Das Liebes-Poetische Manuskript N° 35

Liebesgedichte und Bilder


Dschami (1414-1492) Aus: Jussuf und Suleicha - Rosen - Bilder

 

(c) Apole / Pixelio.de
(c) Apole / Pixelio.de


Die Schönheit


In stiller Öde, ohne Daseynsspur,
Lag noch die Welt in leerem Nichts versteckt;

Noch paarte sich das Bild des Körpers nicht,
Noch tönt' es nicht vom frohen Wir und Du;

Frey war die Schönheit von der Blicke Band,
Im eig'nen Lichte, das auf sie nur fiel,

Ein holdes Liebchen an verborg'nem Ort,
Des Kleides Saum von jeder Mackel rein;

Kein Spiegel warf ihr Angesicht zurück,
Es ordnete kein Kamm ihr schönes Haar;

Kein Ost durchwühlte ihrer Locken Schmuck,
Kein Surme-Staub umwölkte noch ihr Aug;

Ihr Röschen lockte keine Nachtigall,
Kein zartes Grün hob dieses Röschens Zier;

Von Flaum und Maal war ihre Wange rein,
Und selbst im Geist sah noch kein Auge sie;

Mit sich nur kost' sie von der Liebe Tand,
Und wob sich selbst der Liebe Wiegenband.

Doch wo der Schönheit Machtgebot regiert,
Da zürnet sie, wenn sie ein Schleyer deckt;

Verborgenheit erträgt die Schöne nicht:
Sperrst du das Thor, eilt sie dem Fenster zu. -

Sieh jene Tulpe die auf Bergen blüht:
Kaum ward der holde Frühling wieder froh,

So dringt sie aus dem Felsenriff hervor,
Und zeigt sich alsbald in der Schönheit Glanz. -

Wenn dir was Sinn'ges in die Seele tritt,
Wie es nur selten sich an Sinn'ges reiht,

Erwehrst du nimmer jenes Bildes dich,
Aussprechen musst du's, oder hören doch.

Dies ist des Schönen herrschendes Gesetz,
Das sich zuerst an ew'ger Schönheit wies:

Sie trat vom heil'gen Lande in das Zelt,
Und zeigte sich den Geistern und der Welt.

Aus jedem Spiegel blickt ihr Bild hervor,
Und überall ertönt ihr hehrer Ruf;

Ein Strahl von ihr fiel auf der Engel Schaar,
Und taumelnd dreh'n sie, gleich dem Himmel, sich,

Und alle Heil'ge, die nur Heil'ges rührt,
Sie stammeln staunend nur ihr heil'ges Lob,

Und alle Taucher in des Himmels Meer,
Sie rufen laut: "Gepriesen sey der Herr!"

Auch auf die Rose fiel ein Strahl von ihr,
Und mit ihm Gluth in's Herz der Nachtigall;

An jenem Strahl entflammte sich das Licht,
Und ach, verbrannte hundert Falter schon!

Ein Funke sprühte auf der Sonne Ball,
Und aus der Fluth erhob der Lotos sich;

Ihr Angesicht war Leila's Wangenzier,
D'rum sehnte sich Medschnun nach ihrem Haar;

Sie öffnete den Zuckermund Schirins,
Und stahl Pervisens, stahl Ferhadens Herz,

Und Cana'n's Mond erhob sein schönes Haupt,
Wodurch er bald Suleichens Sinne raubt.

Ja, üb'rall zeigt sich jener Schönheit Glanz,
Wenn sie sich ird'schen Liebchen auch verbirgt;

Sie hält den Vorhang der Verborg'nes deckt,
Sie lenkt das Loos der lieberfüllten Brust;

Es lebt das Herz durch ihre Liebe nur,
Und nur durch sie wird jeder Seele Trost;

Das Herz, den Schönen liebend zugewandt,
Ist, unbewusst, stets nur in sie verliebt.

Gib diesfalls keinem frev'len Irrthum Raum,
Denn Liebe zollen wir, sie spendet Reiz.

Bist du erst schön, bist du auch liebenswerth,
Du stammst von ihr, sie wies an dich uns an;

Der Spiegel du, des Spiegels Zierde sie,
Du der Verdeckte, sie die Klare stets;

Im Grunde ist wohl sie der Spiegel auch,
Der theure Schatz, der im Verborg'nen ruht,

Und mir und dir, als Wesen müss'ger Art,
Uns wird hier nichts als leerer Wahn zu Theil.

Schweig'; - denn kein Ende nimmt das Mährchen sonst:
Braucht seine Zunge doch den Dolmetsch nie!

Wer liebt, der hat das Edelste gethan,
Denn ohne Liebe ist das Leben - Wahn.

Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Dschami Joseph und Suleicha
Historisch-romantisches Gedicht
Aus dem Persischen des Mewlana Abdurrachman Dschami
übersetzt und durch Anmerkungen erläutert
von Vincenz Edlem von Rosenzweig 1824



 
   

 

 

 

(c) Leo Hermann / Pixelio.de
(c) Leo Hermann / Pixelio.de


Die Liebe


Ein Herz, dem Liebe mangelt, ist kein Herz;
Ein Körper ohne Herzleid ist nur - Staub;

O wende dich dem Schmerz der Liebe zu:
Der Liebe Welt ist eine schöne Welt!

D'rum werde Jedem Liebesschmerz zu Theil,
Und mög' kein lieblos Herz auf Erden seyn!

Der Himmel dreht im Liebestaumel sich,
Und Liebesstreit ist's der die Erde füllt;

Sey Sclav' der Liebe, wenn dich Freyheit lockt,
Fühl' ihre Schmerzen, wenn dich Wollust reizt;

Berauschend wärmet dich der Liebe Wein,
Leiht dir Bewußtsein, leiht dir kalten Muth;

Der Liebe Wort verjüngt den Liebenden,
Und bringt ihm bey der Nachwelt hohen Ruhm;

Dies Weinglas war's das einst Medschnun geleert,
Wodurch sein Ruf durch beyde Welten flog.

Viel Tausende, voll Weisheit und voll Geist,
Sie gingen hin - und kannten Liebe nicht!

Es schwand ihr Nahme schnell wie ihre Spur,
Es schwand ihr Mährchen aus der Zeiten Buch.

Viel schöne Vöglein flattern noch umher,
Von denen stets des Volkes Lippe schweigt;

Doch wenn ein fühlend Herz von Liebe spricht,
Erwähnt's des Falters und der Nachtigall.

Bist du in hundert Künsten auch bewährt -
Die Liebe nur macht von dir selbst dich frey.

O fühle Liebe, selbst die sinnliche:
Sie bahnt den Weg zur wahren Liebe dir!

Prägst du nicht erst das Alphabet dir ein,
Wie kannst du dich des Koran's Lesung weih'n?

Es bath ein Schüler seinen Lehrer einst
Dass er ihn leite auf der Weisheit Bahn.

Der Lehrer sprach: "Du fühltest Liebe nie:
Geh hin und liebe, dann erst bitte mich!

Wenn du des Bildes Weinglas nicht geleert,
Schmeckst du des Sinnes Hefen nimmermehr;

Doch sollst du nimmer bey dem Bild verzieh'n,
Und eilends über seine Brücke flieh'n;

Willst du die Reise bald vollendet seh'n,
So bleibe nicht am Kopf der Brücke steh'n."

Gottlob! Seitdem mich diese Erde trägt,
Wandl' ich beständig auf der Liebe Pfad:

Kaum sah die Amme meine Nabelschnur,
So schnitt sie mit der Liebe Schwert sie ab;

Die Mutter, als sie froh die Brust mir gab,
Säugt' mich mit blut'ger Milch der Liebe nur.

Sind meine Locken gleich wie Milch schon weiß,
Wohnt Liebeslust mir stets doch im Gemüth.

Die Liebe frommt dem Jüngling wie dem Greis,
Und immerdar ruft mir die Liebe zu:

"Dschami! der du in Liebe bist ergraut,
Ermanne dich, und stirb in Liebe auch;

Besing ein Mährchen holden Liebesspiel's,
Das deinen Nahmen einst zur Nachwelt trägt;

Dein zarter Pinsel fertige ein Bild
Das einst noch weile, wenn du nimmer weilst!"

Und als mir dieser Liebesruf erscholl,
Da both mein Geist ihm freundlichen Willkomm,

Und meine Seele folgte dem Befehl,
Und bracht' ein neues Zauberwerk hervor.

Wenn mir der Himmel seinen Segen leiht,
Trägt meine Palme einst der Wahrheit Frucht.

In Herzensgluth schaff' ich ein zartes Wort:
Denn ach, der Geist versengt das Zarte nur!

Mit Rauch erfüll' ich dieses Himmels Plan,
Dass Thränennaß aus Sternenaugen rollt;

Dem Worte weis' ich eine Stelle an,
Dass mir der Himmel sicher'n Beyfall zollt.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Dschami Joseph und Suleicha
Historisch-romantisches Gedicht
Aus dem Persischen des Mewlana Abdurrachman Dschami
übersetzt und durch Anmerkungen erläutert
von Vincenz Edlem von Rosenzweig 1824



 
   

 

 

 

(c) Uschi Dreiucker / Pixelio.de
(c) Uschi Dreiucker / Pixelio.de


Das Wort


Des Liebesdivan's sinn'ger Vorbericht,
Des Liebesgartens Erstling ist das - Wort;

Nichts Weises kennt die Weisheit wie das Wort,
Nichts Daurendes die Erde wie das Wort,

Und was die Welt, so alt als neu, gezeugt,
Stammt, sagt der Redner, von dem Worte nur.

Dem Rohre rief das Wort sein "Werde!" zu,
Und sieh! - das Rohr lag auf des Daseyns Blatt;

Und als das Rohr auf jenes Werd' erschien,
Da sprang ein Quell aus seinem Aug hervor;

Die Welt, und was sich hoch und nieder nennt,
Berauscht sich am Gemurmel dieses Quell's,

Und spricht der Mund durch dies Gemurmel, wird
Das Wort zur Rose auf des Sinnes Flur.

Es spielt der Hauch des Geists ihm um den Saum,
Und führt es schaukelnd aus der Rosenau,

Und leitet es zum Pförtchen unsres Ohrs,
Wo seiner Ankunft selbst die Weisheit staunt.

Da eilet das Gemüth es zu empfah'n,
Und bringt ein knospenenges Herz ihm dar;

Bald lacht die Lipp' ihm voll von Seligkeit,
Bald presst es Schmerzensregen aus dem Aug;

Es lächelt ihm der Mund des Traurenden,
Es weinet ihm der Mund der erst gelacht.

Erblick' ich diese Götterkraft in ihm,
So wolle Gott mich nimmer ihm entzieh'n.

Ich bin im Trunke seines Wein's ergraut,
Und schüttle nun des Alters Last von mir:

Denn ein Geheimniß dringt mir aus der Brust,
Und lächeln soll, und weinen soll die Welt.

Veraltet schon ist Chosru und Schirin,
Doch süß ersteht ein neuer Chosru mir;

Gefallen ist Medschnun's und Leila's Loos,
Doch ein ganz and'res Loos besing' ich nun:

Gleich Papageyen will ich Zucker käu'n
Von Joseph's Schönheit und Suleichens Gluth.

Gott nennt die schönste der Geschichten sie,
Und ich besinge sie im schönsten Lied.

Der Offenbarung Liebchen stieg herab,
Und Lügen finden keinen Eingang mehr;

Was unwahr ist spricht das Gemüth nicht an,
Trügst du es selbst wie reine Wahrheit vor;

Die Wahrheit ist des Wortes schönste Zier:
Des Mondes Reiz liegt in der Völle nur.

Stets ist der erste Morgen ohne Glanz,
Weil er des Lichtes hellen Schein - nur lügt;

Doch weil der echte Morgen Wahrheit spricht,
Schwingt er der Sonne goldenes Panier.

Wie du mit Kunst die Lüge auch geziert,
Es bleibt ihr Licht doch ewig matt und trüb;

Mit Goldstoff schmückst du eine Hässliche,
Da doch kein Goldstoff Hässliche verschönt;

Durch Goldstoff wird die Hässliche nicht schön,
Es wird dadurch der Goldstoff hässlich nur.

Der rothen Wange ziemt der Schminke Roth,
Weil Rosenschmink' die Rosenfarbe mehrt:

Doch malst du Roth auf Wangen düster braun,
So wird dein Aug nur düst'res Unglück schau'n.

Kein Liebchen gab's dem holden Joseph gleich,
Der aller Schönen Schönheit überflog:

Denn wer an Reiz nicht seinen Zweyten fand,
Der heisst vorerst ein zweyter Joseph nur.

Und wie Suleicha liebte Niemand noch,
Sie, die an Liebe Alle überboth:

Von Kindheit bis in's Alter liebte sie,
Und liebt' als Sclavinn, liebt' als Fürstinn noch.

Nachdem der Alten, Unvermögenden
Der Jugend frohe Tage sich erneut,

Betrat sie wieder treu der Liebe Pfad,
In Lieb' geboren, lebend und erblasst. -

Von Jedem einzeln handelt hier mein Buch,
Von Jedem einzeln perlet hier mein Rohr´.

Zu jeder Baarschaft, die ich ausgelegt,
Füg' ich noch einen neuen Weisheitsschatz.

Ich wünsche nur dass, wenn der Edle einst
Ein Wörtchen liest in diesem Liebesbuch,

Er, gleich dem Blatt, mir nicht den Rücken kehrt,
Noch, gleich dem Rohr', mein Wort mit Fingern quält;

Und zeigt sich hie und da ein Fehler ihm,
So bürde er die Schuld mir nimmer auf,

Und bess're möglichst was ich schlecht gethan,
Und berge es, falls er's nicht bessern kann.

Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Dschami Joseph und Suleicha
Historisch-romantisches Gedicht
Aus dem Persischen des Mewlana Abdurrachman Dschami
übersetzt und durch Anmerkungen erläutert
von Vincenz Edlem von Rosenzweig 1824



 
   

 

 

 

(c) Paul Adam / Pixelio.de
(c) Paul Adam / Pixelio.de



Geschichte der Schönheits - Fackel Jussufs

wie sie bey dunkler Nacht leuchtet,
und wie Adams Herzens-Schmetterling sich
beym Anblicke dieser Fackel verbrennt.


Die Perlen-Wieger im Verstandes-Meer,
Der Himmels-Offenbarung Kundige,
Verfolgend der Geschichte schnellen Lauf,
Erzählen uns von Adam Folgendes:

Als sich sein Aug' weltschauend öffnete
Umglänzt ihn seiner Kinder geistig' Bild:
Erst stand die Reihe der Propheten-Schaar;
(An seinem rechten Platz ein jeglicher)

Ihr folgt' der Heil'gen fromme Reihe nach,
Und zwar nach jener des Propheten gleich;
Der Weltbeherrscher fürchterliches Heer,
In prächt'ger königlicher Kronen Glanz;

Dann reihenweis die andern Sterblichen
In schöner Ordnung, auf verdientem Platz.
Als Adam diese Reihen überblickt',
Besucht' er einzeln eine jegliche;

Da traf sein Aug' auf Jussuf, jenen Mond,
Nicht Mond, nein! Sonne höchster Herrlichkeit.
Gleich der Versammlung Licht, hoch auserwählt,
Gleich einer Fackel ragt sein Haupt empor.

Der Schönsten Schönheit schwand vor ihm in Nichts,
Wie Sterne schwinden vor der Sonne Glanz.
Um seine Schultern floß ein Anmuthsmantel,
Zu seinen Füssen starben Tausende.

Nicht denken läßt sich seiner Reize Macht,
Geübt auch, reicht Verstandes-Kraft nicht hin.
Der Gottesgnade Kleid umfliesset ihn,
Ein Königs-Diadem umstrahlt sein Haupt.

Des Glückes Ost ist seiner Stirne Glanz,
Sein Antlitz schafft die Nacht zum hellsten Tag.
Um ihn gereiht stand der Propheten Schaar
Entkörpert da, ein luftiges Gebild;

Der Frommen Geister ohne Zahl und Maass,
Hochschwingend ihre Fahnen links und rechts.
Und am Altar, von Sonnenlicht erhellt,
Da lagen sie im frommen Gotteslob.

Erstaunt sieht Adam diese Schönheit an,
Und spricht dann leise, der Verwund'rung voll:
Gott! Jener Baum, aus wessen Flur ist er?
Und wessen Blickes Brennpunkt ist er wohl?

Warum umstrahlt ihn solche Herrlichkeit,
Und woher kam ihm so viel Reiz und Macht? -
Und eine Stimme sprach: Es ist dein Sohn,
In Freude wandelt er dein Herzeleid;

Ein zarter Zweig aus Jakob's Garten ist's,
Ein scheues Reh aus Abraham's weiter Flur.
Hoch über Sterne ragt einst seine Macht,
Ägypten's Land wird seines Thrones Sitz.

Der Reiz der sich auf seinen Wangen malt
Entflammt zum Streit die Schönen dieser Welt.
Den Spiegel hält er deinem Antlitz vor,
Leihst du ihm was von deiner Schönheit Schatz.

Und Adam sprach: Auf ist der Gnaden Thor
Vier Schönheitstheil, geb ich von sechsen ihm.
Und jener Reiz womit die Schönste prangt,
Sey doppelt ihm, nur einfach ihr bescheert.

Und schlösse man der Schönen Kästchen auf,
Sey Aller Reiz des sein'gen Drittheil nur.
Dann preßt er ihn an seine frohe Brust
(Sein reines Herz gewährt der Freuden viel)

Entdeckt ihm seiner Liebe heiße Gluth,
Und drückt den Vaterkuß auf seine Stirn!
Froh seines Sohns blüht er der Rosen gleich,
Spricht Nachtigallen gleich der Rose Heil.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Fundgruben des Orients. Band 2 S. 314-316

 

   

 

 

 

(c) Karin Wuelfing / Pixelio.de
(c) Karin Wuelfing / Pixelio.de

 

Wie der Schönheits-Zweig Jussuf's

aus dem Garten des Nichtseyns in dem Frühlings-Garten
des Seyns erscheint, und wie er unter Thränen Jakob's
und der Liebe Suleicha's aufwächst.


Auf diesem Wechselort der Sinnlichkeit
Trifft der Erscheinung Reihe Jedermann,
Ja, jeder Tag gebiert Erscheinungen;
Die Welt erhellen ihre Namen oft;

Denn diese bliebe stets in einer Form,
Wie viel Geheimnisse wohl schliefen noch?
Und schwände nie der Sonne strahlend Licht,
Wie glänzten da der Sterne Schaaren wohl?

Der Winter raubt der Wiese zarten Schmuck,
Drum grüßt die Rose lächelnd jeden Lenz.
Als Adam diesen Pilgerort verließ,
Saß Seth nach ihm auf dem Propheten-Sitz;

Als dieser starb kam Enoch, und begann
Den Unterricht auf dieser Trügerwelt.
Als er hierauf des Himmels Lehrer ward
Da fiel auf Nuh des Glaubens Wächter-Amt;

Des Unbestandes Fluth verschlang auch ihn,
Wie Abraham des wahren Gottes Freund.
An seiner Glaubens-Tafel aß die Welt,
Und gleicher Gnade freute Isaac sich;

Bald schlug auch er den Weg des Nichtseyns ein,
Und Jakob's Stimme scholl vom Glaubensberg.
Als er nun sein Propheten-Amt begann,
Weht' von Damask bis Canaan sein Panier.

In Canaan schlug er seinen Wohnsitz auf,
Und ward daselbst an Geld und Kindern reich.
Der Schafe- und der Ziegen-Heerden Zahl
Bedeckt, Ameisen gleich, ihm jene Flur.

Eilf Söhne hatt' er ausser Jussuf noch,
Doch Jussuf nur war seines Herzens Weg.
Als seine Mutter ihn zur Welt gebahr,
Bekam der Himmels-Mond ein Brüderchen.

Der Herzens-Flur entsproß ein zarter Zweig,
Ein Neumond wies am Seelen-Himmel sich.
Dem Garten Abraham's entkeimt ein Röschen.
Ihm stand der Leibes-Anmuth Kleid wohl an.

Ein Stern erschien aus Isaacs Sternen-Zelt,
Der Welten Aug' erhellte sein Gesicht.
In Jakob's Garten hob das Haupt die Tulpe,
Der seinem Herzen Trost, doch Schmerz auch gab.

Ein duftend Reh in Canaan war er,
Das Canaan's Flur zum Neide Choten's macht.
So lang die Mutter sich des Lebens freut
Wusch sie mit eigner Milch den Zuckermund.

Zwey Jahre hält sie in den Armen ihn,
Als Gift auf ihrer Tage Speise träuft.
Ein kostbar Perlchen aus der Gnaden Meer
Bleibt mutterlos mit Waisenthrän' allein;

Es sieht der Vater seiner Perle Schmerz,
Und wählt der Schwester Arm zur Muschel ihr.
Die Muhm' zieht seines Herzens Vogel auf,
Der bald den Flug im Speise-Garten wagt.

Sein zarter Bau fängt nun zu schwanken an,
Und Zucker-Worte stammelt schon sein Mund.
Die Liebe fesselt so der Muhme Herz,
Daß sie von Jussuf nie sich trennen mag;

Gleich ihrer Seele schlief er Nachts mit ihr,
Und ward des Tags zur Sonne ihres Blicks.
Doch auch der Vater liebt ihn minder nicht
Nach ihm gerichtet stand sein Herzenswunsch;

In seiner Seele fand er Ihn allein,
Ihn manchmal sehn war ihm nicht Trost genug;
Es sollte dieser helle Herzens-Mond
Vor seinen Blicken schweben Tag und Nacht.

Zur Schwester sprach er: Die du auch ihn liebst,
Und für mein Wohl mit reger Sorgfalt bebst,
Nicht mehr ertrag' ich der Entfernung Pein,
Befrey' von Jussuf's Trennungs-Qualen mich!

Send' ihn der Zelle meiner Einsamkeit,
Send' dem Altare meines Flehens ihn!
Als Jakob's Schwester dieses Wort vernimmt,
Stellt sie gehorchend seinem Winke sich,

Und sinnt zugleich auf eine schlaue List,
Wie sie von Jakob ihn zurückerhält. -
Ein Gürtel Isaacs war in ihrer Hand,
Durch frommen Gottesdienst stark abgenützt,

Und jede Hand die ihn umgürtete
War von des Übels Schleuder-Wurfe frey.
Als sie den Knaben nun dem Vater schickt,
Umgürtet sie damit die Lenden ihm;

Doch sie benimmt sich so verschmitzt dabey,
Daß Jussuf nichts von dieser List gewahrt.
So angethan schickt sie zu Jakob ihn
Erhebt darauf ein lärmendes Geschrey:

Verschwunden, schreyt sie, ist der Gürtel nun!
Und haltet jeden an, Verdachtes voll.
Drauf untersucht sie jedes Kleidungsstück
Der Reihe nach, bey Jedermann darum;

Und als zuletzt die Reihe Jussuf's kam,
Fand sie den Gürtel da, - und löste ihn.
Zu jener Zeit galt bey den Gläubigen
Ein Richterspruch, der also lautete:

Der überwies'ne Dieb er wird ein Sklav'
Desjenigen den er so frech bestiehlt.
Durch list'ges Spiel, das sie bereitete
Führt sie ihn nun zum zweyten Male heim.

Das Auge Freude strahlend kam sie an,
Doch bald schloß ihr der Tod das Augenlied.
Darüber jubelt Jakob's Seele hoch,
Und seinen Schlaf wehrt Lust des Wiedersehns.

Er fand an Jussuf seine Kibla nun,
Das Antlitz wendend von den übrigen.
Nun war mit Jussuf er beschäftigt nur,
Denn Jussuf nur war seines Strebens Ziel;

Es fand sein Geist durch Jussuf Ruhe nur,
Durch Jussuf nur blinkt' hell das Auge ihm -
Wohin der Mond der Liebe leuchtend glänzt,
Wird selbst dem Sonnenlicht der Raum verwehrt, -

Wie sing' ich jene Schönheit, jenen Reiz
Der über Huris hoch und Peris ragt?
Am Firmament der Anmuth ist's ein Mond,
Der glänzend alle Welten überstrahlt,

Ein Mond erhaben über Sonnen-Glanz,
Davon der Himmels-Mond ein Fünkchen ist.
Wie, sag' ich wohl er glich der Sonne Licht?
Nur Lichtdunst wäre hier ihr Feuer-Boru.

Sein Licht erräth beym ersten Anblick sich,
Man frägt nicht erst wo dessen Urquell sey;
Denn in ihm wohnt der makelreine Gott,
Der Jussuf heißt um unentdeckt zu seyn.

Wenn nun in Jakob's Seele Liebe keimt,
Wenn er das Herz ihm weiht, was Wunder wohl?
Suleicha selbst, der Himmels-Mädchen Neid,
Der Keuschheit Bild im fernen Abendland,

Noch schien kein Sonnen-Antlitz sie nicht an,
Als schon sein Bild im Traume fest sie hielt.
Wenn Liebes-Schmerz Entfernte überfällt,
Wie mehr noch die, die beym Geliebten sind. -


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Fundgruben des Orients. Band 2 S. 392-402



 

   

 

 

 

(c) Mischi43 / Pixelio.de
(c) Mischi43 / Pixelio.de


Beschreibung des Geschlechtes Suleicha's,

und wie durch die aufgehende Sonne ihrer Schönheit
das Abendland zum Morgenlande,
ja noch tausendmal glänzender als dieses ward.


So lautet Jenes Kunst-Verständigen Wort,
Der einen Schatz der Rede-Kunst besitzt:
Ein großer König war im Abendland,
Er hieß Taimus, schlug stets der Herrschaft Pauke,

Denn er besaß was Königen gebührt,
In seinem Herzen blieb kein Wunsch zurück.
Sein Scheitel war der Königs-Krone Zier
Den Thron erhöhte seines Fußes Tritt.

In seinem Heer stand unterwürfig Orion,
Er bannt' den Sieg an seines Schwertes Haft.
Schön war Suleicha seine Tochter, die
Der Stolz, die Freude seines Herzens war.

Ein Stern war sie am Königs-Sternenzelt,
Des Königs-Schmuckes schönster Edelstein.
Unmöglich mal' ich ihrer Reize Bild,
Doch ein Versuch sey mir allhier gegönnt.

Vom Haupt zur Ferse gleit' ich, wie ihr Haar.
Der Abglanz ihrer Wangen leuchte mir,
Es helfe mir ihr süßer Zucker-Mund,
Daß ich besinge was ich von ihr weiß.

Den Wuchs schuf Gottes Huld der Palme gleich,
Die hoch ihr Haupt im Anmuths-Garten hebt,
Und die am Königs-Strome groß genährt,
Gleich der Cypresse in die Lüfte ragt.

