
Wie war sie doch so schön!

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 21-22)
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Flirt

I.
Du möchtest lieben, sagst du mir -
Ach nur ein einzig Mal
Ersehnst du diese Wonne dir
Mit ihrer Lust und Qual!

Ich soll den Zaubertrank dir leihn,
Wähnst du mit leichtem Sinn -
Je nun, mein Freund, ich sag nicht nein,
Doch - weisst du, wer ich bin?

Wenn angefacht mit keckem Mut
Ich hab' der Sinne Brand,
Dann - wärme ich an ihrer Glut
Nur meine kalte Hand.

Denn ich soll hart und grausam sein,
So hat man mich belehrt;
Doch - mich zu lieben, sei allein
Schon eines Lebens wert!

So sagen sie. - Nun kennst du mich,
Ich sagte nicht zu viel.
Willst du an mir versuchen dich -?
Mich lockt das kühne Spiel.

Vielleicht werd' ich dir dankbar sein,
Versuche unbeirrt!
Es sprühet Funken auch der Stein,
Wenn ihn der Stahl berührt.


II.
Du liebst nicht, du willst nur bethören,
Du willst mich schwach und bebend sehn -
Dann wirst du mir den Rücken kehren
Und wie ein Sieger von mir gehn.

Doch nimmer wird es dir gelingen -
Denn lockst die Sinne du allein
Und kannst die Seele nicht bezwingen,
So werde ich der Sieger sein.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 16-17)
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Hilf mir!

Du musst mich küssen, wie die Sonne glüht,
Hoch wie das Meer muss deine Liebe rauschen,
Wie Orgelbrausen durch die Kirche zieht,
Wie Glockenklang so stark und hehr zu lauschen.

Ich hab in dich mein ganzes Sein gesenkt,
Und wie die Erde musst du Kraft mir geben,
Zu tragen, was mir das Geschick verhängt,
In meiner eigenen Sonne Licht zu leben.

Dann findet mich der Spott der Menge nicht,
Dann lass sie schmähen und mein Thun verhöhnen -
Was ihres Alltags kalte Stimme spricht,
Soll unserer Liebe Jauchzen übertönen.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 50)
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Bewilligung

Du schmiegtest dich zu meinen Füssen
Und sahst mir flehend ins Gesicht -
Ich musste deine Stirne küssen,
Die Stirne - weiter dacht ich nicht.

Da schlossest du die lieben Augen
Und bebtest wie in stiller Lust -
Ich küsste die geschlossnen Augen,
Da lag dein Kopf an meiner Brust.

So nah war mir dein Mund, der feine -
Ach, küsste, küsste ich ihn dann! ...
Mit diesem Kuss ward ich die deine,
So nahmst du mich, geliebter Mann!

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 40)
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Mann und Weib

Du siehst den Schmerz nicht und die Thränen,
Das Zucken meiner Lippen nicht,
Du kannst dich frei und glücklich wähnen,
Wo mir das Herz vor Jammer bricht.

Du willst nicht meine Qual verstehen,
Nicht sehen, wie ich müde bin,
Mit dieser Last dahinzugehen,
Die du erträgst mit leichtem Sinn.

Du hast der Liebe Lohn bekommen,
Verrät es doch dein Siegerblick!
Ich hab' das Kreuz auf mich genommen
Und trage blutend mein Geschick.

Dir ward der Liebe Lust gegeben
Und mir die Qual - denn ich bin Weib!
Ich gab in Schmerzen neues Leben,
Da du in Lust umschlangst den Leib.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 55)
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Ohnmacht

