Luise von Ploennies (1803-1872) - Liebesgedichte

Luise von Ploennies

 


Luise von Ploennies
(1803-1872)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:




 

Sonette
Aus der ungedruckten Novelle Clementine

1.
Als Fels im Meer seh' ich dich einsam ragen,
Den unruhvoll die Wellen rings umziehen,
Die an sein Herz bald angstvoll stürmisch fliehen,
Bald ihn umwogen mit der Sehnsucht Klagen.

Doch, ob bewegt an seine Brust sie schlagen,
Ob schwellend in der Liebe Melodieen,
Ob, sanft erfüllt von Sehnsuchtsharmonieen,
Sie ihre Perlen ihm zu Füßenb tragen;

Der Fels bleibt unerschüttert, steinern immer,
Blickt starr hinab in's Wellenleben,
Sieht, wie sie sterbend in dem Sturm erbeben;

Von seinem Leuchtthurm nur fließt heller Schimmer,
Und kalt und klar die Strahlen niederschweben,
Beleuchten still die Brandung und die Trümmer.


2.
Ich bin die Fluth, von inner'n Drang getrieben,
Rastlos den starren Felsen zu umspülen,
Im ew'gen Streit mit Pflichten und Gefühlen
Ist Ebb' und Fluth mein Wollen und mein Lieben.

So in dem Kampf der Beiden, aufgerieben,
Zum Fels getrieben von der Fluth, der schwülen,
Zurück geworfen von der Ebb', der kühlen,
Ist nichts als rastlos Sehnen mir geblieben.

Muß ich zurück zum Oceane wallen,
Dann seufz' ich auf, gleich wie in Todesstöhnen,
Und meiner Liebe blutig rothe Thränen

Versteinen sich zu purpurnen Corallen;
Doch wenn sie sanfter, stiller niederfallen,
Verklärt zu lichten Perlen sie mein Sehnen.


3.
Sie haben meines Lebensstromes Wogen
Gewaltsam einen andern Weg geleitet,
Daß traurig der gefangne Strom nun gleitet,
Der einst so stolz, so froh dahin gezogen.

Er muß nun tragen schwerer Brücken Bogen;
Und ob sein tiefstes Sein dagegen streitet,
Er zürnend hin in seinen Fesseln streitet,
Es wird ihm schwerer Joch nur zugewogen.

Er, der geschaffen, daß in seinen Wellen
Der klare Himmel nur sich leuchtend male,
Daß Sonn' und Mond in's reine Herz ihm strahle

Und alle Himmelssterne ihn erhellen:
Muß nun im Innersten zerrissen schwellen,
Daß Menschenwitz mit seinem Jammer prahle.


4.
Wohl liebst du mich, doch so nur wie der Weise,
Der seltne Blumen siehet fern erblühen,
Oder im Westen Abendpurpur glühen,
Er staunt sie an, und lächelt in sich leise;

Er zieht nicht sehnend sie in seine Kreise,
Will sich nicht drum aus allen Kräften mühen,
Erscheinungen sind's ihm der Lebensreise,
Und ruhig läßt er sie vorüberziehen.

So liebst du mich! Nicht mit dem heißen Herzen,
Nicht mit den selig wunderbaren Schmerzen,
Die meine Lebensflamme rasch verzehren;

Denn will dein Herz auch glühend wohl begehren,
Kalt lehrt dich der Verstand den Wunsch verschmerzen,
Auf starren Marmor fallen meine Zähren.


5.
Seitdem dein Lieben Leben mir gegeben,
Vergeß ich oft, daß schon mein Lenz entschwunden,
Hat meine Seele ihn doch erst gefunden,
Seitdem er meinen Tagen mußt' entschweben.

Da will ein Bangen manchmal mich durchbeben,
Daß, wenn der Reiz, der sparsam mich umwunden,
Verblichen ganz in nicht mehr fernen Stunden,
Auch bleichen könne deiner Liebe Leben.

Laß deinen Blick, den liebevollen, klaren,
An mir die finst're Spur der Zeit verschmerzen;
Du ahnst den Glanz der ew'gen Himmelskerzen,

Wenn sie in Schleiern auch sich offenbaren:
So wirst du auch an mir den Lenz gewahren,
Ich trag' ihn, wie die Erde, tief im Herzen.
 

6.
Auf jene Welt hast du mich angewiesen,
Um mein zu sein durch ew'ge Liebesbande,
Die segnen soll der große Unbekannte,
In seinen ungeschauten Paradiesen.

Ach, einst trug mich der Flug empor zu diesen,
Dem Vogel gleich, der vom beeisten Strande
Voll Sehnsucht fliegt zu einem schönern Lande,
Ob unter ihm die Meereswellen fließen.

Doch jetzt, ermattet sind der Seele Schwingen,
Nicht von der Erde hebt sie mehr das Sehnen,
Mein Blick sieht endlos sich die Wüste dehnen,

Kann nicht durch Staub und durch Sirocco dringen,
So sehr mein Geist strebt, nach dem Ziel zu ringen,
Des Himmels Bild umhüllen Erdenthränen.


7.
Du sagtest einst, daß von dem Staub der Erde
Erblichen sei der Glanz von meinen Schwingen;
Daß, ob sie Kraft noch hätten aufzuschwingen,
Sie doch die Spuren trügen der Beschwerde.

Wahr ist's, die grelle Gluth an meinem Heerde,
Der Sturm, mit dem sie oftmals mußten ringen,
Der Druck von schwerer Fesseln Eisenringen,
Sie streiften ab den Glanz, der sie verklärte.

