Minnesang

Nachdichtungen deutscher Minnesänger
 

 

 


Rost, Kirchherr zu Sarnen
(um 1300 – 1329)

 

Unglaube

Minne, was hab ich getan denn der Süßen,
Daß mir nun ihre Ungunst macht Schmerz?
Daß sie mir heimlich nicht mehr ein Grüßen
Werfen will ins entzückte Herz?
Minne, o sag mirs, es ist kein Verrat!
Tat ich ein Unrecht, will gern ich es büßen
Und ihr dienen auf Ungnad und Gnad.

Beicht ich es ihr, die im Herzen ich meine,
Spricht sie: O Herr, was man alles doch hört!
Daß ihr mich minnt und meint ganz alleine,
Das glaub ich nie! – So wird ganz mir betört,
Ganz mir zerrüttet noch Herz und Haupt.
Weil mir nie etwas will glauben die Reine,
Aller Freuden ihr Trotz mich beraubt.

Vielsüße Minne, willst du denn nicht wehren
Meinem Gram, der mein Herz so bedrückt?
Wahrlich, du solltest die Liebste belehren,
Daß es nun Zeit wär, daß sie mich beglückt.
Soll mir je fröhlich werden zu Sinn,
Kann es kommen nur von der Hehren,
Der du mein Leben zu Eigen gabst hin!

Nachgedichtet von Richard Zoozmann (1863-1934)

Aus: Der Herrin ein Grüßen
Deutsche Minnelieder
aus dem zwölften bis vierzehnten Jahrhundert,
ausgewählt und nachgedichtet
von Richard Zoozmann
Leipzig 1915 (S. 259)

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Unglaube

Minne, sprich, was that ich doch der Süßen?
Warum muß ich ihrer Huld verlustig sein,
Daß sie nicht mir werfen will ein Grüßen
Heimlich mit den Augen recht in's Herz hinein?
Minne, mach' es mir bekannt;
That ich Unrecht, will ich's gern verbüßen
Und auf Gnad' ihr wieder dienen unverwandt.

Klag' ich ihr, die ich im Herzen meine,
Gram und Leid: 'Herr!' spricht sie, 'was man alles hört!
Daß ihr minnt und meint mich ganz alleine,
Daran glaub' ich nie!' So wird mir stets bethört
Und zerrüttet Sinn und Geist,
Weil sie nichts mir glauben will, die Reine,
Und mir, wie's auch werde, jede Freud' entreißt.

Süße Minne, willst du nimmer wehren
Diesem Gram, dem immerdar mein Herz geweiht?
Wahrlich, die Geliebte zu belehren,
Daß sie frohgemuth mich ließe, wäre Zeit;
Wird mir fröhlich noch zu Sinn,
Muß fürwahr! es kommen von der Hehren,
Der du gabst mein Leben all zu Eigen hin.

Nachgedichtet von Wilhelm Storck (1829-1905)

Aus: Buch der Lieder aus der Minnezeit
von Wilhelm Storck
Münster Adolph Russell's Verlag 1872 (S. 43)

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