Du Ungeheuer,
Zehrend Feuer du!
Was streckst du lechzend deine Zunge aus?
Hinweg -
Ich will dir nicht zu Willen sein!
Sieh, wie sie locken mit den heissen Blicken,
Sieh, wie sie suchend ihre Finger spreizen,
Mit kundiger Hand den Gürtel mir zu lösen -
Und siedend steigen Wünsche in mir auf!
Ich sinke hin,
Ich muss in Schmach vergehn! ...
O, welche Kraft hat dich mir eingegeben,
Und welche Macht hat Sünde dich genannt! -
Und ist's denn Sünde,
Was so heiss und mächtig
In meinen Adern nach Befreiung schreit -
Wohlan, Natur,
Dich ruf ich klagend an!
Was gabst du mir den Bau der schlanken Glieder,
Der Lippen Rot, des Nackens Lilienweiss,
Der Augen Leuchten und des Mundes Lächeln,
Ein Herz, das mit gewaltigen Schlägen pochend
In junger Brust vor Lust und Wonne jauchzt -
Wenn du mir nicht der Keuschheit kühles Siegel
Als stumme Wehr auf meine Stirn gedrückt! ...
So muss ich trauern ob der reichen Gaben,
Die überfliessend Gram um mich verbreiten
Gleich jenem Trank, der perlenüberschäumend
Zur Lache ward auf reichbesetzter Tafel,
Den nimmersatten Fliegen näschige Speise ...
Du wusstest Mass zu halten nicht,
Du Weise, -
Und dein Geschöpf soll weiser sein als du! ...
So werf ich blutend meine Waffen hin,
Genug der Qual -
Ich will nicht stärker sein, als du mich machtest!
Nimm deinen Sieg!
Schweigend knie ich nieder
Und beug' mein Haupt und weine still -
Ein Weib ...

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 43-44)
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Er ist gegangen, ich bin allein,
So trübe glimmt mein Feuerlein.
Ich schür die Flamme mit müder Hand,
Vorüber, ach, und ausgebrannt.

Wo er gesessen, der Platz ist leer,
Nun brennt eine Wunde so heiß, so sehr.
Ich lösch die Thräne mit zager Hand -
Ach, wär es vorüber und ausgebrannt!

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 51)
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Stumme Bitte

Er nimmt mir meine beiden Hände
Und hält sie fest mit langem Kuss,
Bis ich mich bebend von ihm wende
Und sage, dass er gehen muss.

Da leuchtet tief in seinen Blicken
Der heisse Glanz, der mich erschreckt -
Es wagt sein Auge auszudrücken,
Was ich erschauernd längst entdeckt.

Es zwingt mich dieses stumme Flehen,
Ich geb mich hin dem starken Blick
Und fühl mich langsam untergehen
In wunderseligem Liebesglück.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 37)
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Geständnis

Fein bist du und jung, und die Lippen sind rot,
Und du fragst mich, warum ich dich liebe?
Ich that nur, was dringend Natur mir gebot,
Und folgte dem köstlichen Triebe.

Und kommst du geschritten, und schaust du mich an,
So beb' ich vor Lust und Verlangen,
Und gehst du, du junger, du kraftschöner Mann,
So wein' ich vor Sehnen und Bangen.

So wandl' ich in steter, sich mehrender Pein,
Von Lieb' und von Reue getrieben -
Dein darf ich nicht werden und bin ja schon dein
Und finde so süss, dich zu lieben.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 39)
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Müde

Hab so wund gelaufen meine Füsse
Auf dem weiten Wege nach dem Glück -
Lachend lief ich aus, um es zu suchen,
Schlich nach Haus mit thränenschwerem Blick.

Sah wohl wunderseltsam lichte Blumen,
Sah sie wohl an meinem Wege stehn,
Habe sie mit raschem Fuss zertreten,
Musste eilen, musste weitergehn.

Weitergehn, die eine nur zu finden,
Die in trügerischer Ferne winkt
Und mit ihren buhlerischen Düften
Unser Herz zur Schuld und Sünde zwingt.

Hab so wund gelaufen meine Füsse
Auf dem weiten Wege nach dem Glück -
Lachend lief ich aus, um es zu suchen,
Kam so müde, kam so still zurück ...

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 61)
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Abschied

Hast mit heissem Kuss
Meinen Leib umfangen,
Doch der Seele bist
Du vorbeigegangen.

Und ich suchte wohl,
Suchte Deine Seele,
Dass zur Stunde sie
Meiner sich vermähle.

Doch du bargst sie mir
Unter dichten Schleiern,
Und du wolltest nicht
Diese Stunde feiern.