Drum will hinab ich ihren Flug jetzt lenken
Zu eines tiefen Stromes stillen Fluthen,
Darin zu kühlen die Zerstörungsgluthen,

Darin die schweren Fesseln zu versenken;
Wenn dann die heißen Wunden nicht mehr bluten,
Wird neuen Glanz der Herr den Schwingen schenken.


8.
Noch schwerer ist mein Loos, als das des Sklaven,
Den Last der Ketten fesselnd hält umwunden;
Den, wenn der Hüter müßig ihn gefunden,
Wohl seiner Peitsche schwere Hiebe trafen.

Denn stöhnt am Abend er nach harten Strafen,
Kommt leis' sein Lieb und heilet seine Wunden,
Küßt sanft den Arm, der blutet und geschunden,
Und süß darf er an ihrem Herzen schlafen.

Doch meiner Eisenkette schwere Bande,
Sie drücken mir das glüh'nde Herz zusammen,
Daß ihm empört entzucken helle Flammen,

Die manchmal sengend drohen dem Verstande.
Ihr armen Sklaven in dem fernen Lande,
Sagt, möchtet ihr von solcher Freiheit flammen?
(S. 33-40)
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Der goldne Stern

Der goldne Stern in meinen dunklen Nächten,
Bist Du!
Der Trost, mir zugesandt von Liebesmächten,
Bist Du!
Der Morgensaum von allen meinen Träumen,
Bist Du!
Die Liebesblüth' an meinen Lebensbäumen,
Bist Du!
Der Hoffnungsanker auf empörten Wogen,
Bist Du!
In Nacht und Grau'n der lichte Regenbogen,
Bist Du!
Die Rettungsspur auf einer öden Küste,
Bist Du!
Oase grün in einer weiten Wüste,
Bist Du!
Der Quell, an dem ich meine Hoffnung tränke,
Bist Du!
Die Well', in die ich all mein Leid versenke,
Bist Du!
Der letzte Strahl, eh' sich mein Auge schließet,
Bist Du!
Das Morgenroth, das einst mich droben grüßet,
Bist Du!
(S. 14)
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Die Blume sehnt sich …

Die Blume sehnt sich nach des Lichtes Segen,
Es sehnt die glüh'nde Flur sich nach dem Regen;
Der Morgen sehnt sich nach der goldnen Sonne,
Der Abend sehnt sich nach der Ruhe Wonne,
Es sehnt die Nacht sich nach dem Glanz der Sterne,
Der Wandrer nach der Heimath in der Ferne,
Das Waisenkind nach seiner Mutter Brust,
Der arme Kranke nach des Himmels Lust,
Die stumme Harfe nach des Lieds Akkorden:
So sehn' ich mich nach deinen Liebesworten;
Sie sind für mich des Lichtes Himmelssegen,
Mein Herz erquickend, wie die Flur der Regen;
Sie sind für meiner Liebe Morgen Sonne,
Für meine Unruh' süßer Ruhe Wonne,
Für meine Nacht der sanfte Glanz der Sterne,
Heimath, für meine Sehnsucht in die Ferne,
Für mein verwaistes Herz der Mutter Brust,
Für meiner Seele Leid des Himmels Lust,
Für meines Herzens Saiten Harmonie,
Ertöne drum, o Liebesmelodie!
(S. 4)
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Du bist nun ganz mein eigen

Du bist nun ganz mein eigen
In enger, strenger Haft;
So trage nun die Zeichen
Ew'ger Gefangenschaft.

Den Ring, von ächtem Golde,
Am Finger schlank und fein;
So ächt, du süße Holde,
Soll meine Liebe sein.

Die Thräne, die vergossen
Dein Auge klar und rein,
Hält dieser Ring umschlossen,
Als lichten Edelstein.

Fest um die Hand, die schlanke,
Leg' ich das goldne Band;
So hat sich mein Gedanke
Dir ewig zugewandt.

Es hängt ein goldnes Herze
Am goldnen Bande hier;
So hängt schon lang mein Herze,
Geliebte Maid, an dir!

Es birgt das Herz im Schooße
Manch blondes Haar von mir,
Das flatterte einst lose
Um Stirn und Schläfe mir.

Aus hundert leichten Ringen
Wob eine Locke sich,
So alle Wünsche schlingen
Vereinigt sich um dich.
(S. 19-20)
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Du fragst, ob in der blauen Ferne

Er sprach: Du fragst, ob in der blauen Ferne
Ein jeder Stern von Seelen sei belebt?
Ein schöner Glaube, d'ran ich glauben lerne,
Wenn sich mein Blick zu deinen Augen hebt.
Wenn sie mir strahlen, seelenvolle Sterne,
Fühl' ich vom Glauben innig mich durchbebt,
Und sauge ein die sel'ge Hoffnung gerne,
Daß einst die Seel' zu ew'gen Sternen schwebt.
Denn alle Seligkeiten, die dort tagen,
Ahn' ich in deiner Augensterne Strahlen,
Die mir zur Sternenseligkeit Vertrauen
Auf lichten Flügeln in die Seele tragen,
Wenn sie des Himmels Seligkeit mir malen,
So glaub' ich fest an die auf Sternenauen.
(S. 13)
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Der Blick der Liebe