In ihren Locken fieng der Weise sich,
Die fast wie süßer Moschus dufteten.
Oft ordnete ein Kamm ihr schönes Haar,
Das er mit einem zarten Abschnitt scheitelte,

Darob die Moschus-Blase neidisch platzt,
Und fruchtlos nun ihr Moschus-Sammeln wird.
Die Haare flatternd, und Jasminen gleich,
Beschatten ganz der Rose schönen Zweig.

Zwey Locken, gleich zwey Seilern Indiens
Seiltanzten auf dem stolzen Tannenbaum.
Der Himmel gab ihr Schönheits-Unterricht,
Und legt' ein Silber-Brett auf ihre Stirn'.

Am Rande dieses Silber-Brettes ruhn
Zwey umgestürzte Nun, voll Moschus-Duft,
Und unter diesen Nun zwey frische Sad
Gezeichnet von des Schöpfers Meister-Hand.

Von jenen Nun bis zu des Mimes Ring
Thront eine Silber-Nase gleich Elif
Zählt dem Elif des Mundes Nulle zu,
Habt ihr statt eines Mörder-Zwistes, zehn.

Die Purpur-Lippe lächelnd, zeigt ein Sin;
Die Zähne lösen ihr geknüpftes Mim.
Des Irem's Vorgefühl ist ihr Gesicht,
In welchem buntgefärbte Rosen blühn.

Es sind auf ihm der Muttermale viel
Gleich Mohren-Knäbchen auf der Rosen-Flur.
Ihr Silber-Grübchen frey vom Glaubens-Zoll,
Enthält des Lebenswassers süßen Brunn.

Verirrt ein Weiser sich zu ihrem Kinn,
Wo sich des Grübchens Schweiß gesammelt hat,
Trägt er die Seelen-Ruhe dort zu Grab;
Denn ach! ein Brunn und Wirbel ist's zugleich

Ihr weißer Hals glänzt mehr als Elfenbein,
Es zahlen Moschus-Hirsche Steuern ihm.
Der Schultern Paar verhöhnt Jasminen-Glanz.
Und es verbirgt davor die Rose sich.

Zwey Brüste, gleich zwey Glanzes-Wölbungen,
Gleich zweien Blasen aus dem Quell Kiafur;
Gleich einem Apfel-Paar an seinem Zweig,
Woran sich nie des Frechen Hand gewagt.

Dem Silber-Schatze ähnlich war ihr Arm,
Dagegen falsch des Silbers Probe schien.
Und dieser Perlenreinen Amulet
War der Gebeterfüllten Frommen Herz.

Perigesichter lobten neidlos sie,
Und weihten ihr das Herz zum Talisman.
Werth jedes Kronen-Trägers Raub zu seyn,
Füllt Silber in den Ärmel sanft ihr Arm.

Den Leidenden beut sie der Hilfe Hand,
Und träufet Balsam in das wunde Herz.
Es waren ihre Finger Federn gleich,
Womit sie liebevoll auf Herzen schrieb.

Bey jedem ihrer Nägel wähnte man,
Ein Neumond glänze um den Vollmond hell.
Fünf Finger setzte sie dem Monde ein,
Und überwand ihn durch der Hände Kraft.

Die Lende glich dem halbgespalt'nem Haar,
War feiner noch, und scheute drum das Haar.
Kein Gürtel noch so zart, umfaßte sie,
Der Sorge voll, die Lende bräche ab.

Dem Hermelin-Brett glich ihr weißer Leib;
Sanft nahm die Amme ihr die Nabelschnur.
Vom Nabel bis zum Knie enthalte ich
Mich jedes alten oder neune Lob's;

Denn ihrer Keuschheit Veste weigerte
Gedanken selbst den Flug in's Heiligthum.
Ich komme drum zu ihrem Schenkel-Paar,
Des Schönheits-Tempel Silber-Säulen sind's.

Sie war ein Rosen-Strauß voll Licht,
Doch finstrem Aug blieb sie verdeckt.
Dem Spiegel weis't ihr reines Antlitz sich,
Gleich fällt er auf die Kniee ehrfurchtsvoll.

Warum er ihr wohl gegenüber kniet?
Weil ihm ihr Antlitz erst den Licht-Glanz leiht.
Wer Knie an Knie mit dieser Schönen weilt,
Dem strahlt des Glückes Wange sie zurück!

An Zartheit gleich dem Schenkel ist ihr Fuß,
Den Niemand mehr so schön geformt besitzt.
Sie war dem Pfeile ähnlich, wenn sie gieng,
Ihr Fuß so zart von Ferse bis zum Zeh',

Daß wenn sie des Geliebten Auge trat,
Die Sohle ihr von seinen Thränen schwoll.
Mit welchem Schmucke wohl vergleich' ich sie?
Ach was ich sage bleibt stets mangelhaft!

Nein, selig der mit Schmucke sie vergleicht,
Weil ihre Schönheit diesen Schmuck erhöh't.
Vom Diadem, das ihr den Scheitel ziert,
Wiegt einer Landschaft Zins ein jeder Stein.

Und ein Rubin, des zarten Ohres Zier,
Beraubt durch Glanz die Seele des Verstand's.
Riß sich ein Edelstein vom Halsband los,
Füllt' er den Schoos mit einem Gemmen-Schatz.

Ein schmuckbesetztes Hauptband knüpft ihr Haar,
Und wieget tausend Perlen-Schätze auf.
Wenn sie nicht selbst das Armband sich umwand,
Wer war zu diesem Dienste kühn genug? -

Was sag' ich ferner noch vom Golde wohl?
Der Füße Schmuck lag es zu Füßen ihr.
Zuweilen schwankt sie im Pallastes-Hof,
Gehüllt in Syriens reichsten Silber-Stoff,

Und jeden Tag, der froh entgegenschien
Zog sie dem Leib ein neues Pracht-Kleid an,
Das zweymal nie ihr schönes Haupt berührt,
Dem Mond gleich wechselnd stets der Sterne Stand.

Zum Fuß-Kuß kamen auch die Größten nie,
Zu diesem Glück kam nur des Kleides Saum,
Und nur das Hemd, genoß der Seligkeit
Den schönen Leib in seinem Arm zu seh'n.

Die mit Cypressen-Wuchs gehorchten ihr,
Die mit dem Engels Antlitz dienten ihr;
Und tausend Mädchen schön wie die Huris
Verweilten Tag und Nacht in ihrem Dienst.

Nie drückte noch des Kummers Last ihr Herz,
Nie stach ein Dorn noch ihren zarten Fuß;
Nie ward sie noch geliebt, nie liebte sie,
Nie noch ergab sie Jemands Willen sich.

Sie schlief des Nachts wie die Narcisse schläft,
Und blühte Morgens schön wie Rosen blühn.
Bey zarter Silber-Mädchen Spiele Lust,
Mit schönen Hirschen im Pallastes-Hof.

War unbekümmert um des Schicksals Spiel,
Stets all' ihr Thun nur frohe Lust und Scherz.
So war sie glücklich stets und heitern Sinns,
Und ihre Seele frey von jener Qual,

Was wohl die Tage dem Gemüth verhängen,
Und was die schwang're Nacht wohl noch gebiert?


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Fundgruben des Orients. Band 2 S. 392-402
 

 

   

 

 

 

(c) Uschi Dreiucker / Pixelio.de
(c) Uschi Dreiucker / Pixelio.de


Suleicha's erster Traum


Wie Suleicha zum ersten Male in der Scheide des Traumes
das Schwert der Schönheit Jussufs erblickt, und wie sie durch dieses
noch versteckte Schwert dennoch von der Liebe getödtet wird.
 

In einer Nacht, schön wie des Lebens Tag,
Und Wonnemehrend gleich der Jugend Zeit;
Wo Fisch und Vogel schon der Ruhe pflog,
Und selbst des Tages Zeitung rastend schwieg;

In diesem sehenswerthen Gartenhause
Der Sterne flimmernd' Aug' nur wacht' und sah;
Wo kühn des Wächters Sinn der Nachtdieb stahl,
Der Glöckner fest der Glocke Zunge band,

Der Hunde Ringel-Schweif zum Halsband ward,
In dem ihr heulend Bellen sich verlor;
Sein Federn-Schwerdt der nächt'ge Vogel zog,
Womit er schweigend in sein Rohr sich schnitt;

Vom hohen Kuppel-Dach der Königs-Burg,
Des Wächters Auge wie ein Mohnkopf schien,
Und ihm zum Wachen keine Kraft mehr blieb,
Weil ihn der Mohn in Schlummer sanft gewiegt;

Wo selbst der Trommel Schlägel rastete
Weil Schlaf die Hand ihm an den Stecken band;
Der helle Ruf des Muesin's noch nicht
Die Schlummernden ihr Bett aufrollen hieß;

Da lag süßlippig auch Suleicha noch
Den Zucker-Schlaf auf dem Narcissen Paar.
Dem Kissen lieh ihr Haupt ein düftend Haar,
Ihr Leib dem Bette einen Rosenbund.

Doch wühlt das Kissen ihren Sünbül durch,
Und malt ihr Seiden-Haar auf Rosenau'n.
Zwar ruht ihr sinnlich' Auge süß im Schlaf,
Doch ihres Herzens zweytes Auge wacht.

Da war es ihr, als trät' ein Jüngling ein,
Was sag' ich Jüngling? nein, ein reiner Geist;
Sein Königs-Antlitz hell aus Feuer-Glanz
Beraubte die Huri's vom Paradiese.

Er war's, der ihnen allen Reiz geraubt
Er der um alle Anmuth sie gebracht.
Dem jungen Buchsbaum ähnlich ist sein Wuchs,
Sein Sklave der Cypresse freyer Stamm.

Die Locken hangen Ketten gleich herab,
Und legen dem Verstande Fesseln an,
Von seiner Stirne hellem Strahlen-Glanz
Neigt demuthsvoll der Sonne Antlitz sich.

Sein Augen-Bogen ist ein Bethaltar,
Ein Ambra-Zelt den sanft Entschlummernden.
Sein Antlitz ist des Paradieses Mond,
Der in des Schützen Himmels-Zeichen weilt.

Die Anmuth schminket die Narcissen ihm,
Die Wimpern schießen Pfeile in das Herz.
Die Lippe streuet lächelnd Zucker aus,
Und spricht sein Mund, ist's nichts als Süßigkeit.

Des Glanzes Perle im Korallen-Mund
Gleicht einem Blitz im Rosen-Morgenroth.
Pleyaden Licht entfließt ihm, wenn er lacht,
Wie seinem Zahn des Witzes Salz entquillt.

Sein Apfel-Kinn vom Unterkinn umfaßt
Gleicht einer Quitte die an Äpfeln prangt.
Ein Moschus-Brandmal ist sein Wangenmaal,
Ein Raben-Nest auf einer Rosen-Flur.

An Silber reich ist Arm und Schenkel-Paar
Und silberlos die Lende gleich dem Haar.
Als ihn Suleicha's Auge nun erblickt,
Geschah durch einen Blick das, was geschah,

Da übermenschlich hohen Reiz sie sah,
Der nie Peri's und nie Huri's geschmückt.
Der Wangen Glanz, die Anmuth der Gestalt
Knüpft sie mit tausend Herzen fest an ihn.

Nun hat sie nur für seine Schönheit Sinn,
Und pflanzt der Liebe Zweig sich in ihr Herz.
Sein Angesicht entflammt den Busen ihr,
Worin Geduld und Religion verbrennt.

An jedes seiner Ambra-Haare knüpft
Sie ihrer Seele Fädchen brünstig an.
Zu Thränen rührt sein Augen-Bogen sie,
In Blut getaucht heißt sie sein Auge ruhn.

Zur Zucker-Bude schafft sein Mund ihr Herz,
Sein Zahn die Wimpern ihr zum Perlenbund,
Sein Silberschenkel raubt ihr den Verstand,
Und sie umgürtet Ihm zu dienen sich.

Doch kaum erblicket sie sein Moschusmaal,
Als sie der Raute gleich im Feuer brennt.
Nicht mind're Qual schafft ihr sein Apfel-Kinn,
Wo pflückt man leicht wohl eine Frucht wie die?

Fürwahr sie sah ein reizendes Gebild,
Das zwar entschwand, doch sich im Geiste mehrt!
Suleicha zürnte auf ihr eignes Ich;
Und nicht der Sinn, das Bild nur reizte sie.

Ach! fühlte sie der Seelen reinen Trieb,
Sie schwänge sich zum Himmels Thron empor;
Doch nur ein sinnlich Bild entzückte sie,
Sie wußte nichts vom keuschen Seelen-Bund.

Uns Alle fesselt stets nur eitler Wahn,
Und ewig kleben wir am Sinnlichen.
Enthielt' ein irdisch' Bild nicht höhern Sinn,
Wann fröhnte dann ein Herz dem Bildner wohl?

Der Durst'ge weiß den Krug mit Wasser voll,
Drum streckt er nach des Kruges Hals die Hand;
Doch taucht er sich in süße Meeres-Fluth,
Fällt ihm da wohl der Wasser-Krug noch ein?


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Fundgruben des Orients. Band 3 S. 295-308



 

   

 

 

 

(c) SonneDo / Pixelio.de
(c) SonneDo / Pixelio.de


Wie der Morgen-Wind Suleichen anweht

und ihre schlummernden Narcissen sich öffnen;
wie ihr Herz, der nächtlichen Phantasie wegen,
der Rosen-Knospe gleich Blut in sich säugt,
und sie ein Siegel auf ihre Lippen drückt.

Früh als der Knabe dunkler Nacht entfloh,
Des Morgens-Hahnes heller Ruf erscholl;
Die Nachtigall mit rührendem Gesang
Der Knospe Schleyer von der Rose hob;

Das Veilchen seine Ambra-Locken wusch
Samt dem Jasmin in kühlem Morgenthau;
Lag noch Suleicha sanft in süßem Schlaf,
Die Seele voll vom nächtlichen Gesicht.