Sieh, nun ist es aus,
Meine Glut verglommen,
Meiner Liebe Tod
Ist so schnell gekommen …

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 54)
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Ich gehe, wenn die Sonne sinkt,
Wenn's in den Feldern dunkelt
Und durch die milde Dämmerung
Der Stern der Liebe funkelt.

Ich gehe still und suche dich
Auf allen meinen Wegen,
Der Stern der Liebe über mir
Leuchtet mir hold entgegen.

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 66)
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Ich hatte mich für dich geschmückt,
Ich legte an ein weisses Kleid,
Und Rosen hatt ich mir gepflückt
Und stand in Liebe hochbereit.

Ich stand und harrte. Ach, die Zeit
Schlich grausam hin, der Abend kam -
Da legt ich ab mein weisses Kleid
Und weinte heiss in tiefer Scham.

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 67)
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Ich lag in Kummer und schrie nach dir,
Mir war doch immer, du kämst zu mir.
Mir war, ein Wunder trüge dich her
Weit über das weisse Wintermeer.
Ich habe geweint und habe gewacht,
Hinausgespäht in die Winternacht,
Doch rings tiefdunkle Einsamkeit -
Und du warst weit.

Ich sank in Schlummer und träumte von dir,
Und sah dich stehn vor meiner Thür.
Da bin ich aus meinem Traum erwacht,
Und habe dir die Thür aufgemacht.
Ach, finster starrte der leere Flur,
Und Mitternacht schlug die alte Uhr,
Und rings tiefdunkle Einsamkeit -
Doch du warst weit.

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 53)
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Je t'aime

»Je t'aime« - in den Baum geschrieben
Hat seine Hand mit keckem Scherz;
Kennt er denn nicht das Wörtchen »lieben«?
Doch süss erschrocken steht ihr Herz.

»Je t'aime« - in das Mark gezwungen
Hat er's dem Baum im tiefen Wald;
»Ich liebe dich!« hat sie gesungen,
Dass es im Walde wiederhallt.

»Je t'aime« - kann sie doch nicht singen,
Denn gar zu fremd ist ihr das Wort;
»Ich liebe dich!« so wird es klingen
In ihrem Herzen fort und fort.

»Je t'aime« - wo ist der Freund geblieben?
Das fremde Glück entwich so bald!
Er kannte nicht das Wörtchen »lieben«,
Und weinend geht sie durch den Wald ...

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 19)
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Erfüllung

Kamst du, mein Frühling?
Stunde meines Herzens, hast du geschlagen?
Bist du mein, den ich gekannt,
Noch eh' mein Auge dich gesehn,
Den ich gesucht in hoffnungsheissem Bangen
Auf meines Lebens wirren Wanderwegen?

Wie lag mein Herz in schwerem Dämmerschlummer,
Bedeckt vom Staub der schalen Alltagsliebe,
Bis du mir kamst -
Dahin ist nun mein Kummer,
Mein Herz erglüht in deinen Liebesstrahlen,
Die süss befruchtend du in mich gesenkt,
Erblüht zu einer lichten Wunderblume,
Die duftend Wünsche dir entgegenströmt ...
O komm, o komm, auf dass sie dich erfülle
Mit ihrem Duft und deinem sich vermähle.
O komm, o komm, dass ich dich zehrend küsse,
Und lass in stillem Kuss uns ruhen
Und schliess die Augen ...

Lass uns schweigend lauschen,
Wie tief in uns des Lebens Quellen rauschen,
In seligem Erkennen still sich grüssen
Und überströmend ineinander fliessen

O Stunde der Erfüllung,
Heilige Stunde,
Sieh mich in Andacht, da ich dich empfange
Aus meines Schicksals rätselschwerer Hand ...

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 47-48)
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Lasst die bleichen Lilien zittern
Hinter feuchten Treibhausgittern,
Wo sie weich im Mondlicht beben,
Stille blasse Träume weben.

Meine Krone will ich recken,
In die blauen Höhen stecken,
In die Himmel will ich sehen,
Wo die roten Sonnen gehen.

Meine Wurzeln will ich senken,
Mit der Erde Kraft sie tränken,
Dass sie wachsen, dass sie ringen,
Tief in alle Tiefen dringen.