Es sprach der Freund: "Wie ist der Blick der Liebe
Doch wunderbar!
Er strahlt, und alles, was sonst dunkel bliebe,
Wird licht und klar."
""Er ist ein Stern, der, wenn die Wogen schwellen,
Vom Sturm bewegt,
Auf Strahlenflügeln nieder zu den Wellen
Den Frieden trägt.""
"Ein Taucher ist er, der zur tiefsten Tiefe
Des Herzens dringt,
Und was sonst ewig unentdeckt dort schliefe,
Zum Lichte bringt.
Denn wie zuweilen auf dem Meer, dem blauen,
Die Flut so hell,
Daß bis zum Grund der Steuermann kann schauen
Der klaren Well',
So daß mit Staunen Muschel und Corallen
Und Perl' und Gold,
Er schimmern sieht in den krystall'nen Hallen,
So wunderhold:
So hell und heller unter meinem Auge,
Wird dein's zur Stund',
Daß wonneselig ich hernieder tauche,
Zum Herzensgrund."
""Doch hast du mir, Geliebter, nie vertrauet,
Was du entdeckt,
Hat dich, als du so tief hinabgeschauet,
Etwas erschreckt?"" -
Er sprach: Wohl selig ist mein Blick erschrocken
Ob seinem Glück,
Und eine Perle will ihn ewig locken
Zum Grund zurück.
O! keine ruht im tiefen Meeresschoose
So rein, so licht,
Ihr schönster Reiz ist dieses Ahnungslose -
Drum frage nicht!"
(S. 15-16)
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Frauenliebe

Frauenliebe ist die Quell' im Thale,
Die, ob Eis sie noch so fest umschließt,
Bei dem ersten warmen Sonnenstrahle
Wieder reicher wallend, sich ergießt.

Frauenlieb' ist gleich dem Rosenstrauche,
Ob ihm Nord und Sturm die Blüthen raubt,
Bei dem ersten warmen Frühlingshauche
Hebt, auf's neu erblühend, er das Haupt.

Frauenlieb' ist gleich dem Abendsterne,
Scheint vergebens er auch tausendmal,
Ruhig harrt er in der blauen Ferne,
Bis ein liebend Aug' erkennt des Strahl.

Frauenliebe ist die Philomele,
Die verwundet auch im Käfich singt;
Frauenliebe ist die Frauenseele,
Die unsterblich über's Grab sich schwingt.
(S. 3)
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Die Jungfrau und die Blumen

Ich sah ihn bei den Blumen steh'n,
Sah freundlich ihn mit ihnen kosen;
Die Lilien, Veilchen, Nelken, Rosen,
Sie schienen all' ihn zu versteh'n.
Ich sah ihr Haupt die Rose neigen,
Als warm sein Blick auf ihr geruht,
Und auf der Lilie Wang', der bleichen,
Gewahrt' ich eine zarte Glut.
Und als er nun hinweg gegangen,
Da trat ich zu den Blumen hin,
Noch schien der Rose Purpurwangen
Ein höh'rer Schimmer zu umzieh'n.
Durch alle Blumen zog ein Beben,
Sie flüsterten mit leisem Hauch,
Sogar das Veilchen mußte heben
Sein schüchtern Haupt aus grünem Strauch.
Hin zu der Rose trat ich leise,
Und sprach zu ihr mit sanftem Ton:
"Was sagt' er denn zu deinem Preise?" -
""Er sprach: Du bist der Schönheit Kron'!""
Da dacht' ich still in mich hinein:
"Ich möchte wohl die Rose sein!"
"Und was sagt' er zu deinem Preise?"
(Fragt' ich die Lilie) "sprich einmal!"
Und sanft erbebend sprach sie leise:
""Erröthe in der Liebe Strahl!""
Da dacht' ich still in mich hinein:
"Ich möchte diese Lilie sein!"

"Er sprach wohl nichts zu Deinem Preise?"
(Fragt' ich das Veilchen, halb im Schmerz.)
Sich tiefer neigend, sprach es leise:
""Ein Veilchen drückt er an sein Herz.""
Da dacht' ich still in mich hinein:
"Ach, dürft' ich doch das Veilchen sein!"
(S. 10-11)
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Ich saß zu seinen Füßen

Ich saß zu seinen Füßen am abendlichen Strand,
Er legt' in sanftem Schweigen mir auf das Haupt die Hand;
Der Sonne Rosenschimmer lag auf dem klaren Rhein,
Und wundersüße Wehmuth zog uns in's Herz hinein.

Die Sonne neigte leise sich nieder zu der Flut,
Sie starb in Purpurflammen, ein Phönix in der Glut;
Da sprach's in meinem Herzen: o welch ein schöner Tod!
Mit freudiger Gewißheit auf's neue Morgenroth.

So wie sie dort versinket in voller Liebespracht,
Wie sie verklärt im Scheiden die laue Sommernacht:
So möcht' auch ich entschweben im höchsten Liebesglanz,
Im Rosenschmuck der Jugend, im grünen Myrtenkranz.

Im Westen hing mein Auge, dort glüht es wunderbar,
Dort war sie still versunken im Flutenreiche klar,
Und silberhell am Himmel, im bleichen Geisterschein,
Eröffnete dort Luna den lichten Sternenreih'n.

Und wieder dacht' ich leise: Als Sonne schlafen gehn,
Möcht' ich, und dann als Luna gleich wieder aufzustehn,
Mit geistig reinen Strahlen umschweben seinen Schmerz,
Und Himmelstrost ihm senken ins nachtumhüllte Herz.

Da flüstert' etwas leise in mir, wie Ahnungslaut:
Dort ward dein Wunsch gehöret, dich ruft der Tod als Braut!
Und forschend blickt' ich aufwärts zur glanzverklärten Fern',
Und sieh, vom Himmel nieder fiel hell herab ein Stern.

Still zuckt' ich da zusammen in leisem Ahnungsschmerz;
Da sagte der Geliebte und zog mich an sein Herz:
Hast du den Stern gesehen, der dorten niederfiel?
Sieh, grad hatt' ich getrieben ein kindisch Liebesspiel.