Doch war's nicht Schlaf, nein sel'ger Sinnenraub,
Erstaunen war's der froh durchträumten Nacht.
Es nahten nun die schönen Sclavinnen,
Und küßten dann voll Ehrfurcht ihr die Hand.

Den Schleyer hob sie auf, der Tulpen barg,
Und sanft erwacht' ihr trunknes Augenpaar.
Zum holden Oste schuf sie nun ihr Kleid,
Dem sie das Haupt entwand, und um sich blickt';

Doch keine Spur vom Rosenwangichten!
Verschlossen gleich der Knospe, ward sie nun.
Im Grame, den ihr die Cypresse schafft,
Will sie ihr Kleid zerreissen, Rosen gleich;

Doch Schaam vor Menschen fesselt ihre Hand,
Und ihren Fuß an der Ergebung Saum.
Im Herzen birgt sie ihr Geheimnis nun,
Gleich dem Rubin, der sich in Minen birgt;

Und Blut verschlingt ihr Knospengleiches Herz,
Dem nicht ein Tröpfchen lindernd mehr entquillt.
Sanft spricht die Lippe mit den Sclavinnen,
Indess dabey die Seele traurend klagt;

Ihr schöner Mund streut lächelnd Zucker aus,
Doch gleicht ihr Herz dem knot'gen Zuckerrohr,
Und während sanft sie im Gespräche weilt,
Sprüh'n tausend Funken aus der Liebe Maal;

Sie warf den Blick auf Anderer Gestalt,
Doch an den Freund gekettet blieb ihr Herz.
Was soll des Herzens Zügel ihrer Hand,
Da, wo sie war, der Herzens-Räuber stand? -

Ein Herz, das Lieb' in Krocodills-Schlund warf,
Erlahmt bevor es seinen Wunsch ereilt;
Es kennet keine andern, als den Freund,
Und keine Seelen Ruhe als bey ihm.

Spricht es ein Wort, ist's mit des Freundes Bild,
Und hegt es Wünsche, ist's vom Freunde nur.
Wohl tausendmal umschwebt sie matt ihr Geist,
Eh jenes Leiden Tages-Nacht erschien.

Die Nacht, die Freundinn aller Liebenden,
Geheimniß-Hüterin der Liebenden!
Und ach! ihr ew'ger Wunsch, denn wenn der Tag
Den Vorhang neidisch hebt, rollt sie ihn zu!

Die Nacht erschien. Doch an des Grames Wand
Gelehnt, war sie der krummen Harfe gleich,
Die sie mit Thränen-Saiten überzog,
Und nach dem Klange ihres Herzens stimmt';

Der Laut, den sie nun gab durchdrang das Herz,
Durch aller Töne Leiter stöhnte sie;
Doch stets umschwebt sie noch des Freundes Bild,
Und Perlen quellen ihr aus Aug' und Mund:

Aus welchem Schachte bist du Edelstein?
Denn dir nur dank' ich jenen Perlenstrom.
Du raubst mein Herz, sprachst deinen Namen nicht,
Sprachst selbst kein Wort von deinem Aufenthalt.

Vom wem erfrag' ich deinen Namen wohl?
Wer gibt mir Kunde wohl von deiner Spur?
Bist du ein König, sprich wie nennt man dich?
Bist du ein Mond, wo thronst du anmuthsvoll?

Ach, Niemand leide je was ich schon litt,
Denn Herz und Herzens-Freund ward mir geraubt!
Ich sah dein Bild, das mir den Schlummer stahl,
Das mir aus Herz und Auge Blut gepreßt!

Ich Schlummerlose! ach, es blieb mein Herz,
In deines Liebe-Feuers Flammen Wuth!
Wie, wenn du Wasser gössest in die Gluth,
Nicht gleich dem Feuer heiß und spröde wärst? -

Ein Röschen war ich auf der Jugend-Flur,
Und frisch und sanft, dem Lebens-Wasser gleich.
Nie wehte noch ein rauher Wind mich an,
Nie stach ein Dorn noch meinen zarten Fuß.

Durch einen Blick gabst du dem Wind mich Preis,
Stachst in mein Lager tausend Dornen mir.
Mein Leib ist zarter als der Rose Blatt;
Wie schlaf' ich wohl auf einer Dornen-Statt? -

So ächzt sie bis zum ersten Morgenstrahl',
Und klagt des Freundes Phantasie-Bild an.
Die Nacht entschwand. Vermeidung des Verdachts
Hemmt ihrer blut'gen Augen Thränen-Fluth.

War gleich ihr Mund vom blut'gen Nacht-Trunk feucht,
Drückt sie ihm doch des Schweigens Siegel auf.
Am Kissen blieb der Rose Duft zurück,
Im Bette der Cypresse Silber-Glanz.

In solchen Klagen schwanden Tag und Nacht;
Sie wich kein Härchen breit von dieser Art.

Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Fundgruben des Orients. Band 3 S. 295-308
 

 

   

 

 

 

(c) Hagir25 / Pixelio.de
(c) Hagir25 / Pixelio.de


Wie durch die Erblickung des veränderten Zustands Suleicha's


auf dem Faden der Gedanken ihrer Sclavinnen
ein Knopf des Erstaunens sich knüpft,
und wie ihre Amme ihn mit der Finger-Spitze
der Erforschung auflöst.
 

Dem Pfeil, der aus der Liebe Bogen fliegt,
Ist mit dem Schilde wehren, eitler Wahn;
Und faßt er einmal tief im Innern Stand,
Verrathen tausend äuß're Zeichen ihn.

Schön ist des Rauchgefäßes Gleichnis hier;
Denn wie der Moschus, birgt sich Liebe nie.
Sey er mit tausend Tüchern zugedeckt,
Verräth den Moschus immer doch sein Duft.

Zwar barg Suleicha ihrer Liebe Pein,
Barg ihrer Schwermuth Samen in der Brust;
Doch stets und überall wies sich der Keim,
Der bald empor aus ihrem Innern schlug.

Bald quoll ein Wasser-Strom aus ihrem Aug';
Was sag' ich Wasser-Strom? ein Blut-Strom war's;
Mit jeder Thräne die dem Aug' entfiel,
Fiel ein Geheimniß  auf die Wange ihr;

Bald seufzte sie aus inn'rem Herzens-Brand,
Zum Himmel qualmte ihrer Seufzer Rauch,
Und durch ein jedes Ach, das ihr entfloh,
Roch man den heißen Braten ihrer Brust.

Sie mied nun Schlaf und Speise; - sieh, da ward
Zur fahlen Tulpe bald ihr Rosenroth.
Ist dir wohl unbekannt, daß keiner Flur
Ein Brandmalloses Tülpchen je entblüht?

Als dies nun ihre Sklavinnen ersah'n,
Vermeinten sie die Liebe mit im Spiel;
Doch nimmer wurde der Beweggrund klar,
Noch wer der Stifter dieses Unfalls sey.

Die Eine sprach: noch sah man so was nie,
Gewiß hat Jemand dieses Kind verschrien;
Die And're sprach mit selbstgefäll'gem Ton:
Ihr schadete wohl  ein Peri im Div.

Die Dritte meint' ein mächt'ger Zauberer
Drückt' ihrem Saum des Zaubers Stempel auf;
Die Vierte sprach: Der Liebe Merkmal ist's,
Gewiß, ihr Herz erliegt der Liebe Last;

Doch keine Seele sieht sie, wenn sie wacht,
Drum scheint dies Unglück ihr im Schlaf gebracht.
So knüpften sie stets neue Meinungen,
Darüber Worte wechselnd ohne Zahl;

Doch unenthüllt blieb das Geheimniß noch,
Da jedes Wort stets nur Vermuthung blieb. -
Suleicha hatte eine Amme, die
Verschmitzt und reich an Zauber-Künsten war;

Erfahren auf der Liebe süßer Bahn,
Hat sie in ihrer Jugend oft geliebt;
Nun war sie Kupplerinn der Liebenden,
Und kirrte stets der Spröd'sten Sprödigkeit.

Einst kam sie Nachts zu der Gebietherinn,
Rief ihre Dienste ins Gedächtniß ihr,
Und sprach: Des Königs Gartens Knospe du,
Aus der ein Dorn die Schönsten schon beglückt;

Froh sey dein Herz, es lächle stets dein Mund,
Und deine Macht erhöhe unser Glück!
Du bist das Bäumchen auf der Schönheits-Flur,
Das meiner Seele Papagey umschwebt;

Und ich der stolze Strom des Treue-Meers,
Der dich an seinen Ufern auferzog.
Ich sah zuerst dein Rosen-Antlitz blühn,
Nahm dir den Nabel mit der Liebe Schwert,

Wusch dann mit Moschus Haupt und Körper dir,
Und sprengte dich mit Rosen-Wasser ein.
Ich flocht mein Herz zum Wiegenbande dir
Worein ich meiner Seele Fäden wob;

Milch gab ich deinem süßen Zucker-Mund,
Zog deinen Seelbewohnten Körper groß.
Erschien die Nacht, schlief ich für dich besorgt,
Und kam der Morgen, schmückt' ich dein Gesicht.

Selbst wenn ich ging, trug meine Achsel dich,
Und schlief ich, stets schliefst du von mir umarmt.
Gleich wie der Rose Zweig am Stamme hängt,
Hieng meine Hand an deines Kleides Saum.

Bey jeglichem Geschäfte trug ich mich
Mit reger Sorgfalt deinem Dienste an.
Wo dein Cypressen-Wuchs nur immer stand,
War ich, dem Schatten gleich, zur Seite ihm.

Du ruhtest sitzend, stehend dient' ich dir;
Du schliefst, und dir zu Füßen lag mein Haupt.
Noch thu' ich dies, so wie ich's ehmals that,
Noch dien' ich mit gewohnter Treue dir.

Warum dann birgst du dein Geheimniß mir,
Und stöss'st als Fremde mich von dir zurück?
O sprich, wer warf in solchen Jammer dich?
Wer legte dir so schwere Lasten auf?

Warum nagt Liebes-Schwermuth so an dir?
Warum bist du die Freundinn düstren Grams?
Warum wohl wird dein Rosenroth zu Gelb,
Dein heißes Blut, warum erstarrt es so?

Was nimmst du Sonne, gleich dem Monde ab,
Am Morgen wünschend schon den Untergang?
Ein Mond, das weiß ich, stieß auf deine Bahn,
Doch spreche klar, wer jener Mond wohl sey?

Ist es ein Engel, der im Himmel thront,
Und dessen Wesen heil'ges Feuer ist,
Laß' ich so lange vom Gebet nicht ab,
Bis er vom Himmels-Thron zur Erde steigt.

Und ist's ein Peri, der auf den Bergen wohnt,
Ist mir Magie kein unbekanntes Spiel.
Denn bis zum vollsten Sieg beschwör ich ihn,
Und stell' in einem Fläschen ihn vor dich.

Doch ist es nur ein sterblich Menschenkind,
Will ich durch ihn schnell dein Gemüth' erfreu'n.
Denn wer verschmähet deine Fesseln wohl?
Den Sklaven wie den Herrscher ehren sie.

Suleicha sah bey diesem Mitgefühl,
Und jener Zauber-Künste mächt'gem Wort,
Ach, keine Rettung in der Wahrheit Wort;
Drum schwamm ihr Mond in einem Sternen-Meer.

Unsichtbar, rief sie, ist mein Seelen-Schatz,
Und seiner Pforte Schlüssel ist versteckt!
Wie deut' ich dir wohl jenen Vogel an,
Mit dem der Anka froh sein Nest getheilt?

Des Anka Name ist noch einz'ger Trost,
Doch meinem Vogel mangelt dieser selbst!
Süß ist das Leben jener Leidenden,
Die doch den Namen ihres Wunsches kennt;

Wenn Trennung ihr den Gaumen bitter macht,
Versüßt der theure Name ihr den Mund! -
Hierauf entdeckt sie ihrer Amme sich,
Und weiht sie ganz in ihr Geheimniß ein.

Ihr Traum vermehrt der Amme Wachsamkeit,
Ihr Wahnsinn ihrer Sorgfalt regen Sinn,
Sie liest ein Wörtchen ihres Herzens-Buchs,
Und ach, verzweifelt an der Heilung schon!

Zu unbestimmt schien ihr das Bild erklärt,
Unmöglich sucht man was man nimmer kennt!
Kennst du zuvor nicht deines Herzens Wunsch,
Wie kannst du ihn zu suchen dich bemüh'n? -

Zu schwach ihr Herz den Fesseln zu entzieh'n,
Hob sie daher ermahnend also an:
Gewiß, dir spielen list'ge Dive mit,
Denn all' ihr Thun ist stets nur Falsch und Trug.

Sie lassen uns ein reizend Bildniß sehn,
Bloß um der Gierde Thor uns aufzuthun.
Suleicha sprach: Was kann ein Dive wohl,
Daß er ein Bild, so herzerfreuend zeigt?

Ein Weib geformt aus Falsch und List und Trug,
Gebährt sie jemals einen Engel wohl?
Die Amme sprach: Dies ist ein schlimmer Traum,
Doch soll sein Preis wohl deine Seele seyn?

Suleicha sprach: Wär' es ein schlimmer Traum,
Hätt' er mich gutes Mädchen wohl berückt?
Der Weise billigt diesen klugen Satz:
Krumm paart mit krumm, und grad' mit grade sich.

Die Amme sprach: Du bist ein kluges Kind,
Verbann' aus deiner Seele diesen Wahn.
Suleicha sprach: Ach, stünd's in meiner Macht,
Legt' ich mir selbst wohl solche Lasten auf?