Meine Zweige will ich breiten,
Dass sie mit den Wettern streiten,
Dass sie unter Donnern beben,
Dass sie kämpfen, dass sie leben!

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 7)
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Versuchung

Man hatte getollt und gelacht -
Es war nach Mitternacht.
Da gingen sie nach Haus,
Die Kerzen brannten aus.
Dunkel war es und leer,
Dunkel und schwer -
Sie blieb allein
Bei eines Lichtes Flackerschein.
Und auf der nächtlichen Gasse ein Mann
Starrt zu dem schimmernden Fenster hinan.
- Wie sprach er: "Bist du mein,
So zeige mir deines Lichtes Schein;
Bist du es nicht,
So lösch aus dein Licht!"
- Lösch aus dein Licht? …
Was zögerst du junges Weib?
Bebt vor der Sünde dein Leib?
Was bebst du zurück?
Öffne die Thür dem Glück,
So erstrahlen mit einem Mal
Tausend Kerzen in deinem Saal,
Willst du folgen der Pflicht,
So lösch aus dein Licht.
- Lösch aus dein Licht? …
Und auf der nächtlichen Gasse der Mann
Starrt zu dem schimmernden Licht hinan.
Schon drängt der Zeiger die Zeit,
Und ihre Seele schreit,
Schreit nach Glück,
Schreit nach lebendigem Glück.
Schreit in lebendiger Qual:
"Einmal, nur ein einzig Mal
An Licht und Freude satt mich trinken!"
Zum Fenster hob sie ihr Licht empor -
Da schlug ein Wort an ihr Ohr:
"Mutter, lösch aus dein Licht!"
Da hat sie verhüllt ihr Gesicht - -
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Und auf der nächtlichen Gasse der Mann
Starrt zu dem schwarzen Fenster hinan.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 41-42)
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Erwartung

Mein still Gemach füllt deiner Rosen Duft,
Und meine Sehnsucht webt in Träumen
Dein Bildnis in die Luft -
O kämst du doch!
Was soll dein Säumen?
Führt dich kein Wunsch in meine Nähe?
Ich drücke an die Scheiben mein Gesicht
Und spähe - -
Der Mond steht längst im Garten,
Durch stille Zweige bricht sein weisses Licht -
Dich seh ich nicht!

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 34)
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Mir klingt ein Lied im Herzen,
Das quält mich immerfort,
Drin ist ein Wort vom Sterben,
Ein altes, trauriges Wort.

Das war's, was mir die Thränen
So jäh ins Auge trieb!
"Sie mussten beide sterben,
Sie hatten sich viel zu lieb."

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 69)
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Forderung

Schwarz sollst du mich lieben,
weiss bin ich jedem lieb!
Russisches Sprichwort.

Musst du mich lieben,
Wirst du mich lieben,
Ward schwarz auch mein weisses Angesicht -
Zur Schönheit wurde gar Mancher getrieben,
Und kannte die wahre Liebe nicht.

Musst du mich küssen,
Wirst du mich küssen,
Wenn bleich auch die Lippen, mit langem Kuss -
Es mag die roten wohl Keiner missen,
Die bleichen küsst nur der Liebe Muss.

Bist du mein eigen,
Bleibst du mein eigen,
Was mir das Leben auch bringen mag -
Soll deiner Liebe Sonne sich zeigen,
Muss sie sich zeigen am dunklen Tag.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 82)
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Hohe Liebe

Nicht, wie die andern sollst du mich lieben,
Nicht mir zu Füssen will ich dich sehn,
Bleib mir zur Seite erhobenen Hauptes,
Dass ich an deine Schulter mich lehn'!

Nicht wie die andern zehrenden Kusses
Sollst du mir küssen Augen und Mund,
Nur meine Stirne will ich dir neigen
Zu unserer Seelen lauterem Bund.

Nur mit den Blicken sollst du umfangen,
Was ich dir gebe in meinem Blick,
Alles Begehren, alles Verlangen
Sinke zum heiligen Born zurück.

