Minnesang

Nachdichtungen deutscher Minnesänger
 

 

 


Oswald von Wolkenstein
(1367 – 1445)
 


An Sie

1.

Rot, weiß, ein fröhlich Angesicht,
Das blickt aus einem schwarzen Kleid;
Ein kleiner Schleier, welcher schlicht
Der weißen Stirne Schatten leiht,
Durchsichtig und vergittert;
Darin ein Mündlein rosenrot,
Lächelnd mit Zähnen weiß besteckt,
Ein schwarzes Äuglein, leuchtend klar,
Das meinem Herzen Freude weckt,
So daß es fröhlich kwittert *
Und heftig zittert.
Ihr Wort und Blick,
Bringt mir das Glück,
Wenn ich ihr in die Augen schau',
Und ihrer Jugend
Freundliche Tugend,
Mit Sang und Spiel
Giebt Wonne viel.
Des freu' dich, allerliebste Frau.

2.

Gedanken lassen mich nicht frei,
Und darf doch mit ihr sprechen nicht,
Es wohnet solche Furcht mir bei,
Ich weiß nicht, wie es mir geschicht,
Ich muß das Duzen meiden.
Dazu kommt meine grobe Art,
Daß ich so selten finde Trost;
Von Nöten greiset mir der Bart,
Mein Herz liegt auf der Sehnsucht Rost
Gar oft in großen Leiden.
O bittres Scheiden!
Ihr Wort und Blick,
Bringt mir das Glück,
Wenn ich ihr in die Augen schau',
Und ihrer Jugend
Freundliche Tugend,
Mit Sang und Spiel
Giebt Wonne viel.
Des freu' dich, allerliebste Frau.

3.

Verstohl'ne Blicke, heimlich Sprach',
Selbst deutsch, sie will es nicht verstân;
Das bringt oft Einem Ungemach,
Daß er das Nötigste nicht kann,
Und muß ich's oft entgelten.
Mein ehrenauserwähltes - M,**
Mir liebst in meines Herzens Grund,
Dein stolzer Leib - o bittre Klemm' -
Mache mir endlich Freude kund;
Denn ohne alles Melden
Kommt Liebe selten.
Ihr Wort und Blick,
Bringt mir das Glück,
Wenn ich ihr in die Augen schau',
Und ihrer Jugend
Freundliche Tugend,
Mit Sang und Spiel
Giebt Wonne viel.
Des freu' dich, allerliebste Frau.

* Kichern, lachen.
** Margarethe

Nachgedichtet von Ludwig Passarge (1825-1912)

Aus: Dichtungen von Oswald von Wolkenstein (1367-1445)
Übersetzt, eingeleitet und erklärt von Ludwig Passarge
Leipzig Reclam 1891 (S. 151-152)

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