Zu Rath und That fehlt mir nun mehr die Kraft,
Des Willens Zügel fiel mir aus der Hand;
In mein beklemmtes Herz grub sich ein Bild,
Viel tiefer als in harten Marmor ein.

Des Windes rauher Hauch, des Wassers Fluth
Verlöschen nie dies tiefgeätzte Bild. -
Kaum sieht die Amme dieser Liebe Kraft,
Als sie sogleich mit der Ermahnung schweigt,

Und in Geheim zum Vater sich begibt,
Den ihre Rede in Erstaunen setzt;
Doch da des Rathes Hand zu schwach ihm schien,
So überließ er Alles Gottes Schluß.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Fundgruben des Orients. Band 3 S. 295-308



 

   

 

 

 

(c) Angelika Wolter / Pixelio.de
(c) Angelika Wolter / Pixelio.de


Wie Suleicha den Jussuf (Heil über ihn) zum zweyten Male


im Traume sieht, wie er die Kette ihrer Liebe schüttelt,
und sie in des Wahnsinns Abgrund gezogen wird.
 

O selig jenes Herz, wo Liebe wohnt,
Das liebet sorglos um der Welten Lauf,
In ihm entzündet sich ein Blitzes-Strahl,
So der Geduld und Klugheit Garben sengt;

Des Heiles Sorge regt sich nicht in ihm,
Es däucht des Vorwurfs Berg ihm leichtes Stroh;
Ja, es gewöhnet so an Tadel sich,
Daß seine Liebe sich durch Schmähung mehrt.

Suleicha nahm nun gleich dem Monde ab;
Ein Jahr, - ihr Vollmond ward zum neuen Mond.
Des Neumonds blasser Sichel gleich gekrümmt,
Saß, blut'gen Augs, sie einst im Morgenroth,

Und sprach: Wie spielst du mir o Himmel! mit,
Sieh, es erblaßt schon meiner Sonne Glanz!
Du krümmtest meinen Wuchs, dem Bogen gleich,
Und machtest mich zum Ziel des Vorwurfspfeils;

Mein Leitband gabst du in des Starrkopfs Hand,
Von dem ich Wiederspenstigkeit nur sah!
Der Liebe Funken warf er in mein Herz,
Und zeigt sich kärglich mir in Träumen nur!

Genug daß ich ihn wachend missen muß;
Soll ich ihn auch im Schlafe nimmer schau'n?
Des wachen Glückes Zeichen ist der Traum,
In dem mir jener helle Mond erscheint.

Mein Auge ruht in keinem Schlummer mehr,
Ach! liehe doch mein Glück ihm seinen Schlaf!
O dann erwachte sicher noch mein Glück,
Und hold erschiene mir der Freund im Traum!

So ächzet sie durch einen Theil der Nacht,
Bis matt ihr Geist auf ihren Lippen schwebt;
Da überwältigt sie ein jäher Schlaf,
Doch mehr betäubt als schlafend sinkt sie hin.

Kaum nahm den zarten Leib ihr Lager auf,
Als schon ihr Seelenwunsch zur Thüre trat;
Dasselbe Bild das kürzlich sie gequält,
Trat ein mit Wangen heller als der Mond.

Auf diese schönen Wangen fällt ihr Blick;
Sie springt empor, wirft sich zu Füssen ihm,
Und küßt den Boden, sprechend: Rosenbaum!
Du bist's, der mir Geduld und Ruhe stahl!

Bey jenem Gott, der dich aus Lichtglanz schuf,
Dich fern von allen Erdenmängeln hielt,
Der dir den Szepter aller Schönen gab,
Dich süßer schuf als selbst den Lebensborn;

Zur Seelengartens Rose deinen Wuchs,
Und deinen Mund zur Seelenkost erhob;
Der dein Gesicht mit Fackelglanz umgab,
Worin des Herzens Schmetterling verbrannt;

Die Moschuslocken dir zu Schlinge lieh,
Wo sich mein Herz in jedem Härchen fieng;
Sieh meinen Leib schon deiner Lende gleich,
Mein Herz so schmal als deines Mundes Mim!

Erbarme endlich meiner Seele dich!
Schließ' auf den zuckerstreuenden Rubin,
Und sprich mit dem dir eig'nen Anmuthssinn,
Wer du wohl seyst, und welchem Stamm entblüht?

Du bist des Glanzes Perle, - doch woher?
Du bist Monarch, - doch wo ist dein Pallast? -
Und Jussuf sprach: Ich bin ein Menschenkind,
Geformt aus Wasser und aus Erdenstaub.

Sieh, du gestehest deine Liebe mir;
Wenn Wahrheit denn in deinen Worten liegt,
O so bewahre diese Treue mir;
Bewahre, Holde, dich mir unvermählt.

Kein Zahn berühre deinen Zuckermund,
Kein Demant stoße deine Perle durch!
Denn schmückt der Liebe Brandmaal gleich dein Herz
Durchflammet gleicher Trieb auch meine Brust,

Da auch mein Herz in deinen Fesseln liegt;
Auch mich bezeichnet deiner Liebe Maal. -
Kaum sieht Suleicha dieses Mitgefühl,
Vernimmt dies süße Wort aus seinem Mund,

Sieh, da berückt ein neuer Dämon sie,
Und Feuer fängt ihr Herzensschmetterling. -
Vom Nachtgesichte trunken steht sie auf,
Die Brust entflammt, das Herz in heller Gluth;

Stets mehrt sich noch ihr tiefer Seelengram,
Zum Himmel qualmet ihrer Seufzer Rauch.
Der Liebe Folter wird nun tausendfach,
Bald hat ihr Jammer keine Grenzen mehr.

Die Zügel des Verstands entfallen ihr,
Sie macht sich von des Rathes Fessel los,
Reißt mächtig stark an ihrer Seele Kleid,
Vergießt ihr purpurtulpenfarbes Blut,

Zerfleischt in Liebeswuth ihr Angesicht,
Und rauft das Haar sich aus dem Haupte aus. -
Rund um sie saßen ihre Sklavinnen,
Dem Hofe ähnlich, der den Mond umringt,

Die kleinste Lücke nur im Kreise, - sieh!
Dem Pfeile ähnlich wäre sie entwischt.
Sie hielten sie am Kleidersaume fest,
Denn sonst entschlüpfte ihr Cypressenwuchs;

Der Knospe gleich hielt man in Banden sie,
Sie flöh sonst rosennackt dem Markte zu. -
Suleicha's Vater, als er dies vernahm,
Berieth mit seines Hofes Weisen sich.

Nachdem man alle Mittel überdacht,
Schien sie zu fesseln wohl das Klügste noch.
Und eine güld'ne Schlange wird gebracht,
Mit Perlen und Rubinen ausgeziert.

Die Schlange, perlenvoll, am Silberfuß,
Glich jener Schlange die beym Schatze wacht.
Fürwahr, Suleicha war ein Schönheitsschatz,
Und stets bewacht den Schatz die Schlange ja.

Kaum schläft die güld'ne Schlange unterm Saum,
Als schon Suleicha Perlen weint, und spricht:
In Liebesbanden liegt mein Herzensfuß,
Doch Bande sind's, mir theurer als die Welt;

Der Himmel der so schnell das Leben kürzt,
Warum dann fesselt er noch meinen Fuß?
Schon lange mangelt ihm ja alle Kraft,
Kaum noch erträgt er mich auf meiner Bahn;

Was soll daher der schweren Ketten Last,
Was dieses Leidensschwert, das mich zerfleischt?
Wenn der Cypresse Fuß schon Wurzeln schlug,
Und die Bewegung ihm unmöglich scheint,

Was soll denn da des Gärtners Klugheit noch,
Der Wasserketten um den Fuß ihm führt?
Nein, jenem Räuber ziemt der Fesseln Last,
Der mir mein Herz und meine Sinne stahl.

Vergebens suchte, ach! mein Auge sich,
An seinen Tulpenwangen satt zu sehn!
Ein Blitzstrahl, zündend, schoß er mir vorbey,
Und Rauch entqualmte meinem Herzensbrand.

Ein holdes Lächeln meines Glückes nur, -
Und diese Ketten fesseln seinen Fuß;
Dann schau ich ihn, so lang es mir gefällt,
Und helles Licht wird meine schwarze Nacht.

Was sprach ich? Ihn den Zarten fesseln wohl?
Ihn, dem der Staub, der auf sein Füßchen fällt,
Ein Berg, der ihm die Seele drückt, erscheint?
Zu viel der Leiden wäre dies für mich!

Wann wünscht' ich seiner Seele Lastendruck,
Wann seiner Silberwade Kettenschmerz?
Nein hundert Dolche treffen eh' mein Herz,
Eh' nur ein Dorn des Kleides Saum ihm ritzt.

Aus jenen liebenden Verwünschungen
Traf eine, däucht sie, das gemeinte Ziel.
Da sank sie hin auf die zerfleischte Brust,
Dem Vogel gleich, der hin zur Erde sinkt.

Im Wahnsinn faselt sie durch ein'ge Zeit,
Dann kehrt ihr wieder der Verstand zurück;
Doch bald von harter Liebespein gequält,
Stimmt sie von Neuem ihre Klagen an;

Vergießt bald Thränen, lacht bald überlaut,
Erblasset bald, und lebt bald wieder auf.
Ihr Zustand war ein stetes Wechseln nur,
In welchem sie ein volles Jahr verblieb.

Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Fundgruben des Orients. Band 4 S. 173-178



 

   

 

 

 

(c) Sassi / Pixelio.de
(c) Sassi / Pixelio.de


Suleicha's dritter Traum


O Liebe komm, du die voll schlauer List
Mit Friede bald, und bald mit Kriegen spielt!

Du schaffst den Weisen bald zum Narren um,
Und bald zum Weisen den, den Narrheit quält;

Wenn du der Engelschönen Haare knüpfst,
Umstrickt die Thorheit selbst den Weisesten;

Doch lösest du den Knoten jenes Haar's,
Glänzt heller des Verstandes Fackellicht.

Suleicha, die geduld- und sinnenlos
Des Kummers Zwilling, und von Gram umarmt,

Des Leidensbechers Hefen ausgeleert,
Bringt eine Nacht in Liebesflammen zu.

Sie reisst das Haupttuch sich vom Ambrahaar,
Bestreut mit Erdenstaub den Scheitel sich,

Neigt den Cypressenrücken zum Gebet,
Und sieh! den Boden neidet Irems Flur.

Aus den Narzissen quillt ein Ergvanstrom,
Und mit der Zunge, die der Lilie gleich,

Beklagt sie ihren tiefen Seelengram,
Und spricht dann Folgendes zu ihrem Freund:

O Räuber meiner Sinne, meiner Ruh',
Zerstörer meines selbstzufried'nen Glück's,

Du schufst mir Leiden, die du nimmer theilst,
Du stahlst mein Herz, und weigerst deines mir!

Nur deinen Namen nennt' ich, wüsst' ich ihn,
Nur zu dir flöh' ich, wüsst' ich, wo du weilst.

Süss lächelnd war ich einst, mir selbst genug,
Nun bin ich gleich dem Rohre knotenvoll.

Viel Blut schon trank ich dir, der Knospe gleich,
Und bin der Rose ähnlich nun beschämt.

Nicht wag' ich's deine Liebe zu erfleh'n,
Doch wählst du mich zur letzten Sklavin nicht?

Wie, wenn du freundlich mit der Sklavin wärst,
Und sie befreitest aus der Leiden Band?

Ach, Niemand sei gleich mir in Blut getaucht,
Gleich mir des Pöbelspottes Gegenstand!

Die Mutter grämt das missgerath'ne Kind,
Und ach, der Vater schämt der Tochter sich!

Verlassen selbst von meinen Sklavinnen
Bin ich mit meinem Grame ganz allein.

Nur du hast Muth genug, mich dürres Reis
Der hellen Flammenlohe kalt zu weih'n.

So sprach sie mit dem theuren Herzensfreund',
Bis sie der Schlummer überwältigte.

Vom Schlafesbecher trunken ward ihr Aug',
Und ihr erschien der Räuber ihres Schlaf's

Viel reizender, als ich's besingen kann;
Denn Worte mangeln mir bei solchem Reiz.

Sie hängt an seinen Saum sich schluchzend an,
Vergiesst zu Füssen ihm des Herzens Blut,

Und spricht: O du, in dessen Liebesqual
Mein Herz die Ruhe, Schlaf mein Auge flieht:

Beim Reinen, der so makellos dich schuf,
Dich aus der Welten Schönen auserkor,

Verkürze, Theurer, meiner Leiden Pein;
Sprich deinen Namen, deinen Wohnort aus.

Und Jussuf sprach: Gewährt sei dir dein Wunsch:
Ich bin Vezier in der Aegypter Land.

Als des Monarchen Stellvertreter, schmückt
Mich hoher Ruhm durch des Allmächt'gen Huld. -

Suleicha wird, als sie vom Freund' dies hört,
Wie neubelebt nach hundertjähr'gem Tod,

Und wonnig kehrt nach dieser Rede ihr
Des Körpers Kraft, der Seele Sinn zurück.

Im Schlafe war ihr Glück erwacht; und die
Berauscht entschlummerte stand nüchtern auf. -

Da nun die Kunde jenes Schönheits-Monds
Ihr wieder des Bewusstseins Gabe lieh,

Berief sie sämmtlich ihre Sklavinnen,
Und sprach: O die ihr treu mein Leiden theilt,

Seid meinem Vater Boten sel'gen Glück's,
Befreit ihn aus des Leidens Flammen-Brand,

Denn meine Sinne kehrten mir zurück,
Und neuerdings läuft mein gehemmter Bach!