In meiner Kindheit Tagen hört' ich erzählen oft,
Daß dann erfüllet werde, worauf wir heiß gehofft,
Wenn voll von diesem Wunsche man schau' zum Firmament,
Und von dem Sternenkranze ein heller Stern sich trennt.

So hab' ich jetzt geblicket zum Stern der Lieb' empor,
Den ich vor allen liebe im ganzen Sternenchor;
Da ward mein Wunsch zur Bitte, daß dein geheimstes Fleh'n,
O Mädchen meiner Liebe, mög' in Erfüllung gehn!

Da sank ich leise weinend an des Geliebten Brust,
Es zog durch meine Seele so schaurig süße Lust;
Die Nacht war kühl gesunken, und wob sich um den Rhein,
Und geisterhaft sah Luna mit ihren Sternen drein.
(S. 22-24)
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Ich sprach: Was ist's …

Ich sprach: Was ist's, das oft mich in der Freude
Mit Schmerz erregt?
So daß ich zweifle, ob in Lust, in Leide
Mein Herze schlägt? -
Ist unzertrennlich denn die Lust verbunden
Mit tiefem Leid?
Daß nur vereint die beiden man gefunden
Zu jeder Zeit?
Da sprach der Freund: Wenn höchste Lebenswonne
Die Nacht erhellt,
So ist sie Abglanz nur von jener Sonne
Der bessern Welt.
Drum, wenn ihr Strahl mit wunderbarem Walten
Den Geist berührt,
Strebt schmerzlich sich der Flügel zu entfalten,
Der heimwärts führt.
(S. 21)
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Ihr lieben Blumen

Ihr lieben Blumen, könnt ihr mir nicht sagen,
Was euch so wunderbar verwandelt hat?
Ihr konntet gestern kaum das Köpfchen tragen,
Ihr senktet es so thränenschwer und matt.

Du blauer Himmel, kannst du mir nicht sagen,
Warum so leuchtend du mit einemmal?
Hast gestern Nebelschleier noch getragen,
Und nun so plötzlich lauter Glanz und Strahl?

Du klare Welle, kannst du mir nicht sagen,
Warum auf einmal du so spiegelhell?
Du hast ja gestern noch so wild geschlagen,
Was hat dich so beschwichtigt, klare Well'?

Mein freudig Herz, und kannst du mir nicht sagen,
Was dich so selig macht in meiner Brust?
Du warst ja gestern noch voll Angst und Zagen,
Und heut erfüllt dich wunderbare Lust?

Ich weiß es wohl, und muß doch immer fragen,
Die Antwort klingt so süß und wonniglich;
Du Herz allein kannst mir die Antwort sagen,
O juble laut: Er liebt, er liebet mich!
(S. 12)
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Dein Bild

In's Allerheiligste von meinem Herzen,
Hab' ich dein Bild gerettet vor der Welt;
Dort hab' ich es in wundersel'gen Schmerzen,
Umweht von süßen Schauern, aufgestellt;
Dort brennen hell der Liebe ew'ge Kerzen,
D'ran jeder meiner Tage sich erhellt,
Und meiner Sehnsucht Thränen, klar und rein,
Erglänzen drauf statt Perl' und Edelstein.

Und die Gedanken meiner Seele fliehen,
Wie Pilger, die zum Gnadenbilde ziehen,
In heißer Sehnsucht hin zum heil'gen Ort;
Und wie die Pilger betend niederknieen,
So rasten sie in stillem Glauben dort,
Und stammeln in Entzückung leises Wort.

In diesem Heiligthume wirst du leben,
So lang den schwachen Bau die Erde trägt;
Und sinkt auch bald der Tempel ein mit Beben,
Weil die Zerstörung dran die Hand gelegt,
So wird dein Bild empor zum Himmel schweben,
Mit meinem Geist, der sanft die Flügel schlägt,
Und der, befreit, in einer schöner'n Welt
Sich einen Tempel sucht, der ewig hält.
(S. 5)
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Die Welle

Still, in majestätischer Ruhe, lag der schöne breite Rhein,
Millionen Silbersterne strahlten ihren Glanz hinein;
Schimmernd wunderbare Streifen warf darauf des Mondes Glanz,
Daß die helle Stromeswelle schien ein flüß'ger Sternentanz.

An dem Ufer saß die Jungfrau, ihre Augen, thränenhell,
Blickten sehnsuchtsvoll und liebend nieder in die klare Well'!
Und sie sprach mit sanften Tönen: Warum stets an diesem Ort
Lockt das Sehnen mir die Thränen in das Auge fort und fort?

Nieder zu den Wellen senkte schwermuthsvoll sie da ihr Haupt,
Gleich als suche sie den Frieden, der dem Herzen ward geraubt;
Und dem Blick entglitt die Thräne, leuchtend in des Mondes Schein,
Klar und helle in die Welle fiel sie sehnsuchtsheiß hinein.

Als die Well' der Jungfrau Thräne glühen fühlt' in ihrem Schoos,
Rang sie leise von den Schwestern sich in sanften Schauern los,
Hob, vom Mondenlicht umflossen, in dem Strom sich alsobald,
Von dem klaren, wunderbaren, himmelblauen Kleid umwallt.

Und es flüsterte die Welle, wie in weichem, süßem Schmerz:
Deine Thräne sank, o Jungfrau, nicht vergebens an mein Herz;
Bebend hab' ich drin gelesen, was die Seele dir bewegt,
Auch die Wellen, Jungfrau! schwellen, von der Liebe Glut erregt.

