Alfons Petzold (1882-1923) - Liebesgedichte

Alfons Petzold

 

Alfons Petzold
(1882-1923)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

 

Bald, Liebste, bald
bin ich kein Mensch mehr, sondern eine Tanne im Wald.
Wenn Du vorübergehst, werde ich Dich grüßen,
meine Wurzeln singen unter Deinen Füßen,
wird ein Englein in meinen Ästen sitzen
und nach Dir mit schillernden Zäpfchen flitzen.
Dann wirst Du die Hände um meine Rinde tun
und so wie einst in meiner Liebe ruhn.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 16)
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Bist über mich geschritten
mit gutem Säerspruch,
nun reift mein Feld inmitten
von dürrem Bruch.

Mit tausend Blüten greife
ich in des Himmels Blau,
Du bringst sie mir zur Reife,
geliebte Frau.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 45)
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Der ewige Becher

Deine Liebe ist ein Becher,
gefüllt mit edlem Wein.
Ich will der ewig trunkne Zecher
sein.

Ich trinke alle Nächte, alle Tage
und halte einsam fröhliche Gelage,
mein Mundschenk ist die Sehnsucht tief in mir
nach dir!

Aus: Alfons Petzold Pfad aus der Dämmerung
Gedichte und Erinnerungen Wiener Verlag 1947 (S. 100)
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Des Tages heißer, wilder Streit,
des Abends lächelnde Gelassenheit,
sie reichen sich in dir die Hände,
was meine Seele und mein Leib erlebt,
in dir zu einem Klang zusammenstrebt -
du bist der Anfang, bist das Ende
des Fadens, den mein Schicksal webt.

Aus: Alfons Petzold Pfad aus der Dämmerung
Gedichte und Erinnerungen Wiener Verlag 1947 (S. 94)
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Die unruhvollen Rosen sind ermattet,
schwer hängen sie und träge an den Stielen.
Ein schmales Stück des Weges ist beschattet,
ein dunkles Teil, gefügt in helle Dielen.

Ein ferner Lärm versinkt in heitre Stille,
steht später in dem Singsang einer Grille
wieder auf, der grüne Rasen lauscht.
Der rote Tonzwerg auf dem Nelkenhügel
schaut in den Himmel, wo der Feuerflügel
der Sonne einsam gegen Westen rauscht.

Die schlanken Gräser stehen unbeweglich,
auf einmal zittern sie beglückt unsäglich,
sie hören, Liebste, Deinen Schritt.
Und wenn auch meine müden Pulse stocken,
ich bin ganz Jubel und Frohlocken,
es tönt der Sommer und ich töne mit.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 51)
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Du bist, Geliebte, eine strömende Wassertat,
ich, eine Mühle an Deines grünen Ufers Rand,
Deine Liebe treibt mein schwerhinschaufelndes Rad,
das fröhliches Rauschen wirft weit über das Land.

Die Leute stehen vor meinem Hause:
He, Müller, wo kommt das starke Rauschen her?
Gar viele glauben, es brause
ein unterirdisches Meer.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 19)
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Du bist wie ein Gefäß aus Goldpokal,
in dem die Sonne ihre Strahlen sammelt,
und wenn mein Mund das Wort "Geliebte" stammelt,
dann spendest Du mir Flammen ohne Zahl.
Die alle dunkle Bänge in mir töten
und alle Wände meiner Seele röten
wie Sonne einen dämmerigen Saal.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 24)
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Du schläfst, Geliebte. Goldene Blätter fallen
aus der Sonne des Mittags in Deinen ruhenden Schoß;
alle Bäume sind wie Gebilde aus roten Korallen,
brennen feuerfarbig und groß.

Das hohe, neugierige Gras
macht schnellere Schritte,
aus seiner Mitte
schwebt ein Ton, wie von gesponnenem Glas.

Und schweigsam ist das Haus
von dichtestem Weinlaub umsponnen.
Selbst das Wasser des Brunnens hat sich Deiner besonnen
und silbert nicht laut aus der Röhre heraus.