Komm, Vater, lös' die güldnen Fesseln mir,
Denn keines Wahnsinn's Rückfall fürcht' ich mehr;

Der Geiz'ge nur schliesst karg sein Silber ein;
Grossmüthig schenke du die Freiheit ihm.

Als diese Freudenpost der Vater hört,
Beraubt sie jählings seiner Sinne ihn;

Verstört, verloren, wie Verliebte sind,
Eilt er zur reizenden Cypresse hin,

Schliesst auf der doppelköpf'gen Schlange Mund,
Und löst der Silberbrüst'gen Fessellast.

Suleichen nahten nun die Sklavinnen,
Und setzten sie auf einen güld'nen Thron,

Hoch auf den Sitz der Liebenswürdigkeit;
Und schmückten sie mit einem Diadem:

Und alle Perisgleichen kamen nun,
Um Schmetterlinge jenes Lichts zu sein.

Vom Kreise der Gespielinnen umreiht
Zerbeisst sie Zucker, gleich dem Papagei;

Dann schliesst sie der Erzählung Kästchen auf,
Und fängt von jedem Land zu sprechen an.

Sie spricht von Griechenland und von Damask,
Und schwimmt im Zucker, wenn man Missr nennt;

Schliesst dann mit der Aegypter Thatenruhm,
Und spielt der Rede Gang auf den Vezier.

So oft sein Nam' auf ihrer Zunge schwebt,
Sinkt sie, dem Schatten gleich, zur Erde hin,

Blut strömet aus der Wolke ihres Aug's,
Und bis zum Himmel steigt ihr Klageton.

So schwand der Tag, so schwand die Nacht dahin,
Sie sprach vom Freund' und von Aegypten nur:

Nur solcher Rede lieh sie froh ihr Ohr,
Und schwieg, war dies der Rede Inhalt nicht.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Dschami Joseph und Suleicha
Historisch-romantisches Gedicht
Aus dem Persischen des Mewlana Abdurrachman Dschami
übersetzt und durch Anmerkungen erläutert
von Vincenz Edlem von Rosenzweig 1824




 
   

 

 

 

(c) Dieter Haugk / Pixelio.de
(c) Dieter Haugk / Pixelio.de


Suleicha durchweint Tag und Nacht von Jussuf getrennt


Wenn der Geliebte ruht am Herzen;
Was sehnt es da nach Andrer Liebe sich?
Fliegt wohl der Schmetterling zur Sonne auf,
Wenn schon im Fackellicht ihm Hoffnung glänzt?

Der Nachtigall leg' hundert Sträuße vor,
Umsonst! sie sehnt nach Rosenduft sich nur.
Hat Sonnengluth den Lotos erst erwärmt,
Blickt er dann wohl noch zu dem Mond empor?

Sehnt nach dem Labetrunk der Durst'ge sich,
Was soll ihm dann der reinste Zucker wohl?
Suleicha fand an diesem sel'gen Ort,
Was immer nur zur Pracht gehört bereit;

Als Sclave dienet ihr selbst auch Asif,
Nichts mangelt ihr von Gütern und von Gold;
Es waren Mädchen rosenduft'gen Leibs
Sie zu bedienen Rast- und Ruhelos,

Und Dienerinnen Herzen verwirrend,
Sie standen ihres Winks gewärtig stets,
Sammt Knaben lächelnd, süß wie Zucker,
Vom Haupt zum Fuße süß wie Zuckerrohr,

Und Mohren hold aus Ambrathon geformt,
Gleich Engeln keusch und von Begierden frey.
Bewohner des Harems der Reinigkeit,
Vertraute in Geschäften des Harems.

Ägyptens Frauen kamen sämmtlich nun
Mit Schönheit und mit Reizen ausgeschmückt.
An Wuchs und Jahren ganz Suleicha gleich,
Der Anmuth ihres Umgangs sich zu freun.

Suleicha sitzend im Versammlungssaal,
Wo Freund und Fremder im Gewühl sich drängt,
Sie spannt des Frohsinns bunten Teppich auf,
Das Herz voll Blut, die Lippe Lächelns voll,

Und schien mit Jeder im Gespräche hier,
Doch anderswo weilt ihr verpfändet Herz;
Zwar sprach ihr Mund mit den Versammelten,
Doch waren Herz und Seele stets beym Freund.

Beym Freund, mit dem in Wonne wie im Schmerz
Sie nur allein ein festes Band geknüpft;
Es war ihr Körper bey der Menge nur,
Denn, ach! ihr Geist hegt andrer Sorgen Qual.

Dieß war ihr Thun vom Morgen bis zur Nacht,
Dieß ihr Benehmen mit den Freundinnen.
Kaum hüllt die Sonne sich in Ambraflor
Auf dem der Mond als Herrscher einsam thront,

Als sie des Freundes Bild in stiller Nacht
Vor sich aufs Kissen holder Anmuth setzt,
Und vor ihm fallend auf ihr sittsam Knie,
Ihm ihrer Seele tiefen Kummer klagt;

Nach Seufzern stimmend ihrer Rede Ton,
Beginnt sie nun des Wahnsinns Trauersang,
Und spricht zum Bilde: "O mein Seelenwunsch!
Verwiesen hast du aus Ägypten mich,

Und nanntest dich des Landes Großwesir,
Es werde ewig Ruhm und Ehre dir!
Denn dieser Ruhm schmückt mich als Diadem,
Und Wonne nenn' ich's deine Magd zu seyn.

Verlassen bin ich hier und Heimathlos,
Beraubt des Glücks mit dir vereint zu seyn;
Wie lange noch, von diesem Maal gebrannt,
Zünd' ich davon des Elends Fackel an?

Komm, sey der Lichtglanz meiner Herzensflur,
Ein heilend Pflaster für mein Herzensmaal!
Von Liebe zur Verzweiflung hingeschleppt,
Gab ein verborgner Engel Hoffnung mir;

Mein Leben fristet jene Hoffnung nur,
Vom Saum mich schüttelnd der Verzweiflung Staub.
Dein Schönheitslicht, das mir ins Herz gestrahlt,
Verbürgt mir unsers Wiedersehens Glück;

So Bluterfüllt mein mattes Auge ist,
So späht es allenthalben doch nach dir;
O selig jene Zeit, in der du hold,
Ein Mond, in's Zeichen meiner Augen trittst.

Seh' ich dein Antlitz, werd' ich schnell zu Nichts,
Roll' meines Daseyns bunten Teppich auf,
Verliere des Gedankenfadens Ende,
Verliere mich in Sinnenlosigkeit;

Du siehst mich nicht an meiner Stelle mehr,
Und nimmst als Seele meine Stelle ein.
Des eig'nen Ich's Erinnerung schwindet mir,
Dich find' ich stets wo ich nur mich gesucht!

Mein Wunsch bist du in beyden Welten nur,
Fänd' ich dich, ach! was sprech' ich dann von mir?"
Der Morgen brach beym Selbstgespräche an,
Das sie zum hellen Tage fortgeführt.

Als nun der Morgenwind zu weh'n begann,
Stimmt sie nach and'rem Ton dieß Selbstgespräch.
Was sprach sie wohl? - Sie sprach: "Auf, Morgenwind!
Geuß Moschusduft in der Jasmine Schooß,

Durchwehe Lilien- und Zypressen-Au'n,
Schau Hyacinthen auf der Rose Blatt!
Du neckst die Blätter im Tschinellenklang,
Und sieh, es tanzt der festgebannte Baum;

Du bist der traute Bothe Liebender
Und wehest Ruhe in des Jünglings Brust:
Ein zärtlich Briefchen bringst vom Mädchen du,
Und linderst so den Schmerz des Trauernden;

Kein irdisch Wesen trauert mehr als ich,
Kein Auge funkelt mehr der Trennung Schmerz.
Mein Herz ist krank, o lindre seine Qual!
Es häufet sich mein Gram - komm tröste mich!

Kein Plätzchen gibt es auf der Erde Rund
In das du dich nicht unversehens schleichst;
Du dringst durch Thüren, selbst durch eiserne,
Und schließt man sie, dringst du zum Fenster ein.

Erbarme meiner, der Verirrten, dich,
Durchspähe ringsum aller Orte mir!
Flieh' hin zu der Beherrscher Königsstadt,
Hinan die Stufen des Monarchen-Throns.

In jeder Stadt frag' meinem Monde nach,
Auf jedem Throne suche meinen Schah;
Durchziehe jede bunte Frühlingsflur
Und setz' den Fuß an jedes Stromes Strand;

Vielleicht erspähet der Zypresse Spur
Dein forschend Aug' an eines Baches Rand;
Flieh' dann nach Choten's duft'gem Moschusfeld
Und nach den Bildergallerien Sina's,

Ein schlankes Reh, ihm ähnlich, hasche dort,
Und suche hier ein Bildniß das ihm gleicht.
Und kehrst du heim aus jenen Gegenden,
Auf jedem Berge den dein Fuß erklimmt,

Wo dir ein Repphuhn schwanken Trittes naht,
Gedenke seiner und ergreif' es schnell!
Und stößt dir eine Karawane auf,
Von einem holden Führer angeführt,

Sieh ihn mit Augen meiner Liebe an
Und lenke schnell den Zug in dieses Land;
Vielleicht den Helden sehend pflücke ich
Ein Röschen von der Hoffnung Rosenbaum."

Vom frühsten Morgen bis der Sonne Licht
Hin eilte auf des Tages Tummelplatz,
Besprach sie, Gramerfüllt und blut'gen Aug's,
Sich unabläßig mit dem Morgenwind.

Und als die Sonne nun den Tag erhellt,
Erhellt', ihr ähnlich, sie der Mädchenkreis,
Die rings um sie in Reihen aufgestellt,
Sich sonnten froh an ihrer Schönheit Strahl.

Mit Mädchen reines Herzens, reiner Brust,
Betrug sie sich mit Sittsamkeit;
So war des Nachts ihr Zustand, so des Tags,
So floßen Monde, Jahre so dahin.

Fühlt' sie ihr Herz im Hause zu gepreßt,
Flugs eilt sie auf die bunte Blumenflur;
Bald stöhnt sie da aus brandmaalvoller Brust
Und beugt zum Zelte gleich der Tulpe sich,

Der sie vom Rosenwangigten erzählt
Und vom Geheimniß ihres Herzensmaals;
Bald eilt sie, gleich des Thales wildem Strom,
In Thränen schwimmend hin zum Nilesstrand,

Und spricht ihm von der Qual die sie verzehrt,
Und menget Thränen in des Flußes Lauf.
So bringt sie kummervolle Tage hin,
Den Blick gewandt nach der Erwartung Bahn,

Woher wohl komme der geliebte Freund,
Wo er als Mond, als Sonne ihr erscheint?
Auf dann, Dschami! laß dein Bestreben seyn,
Bring' Kanaan's Mond von Kanaan.

Voll süßer Hoffnung ist Suleicha's Herz,
Ihr Blick nährt sehnsuchtsvollen Schmerz.
Zu lange währte ihres Harrens Pein,
Laßt uns sie trösten durch des Freunds Verein!


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)

Aus: Geschichte der schönen Redekünste Persiens
mit einer Blüthenlese aus zweyhundert persischen Dichtern
Von Joseph von Hammer Wien 1818


 
   

 

 

 

(c) Gabi Hamann / Pixelio.de
(c) Gabi Hamann / Pixelio.de


Die schöne Jungfrau


Was mag dem Liebenden willkomm'ner seyn,
Als wenn die Freundinn gleichfalls Liebe fühlt;

Wenn er in ihr geheimes Stübchen tritt,
Und ihren Busen frey von Bürden schaut;

Wenn er die alten Mährchen ihr erzählt,
Und achtungsvoll sie zur Vertrauten wählt?

Als Joseph, von dem Reiterschwarme frey,
In seine stille Wohnung sich verfügt,

Da kam der Kämm'rer, sprechend: "Einz'ger du,
Du Weltenmährchen durch der Grossmuth Ruhm!

Hier an der Pforte steht das alte Weib,
Das deinem Rosse in die Zügel fiel;

Auf dein Geheiss gesellt' ich mich zu ihr,
Und führte sie hieher an deinen Thron."

Er sprach: "Erfülle ihr Bedürfnis denn,
Und ist sie arm, so lindre ihre Noth!"

Er sprach: "Sie ist so blöden Sinnes nicht,
Dass sie mir ihr Bedürfnis wieder sagt."

Er sprach: "Wohlan, so trete sie hervor,
Und lüfte selber ihrer Lage Flor."

Auf dies Geheiss tanzt, Sonnenstäubchen gleich,
Suleicha fröhlich in die Einsamkeit;

Wie Rosen lächelnd, blühend Knospen gleich,
Spricht sie mit süssem Munde Joseph Heil.

Doch Joseph, der dem vielen Lächeln staunt,
Frägt sie vorerst um Nahmen und um Stand.

Sie spricht: "Bin Jene die, beym ersten Blick,
Aus einer ganzen Welt dich auserkohr;

Die einen Schatz von Gemmen dir geweiht,
Und Herz und Seele liebend dir verschrieb;

Die ihren Lenz den Winden übergab,
Und in dies Alter, wie du siehst, verfiel.

Du hieltst der Herrschaft Liebchen eng umarmt,
Und hast, vergessend, nie dich mein erbarmt!"

Kaum hört dies Joseph, so erkennt er sie,
Weint Mitleidsthränen über ihr Geschick,

Und spricht: "Was willst du, o Suleicha! hier,
Und weshalb ist dein Zustand so betrübt?"