Nimmer versiegen wird dann die Quelle
Seliger Sehnsucht in unserer Brust,
Nimmer verglühen wird dann die Flamme,
Ewig geschüret in keuscher Lust.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 32)
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An den Tod

Nun komm, du Einziger,
Grosser, Stiller -
Ich liebe dich!

Ich bange nach dir
In langen schweren,
In thränenfeuchten,
Durchweinten Nächten -
Komm, küsse mich!

Du bist der Eine,
Der mir geblieben
Von allen Wünschen,
Von allen Küssen,
Von allen schweren
Brennenden Leiden -
Komm, liebe mich!

Du bist der Eine,
Den ich ersehne -
Sieh, wie ich harre,
In bangen Schmerzen
Mich weinend winde -
Komm, küsse mich!

Komm, neig dein schönes,
Dein schwarzgelocktes,
Dein stilles Haupt.
Ich will dich umschlingen
Mit weissen Armen,
Ich will mich bergen
An deine Brust,
Ich will dir alles
Und alles geben -
Komm, liebe mich!

Nimm meinen jungen,
Von tausend Wünschen
So heiss begehrten,
Nimm meinen Leib! ...
Nimm meines Herzens
Zehrendes Sehnen,
All meine Thränen,
All mein Ringen,
All meine grosse
Unüberwundene
Lodernde Lust -
Komm, liebe mich!

Sieh, wie ich kniee
Vor deinem Willen!
Sieh, wie ich weine
In brünstigem Flehn! ...
Neige dich, neige dich,
Grosser, Stiller, -
Lass mich in deinem
Kusse vergehn! ...

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 68-70)
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Reue

Nun muss ich liegen und weinen
Die schweren Nächte lang,
Nur immer das Eine denken
Und seufzen tief und bang.

Es ist meine Sonne gesunken,
Es rauscht eine dunkle Flut,
Ich bin so müde geworden,
Gefallen mein hoher Mut.

Ich soll dem Einen folgen
Und kann nicht mit ihm gehn, -
Es bleibt die zage Seele
An des Hauses Schwelle stehn.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 56)
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Befreiung

Nur immer von Liebe flüstert dein Mund,
Nur immer von heisser, verschwiegener Stund,
Von dunkler Sehnsucht verstohlener Lust,
Von seligen Nächten an deiner Brust!
Und Perlen giebst du und gleissend Gold
Und seidne Gewänder als Liebessold;
In reichen Gemächern hältst du mich fein
Bei leckeren Bissen und perlendem Wein -
Zu meinen Füssen windest du dich,
Als liebtest du mich -
Nein, nein!
Nimm ihn nur hin, deinen thörichten Tand,
Reich mir die starke, die leitende Hand,
Führ mich an deiner Seite hinaus
An das jubelnde Licht aus verschlossenem Haus,
Reiss meine Seele aus dunklem Traum,
Gieb meinen wachsenden Schwingen Raum,
Hoch lass mich fliegen, weit lass mich gehn,
Bis ich das Leben, das Leben gesehn
Nicht dir als Herrin, noch Sklavin – nein -
Deine Genossin will ich sein -
So bin ich dein!

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 79)
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Ohne Gott

O Liebster, könnt' ich dir gehören
Vor aller Welt so stolz und rein,
Dürft' ich in Freiheit dir gewähren,
Was ich dir geb' von meinem Sein.

Was ich dir geb' an Leib und Seele,
Es hat ein Anderer daran teil,
Und dass ich's jenem Andern stehle,
Das wird uns nimmermehr zum Heil.

Ich muss der Wahrheit Tempel schänden,
In dem ich stets gebetet hab',
Und graben so mit eigenen Händen
Mir meiner süssen Liebe Grab.

Die andern Frauen können schreien
Zu Gott in ihrer höchsten Not -
Ich kann mir selber nur verzeihen,
Ich gab mir selber mein Gebot.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 51)
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Toter Wunsch

O wärst du gekommen, da sie dich rief!
Du hättest die Rose gefunden - sie schlief
Und träumte und träumte die ganze Nacht -
O wärst du gekommen - sie wäre erwacht!

Wie wär' ihr so süss, so süss geschehn,
Und musste im eigenen Duft vergehn,
Und war doch so jung und heiss und rot -
O wärst du gekommen! ... Nun ist sie tot ...