Du schläfst, Geliebte. Schaukelnde Falter schweben
zu Deiner Lippen halbgeöffnetem Tor
und heben
Deinen duftenden Atem zu mir empor.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 41)
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Es ist die Welt voll Süße,
seit du ihr schenktest deinen Tritt,
es brachten deine Füße
den Traum der Himmel mit.

Wo immer du auch weilest,
glänzt in der Nacht ein heller Strahl,
und wessen Raum du teilest,
der sitzt bei Gott zu Mahl.

Aus: Alfons Petzold Pfad aus der Dämmerung
Gedichte und Erinnerungen Wiener Verlag 1947 (S. 153)
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Es ist ein Jubel sondermaßen
auf Deinen Wegen, Deinen Straßen,
die Steine jubeln: Du, o Du!
Es ist der Steg mit Duft verhangen,
darüber schwebend Du gegangen,
darauf Du setztest Deinen kleinen Schuh.

Du bist der Hauch in allen Bäumen,
der große Glanz in meinen Träumen,
die frohe Arbeit und die Ruh',
der Federstrich, das Seitenblättern,
das Reigenfest der schwarzen Lettern
ist voll des hohen Jubels: Du, o Du!

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 28)
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Felder blühen in der Luft,
meine Augen lustwandeln darin
und verlieben sich
in ein tanzendes Schwalbenweibchen.
O grüne Wonne,
o Duft aller fröhlichen Lüfte!

Eine verzückte Lerche läßt
schmetternd eine Achtelnote fallen;
mein Herz fängt sie auf
und jubelt dem Schwalbenweibchen entgegen:
O grüne Wonne,
o Duft aller fröhlichen Lüfte!

Die süße, blau schimmernde Tänzerin
in ihrer himmlischen Grazie
blickt schelmisch
den frühlingsverrückten Dichter an
und zirbt leise in komischer Rührung:
O grüne Wonne,
o Duft aller fröhlichen Lüfte!

Hinter mir tönt der Nadelschlag
meiner ein Kinderhemdchen nähenden Frau.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 49)
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Herr, einmal strahltest du in meinem Tag
so stark, daß ich geblendet aufgeschrieen
und wie ein Kind furchtsam zusammenschrak
vor diesem Lichte, das du mir verliehen.

Doch in der armen Leute grauen Kreis,
an dem das Elend Stein auf Stein geschichtet,
ward dieses Licht zu einem Strahl verdichtet,
von dem ich heute noch zu künden weiß:

daß er zum Weibe ward, das wundersam
mich dich empfinden ließ und deine Größe,
daß des Vergrollten Zorn und dunkle Scham
abfiel von mir und deine reine Blöße,

vom kalten Dogma jeder Zeit befreit,
vor mir erstand. Ich fühle noch die Stunde,
wo ich aus dieses Weibes süßem Munde
einatmen durfte deine Seligkeit.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 47)
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Ich bin ein armer Dornbusch auf der Heide
und habe mich der Sonne hingeschenkt,
die hat mich bis ins tiefste Mark versenkt,
O wie ich dürste, wie ich leide!

Meine brennenden Blütenaugen
können nur Ruhe aus Sonne saugen,
denn die gute, taureiche Nacht
hat ihnen nur blutende Sehnsucht gebracht.

Und doch will ich nicht tauschen mit dem
Veilchen am Rain,
vom Schatten behütet, wie Kinderlein.
Ich muß brennen, muß glühen,
muß über all dem sanften Blühen
eine flammende Fackel sein.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 14)
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Ich bin ein Baum,
meine Blätter wiegen sich in dem Raum,
der weit
umspannt die stille Ewigkeit.

Du bist die Gärtnerin und pflegst die Erde,
daß meinen Blättern Nahrung werde.

Aus: Alfons Petzold Pfad aus der Dämmerung
Gedichte und Erinnerungen Wiener Verlag 1947 (S. 154)
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Ich bin das Schwere und das Harte,
Du bist die sanfte Leichtigkeit,
Du baust aus Sonne eine Warte,
ich grabe Höhlen in die Zeit.
Was ich an Dunkel mir ersparte,
das machst du licht und liederweit,
Du bist die Glänzende und Zarte,
um die sich all mein Denken reiht.