Aus der Erde dunklem Schoose stieg ich einst zum Licht herauf,
Wallte ruhig mit den Schwestern unsre Bahn in klarem Lauf;
Heitres Morgenlicht verklärte meiner Kindheit hellen Traum,
Wie entzückte, wie beglückte mich der Abendröthe Saum!

O das war ein selig Leben, wenn dann niedersank die Nacht,
Alle Sterne uns begrüßten mit der hellen Liebespracht;
Wenn der Mond mit Silberfäden uns umschlang in heil'ger Lust,
Wir, die Wellen, dann den hellen Himmel trugen in der Brust!

Zog ich dann mit leisem Rauschen an dem blüh'nden Ufer hin,
Hört' ich schallen durch die Zweige süße Liebesmelodie'n;
Wonnig küßte mit dem Flügel meine Fluth die Nachtigall,
Mit uns Wogen liebend zogen Duft und Luft und Zauberschall.

Oft dann sehnt' ich aus dem Reiche meines Vaters mich empor,
Um zu grüßen, um zu küssen jener Blumen holden Flor;
Doch die Schwestern drängten weiter von den Blumen, von der Au,
Und im Scheiden, ließ ich gleiten, meine Thränen drauf als Thau.

Zögernd nur folgt' ich den Wellen, meine Sehnsucht blieb zurück,
Und ich sang in leisen Tönen von der Blumen stillem Glück;
Leichte Winde stimmten flüsternd in die sanfte Weise ein,
Hoch und prächtig rauschten mächtig stolze Eichenwälder drein.

O das war ein herrlich Leben! wenn sich dann der Sturm erhob,
Um die krausen Wellenhaare mit dem wilden Flügel stob;
Wenn wir tanzten bei dem kühnen Brausen um das Felsenriff,
Reigen schlangen um die bangen Ruderknaben in dem Schiff!

Wenn der Morgen dann erwachte, der in stolzer Herrscherlust,
Warf den glüh'nden Purpurmantel um die jugendliche Brust,
Der mit freud'gen Feuerblicken nieder auf uns Wellen sah,
Bis wie Blüten wir erglühten, o wie selig war ich da!

Und ein Strahl, vor Allen glänzend, schwebte glühend stets um mich,
Wo ich wallte, neigt' er goldig über unserm Zuge sich;
Rief, wenn ich mich barg erröthend, tiefer in die kühle Fluth:
"Holde Welle! ich, der Helle, brenn' für dich in heißer Gluth.

Willst du ewig vor mir fliehen in der Schwestern kaltem Zug?
Will dich auf zum Himmel tragen in entzückend sel'gem Flug,
Fliegst in meinem Feuerarme mit mir hin zum Himmelssaal,
Laß umschlingen, laß durchdringen dich von meinem Liebesstrahl!"

Da erfaßte mich ein Sehnen und dem Strahl ergab ich mich;

Glühend zog mein ganzes Leben der Geliebte nun zu sich,
Hob mich aus der Schwestern Mitte, trug beflügelt mich empor,
Bis ich duftig, bis ich luftig schwebte in der Wolken Chor.

Von des Himmels Wonne trunken, weint' ich Freudenthränen hell,
Mir vom Auge glühend küßte der geliebte Strahl sie schnell;
Und ein Bogen, reich und prächtig, war am Himmel aufgeblüht,
Wo sein Sehnen meine Thränen mit dem Liebeskuß durchglüht.

Siebenfarbig war der Bogen hoch und glänzend ausgespannt,
Drunter ich als Rosenwolke zog in des Geliebten Land.
Alle Wolken folgten glänzend unserm sel'gen Liebesflug;
Unerreichbar, unvergleichbar war wohl der Vermählungszug.

Still beglückt und wonneselig in dem weiten Aethermeer
Schifft' ich mit dem goldnen Strahle her und hin und hin und her;
O das war ein lichtes Leben, voll von Glanz und hehrer Pracht,
Hold erblühen, golderglühen sah mich jede Sommernacht.

Liebend blickt' ich oft hernieder auf der Schwestern raschen Zug,
Leichter noch schifft' ich als Wolke drüber hin im Windesflug;
Und wenn Abends mein Geliebter mich mit Rosenglanz geschmückt,
Zeigt' ich schimmernd, neigt' ich flimmernd mich den Schwestern hoch entzückt.

Da bewegte meine Wonne ihre Brust mit Neid und Groll,
Und sie klagten bei dem Vater, böser List und Tücke voll:
Duldest du, daß vor uns Allen so die Schwester sich erhebt,
Deinem Schoose, ihrem Loose, so voll Hoffart jetzt entstrebt?

Immer dumpfer, immer wilder durch den Strom ihr Zürnen klang,
Daß es oben in den Lüften mich mit Angst und Schreck durchdrang;
Und den Vater hört' ich rufen, mit der Stimme donnergleich:
"Ja, hernieder muß sie wieder in mein kühles Wellenreich!"

Und er schüttelte die Locken, stand, vom Silberhaar umwallt,
In der wilden Wellen Mitte, eine riesige Gestalt;
Alle Wogen, furienartig, schüttelten die Mähnen hell,
Und sie rollten dumpf und grollten, und die Winde schrien grell:

"Komm' hernieder, komm' hernieder in des Vaters Wellenreich!
Komm' hernieder, sonst erstürmen deinen Himmel wir sogleich!"
Von dem Schrecken hing erblichen ich in den Geliebten Arm,
Und es thürmte sich und stürmte näher schon der wilde Schwarm.

Drohend ihre Wasserarme streckten meine Schwestern aus,
Des Geliebten Arm entsank ich, da, erfaßt von Angst und Graus,
Bleich und weinend sank ich nieder als ein Opfer ihrer Wuth,
Wild und schäumend, racheträumend, faßte gierig mich die Fluth.