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 35)
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O, zittre nicht! Ich liebe dich
Um deiner Leiden willen;
Du armes Lieb, an dir will ich
Nicht meine Sehnsucht stillen.

O, zittre nicht und reiche mir
Die lieben Leidenshände,
Du armes Lieb – o, dass ich dir
Und mir den Frieden fände.

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 70)
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Unrast

Schon harrst du gesattelt, mein wildes Ross,
Hier drinnen ist's schwer und schwül!
Hinaus, hinaus! ... Es schläft mein Genoss
Tiefatmend auf heissem Pfühl.

Hinaus, hinaus ohne Zügel und Zaum
Und ziellos im sausenden Ritt!
Frau Sehnsucht, die kennet nicht Zeit und nicht Raum,
Frau Sehnsucht, sie reitet ja mit!

Hinweg über Tiefen, durch Schatten der Nacht
Hinüber zu leuchtenden Höhn,
Dahin, wo Gottvater am Lebensquell wacht,
Gottvater ins Auge zu sehn.

Und weiter und weiter im sausenden Ritt
Mit Sonnen und Sternen im Spiel!
Frau Sehnsucht, die Süsse, sie reitet ja mit -
Wo ist ihren Wünschen ein Ziel?

Und wir irren und suchen, bis Morgenrot
Die bleichenden Sterne grüsst,
Bis mir der Schlummer all meine Not
Von pochender Schläfe küsst.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 10)
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Sei still, mein Lieb, ich weiss ein Wort,
Das Wort will ich dir sagen,
O, weine nicht, ich weiss einen Ort,
Dorthin will ich dich tragen.
Das Wort ist dunkel, tief und schwer,
Der Ort ist dunkel noch viel mehr,
Mein Lieb, du darfst nicht zagen.

Dort liegst du still an meiner Brust,
Befreit von Qual und Sorgen,
Dort stört kein Lauscher unsre Lust,
Uns weckt kein lauter Morgen.
Dort darfst du immer bei mir sein
Im dunkel-stillen Kämmerlein,
Tiefheimlich und geborgen.

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 68)
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Die Verliebte

Sein Bärtchen trägt er hochgedreht,
Und seine Zähne blitzen,
Sie beißen mir die Lippen rot
Und bringen mich in süße Not,
Die kleinen, scharfen Spitzen.

Sein Haar ist dunkel wie die Nacht,
Die Augen schwarz wie Kohlen
Und brennen so in heißer Glut
Und trotzen auf in Liebesmut,
Ganz keck und unverhohlen.

Und seine Arme, stark und kühn,
Die wissen zu umschlingen.
Ach, wenn er mich so wild umfängt,
Und wenn er mich so an sich drängt,
Hör ich die Englein singen.

Und fragt ihr sonst, was an ihm ist -
Ich weiss euch nichts zu sagen.
Was geht's denn auch die andern an,
Er ist der allerschönste Mann,
Den je die Welt getragen.

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 48-49)
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Ehe

Sie haben sich nichts zu sagen,
Sie sitzen still und stumm
Und hören die Stunden schlagen,
Die Langeweil' geht um.

Die Liebe ist längst gegangen,
Und auch das Glück ist hin,
Und hin ist das Verlangen
Mitsamt dem Jugendsinn.

Missmut sitzt ihm zur Seite,
Die Sehnsucht sitzt bei ihr,
Und traurig alle beide,
Ach, bis zu Thränen schier.

Keins bricht das tiefe Schweigen,
Kein Laut dringt in den Raum,
Nur schwere Seufzer steigen,
Verstohlen, hörbar kaum.

Und die Gewohnheit leise
Schwingt ihren Zauberstab
Und zwingt in ihre Kreise
Die beiden still hinab.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 9)
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Sieh mich nicht an -

Sieh mich nicht an mit diesen Augen,
Sie dringen mir bis an das Mark,
Sieh mich nicht an mit diesen Augen,
Du siehst es doch, ich bin nicht stark.