Ich ringe mit dem Unsagbaren,
um seines Geistes irdisch Los,
Du liegst noch wie in Kinderjahren
ganz demütig in seinem Schoß.
Ich kämpfe mit ihm Lend' an Lende
und denk im Kampfe kaum an Dich,
Du aber streckst die lieben Hände
zu ihm empor, für wen? Für mich!

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 10)
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Ich bin eine Sehnsucht, in Deine Ferne hingeträumt,
eine Landschaft, von Deinem Himmel umsäumt!

Nenne ich Deinen Namen, löschen die Sterne aus,
stürzet in Nichts, was sich herrisch vor mir erhob,
verlieren die Ströme und Stürme ihr wildes Gebraus,
redet Christus aus mir, kündend Süße, Dein Lob.

Und beuge ich Rücken und Knie, zu küssen Dir Deinen Fuß,
bin ich von Mutter Marie ein atmender Gruß.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 44)
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Ich bin ganz dunkel von Gestalt,
wie eine Föhre steh ich da;
Du bist die Sonne über dem Wald
und meinem Gipfel nah.

Ich schaure, bis zum Wurzelgrund
verspür ich Deinen heißen Mund -
und tausend brennende Sommer umgeben
mein tief vom Winter erfaßtes Leben.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 15)
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Johanna

I.
Ich bin vom Lied das erste Wort,
wer kennt den Ton und seinen Schall?

Du singst die ganze Strophe fort
und gibst mir guten Widerhall.

II.
Du bist die Sehnsucht
und ihre Erfüllung,
Tiefe der Inbrunst
und ihre Enthüllung.

Du gabst den Wurzeln
Erde zu greifen.
Nun kann ich blühen
und herbstzu reifen.

Aus: Alfons Petzold Pfad aus der Dämmerung
Gedichte und Erinnerungen Wiener Verlag 1947 (S. 106)
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Ich gehe durch die Straßen ohne Blick,
höre aus weitem Tal die Menschen reden
und schrecke, wie bei böser Tat betreten,
vor jedem frohen Angesicht zurück.

Ich sehe Mauern, dort wo keine steh'n,
ich fühle sie, betaste ihre Steine,
klirre mit Fesseln an sie an, ich weine
und bin nur mehr ein Knieen und ein Flehn.

Du bist nicht da, ich greife an das Hirn,
das fiebernd schreit nach Deiner Hände Kühle.
Mein Herz schlägt wie die Schaufeln einer Mühle,
vom Himmel lächelt eisig ein Gestirn.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 35)
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Ich ging mit Dir an einem Dom vorbei,
darinnen sang die gottversunkne Menge;
ich flog mit Dir aus dieser Erdenenge
dem Himmel zu, von allem Dunklen frei.

Saß dort mit Dir im Glanz der Ewigkeit,
Deine Hände, Süße, in den meinen,
wir durften beide als zwei Sterne scheinen
im horizontnem Dunkel dieser Zeit.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 33)
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Das Wunder

Ich staunte lange, als es kam,
und wußte nicht, wie es geschah,
als eine meine Hände nahm
und tief in meine Augen sah.

Und über meine Stirne strich
und lächelnd sprach in Qual und Not:
Ich lieb' nur dich und wieder dich,
dein Kampf ist gut, und süß dein Brot. –

Aus: Alfons Petzold Pfad aus der Dämmerung
Gedichte und Erinnerungen Wiener Verlag 1947 (S. 104)
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Ich will nur Licht von Deinem Lichte sein,
doch wenn der Erde Dunkel Dich umfängt,
so sei auch meine Stunde nicht gehängt
in einer Freudenlampe hellen Schein.

Und wenn Du krank bist, leide auch mein Leib
und wenn Du stirbst, so will ich knien und beten,
daß ich mit Dir zusammen darf betreten
den Garten Ewigkeit, mein Weib.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 48)
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Jede Nacht ist eine Stufe
zur Erfüllung meiner Sehnsucht hin
und auf jeder steh ich lang und rufe
laut nach Dir mit überwachem Sinn.