Als mich also mein Geliebter sinken sah in Qual und Pein,
Zuckten grimmig durch die Fluthen seines Auges Blitze drein;
Doch die Wolken hüllten trauernd ein in Schleier seinen Strahl,
Durch die dunkeln sah ich funkeln seinen Blick zum letzenmal!

Und die Wellen rissen weiter mich im wilden Zuge fort,
Unaufhaltsam, unerbittlich, weilen sie an keinem Ort;
Ach! so kalt, so furchtbar schaurig scheint mir jetzt die Heimathfluth,
Seit gelebet, seit geschwebet ich in seiner Strahlengluth.

Doch ergeben mit den Wellen zieh' ich hin die glatte Bahn,
Lieb' und Leben zu versenken in dem Weltenocean.
Wunderschön hab' ich geträumet, als mir Lieb' den Himmel gab;
Doch der Frieden ist beschieden nicht der Liebe, nur dem Grab.
(S. 25-32)
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Warum schlägt so laut mein Herz?

Warum schlägt so laut mein Herz?
Ist es Wonne, ist es Schmerz?
Es ist Glück und Schmerz zugleich,
Ach, ein Glück so schmerzenreich,
Ach, ein Schmerz so reich an Glück,
Daß ich nie ihn geb' zurück.
Schlage, schlage drum, mein Herz!
Trage, trage deinen Schmerz.

Jedem Glück auf dieser Welt
Ist sein Schmerz auch zugesellt;
Beide lassen nie sich los,
Werden mit einander groß.
Darum birgt die höchste Lust
Tiefsten Schmerz in ihrer Brust.
Schlage, schlage drum, mein Herz!
Trage, trage deinen Schmerz.

Liebesglück ist sel'ger Schmerz,
Liebesschmerz ist Glück für's Herz.
Fern, ach, fern floh Liebesglück,
Liebesschmerz nur blieb zurück!!
Doch im Schmerz noch liebt die Brust
Des entschwund'nen Glückes Lust.
Schlage, schlage drum, mein Herz!
Trage, trage deinen Schmerz!
(S. 8-9)
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Wo weilest du?

Wo weilest du? – Die Stunde hat geschlagen,
Die liebe Stunde, die dich sonst mir bringt;
Die Luft hat mir die Klänge zugetragen,
Von heißer Sehnsucht ist mein Herz beschwingt.

Der Abendstern scheint zitternd durch die Zweige,
Das rosig schimmernde Gewölk verglomm,
In heil'ger Ruhe tritt der Mond, der bleiche,
Aus weißen Schleiern dort – o komm! o komm!

Mit mir scheint alles deinem Schritt zu lauschen,
Kein Athem bebt, als meiner nur allein;
Die Welle hör' ich deinen Namen rauschen,
Und leise flüstert ihn das Blatt im Hain.

Wo weilest du? – Die holden Blumen nicken
In süßen Träumen unter meinem Fuß,
Wo weilest du? Die hellen Sterne blicken
Mich an mit stillem, mitleidsvollem Gruß.

Ihr lieben Blumen, kann euch Sehnsucht rühren,
Schickt eure Düfte ihm als Boten schnell!
Sterne! schickt Strahlen aus, ihn herzuführen
Zur grünumrankten, wohlbekannten Stell'.

Ihr blickt so kalt! nie fühlt ihr Glück und Schmerzen,
Was frommt euch, Sterne, die Unsterblichkeit? -
Ein einz'ger Augenblick an seinem Herzen
Wiegt ein Jahrtausend auf an Seligkeit.
(S. 17-18)
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Zwei Bäume

Zwei Bäume hab' ich einst im Wald gesehn,
Die wollten sich einander nahe stehn.
Sie schau'n sich an voll Sehnsucht, möchten gern
Sich fest umschlingen; doch sie stehn zu fern,
Denn andrer Grund ist Jedem angewiesen,
Darin des Lebens starke Wurzeln sprießen.
So neigt sich Jeder still zum Andern hin,
Der Eine scheint den Andern anzuzieh'n,
Bis es zuletzt gelingt den schlanken Zweigen,
Sich in den Kronen liebend zu erreichen.
Wie sie die Aeste in einander flechten,
Sind sie beschirmt von liebevollen Mächten;
In blauen Lüften, wo die Wolken jagen,
Da dürfen sie sich ihre Sehnsucht klagen.
Sie dürfen Blüth' um Blüthe selig tauschen,
An ihren Düften wonnig sich berauschen.
Sie stehn, vom Licht des Abendroths umglüht,
Gleich wie von tausend Rosen überblüht;
Verklärend weben aus der Himmelsferne
Ihr heilig Licht darum die ew'gen Sterne.

So möcht' ich mich mit dir zur Höhe schwingen,
Mit tausend Liebesarmen dich umschlingen,
Mit meines Herzens innigsten Gedanken
Dich unauflöslich fassen und umranken.
So möcht' ich deinem höchsten Leben lauschen,
So möcht' ich Seel' um Seele mit dir tauschen,
Hoch über'm düstern Nebelreich der Erden,
Im Himmelblau mit dir vereinigt werden,
Wo keines Menschen Augen auf uns sehn,
Wo nur die Sterne auf und niedergehn.
(S. 6-7)
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Abälard und Heloise
Ein Sonettenkranz

Heloise an Abälard
An den Geliebtesten, der sie durch diese
Sternlose Nacht geleiten soll als Vater,
An ihren Gatten, Bruder, Freund, Berather,
An Abälard die Seine, Heloise.

