Minnesang

Nachdichtungen deutscher Minnesänger
 

 

 


Leutold von Seven (Seben)
(um 1220 – 1230)


Zweifel

Kann ich denn mit meinem Sange
Meiner lieben Frauen Huld
Gar nicht näher kommen,
Wo ich diene ihr so lange?
Dieser Zweifel hat mir schon
Freuden viel genommen.
War mir noch ein Trost verblieben,
Der ist nun verloren:
Bin zu freudelosem Lieben
Ich vielleicht geboren?

Soll mein Sagen und mein Singen,
Meine lange Dienstbarkeit,
Soll auch meine Treue
Nicht ein gutes Ende bringen?
Wär verlorne Zeit es nur,
O dann hätt ich Reue.
Und wohin sind dann entschwunden
Alle meine Tage,
Wenn ich Gnade nicht gefunden
Hab für Gram und Klage.

Reicher als der Tag an Ehren
Und an edler Würdigkeit
Soll sie sein auf Erden.
Löblich ist das Lob der Hehren,
Daß sie soll mit gutem Grund
Hochgepriesen werden!
Hab sie Dank der frohen Kunde,
Die ich gern erfahre,
Daß sie mir zu jeder Stunde
Freundlichkeit bewahre.

Sind nicht viele treu und stäte,
Mag es guten Frauen doch
Ruf und Ehre festen!
Wenn kein Weib vom Pfade träte,
Wie erkennen sollte man
Von den Fraun die besten?
Finden wir auch kleine Tadel
An so manchen Frauen,
Lassen dafür echten Adel
Tausend andre schauen.

Für den Unbestand auf Erden
Hab ich nun zur Freude mir
Einen Trost genommen,
Der mir soll der beste werden!
Will ein Weib zuhilfe nur
Meinen Freuden kommen,
Wüßt ich wohl gefügen Dingen
Rechtes Maß zu geben,
Wohl zu sprechen, wohl zu singen,
Und auch wohl zu leben!

Nachgedichtet von Richard Zoozmann (1863-1934)

Aus: Der Herrin ein Grüßen
Deutsche Minnelieder
aus dem zwölften bis vierzehnten Jahrhundert,
ausgewählt und nachgedichtet
von Richard Zoozmann
Leipzig 1915 (S. 77-79)

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Zweifel

Kann ich gar mit meinem Sange
Meiner lieben Frauen Huld nicht näher kommen,
Der ich diene nun so lange?
Dieser Zweifel hat mir Freude viel benommen.
War mir noch ein Trost geblieben,
Der ist verloren:
Ich bin zu freudenlosem Lieben
Vielleicht geboren.

Soll mein Sprechen, soll mein Singen,
Soll mein langer Dienst, soll meine Stätigkeit
Nicht ein liebes Ende bringen?
Ist es alles nur verlorne Müh und Zeit?
Weh, wo sind dann hingeschwunden
Meine Tage,
Hab ich Gnade nicht gefunden
Meiner Klage.

Reicher als der Tag an Ehren
Und an Würden ist die liebe Fraue mein,
So löblich ist das Lob der Hehren,
Daß sie billig sollte hochgepriesen sein.
Dank ihr denn der frohen Kunde,
Die ist gut,
Daß sie gern zu jeder Stunde
Löblich thut.

Sind nicht alle Frauen stäte,
Guten Frauen mag es Ehre bringen nur:
Wenn kein Weib vom Pfade träte,
Wie erkennte man dann wohl der Besten Spur?
Finden wir auch manchmal Tadel
An einer Fraun,
Andre laßen uns den Adel
Für tausend schaun.

Für den Unbestand auf Erden
Hatt ich Einen Trost zu Freuden mir genommen,
Wenig sollt er mich gefährden,
Wollt ein Weib zu Hülfe meinen Freuden kommen:
So wüst ich wohl gefügen Dingen
Maß zu geben,
Wohl zu sprechen, wohl zu singen,
Wohl zu leben.

Nachgedichtet von Karl Simrock (1802-1876)

Aus: Lieder der Minnesinger von Karl Simrock
R. L. Friedrichs Elberfeld 1857 (S. 127-128)

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