Gläubig hülle ich mein Denken
in die Seide meiner Liebe ein.
Einmal wirst Du kommen und im Schenken
reich wie jetzt in dem Versagen sein.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 18)
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Psalm

Kann einer von uns schwankenden Menschen
das Wesen der Liebe ergründen?
Ohnmacht im Denken und Wort
erfüllt uns alle vor ihr.

Sie reicht bis in die Seele Gottes
und ist die Flamme,
die ewig
aus seinem glühenden Herzen steigt.
Ihr Atem ist Lobgesang der Welten;
wer ihm lauschen darf,
dem wird geschenkt
das Lächeln über den Tod.

Ich habe einmal die räudigen Schafe
des Elends gehütet
mit der Peitsche Haß,
umsprungen vom Hunde Hunger,
war arm wie Hiob
und einsam wie die greisen Adler
des Libanon.
Ich fluchte dem prahlenden Gold der Sonne
und nachts drückt' ich zu Boden mein Gesicht,
um nicht die silbernen Sterne zu sehn.

Kamen die anderen Hirten des Tales
vor meine Hütte,
waren sie mir Gefäße, in die ich die Flut
meines giftigen Hasses
strömen ließ.
Ich trat mit Hohn die Feuer aus,
die sie zur Ehre ihrer großen Gesichte
anbrannten im dunklen Abend,
und Spott spie ich in ihre heiligen Kelche
und nannte sie Narren,
wenn sie von Liebe sprachen.

Dumpf sang ich der Finsternis Lob,
in der ich die ächzende Not verbarg,
bohrte den Blick in schwarze Erde
und war eine einzige Wunde,
vom Tage mit tausend Schmerzen beteilt;
ich eiterte Wut aus
und spürte brennende Freude,
sah ich in Qual
einen Bruder stehn.

Doch eines Tages stand sie auf einmal vor mir,
die lange verlästerte
und blutig gehaßte
Liebe,
trat furchtlos in meine Nacht,
trieb mir aus dem Herzen mein feindliches Staunen
und nahm mir das fluchende Wort
vom Munde.
Sie ließ mich sehr
an meine tote Mutter denken,
bis mein Herz
ein büßendes Weinen verströmte,
das über das Feld meiner Seele flutete
gleich einem steigenden Meere,
in dem meine Bitternis ertrank;
und herausstieg
die Freude des Lebens.

Und als ich rein war vom Haß
und der Zärtlichkeit zu allen Dingen voll,
gleich einem Morgen im Mai,
tönte in mir ein Klingen auf,
das mich zum Tanze über die Erde
hinriß.

Ich tanze noch
im Arme der Liebe
voll des Rausches:
ein Mensch zu sein;
woher ich komme,
wohin ich schwebe,
ich Vielbeglückter
weiß es nicht.

Aus: Alfons Petzold Gesicht in den Wolken Gedichte
Deutsch-Österreichischer Verlag Wien – Leipzig 1923 (S. 13-16)
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Lebt denn noch etwas außer uns beiden auf der Erde,
in der Abendstunde, wo du bei mir bist?
Nur in den Sternen erspähe ich eine Gebärde,
höre ich eine jubelnde Stimme, die Gottes ist.

Doch nein! Gott bin ich selbst, denn ich Seliger halte
dich in den Armen, und du bist die blühende Welt;
aus all meinen Poren, aus jeder verborgenen Falte
strömt freudiges Licht, das alles Dunkel erhellt.

Menschen schreiten vorüber, im Dämmer und Schatten,
ohne Bewußtsein des Glückes, das in uns ersteht,
wenn in Abend und Stille der Arbeitsmüden und Satten
meine Seele in deinen Tempel beten geht.

O Glück dieser Stunde, dies letzte Umfassen des Tages,
innig in dir, bevor der Goldne entschwebt!
Kleid meiner Seele, unsterbliche Freundin, o sag es,
spürst du es nicht, wie Ewigkeit in uns bebt?

Aus: Alfons Petzold Pfad aus der Dämmerung
Gedichte und Erinnerungen Wiener Verlag 1947 (S. 156)
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O so Lipp' an Lippe hängen dürfen
eine lange schöne Ewigkeit,
aus des ander'n Atem Süße schlürfen
für die Bitternis der argen Zeit.