Umschling mich nicht mit diesen Blicken,
Sie sind viel stärker als dein Arm,
Umschling mich nicht mit diesen Blicken,
Sie ziehn mich an dein Herz so warm.

Sprich nicht zu mir mit diesen Lippen,
Wie Wein so süss, so heiss, so rot,
Sprich nicht zu mir mit diesen Lippen,
Ich küss' dich dann, und wär's mein Tod.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 38)
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»Klopfet, so wird euch aufgethan!«

Siehe, ich steh' vor deiner Thür,
Lass mich ein!
Siehe, ich bring' meine Seele dir,
Sie ist dein.

Sieh meine Seele in grosser Not,
Lass sie ein!
Lass sie nicht sterben den Hungertod,
Sie ist dein.

Siehe, sie bittet in heissem Flehn,
Lass sie ein!
Lass sie nicht bettelnd weitergehn,
Sie ist dein.

Gieb ihr in deinen Armen Ruh,
Lass sie ein!
Du bist ihr Herr und Meister, du,
Sie ist dein.

Lass sie nicht bettelnd weitergehn,
Lass sie ein!
Du wirst für sie vor dem Richter stehn,
Sie ist dein!! ...

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 90)
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Sehnsucht

So still und heiss ist die Sommernacht,
Da bin ich jäh aus dem Schlaf erwacht,
Am Fenster duften die Linden -
Die Sehnsucht sitzt auf des Bettes Rand
Und winkt und winkt mit verstohlener Hand,
Und ich kann keinen Schlaf mehr finden.

Von fernher das Meer herüberrauscht,
Es zittert mein banges Herz und lauscht,
Kann nimmer den Morgen erwarten -
Weich geht der Nachtwind und seufzt und klagt,
Und ich folge hinaus, hinaus in die Nacht,
In den sommerduftenden Garten ...

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 13)
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Guter Rat

Steck dir die Rose an die Brust,
Lache und tanze in junger Lust,
Lass es flattern, dein duftend Haar -
Bist ja nicht immer zwanzig Jahr!

Streue mit reichen Händen aus
Deiner Jugend Blütenstrauss,
Lasse schäumen den goldenen Wein -
Wird ja nicht immer so köstlich sein!

Lass dir küssen den jungen Mund!
Kommt einmal deine dunkle Stund,
Wirst du wissen, wie schön es war -
Bist ja nur einmal zwanzig Jahr!

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 14)
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An O. G.

Wenn der Schwermut Schatten lauern,
Trauer dunkel mich umflutet,
Wenn die alte Wunde blutet,
Willst du mit mir sein und trauern?

Komm, so reich die Hand zum Bunde.
An des Schmerzes dunkle Thüren
Will ich deine Liebe führen,
Bleichen Kuss auf bleichem Munde.

Dort, wo meiner Thränen Fluten
Rauschen, tief im Herzen drinnen,
Wirst du tiefes Weh gewinnen,
Dort verlöschen Liebesgluten.

Bangt dir nicht vor diesem Bunde,
Komm, so lass uns still umschlungen
Durch des Schmerzes Dämmerungen
Schreiten zu der Liebesstunde.

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 73)
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Notwendigkeit

Wenn er mir schweigend liegt zu Füssen
Und jäh nach meinen Händen greift,
Und ach! mit sehnsuchtschweren Küssen
Mir meine kalten Finger streift,

Dann fühl ich langsam mich durchdrungen
Von jener wunderstarken Kraft,
Die mich in seinen Arm gezwungen
Und höchste Menschenwonne schafft.

Dann frag' ich nicht, ob Recht, ob Sünde -
So ist es und so muss es sein!
Und jubelnd, Liebster, ich dir künde:
Dein bin ich, dein und immer dein!

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 49)
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Auf dem Balle

Wie schimmern die Kerzen!
Die Geigen klingen -
Und mir ist so weh.
Muss lachen und scherzen,
Im Tanz mich schwingen,
Da ich ihn seh
Mit der andern sich wiegen,
In Liebe sich schmiegen
Brust an Brust,
Lächeln und nicken,
Sich küssen mit Blicken
In trunkener Lust.

