Minnesang

Nachdichtungen deutscher Minnesänger
 

 

 


Dietmar von Aist
(vor 1140 - nach 1171)



Ahi! nun kommet uns die zeit
Der kleinen vögelein gesang:
Es grünet wohl die linde breit,
Zergangen ist der winter lang,
Nun sieht man blumen schön geschmückt
Draussen üben ihren schein,
Drum werden manche herzen froh,
Und trost zieht auch in meines ein.

Ich bin dir lange hold gewesen,
Herrin, köstlich du und gut,
Wie wohl ich das genutzet hab!
Du hast erhoben meinen mut.
Was ich um dich geworden bin,
Mir nur zum heile werden kann,
Machest du das ende gut,
So hast du alles wohlgetan.

Auf der linde obenauf,
Da sang ein kleines vögelein,
Vor dem walde ward es laut:
Da ging mein herz von neuem ein
In eine statt, wo's ehstens war.
Ich sah die rosenblumen stehn,
Die mahnen mich an gedanken viel,
Die hin zu einer frauen gehn.

Es dünket mich wohl tausend jahr,
Dass ich an liebem arme lag.
Ohne alle meine schuld
Fremdet er mich manchen tag.
Seit ich blumen nicht mehr sah,
Nicht mehr hörte der vögel sang,
Seit war mir die freude kurz
Und auch der jammer allzulang.

Nachgedichtet von
Friedrich Wolters (1876-1930)

Aus: Minnelieder und Sprüche
Übertragungen aus deutschen Minnesängern
des XII. bis XIV. Jahrhunderts von
Friedrich Wolters. Zweite Ausgabe Berlin 1922 Bei Georg Bondi (S. 15-16)

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Frühlingslied

Ahi! jetzt kommt die schöne Zeit
Mit kleiner Vögelein Gesang,
Die Linden grünen weit und breit,
Vergangen ist der Winter lang.
Rings auf die Heide ausgestreut
Sind farbenbunte Blümelein,
Davon wird manches Herz erfreut -
So sollt auch meins getröstet sein.

Und oben auf dem Lindenbaum
Sang hold ein kleines Vögelein,
Da ward es laut am Waldessaum,
Da schwang sich auf das Herze mein.
Es flog dahin, wo einst es war,
Wo blühende Rosenbüsche stehn,
Die wecken viel Gedanken gar,
Die alle hin zur Liebsten gehn.

Ich war dir lange Jahre hold,
Du meine Herrin hehr und gut;
Du lohntest mir mit reichem Sold
Und hast geadelt mir den Mut.
Was ich gebessert ward durch dich,
Das muß zum Heile mir ergehn;
Machst du das Ende gut für mich,
So ist mir wohl an dir geschehn.

Nachgedichtet von Richard Zoozmann (1863-1934)

Aus: Der Herrin ein Grüßen
Deutsche Minnelieder
aus dem zwölften bis vierzehnten Jahrhundert,
ausgewählt und nachgedichtet
von Richard Zoozmann
Leipzig 1915 (S. 6)

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Erinnerungen

Oben auf dem Lindenbaum,
Da saß ein Vögelein und sang;
Vor dem Walde ward es laut:
Da hob sich auf mein Herz und schwang
Zum Platze sich, wo einst es war;
Ich sah die Rosenblumen steh'n:
Die wecken viel Gedanken mir,
Die hin nach einer Fraue geh'n.

"Wie tausend Jahre dünkt es mich,
Daß ich im Arm des Liebsten lag.
Ohne mein Verschulden blieb
Fern er mir so manchen Tag;
Seit ich keine Blumen sah
Noch vernahm der Vögel Sang,
War mir meine Freude kurz
Und auch der Jammer allzu lang."

Nachgedichtet von
Wilhelm Storck (1829-1905)

Aus: Buch der Lieder aus der Minnezeit
von Wilhelm Storck
Münster Adolph Russell's Verlag 1872 (S. 254)

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Wohl tausend Jahr


"Es dünket mich wohl tausend Jahr,
daß ich im Arm des Liebsten lag.
Doch ohne alle meine Schuld
blieb er fern nun manchen Tag.
Seit ich keine Blumen sah
und nicht hörte Vogelsang,
War mir meine Freude kurz,
doch mein Jammer allzu lang."


Lenzestrost


Ei, jetzt kommt uns die schöne Zeit,
der kleinen Vögelein Gesang.
Es grünet wohl die Haide breit,
vergangen ist der Winter lang.
Nun sieht man sprossen Blümelein
von schöner Art und buntem Schein.
Das macht gar manches Herze froh:
voll Hoffnung soll auch meines sein.

Nachgedichtet von Bruno Obermann

Aus: Deutscher Minnesang Lieder aus dem
zwölften bis vierzehnten Jahrhundert
Übertragen von Bruno Obermann
Leipzig Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. o. J. (1890) (S. 29)

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