Nichts mehr reden, sondern nur noch lauschen,
wie des ander'n Herzschlag schneller geht -
und in allen Gliedern dieses Rauschen,
das Gesang ist und zugleich Gebet.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 31)
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Sage, daß Du mich lieb hast,
setz Dich zu mir her!
Lieb, es ist mein Weg so schwer
und so gut bei Dir die Rast.

Will nicht schauen, will nicht denken,
all das schafft so arge Pein,
will mich ganz in Ruh' versenken
und nur Schale Deines Atems sein.

Lege all Dein Tun beiseit,
Liebling Gottes, komm!
Schenk mir in den Becher Zeit
einen Tropfen Ewigkeit,
daß ich wieder werde
wie die liebe Erde,
reich an Glauben, still und fromm.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 13)
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Siehe, Geliebte

Siehe, Geliebte, aus meinem Gesicht
leuchtet dein Licht,

in meinen wirkenden Händen schafft
deine Kraft,

was meine Seele an Wundern lebt,
aus dir sich hebt,

und nur mein Herz
mit dem Jubel darin
ist Erz von Erz,
aus dem ich bin!

Aus: Alfons Petzold Pfad aus der Dämmerung
Gedichte und Erinnerungen Wiener Verlag 1947 (S. 103)
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Sieh, alles Licht im Umkreis ist getötet,
weil Du Dich gibst in Deinem Glanze kund
und eine rote Amsel flötet
so süß, als sänge wo ein Engelsmund.
Die Rosen werden blaß und blässer
und müssen wie ihr Duft vor Dir vergehn
und alle fließenden Gewässer
bleiben auf einmal rauschend vor Dir stehn.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 27)
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Singt eine Amsel im Eschenbaum
vor meinem Fenster süß und berückend alle Tage.
Es ist wohl eine verwunschene Frau.
In ihrem Gesange kommt eine Strophe vor
von einem Eisbärfell und schimmernder Ampel,
die zweier Menschen opfernde Glück bescheint.
Wache, o glückliche Seele!

Reicht eine Wiese von mir bis an das Ende der Welt,
übersäet von den Feuerblumen der Liebe.
Wandert ein Weib zwischen mir und den Blüten
immer einher, um mir das Leben zu füllen
mit dem duftigen Rausch. Ich atme den Himmel,
seine Sonne, die Sterne, die Erde ein.
Wache, o glückliche Seele!

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 46)
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Liebeslied

So schön wie du ist die Birke nicht,
aber sie hat doch dein Gesicht,

wenn sie nachts aus dem Dunkel schaut,
ganz von Liebe und Licht betaut.

O wäre ich ein Vogel, in ihrem grünen Haar
würde ich singen die tausend Jahr.

Aus: Alfons Petzold Pfad aus der Dämmerung
Gedichte und Erinnerungen Wiener Verlag 1947 (S. 102)
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Von Dir ist alles ergriffen, mein Kind,
in Deiner Stimme lebt Wald und Wind,
wogt eine Sommerwiese, silbert Schnee,
ranken sich Rosen und duftet Klee
um eine Kapelle, darinnen steht
ein Mensch und flüstert ein Gebet
in heißer Inbrunst vor sich hin,
das hat ein Wort nur und einen Sinn:
Geliebte!

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 20)
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Was wäre dieser Frühling ohne Dich?
Es würde sein, daß auch die Blumen blühen
und alle Bäume ihren Duft verschwenden,
doch für die andern nur und nicht für mich.

Es stände einer mitten in der Pracht,
wie eingeschneit vom Schnee der Einsamkeiten,
und würde schauern und es nicht begreifen,
wie alles um ihn her voll Liebe glüht und lacht.

Es ginge einer jenem Bettler gleich,
der vor sich hinsprach: "Erde, liebe Erde,
o öffne dich für mich und meine Qualen!" -
Es ginge einer durch die Straßen bleich

und wüßte nicht, wohin, wohin mit sich,
um nur nicht dieses Blühen anzusehen
und diesen Duft des Werdens einzusaugen -
was wäre dieser Frühling ohne Dich!