Juble, juble, du Braune!
Dich traf seine Laune,
Doch dir kommt ein Tag,
Da ringst du die Hände,
Dass Gott von dir wende
Die Schmach!

Könnt ich schrein in die Gassen,
Wie er mich verlassen,
Ach, könnt ich nach Haus!
Könnt ich tanzen und scherzen,
Bis der Tod mich trifft im Herzen -
Dann trügen sie mich hinaus.

Aus: Thekla Lingen
Aus Dunkel und Dämmerung
Verlegt bei Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1902 (S. 42-43)
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Neue Sehnsucht

Wie ward so still mein Herz!
Wie schlummern meine Wünsche nun
So traumlos tief;
Sie ruhn,
Mit müdem Flügel heimgekehrt.
Schwer drückt der Schlaf sie nieder
In stumme Nacht,
Dass jähe Angst mich fasst -
O wären sie doch wieder zum Licht erwacht! ...
Zu lange währt der Friede,
Der sie birgt in seinem Schoss,
Und ist ihr Los,
Zu sterben den stillen Tod der Müden,
Zu vergehn,
Noch ehe sie die starke That gesehn -
Dann muss ich weinen auf ihr frühes Grab!
Es hat der Friede sie getötet,
Ich habe um ihren Tod gebetet,
Da ich sie in den Schlaf gesungen hab' -
Nun bangt mir vor der Nacht -
O wären sie doch wieder zum Licht erwacht! ...

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 75)
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Wer bist du?

Wohin führtest du mich?
Nun steh ich im Dunkel und weine,
Und doch lieb ich dich -

Und kamst du zu mir in tiefster Nacht,
So bin ich aus Schlaf und Traum erwacht.
Und rauntest du mir dein Wort ins Ohr,
So fuhr ich von meinem Lager empor.
Und kamst du zu mir im Morgengraun,
So hob ich mein Auge, um dich zu schaun.
Und gingst du vorüber am hellen Tag,
Ich liess um dich meiner Mutter Haus
Und ging und weint mir die Augen aus.
Ich trat um dich meines Liebsten Herz
Und ging und folgte dir in Schmerz.
Du hast mich in Not und Schmach getrieben,
Und ich muss dich lieben -

Wer bist du? Ich fühl dich
Und kenne dich nicht
Und sah noch nimmer dein Angesicht …

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 60)
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Zur Dämmerstunde war's -

Zur Dämmerstunde war's,
Zur schlimmen Zeit -
Und deine Rosen dufteten im Zimmer,
Ins Fenster brach der letzte Abendschimmer -
Und meine Sehnsucht ging so weit.

Sie suchte dich -
Wie dufteten die Rosen!
Und lechzend barg ich mein Gesicht hinein
Und sog die süssen, süssen Düfte ein -
Wie fühlt' ich deine Wünsche mich umkosen!

O kämst du jetzt,
Wie würde ich dich lieben! ...
Ich ging und sperrte weit mein Fenster auf -
O Lust! da kamst die Strasse du herauf,
Von gleicher Sehnsucht zu mir hergetrieben.

Und wie im Traum blieb ich am Fenster stehn
Und nickte stumm - Du stürmtest in das Haus,
Breitetest schweigend deine Arme aus - -
Es musste sein - So ist es denn geschehn!

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 45-46)
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Schlummerlied

Zur Ruhe, mein Herz, zur Ruh',
Schliess deine Augen zu,
Sind schon so müd' und rot und heiss
Von Thränen, die doch niemand weiss
Als ich, mein Herz, und du -
Schliess deine Augen zu.

Schlafe, mein Herz, schlaf ein -
Siehst du den silbernen Schein,
Siehst du den grossen, den stillen Stern?
Er hat die müden Herzen so gern,
Schlafe, mein Herz, schlaf ein
In seinem silbernen Schein.

Stille, mein Herz, sei still,
Hör, was ich singen will -
Ich weiss einen Schatz so wunderschön,
Den wollen wir beide suchen gehn -
Stille, mein Herz, sei still,
Hör, was ich singen will.

Aus: Thekla Lingen Am Scheidewege
Zweite und vermehrte Auflage
Schuster & Loeffler Berlin und Leipzig 1900 (S. 71)
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