Als Joseph's Lippe: "O Suleicha!" spricht,
Da sinkt suleichalos Suleicha hin:

Der Wein des Wahnsinns schäumt ihr aus der Brust,
Und sinnlos macht sie seiner Stimme Lust.

Als sie vom Wahnsinn zur Besinnung kehrt,
Beginnt nun Joseph ein Gespräch mit ihr:

Er spricht: "Wo ist dein jugendlicher Reiz?"
Sie spricht: "Er floh, von deinem Bunde fern."

Er spricht: "Warum fehlt dir des Auges Licht?"
Sie spricht: "Weil's ohne dich in Blut sich taucht."

Er spricht: "Warum krümmt sich dein holder Baum?"
Sie spricht: "Weil deine Trennung ihn beschwert."

Er spricht: "Wo ist dein Silber, wo dein Gold,
Und wo die Krone, deines Scheitels Zier?"

Sie spricht: "Ein Jeder rühmte deinen Reiz,
Und goss der Schild'rung Gemmen mir auf's Haupt:

Da warf ich Haupt und Gold ihm vor den Fuß,
Und lohnte ihn durch stetes Gemmenstreu'n,

Und krönte ihn mit Ansehn und mit Ruhm,
Und krönte mich mit seiner Schwelle Staub.

Für Gold und Silber blieb mir kein Ersatz:
Doch nun - nun ist mein Herz der Liebe Schatz."

Er spricht: "Was ist wohl heute dein Bedarf,
Und wer ist heute dessen Bürge wohl?"

Sie spricht: "Ach, mein Bedarf, er kränkt dich nur,
Und du allein sollst ihm als Bürge steh'n.

Wenn du mit einem Eide dich verbürgst,
So löst erklärend sich mein Zungenband;

Wo nicht, so schliesst sich meine Lippe zu,
Und neuerdings fasst mich des Grames Hand."

Er schwört: "Bey jenem Patriarchenschacht,
Bey jenem Bauherrn des Prophetenthurm's,

Dem eine Tulpe einst im Feuer spross,
Weil Gott das Kleid der Freundschaft ihm gesandt!

Was du bedarfst will ich am heut'gen Tag
Im Nu erfüllen, falls ich's nur vermag."

Sie spricht: "Zuerst die Jugend und den Reiz,
Wie du sie vormals selber hast geschaut;

Das Auge dann, um dich zu sehen nur,
Ein Röschen pflückend deiner Wangenflur."

Und Joseph regt die Lippe zum Gebeth,
Die nun von Heilungswasser überströmt,

Und ihrer todten Schönheit Leben schenkt,
Und ihrer Wange sel'gen Glanz verleiht;

Dann holt er Wasser aus dem nahen Fluss,
Das ihrer Jugend Rosenau erfrischt.

Da wird ihr Kampher schnell zu Moschusschmelz,
Und ihrem Morgen folgt die schwärz'ste Nacht;

Das Weiss entflieht aus ihrem Moschushaar,
Und Licht erglänzt in ihres Auges Schwarz;

Es weicht die Krümme ihres Rosenbaum's,
Es weicht die Falte ihres Silberblatt's;

Ihr Alter wird von Jugend hold umringt:
Nach vierzig Jahren wird sie achtzehn alt:

Ihr Reiz erhält noch neue Lieblichkeit,
Und steigt selbst höher als in früh'rer Zeit.

"O holde Schöne sagt ihr Joseph nun -
Hegst du noch einen ander'n Wunsch, so sprich."

"ich hege - spricht sie - keinen ander'n Wunsch,
Als still mich deines theuren Bund's zu freu'n:

Da labt' ich Tag's an deinem Anblick mich,
Und läge Nachts an deiner Sohle Rand,

Und ruht' im Schatten deines hohen Baum's,
Und käut' am Zucker deines süssen Mund's,

Und legt' ein Pflaster mir auf's wunde Herz,
Und meinem Wunsch entspräch' dann all' mein Thun:

Auch lieh' ich meinem dürren Saatenfeld
Das Freundschaftswasser das dein Quell enthält."

Als Joseph diese Bitte von ihr hört,
Senkt er sein Haupt betrachtungsvoll und schweigt;

Dann blickt er fragend auf zur Geisterwelt,
Und spricht als Antwort weder Nein noch Ja.

Er staunt in unentschlossn'ner Schwebe noch,
Als itzt der Fittich Gabriel's ertönt,

Der kündend spricht: O edelster Monarch!
Es schickt der reine Gott dir diesen Gruss:

"Als wir Suleichens Unvermögen sah'n,
Die Bitte hörten die sie dir gestellt,

Da fing, durch ihres Strebens Wellenschlag,
Nun unser Mitleidsmeer zu wogen an,

Und, unverletzt durch der Verzweiflung Schwert,
Vermählten wir am Himmelsthron sie dir:

Auch du vermähle ewig dich mit ihr,
Den Knoten lösend der ihr Thun beschwert:

So blickt das Auge laut'rer Huld dich an,
Und deinem Bund entspriessen Gemmen dann."


Die Vermählung


Als Joseph den Befehl von Gott erhielt
Ein Bündnis mit Suleichen einzugeh'n,

Bereitet er ein fürstliches Gelag,
Und schafft, was immer Lust gewährt, herbey.

Er lädt den König und die Grossen ein,
und setzt sie auf den Thron und Ehrensitz.

Nach Jacob's Glauben, Abraham's Gesetz,
Nach werther Sitte und nach schönem Brauch

Vermählt er dann Suleichen sich, und reiht
Die schönste Perl' an seine Perlenschnur.

Vom Mond zum Fische sieht man Gold verstreu'n,
Da Fürst und Heer sich seines Glückes freu'n.

Vergebung heischend steht itzt Joseph auf,
Erfleht der Gäste nachsichtsvolle Huld,

Entzückt Suleichen durch ein fragend Wort,
Und sendet sie nach seiner Einsamkeit.

Da läuft die Schaar der Zofen auf sie zu,
Bringt ihr als Mahlschatz Haupt und Krone dar,

Jauchzt ob der Herrinn hohen Lieblichkeit,
Und hüllt sie in ein prächt'ges Goldstoffkleid.

Doch als nunmehr der Lärm der Menge schweigt,
Und Jeder in die eig'ne Wohnung kehrt;

Als schon der Mond, im duft'gen Brautgewand,
Die Erde in ein gold'nes Flortuch hüllt;

Als siegesvoll auf diesem Lazurzelt
Schon eine Welt von Sternen hold erglänzt;

Als schon der Himmel mit der Plejas prangt,
Und, dämmernd, Perlen mit Rubinen mengt;

Als schon das Haar der Nacht die Welt verdeckt,
Und eine Welt froh unter Decken spielt;

Als einsam weilend die Vertrauten schon
Den Moschusflor vor fremde Wangen zieh'n,

Weilt auch Suleicha einsam hinterm Flor,
Indess ihr Herz gleich Sonnenstäubchen tanzt.

Als Wasser ihr den durst'gen Mund genetzt,
O Gott! war's wachend oder träumend nur?

Stillt je ein Wasser ihren heissen Durst,
Und dämpft sich je wohl ihres Herzens Brand?

Bald strahlt ihr Aug vom hellsten Freudenthau,
Bald schwimmt's im Blut das ihr die Angst erpresst,

Bald spricht sie: "Nein, ich glaub' es nimmer wohl,
Dass mein Geschick so selig werden soll!"

Bald: "Ein Gemeingut ist des Freundes Huld,
Und zweifelt' ich, büsst' ich mit Recht die Schuld."

Dies überdenkend, schwanket ihr Gemüth,
Und, bald erfreut, bald traurend, weilt sie dort.

Da sieht sie wie der Vorhang sich verrückt,
Und ein enthüllter Mond das Haus nun schmückt.

Suleichens Aug das itzt den Liebling trifft,
Fällt stets mit neuer Lust auf ihn zurück;

Sein Lichtstrahl raubt ihr die Besinnung ganz,
Des Schattens Dunkel weicht der Sonne Glanz.

Als Joseph jene rege Liebe schaut,
Den Wahnsinn schaut den er hier selbst erregt,

Hebt er erbarmend auf den Goldthron sie,
Und leiht die eig'nen Arme ihr zum Pfühl.

Durch seinen süssen Wohlgeruch gestärkt,
Erwacht sie bald aus ihrem holden Traum.

Und auf die Wange der sein Auge sonst
Sich stets verschloß, und die nur Qual ihm schuf,

Fällt itzt sein Blick, und schaut ein Wangenpaar,
Hold wie auf Goldstoff ein chinesisch Bild;

Wie Wangen einer Huri frisch und glatt,
Die keiner Kräuslerinn vonnöthen hat.

Nachdem sein Auge lang auf ihr geruht,
Zieht's ihn zum Kuss und zur Umarmung hin:

Sein holder Mund küsst süssen Zucker auf,
Und an dem Unnab nagt sein reiner Zahn;

Ihr Lippenpaar scheint jenem sel'gen Gast
Ein Salzfass auf der Tafel des Vereins:

D'rum labt er erst an einem sich,
Wie man die Mahlzeit mit dem Salz beginnt;

Doch als das Salz nun seine Lust gemehrt,
Umgürtet er mit beyden Armen sie,

Beglückt, als unerwartet seine Hand
Die Spur des nie berührten Schatzes fand.

Als er die unversehrte Perle schaut,
Und ihrer Flur verschloss'ne Knospe pflückt,

Spricht er: "Wie blieb die Perle unversehrt,
Und wie erschloss der Wind die Knospe nicht?"

Sie sprach: "Mich hat nur der Vesir geschaut,
Doch pflückt' er die bewahrte Knospe nie:

Zwar trat er rasch oft auf verbothne Bahn,
Doch nah' am Ziel sank er ermattet hin.

Als ich - ein Kind - dein holdes Traumbild sah,
Und dich um Nahmen und um Zeichen frug,

Da spreitet' er des Mitleid's Teppich aus,
Und überliess mir selbst dies theure Gut.

Dies theure Gut, ich wahrt's vor Jedermann,
Und meine Perle bleib stets unberührt:

Gelobt sey Gott dass dieses theure Pfand
Stets unerreicht blieb von der Frechheit Hand:


Zweyhundertmal traf mich der Sorge Schwert,
Allein das Pfandgut blieb dir unversehrt;

Zweyhundertmal sah ich das Leid mir droh'n,
Doch trug ich endlich meinen Wunsch davon."

Als Joseph jener Peri Wort vernimmt,
Mehrt sich allmählig seiner Liebe Gluth,

Und zu ihr spricht er: "Schönste Huri du!
Frommt dies nicht mehr als was du einst begehrt?"

Sie spricht: "Fürwahr; allein entschuld'ge mich,
Denn Liebe war's der meine Thräne floss:

Ich fühlte grenzenlose Herzenspein,
Ich fühlte lindrungslosen Seelenschmerz,

Und ach, du warst so hold, so schön wie itzt,
Und mehrtest stets der trunk'nen Sinne Trieb:

Da blieb mir für Geduld kein weit'rer Raum:
D'rum hülle nun mich in der Nachsicht Saum!"

Wenn er aus allzugrosser Liebe fehlt,
Ob auf den Freund dann die Geliebte schmählt?



Sieg der Liebe


Der Liebende der sich stets treu bewahrt,
Der heisst zuletzt wohl der Geliebte noch;

Wer mass der Treue Pfad, und trug als Lohn
Die Liebe der Geliebten nicht davon?

Treu war Suleicha auf der Liebe Bahn,
Weil sie ein Leben liebend hingebracht,

Weil in der Kindheit, wenn sie tändelte,
Und sich mit zarten Puppen unterhielt,

Das Spiel zu dem sie ihre Zuflucht nahm,
Ihr immerdar das Spiel der Liebe hiess:

Das Puppenpaar das sie dann vor sich hielt,
Sie nannt' es stets die Freundinn und den Freund.

Kaum weiss sie noch was rechts heisst und was links,
Und wie man artig sitzt und zierlich steht,

So zeigt ein waches Glück ihr schon den Traum
Der sie in Joseph's Liebesnetz verstrickt;

Da bannt sie schnell das Heimweh aus der Brust,
Beschliesst die Reise nach Egyptens Reich,

Und eilt aus ihrer Stadt in Joseph's Stadt,
Wo Joseph sie, nicht Selbstsucht hingeführt;

In seinem Wahnbild flieht ihr Jugendlenz,
Er flieht in steter Hoffnung seines Bund's;

Im Alter selbst sehnt sie sich noch nach ihm,
Und selbst erblindet will sie ihn noch schau'n;

Und als sie wieder jung und sehend wird,
Liebt sie gleich stark noch jenen Weltengeist,

Und lebt fortan treu ihrer Liebe Schwur,
Und lebt fortan in seinen Banden nur.

Weil ihre Treue keine Grenzen kennt,
So fühlt zuletzt auch Joseph sich bewegt;

Ja, Joseph's Herz wird so von Liebe warm,
Dass er sich dieser Herzenswärme schämt;

Er wallt so treu auf ihres Herzens Bahn
Dass er kein Stündchen ohne sie mehr ruht;

Stets späht er sorgsam ihren Wünschen nach,
Presst seine Lippe stets an ihren Mund,

Und tränkt so oft der Wollust durst'ge Saat,
Dass ihm's zuletzt an Wasser schon gebricht;

Doch riss hiedurch Suleichen's Flor entzwey,
Und ihr erschien der Wahrheit Sonnenlicht:

Es brach der Sonne hehrer Glanz hervor,
Worin, als Stäubchen, Joseph sich verlor.