Der Wahn, dass deine Seele mich verließe,
Die du geweiht zur Dolorosa Mater,
Sollt' ewig fern mir bleiben, aber naht' er,
Ist mir's, als ob der Heiland mich verstieße.

Ich hab' den Brief an deinen Freund gelesen,
Er hat das Innerste mir neu zerrissen,
Nun fehlt der Trost mir, d'ran ich mag genesen.

Ich bin allein in tiefen Finsternissen,
O du! der Sonne meinem Lenz gewesen,
Laß mich den Strahl in meiner Nacht nicht missen!


Heloise an Abälard
O schreibe mir, du, dessen Wort den Schwingen
Der bangen Seele leihet neue Kraft,
Wenn sie auf ihrem steilen Flug erschlafft,
Wenn alle Himmelsträume ihr zergingen.

O du! den diese Arme einst umfingen
Im Zauberbanne glüh'nder Leidenschaft,
Verzeih', verzeih', wenn ich der süßen Haft
So sel'gen Traumes nicht mich kann entringen.

Du Einziger! mit dem ich wonnetrunken
Durch alle Himmel flog im Glutverein,
Als Stern um Stern an meine Brust gesunken;

Du Göttlicher, in deiner Liebesfülle! -
Welch kalter Schauer rinnt durch mein Gebein,
Ich beuge stumm mein Haupt, das ich verhülle.
 

Abälard an Heloise
An sie, die in der Welt mir Gattin ward,
Die nun die Braut des höchsten Gottes ist,
Geliebte Schwester mir in Jesu Christ,
An Heloise schreibt ihr Abälard.

Nicht wähnt' ich, dass auf ird'sche Zeichen harrt
Die Gottesbraut, die dieser Welt vergisst,
Daß sie die Trennung nach dem Raume mißt,
Genossenschaft nach ird'scher Gegenwart.

Nicht wähnt' ich zaghaft, der die Kraft gegeben,
Kleinmüthig nicht, der Großes ward vertraut,
Die stärken, trösten, leiten soll, erheben:

So lebst du mir im Geiste, Gottesbraut,
Drum aus dem Zagen laß es dich erheben,
Daß Abälard als Heilige dich schaut.
 

Heloise an Abälard
Du Einziger! nach langem, langem Schweigen
Bin ich umweht von deines Geistes Grüßen,
Und lieg' in Andacht betend dir zu Füßen,
Dir, dem sich muß mein tiefstes Wesen neigen.

Du Einziger weißt, wie ich ganz dein eigen,
Wie nicht das Herz mich hält in Klosterhallen,
Wie meine Hymnen, die gen Himmel wallen,
Aus einer heißen Seelenwunde steigen.

Dich fleh' ich an, bei meiner wunden Seele,
Zu den Gesunden zähle nicht die Kranke,
Daß nicht die einz'ge Arzenei mir fehle;

Bei dieser Sehnsucht, drin ich mich verzehre,
Für stark nicht halte du die schwache Ranke,
Daß sie in dir nicht ihren Stab entbehre.
 

Heloise an Abälard
Gott weiß, ich hab' nach Anderm nie getrachtet,
Als einzig nur nach dir, o du mein Leben!
Nicht wollt ich mich durch Glück und Rang erheben,
Nach deinem süßen Selbst hab' ich geschmachtet.

Nicht was die Menge groß und herrlich achtet,
Ersehnt' ich, meines Herzens heißes Streben
War einzig, ganz mich dir dahin zu geben,
Würd' ich darum von aller Welt verachtet.

Und hätt' Augustus mir die Kaiserkrone
Geboten, dass ich auf dem Herrscherstuhle
Der Welt als stolze Gattin mit ihm throne,

So ruf ich Gott den Ewigen zum Zeugen,
Daß es mir größer schien, als deine Buhle
Mein Haupt in Schmach und Niedrigkeit zu beugen.
 

Heloise an Abälard
Und ich war glücklich, konnt' in allen Reichen
Von Sonnenaufgang bis zum Niedergang,
So weit der Liebe Lebensruf erklang,
Ein glücklich Weib dem Deinen sich vergleichen?

Der Edelste ja selber musste weichen
Dem Einzigen, den dieser Arm umschlang,
Der wie das Sonnenlicht die Welt durchdrang
Mit seinem Geist, dem klaren, lebensreichen.

Und er, den alle Stimmen jubelnd priesen,
Den sein Jahrhundert sich als Stern erkor,
Der Tausenden den Weg zum Heil gewiesen,

Hob mich an sein begeistert Herz empor.
Da war ich Gottesbraut, als Heloisen
Ihr Abälard erschloß des Himmels Thor.
 

Heloise an Abälard
Wenn ich als Quelle deines Leids verdamme
Mein Herz, dann droht das Uebermaas der Wehen
Es zu zersprengen; Frieden zu erflehen,
Werf ich danieder mich am Kreuzesstamme.

Dann ringt sich manchmal himmelan die Flamme,
Wie Jephta's Tochter fühl' ich mich durchwehen
Vom heil'gen Stolz, dass du mich ausersehen,
Du Einziger! zu deinem Opferlamme.

Das ist das Heil in diesem Trank, dem bittern,
Daß ihn die Liebe weiht; das wird erheben
Mich einst als Trost im letzten Herzenszittern:

Daß ich den vollen Kranz vom reichen Leben,
Ohn' in Entblätterung ihn zu zersplittern,
Für eine große Liebe hingegeben.
 

Heloise an Abälard
Schon lange hört' ich deinen Ruhm erschallen,
Wie du, von seltner Geisteskraft durchdrungen,
Dem hohen Bild der Wahrheit nachgerungen,
Der Edelste, der Weiseste von Allen.

