Das Liebes-Poetische Manuskript N° 1

Liebesgedichte von der Schönheit der Geliebten


 




Zürne nicht!

Anmuth gürtet deine Lenden,
Schönheit blüht um deine Glieder;
Schultern, die vor Weiße blenden,
Ziehen dunkle Locken nieder.
Wenn in deine Zauberkreise
Mächtig mich dein Auge zieht:
Zürne nicht, daß ich dich preise,
Hochbeseligte! im Lied.

Wenn der junge Frühling wieder
Kommt im blumigen Gewande,
Läßt er auch durch frohe Lieder
Laut verkünden durch die Lande,
Daß von Winters Schnee und Eise
Drangvoll sich die Erde schied -
Zu des Frühlings Ruhm und Preise
Singt die Nachtigall ihr Lied!

Mit den Füßchen, den behenden,
Bist du mir in's Herz gesprungen,
Hast mit deinen zarten Händen
Meine ganze Kraft bezwungen,
Daß ich gerne die Geleise
Kalter Bücherweisheit mied:
Zürne nicht, wenn ich dich preise,
Hochbeseligte! im Lied.

Mir das Lieblichste erwähl' ich
Anzubeten und zu loben,
Wer hier strauchelt, der wird selig,
Wer hier fällt, der wird erhoben;
Der ist nicht der rechte Weise
Der nicht vor der Schönheit kniet -
Zürne nicht, wenn ich dich preise,
Hochbeseligte! im Lied.


Friedrich Martin Bodenstedt (1819-1892)

 

 

Bild: El Greco (1541-1614)
Die Heilige Familie (Detail)

Gedicht aus: F. Bodenstedt Gesammelte Schriften. Gesammt Ausgabe in zwölf Bänden.
Neunter Band Berlin 1867 Verlag der Königlichen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker)

 

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