Minnesang

Nachdichtungen deutscher Minnesänger
 

 

 


Oswald von Wolkenstein
(1367 – 1445)
 


Morgenlied

1.

Des Himmels Thron
Erfärbet sich
Im Tagesdrang;
Die Vöglein schon
Erwecken mich
Mit süßem Klang.
Verschwunden ist der Schnee,
Laub, Gras und Klee
Wonnig entspringen.
So will ich von Herzen,
Ohn' Schmerzen
Meiner Frauen singen.
Die mir kann wenden
All Leid und enden
Trauern, Blenden
Minniglich.
Freudenreich
Macht mich die reine;
Kleine
Mein Leid und Weh,
Wenn ich denke
An ihr Gelenke,
Ohne Wänke
Und freundlich Geschränke,
Das gut sie kann.
Ganz unterthan
Ist dann mein Leib
Dem zarten Weib,
Wo ich nur geh'.

2.

Spiel' auf zum Reihen,
Die Lind' ist grün,
Der Wald entsprossen
Gen diesem Maien.
Herzlieb, sei kühn
Und unverdrossen.
Schau an die Blümlein klar,
Wohlgewahr,
Ihr zierlich Gepflanz,
Darin wir prangen,
Empfangen
Den lichten Glanz
Von allen Farben.
Gräslein-Garben,
Mit Würzlein harben,*
Mannigfalt,
Neu und alt,
Hat sich gesüßet;
Gegrüßet,
Ihr Spring und Spranz.**
Zu Zwei'n und Vieren
Sie lustig turnieren,
Den Reigen führen
Sie ohne Ruh. -
Mädchen, du
Gedenk' an mich,
Komm' ich
Zu dir an den Tanz.

3.

Flieht, scharfe Winde,
Genug der Not!
Wie lang' getrauert!
Habt meinem Kinde
Sein Mündlein rot
Genug umschauert.
Antlitz und Händlein weiß
Sollen mit Fleiß
Vor euch gesichert sein,
Wenn sie durch die Aue
Mit Thaue
Benetzt ihr Schühlein klein. -
Wohlauf, ihr Lassen,***
Auf die Gassen!
Die wir saßen -
Ach die Blassen -
Auf der Bank,
Blöd' und krank.
Freut euch der Sonnen,
Und kühler Bronnen
Frisch und dreist. -
Mai, du kannst machen
Allen Sachen
Ein Erwachen,
Daß wir lachen.
Fragt ihr warum?
Ei, darum,
Weil ein Gott,
Uns ohn' Spott,****
Solch' Gnad' erweist.

* Fest, hart
** Farbenschmelz
*** Laß, matt, müde
**** Im Ernste

Nachgedichtet von Ludwig Passarge
(1825-1912)

Aus: Dichtungen von Oswald von Wolkenstein (1367-1445)
Übersetzt, eingeleitet und erklärt von Ludwig Passarge
Leipzig Reclam 1891 (S. 108-111)

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