Minnesang

Nachdichtungen deutscher Minnesänger
 

 

 


Der von Sachsendorf
(um 1250)



Das unbedachte Herz

Diese lichte Zeit
Ist uns kommen, und des Maien Schein
Giebt manchem kleinen Vogel Sang.
Wer in Heimlichkeit
Seiner Frau will Herzensliebe weih'n,
Der danke nun mit frohem Drang.
Freude hätt' ich gern, gefiel' es ihr,
Die das Herze mir bezwang;
Mich zu verderben sinnt sie schier.

Sollt' ihr sanfter Sinn
Mich verderben und ihr Mund so roth,
Ihr hehres Lob, ihr hoher Werth:
Sie bedünkt's Gewinn,
Wie um sie auch immer auf den Tod
Das Leid der Sehnsucht an mir zehrt.
Ohne Waffen machte sie mich wund,
Seit das Herze mir versehrt
Ihr rosenfarb'ner, rother Mund.

Hat sie sanften Sinn,
Davon ward ich nichts an ihr gewahr,
Die also mich verderben heißt;
Geht mein Fleh'n so hin,
Dann verbleib' ich aller Freuden baar;
Doch hoff' ich, daß sie Gunst erweist.
Ihrer Ungunst wegen trag' ich Pein;
Alles, Herz und Muth und Geist
Entraffte sie mir, sie allein.

Sie hat auf den Tod
Mich verwundet und ich ahnt' es nicht;
Glück träumt' ich mir von ihr und Scherz.
Das ist bitt're Noth,
Muß ich lange Zeit noch thun Verzicht.
Wie warst du unbedacht, mein Herz,
Daß du riethest mir, zu dienen dort;
Darum hab' auch nun den Schmerz,
Den ich erleide fort und fort.

Schweigen wollt' ich, doch
Könnte dann gar leicht der Bösen Neid
Verderben mich; das schmerzt mich sehr.
Sie verhindert's noch,
Deren Güt' ich hoffe jederzeit;
Die will, daß ich ihr singe mehr.
Dir und Guten drum gesungen sei's!
Fraue, das ist mein Begehr,
Daß stets dir werde Lob und Preis.

Nachgedichtet von
Wilhelm Storck (1829-1905)

Aus: Buch der Lieder aus der Minnezeit
von Wilhelm Storck
Münster Adolph Russell's Verlag 1872 (S. 93-94)

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