Ja, auf der ungeweihten Liebe Test
Schmolz ihr schon manches Hindernis dahin;

Itzt da der Wahrheit Sonne ihr erschien,
Schwand auch der Hindernisse letzter Rest;

Es zog der Wahrheit rege Kraft sie an,
Und sie vermied was Niemand meiden kann.

Als sie einst Nachts aus Joseph's Armen flieht,
Und mühevoll ihm zu entrinnen strebt,

Da fasst er schnell von rückwärts ihren Saum,
Und seine Hand reisst ihr das Hemd entzwey.

Da sprach Suleicha: "Wenn ich dir am Leib,
In früh'rer Zeit, das Hemde einst zerriss,

Riss'st nun auch du das Hemde mir entzwey,
Und gabst den Lohn der Sünde mir zurück.

Kein Vorrang gilt in uns'rer Liebe Reich:
Der Hemde Riss macht uns einander gleich."

Da Joseph sah wie sie dem Dienst oblag,
Und wie ihr Herz für diesen Zweck nur schlug,

So baut' er nun ein Lustgebäu von Gold,
Kein Lustgebäu, ein Haus der Andacht ihr,

Voll Lazurziegeln wie des Himmels Köschk,
Und hold getäfelt wie das Paradies.

Mit Bildern war's vom Dach zum Aestrich voll,
Und ehrfurchtsvoll staunt's selbst der Künstler an:

Durch jedes Fenster schien der Wonne Licht,
Des Glückes Bothe lief durch jedes Thor;

Den hohen Altan traf kein böses Aug,
Und das Gewölb war Hurisbrauen gleich;

Die Kuppel lieh der Sonne Licht und Glanz,
D'rum war kein Schatten in dem Haus zu schau'n.

Aus der Beglückten Dinte flossen hier
Die Bäume auf der Wände Palmenwald;

Ein Vogel sass auf jeder Palme Ast,
Doch sang sein Schnabel nie ein süsses Lied.

Und in die Mitte setzt er einen Thron,
Von Gold- und Silberziegeln aufgeführt,

Wohl mit zweyhundert Bildern hold bemalt,
Und wohl von tausend Lustern rings umstrahlt.

Und Joseph nimmt Suleichen bey der Hand,
Setzt sie zu sich auf den erhab'nen Thron,

Und spricht zu ihr: "Die du durch häuf'ge Huld
Mich bis zum jüngsten Tage hast beschämt!

Als ich dir noch ein nied'rer Sclave hiess,
Erbautest du ein Haus der Wunder mir:

Mit rothem Onix und mit gelbem Gold
Ward es von dir nach Möglichkeit verziert; -

Nun hab' auch ich, zu deiner Gnaden Preis,
Ein hohes Haus der Andacht dir erbaut:

Verweile stets zum Preise Gottes d'rin,
Denn jedes Haar bezeugt dir seine Huld:

Er machte dich nach schnöder Armuth reich,
Er gab dir Jugend nach des Alters Schmach;

Er schenkte deinem blinden Auge Licht,
Er schloss sein weites Mitleidsthor dir auf;

Nach einem Leben, voll von Schmerz und Pein,
Gab er den Teriak meines Bund's dir ein."

Durch Gottes Gnade sass Suleicha nun
Auf einem hohen kaiserlichen Thron,

Und war vergnügt in jener Einsamkeit,
Durch Gottes Huld und Joseph's Zärtlichkeit.


Übersetzt von Vincenz von Rosenzweig-Schwannau (1791-1865)
Aus: Dschami Joseph und Suleicha
Historisch-romantisches Gedicht
Aus dem Persischen des Mewlana Abdurrachman Dschami
übersetzt und durch Anmerkungen erläutert
von Vincenz Edlem von Rosenzweig 1824




 
   

 

 

 

(c) Sylwia Schreck / Pixelio.de
(c) Sylwia Schreck / Pixelio.de



Über Jussuf und Suleicha

(von Joseph von Hammer-Purgstall)

Jussuf und Suleicha, Leila und Medschnun, Chosru und Schirin sind die drey am vielfältigsten bearbeiteten Stoffe romantischer Liebesgeschichten des Orients, deren jeder einen besonderen Charakter an sich trägt, nicht nur durch die Nationalität der handelnden Helden, sondern auch durch die Natur ihrer Gefühle ganz von einander verschieden. In bloßer Hinsicht auf die Nationalität ist Chosru und Schirin der eigentlich persische, Leila und Medschnun der eigentlich arabische, und Jussuf und Suleicha, dessen Geschichte von den dreyen allein im Koran vorkommt, der eigentlich biblische Roman, dessen handelnde Personen Jussuf der schönste Jüngling des Ostens, und Suleicha eine Schönheit aus Westen, allen Völkern des Aufganges und Niederganges gemeinsam angehören. Ein weit mehr wesentlicher Unterschied dieser drey Stoffe liegt aber noch in der eingeführten Behandlungsweise derselben. Chosru und Schirin, das Gemälde glücklicher Liebe, und des höchsten weiblichen Ideals in Schirin; Leila und Medschnun, die Geschichte unglücklicher Liebe, und des daraus entstehenden Wahnsinns, der für Medschnun das höchste Interesse erweckt, während Leila als ruhige Schönheit auch den Leser ruhig läßt. Dort ist Schirin, hier Medschnun die Hauptperson; endlich Jussuf und Suleicha, worin das Ideal der höchsten Schönheit in Jussuf, und das Ideal der feurigsten Liebe in Suleicha, die Macht der Schönheit und der Liebe, die Herrschaft des Gemüths und der Sinnen, der besiegende Geist des Prophetenthums, und die unterliegende Schwäche sich selbst überlassener Weiblichkeit in scharfen Contrasten einander gegenüber gestellt sind. Jussuf und Suleicha ist vorzugsweise die allegorische durch den Koran geheiligte Geschichte göttlicher Liebe, welche ihre Anspielungen nur aus diesem Roman, und nicht aus den anderen profanen Liebesgeschichten hernimmt. Die Geschichte Jussuf's wird im Koran selbst Ahsenol-kißaßi, d.i. die schönste der Erzählungen genannt, und verdient diesen Nahmen ungeachtet einiger Zusätze, welche sich in unserer biblischen Geschichte nicht finden. Mohammed widmete derselben die ganze zwölfte Sura des Korans, deren Faden auch der Roman getreu verfolgt.
Schon bey Erschaffung der Welt, als Gott dem Adam die Seelen aller Nachkommen zeigte, überstrahlte Jussuf's Schönheit alle übrigen mit solchem Glanze, daß Adam seinen göttlichen Führer fragte, wem diese Seele einst angehören werde. Als Jussuf's Seele mit körperlicher Hülle bekleidet ward, schlug der Glanz der Schönheit als himmlische Flamme über seinem Haupte zusammen, und dieses Feuer, das in Jussuf das höchste Schönheitslicht, in andern Propheten aber auch bloß die Flamme göttlicher Begeisterung vorstellt, unterscheidet in den Gemählden orientalischer Gedichte und Geschichten sogleich die Hauptpersonen der Propheten. Ein solcher Flammenbündel, der sich von dem Scheitel zum Himmel emporwirbelt, ist auch für die Kunst ein weit schönerer Gegenstand, als die Moseshörner und der Heiligennimbus, welche durch geschmacklose Sagen und Nachbildungen daraus entstanden sind.
Suleicha, die Tochter des mauritanischen Königs Taimus, erblickte Jussuf's Schönheit im Traume, und versank darüber in das Nachdenken unbefriedigter Sehnsucht nach einem vorschwebenden unbekannten Ideale. Dreymahl war er ihr so im Traume erschienen, und hatte das drittemahl Ägypten sogar als das Land seines Aufenthaltes genannt; um so weniger Abneigung hatte sie, der Gesandschaft des ägyptischen Asif, oder Großwesirs, der um ihre Hand anhalten ließ, Gehör zu geben, und die Heirath wurde beschlossen. Suleicha hält im stattlichsten Gefolge einen herrlichen Einzug in die Hauptstadt Ägypten's; als sie aber durch eine Ritze des Zelts, statt des Ideals ihrer Träume, Putifarn erblickt, bricht sie in lauter Weinen und Wehklagen aus über so harte Täuschung, und über ewige Trennung, zu der ihr Leben verdammt scheint.
Hier beginnen erst die biblischen Geschichten Jussuf's: vom Neide seiner Brüder, von seinen Träumen, von dem Complotte der Brüder, die ihn in einen Brunnen werfen, und dann an eine ägyptische Karawane verkaufen. Der Anführer derselben, Malek, schlägt ihn durch öffentliche Versteigerung los, wo ihn Suleicha als Meistbiethende erhandelt, zum großen Verdrusse ihrer Nebenbuhlerinnen, worunter sich auch eine Prinzessinn Nasigha aus dem Stamme Aad befindet.
Suleicha bestimmt den schönen Jussuf zu ihrem Dienste, und da er sich eine Schäferey wünscht, weil alle Propheten Hirten waren, erfüllt sie sein Verlangen in der Hoffnung, daß auch er um so bereitwilliger sich finden würde, als ihr Schäfer ihr Verlangen zu erfüllen. Umsonst waren aber alle theils mittelbar durch ihre Amme, theils unmittelbar selbst auf ihn gemachten Versuche und Angriffe. Endlich gab ihr die Amme als ein unfehlbares Mittel zu ihrem Zwecke zu gelangen, den Einschlag, ein Gartenhaus zu bauen, worin sie und der schöne Jussuf an allen Orten, in allen Stellungen glücklicher Liebe abgemahlt wären. Der Pavillon erhob sich mit sieben Gemächern, in deren letztem Jussuf (dessen Augen überall die mächtigsten Reize der Verführung erblickten) vielleicht unterlegen wäre, wenn ihm nicht in dem Augenblicke der höchsten Gefahr sein Vater Jakob mit warnendem Finger erschienen wäre. Er ergriff mit zerrissenem Hemde die Flucht (daher im Orient zum lehrreichen Angedenken noch heute alle Hemden auf dem Rücken aufgeschlitzt sind), und da gerade vor der Thüre auf den Gemahl Suleicha's stieß, beschuldigte sie ihn ihrer eigenen Unthat. Da fing ein unmündiges Kind zu sprechen an, und gab wahrhafte Zeugenschaft von der Unschuld Jussuf's, der sowohl dieser Zeugenschaft als der schon früher und nachher beurkundeten Wahrheit seiner Traumauslegung willen, Es-Sadik oder der Wahrhaftige heißt.
Suleicha's Geschichte mit Jussuf war nun das Gerede der Stadt, und sie selbst der Gegenstand der boshaftesten Spöttereyen aller Frauen. Um sie zu bestraffen, lud sie dieselben auf eine Kaffeegesellschaft. Die Früchte wurden aufgetragen, und als die Damen eben die Orangen in die Hände genommen, und die Messer um sie zu schälen, trat Jussuf mit dem Kaffee ein. Die Frauen starrten hin, und waren bey dem Anblicke seiner überirdischen Schönheit so sehr sinnenberaubt, daß sie gar nicht wußten was sie thaten, sondern sich sammt und sonders, statt in die Orangen, in die Finger schnitten, daß statt des Saftes Blut von den Händen troff. Durch diese Begebenheit nachsichtiger gemacht für Suleicha's Liebe, nahmen die Frauen nun selbst ihre Parthey, und riethen ihr, den schönen Jussuf in den Kerker zu schicken, wenn sie länger noch kein Gehör bey ihm fände. Sie befolgt den Rath, bereut es aber sehr bald, weil ihr die Pein von ihm getrennt zu seyn unerträglich dünkt. Bald beschickt sie ihn durch ihre Amme, bald steigt sie auf die Terrasse des Daches, um von da wenigstens das Dach des Kerkers zu erblicken, worin Jussuf versperrt war. Hier erklärte er dem Mundbäcker und dem Mundschenken, und endlich nachdem er vor den König berufen worden, diesem selbst die bekannten Träume. Suleicha zieht sich nach dem Tode ihres Gemahls in die Einsamkeit zurück, und Jussuf ward Großwesir Ägyptens, dessen Einwohner er durch weise Maßregeln von der Hungersnoth der sieben unfruchtbaren Jahre rettet. Suleicha, die in der Einsamkeit fern von Jussuf ihr Daseyn nicht aushalten konnte, baute sich ein Haus an der Stadt, wo er täglich vorbeyzog, um doch wenigstens die Schläge der Hufe seines Pferdes zu vernehmen.
Da Jussuf sie noch immer keines Blickes würdiget, entsagt sie endlich dem Götzendienste, und bekehrt sich zum wahren Glauben. Als Gläubige erscheint sie nun vor Jussuf, wird von ihm sehr liebreich aufgenommen, und erhält auf seine Fürbitte ihre erste Jugend und Schönheit wieder. Auf des Herrn Befehl nimmt er sie zur Frau, und wird ihr um so mehr mit Liebe zugethan, als er in ihr, wider alles Erwarten, eine reine Jungfrau findet. Die Liebe mit der sie ihrem Ideale ergeben war, hatte ihr nicht erlaubt sich den Umarmungen Putifar's hinzugeben. Jussuf gibt Suleichen den größten Beweis seiner Liebe, indem er ihr ein Bethhaus baut, um darin den wahren Gott zu verehren. Bald hierauf stirbt er und Suleicha nach ihm, aus Schmerz. Das Ende machen moralische Betrachtungen des Verfassers und Lehren an seinen Sohn.

Aus: Geschichte der schönen Redekünste Persiens
mit einer Blüthenlese aus zweyhundert persischen Dichtern
Von Joseph von Hammer Wien 1818



 

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