Aus der Geschichte

der Osmanischen Dichtkunst

von  Joseph von Hammer-Purgstall (1836)



Rijasi
gest. i. J. 1054 (1644)

Blumen lösen ihre Haare
Für des Frühlings Wangen auf,
Und der Kamm der Sonnenstrahlen
Krauset sie in Locken auf.

Grüne Blätter sind Laternen,
Aus dem dünnsten Flor gemacht,
Und die Knospen sind die Lichter,
Die erhellen Frühlingsnacht.

Für den Knaben Nachtigall
Sind die Gärten Poesien,
Und das Rosenbeet ist Amme,
Selben groß und stark zu ziehen,

Ostwind's goldgefüllte Hand
Streuet Schätze auf die Meere,
Von des Himmels Türkis fällt
Wolk' als Bruchstück in die Meere.
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Versprichst du mir Genuß, so schlägt das Herz so höher,
Am Ufer geht das Meer, wie du wohl weißt, stets höher.
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Wer die Schminke-Nadel schaut,
Wie sie auf dem Auge ruht,
Meint, er seh' den Nilometer
Mitten in des Niles Fluth.
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Rothe Schminke jener Wangen,
Schwarze Schminke jenes Haars,
Ist der Morgen des Genusses,
Ist die Nacht des Trennungsjahrs.
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Wieder glüht der reine Wein,
Zu beschämen seine Hasser,
Aus Verlangen, ihn zu küssen,
Kommt mir in den Mund das Wasser.
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Glas voll Schaum und rother Wein darinnen,
Ist die Nelke mitten in Jasminen.
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Weißer Wein macht schweres Kopfweh nicht,
Weiße Rosen haben Dornen nicht.
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Ostwind schlägt das Buch der Rosen auf im Rosenbeet,
Um das Loos zu stechen für des Frühlings Majestät.
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Wann die Frühlingswolke Perlen streut,
Öffnen Rosen ihre Schürzen weit.
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Der Neumond, von dem Abendroth umzogen,
Ist ein vor's Feuer hingelegter Bogen.
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Gib nicht dem Bild des Freund's in meinem Herzen Platz,
Es kommt der Sultan nicht zu einem wüsten Schatz.
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Es sagt Unwissenden, Risaji, nichts das Buch,
Wir aber sprechen, wenn es nöthig, mit dem Buch.
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Der Biographe der Dichter, dessen Werke die Notizen von 383 Dichtern, mit Proben aus denselben, enthält; einer der geschätztesten Dichterbiographen. Sohn Birgeli Mustafa Efendi's, geb. i.J. 980 (1572), versagte er sich als Mulasim dem Mufti Abdulkadir-Scheich; nachdem er die Medrese mit vierzig Aspern Einkommens hinter sich hatte, stieg er als Äußerer an der hohen Schule Ahmedpascha's beym Kanonenthore auf, und erhielt i.J. 1017 (1608) die Medrese Siawuschpascha's, und noch im selben Jahre die der Sultaninn Mihrmah an dem Adrianopolitanerthore; im folgenden Jahre einer der Achter an der Moschee Mohammed's II.; später Richter in Jenischehr und Haleb, Damaskus, Jerusalem, Kairo.

 

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Literatur:
Geschichte der Osmanischen Dichtkunst
bis auf unsere Zeit
Mit einer Blüthenlese aus zweytausend, zweyhundert Dichtern
von Hammer-Purgstall
Dritter Band (von der Regierung Sultan Murad's III.
bis zu Ende der Regierung Sultan Mohammed's IV. 1574 - 1687)
Pesth, 1837
Conrad Adolph Hartleben's Verlag

(Seite 368-369)