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 40)
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Weiter hab ich nichts gewollt,
als Dich noch zu sehn,
Deiner Blicke reines Gold
über mich hinwehn.

Ich war da und ich war dort,
alles war mir gleich,
Ach, es war ein jeder Ort
reich an Sehnsucht, reich!

Zog mit Schiff und Eisenbahn
Durch die große Welt.
Dieses Wandern war nur Wahn
andern zugesellt.

Manchmal konnte ich ein Licht
trostreich mir erschaun;
Aber Heimat fand ich nicht
bei den fremden Frau'n.

Langsam tropfte heiß und schwer
Krankheit mir ins Blut,
und nun bin ich kommen her,
daß mein Herz verruht.

Ach wie das so köstlich ist,
stehn vor Deiner Tür -
daß Du meine Heimat bist -
was kann ich dafür!

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 12)
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Wenn Du heimgehst zu Gott, will auch ich heimgehn,
will demütig vor der himmlischen Pforte stehn.

Will schüchtern anklopfen mit dem Herz in der Hand,
um Einlaß bitten in das selige Land:

Ich weiß ja, ich bin voll Sünde und sie so rein,
aber ich kann nicht ohne die süße Geliebte sein.

Lieber Torwart, sprich ein Wort für mich bei dem Herrn,
Ich will nur sein der letzte Engel und Stern,

sein Schemel, auf den er die göttlichen Füße stellt,
ein Staubkorn, das seine Gnade im Himmel hält.

Er schenk mir das leiseste Lächeln aus seinem Gesicht,
damit ich sie seh alle Tage im ewigen Licht.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 32)
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Wie der dürstende Hirsch nach Wasser schreit,
schrei ich nach Dir, Geliebte, doch du bist weit.

Durch den Wald meiner Sehnsucht stürme ich kreuz und quer,
doch alle Wiesen und Büsche sind von Dir leer.

Und dennoch höre ich, wie Du mich leise lockst,
wie Du da und dort im flüchtigen Laufe stockst.

O Du, meine Hindin, o Du, mein weißes Reh,
wir werden beide verbrennen vor Sehnsucht im kalten Schnee.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 21)
_____

 

Wieder hab ich eine Nacht
in demselben Haus mit Dir verweilt
und mein Herz, schlaflos und überwacht,
ist den Gang entlang zu Dir geeilt.

Lag bei Dir und wurde ruhig und gut,
immer leiser senkte sich sein Schlag,
bis des Morgens schnelles Wanderblut
Klingend rauschte durch den neuen Tag.

Aus: Alfons Petzold Das neue Fest.
Ein Büchlein der Liebe
Unzengruber-Verlag Brüder Suschitzky
Wien Leipzig 1917 (S. 22)
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Zuzeiten ist es mir so, als wäre ich ganz allein
und schreite, ein einsamer Wanderer, durch diese Welt.
Ich höre kein menschliches Wort, nichts tönt in das Herz hinein.
An meinem Ohr nur das Brausen von Sturm und Welle vergellt.

Ich fühle mich eins mit Gott, ganz eins, und glaube, ich bin
sein schaffender Arm, sein Hymnen singender Mund.
Ich schreite über Berge, durch düstere Täler dahin
und gebe der Erde meine großen Gesetze kund.

Dort, wo die stahlblaue Himmelswölbung zur Tiefe sinkt,
steht noch ein Mensch, herrlich und göttinnenschön: mein Weib!
Ihr Lächeln ist die Sonne, sie hebt den weißen Arm und winkt,
und ich schreite ihr zu und bringe ihr Seele und Leib.

Von den Meeren der Erde sind unsere Füße umspült.
Unsere Stirnen streben der Sonne, den Sternen zu,
und der Wind, der unsere glühenden Körper kühlt,
trägt mein Gebet in die Welt: Geliebte du!

Aus: Alfons Petzold Pfad aus der Dämmerung
Gedichte und Erinnerungen Wiener Verlag 1947 (S. 151)
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