Wie in des Wissens hochgewölbten Hallen
Du dich so früh, so ernst emporgeschwungen,
Wie deinem starken Wort der Sieg gelungen
Ob Finsterlingen, die der Nacht Vasallen.

Dein Wort, es sei der göttlichen Gedanken
Harmonisch lichtdurchflossenes Gewand,
Durchwoben von lebend'gen Blumenranken;

Es sei ein blitzend Schwert in deiner Hand,
Vor dem vernichtet deine Gegner sanken,
Um das der Ruhm den grünen Lorbeer wand.
 

Heloise an Abälard
Und wie ich nun in's schöne Aug' dir schaute,
Dein Ton erklang in meinem stillen Zimmer,
Da war mir's klar im Herzen, dass ich nimmer
Empfunden solchen Blick und solche Laute.

Warm, wie ein Frühlingsperlenschauer, thaute
Dein Wort in's Herz mir, reicher, heller immer;
Dein Blick durchstrahlte es mit Sonnenschimmer,
Bis sich in mir der Wunderbogen baute.

Und ich, bedrängt vom innern Glanze, sah
Nach dir, der unterm kühn geschwungnen Bogen
Stand wie ein Sieger, heiter lächelnd da;

Da schlug des Innern Fülle starke Wogen,
Ein selig Klingen tönte fern und nah,
Und dir zu Füßen fühlt' ich mich gezogen.
 

Heloise an Abälard
Gelernet hatt' ich nach dem Schulgebrauche,
Denn heiß war nach Erkenntniß mein Verlangen,
Ich ließ mein Aug' an starren Lettern hangen,
Daß ihrer Nacht die Weisheit hell enttauche.

Jetzt las ich sie in deinem schönen Auge;
Die ernst und streng an mir dahin gegangen,
Erschien als Grazie vom Reiz umfangen
Mir in der Liebe duft'gem Rosenstrauche.

Wie aus dem tiefen See zum Licht der Sonnen
Die Ballisneria steigt aus grünen Ranken,
Den Kelch erschließend in dem Drang der Wonnen:

So, wenn ins Herz mir deine Strahlen sanken,
Erhoben aus der Nacht, die sie umsponnen,
In's Reich des Lichts sich blühend die Gedanken.
 

Heloise an Abälard
Wenn sich zwei Herzen aneinander pressen,
Vom Himmel selbst ersehn zum Liebesbunde,
Wie kann mit solcher lebensglühnden Stunde
Der kalte Traum des Ruhmes je sich messen?

Wir hatten Erbe, Gram und Tod vergessen,
Mein Lebenshauch ging aus von deinem Munde,
Die höchste Lust, die quoll dem Erdenrunde,
Wir hatten eins durch's andre sie besessen.

Denn deines ganzen Wesens keusche Flammen,
Und meines tiefsten Lebens reine Triebe,
Sie strömten unaufhaltsam stark zusammen;

Kein Blatt im Kelch, das unerschlossen bliebe,
Der süßen Rosen, die aus Eden stammen,
Der Geist und Sinn bewält'gend sel'gen Liebe.
 

Heloise an Abälard
Und wenn wir dann in Götterfrieden ruhten,
Ward unser Auge zum verstärkten Spiegel,
Und unsre Lippen drückten stumm das Siegel
Auf unseres Glücks geheimnißvolle Gluten.

O wunderbare, göttliche Minuten!
Erinnrung sprengt des Schicksals ehrne Riegel,
Und meine Sehnsucht schlägt mit wundem Flügel
Bang an die Pforte, heiß sich zu verbluten.

Erinn'rung, Sehnsucht, Reue, Grauen, Zagen,
Verzehren mich, doch treibt mich das Verlangen,
Statt der Gebete dieses Wort zu sagen:

Glücksel'ger Mund, an dem sein Glück gehangen,
Glückselig Herz, an dem sein Herz geschlagen,
Glückselig Weib, das liebend er umfangen.
 

Heloise an Abälard
Ich leb' so ganz in jenen Lenzestagen
Mit meiner Seele und mit allen Sinnen,
Daß alle Tropfen, die zum Herzen rinnen,
Die Gluten ihrer Sonnen in sich tragen.

So Tag und Nacht, bei starkem Herzensschlagen
Such' ich im Kreise frommer Beterinnen
Umsonst der Seele Frieden zu gewinnen,
Ach alle Hymnen werden Sehnsuchtsklagen.

Oft hingesunken vor der Jungfrau Bilde
Fleh' ich umsonst zu ihrer heil'gen Milde,
Sie blickt auf mich hernieder streng und kalt;

Sind denn die Gluten, die mein Sein verzehren,
Nicht auch ein Funken jener Lieb', der hehren,
Die einst am Kreuze himmelan gewallt?
 

Heloise an Abälard
Wird, von der Liebe heil'gem Geist durchdrungen,
Nicht jedes Weib der Erde zur Madonne,
Nicht jedes Kind ein Heiland und in Wonne
Auf's neu der alte Feind, der Haß bezwungen?

So wähn ich oft, im Traum von dir umschlungen,
Des künft'gen Lebens Himmel schon gewonnen,
Von einem Strahl der ew'gen Liebessonnen
Den neuen Leib in Seligkeit durchdrungen.

Ja, Mann und Weib sind Träger jener Flammen
Die schöpferisch das weite All durchglühen,
Drum strömen sehnsuchtsinnig sie zusammen.

Wenn alle Kräfte ihres Seins zur Klarheit
Gelangt, als Krone ihres Bunds erblühen,
Dann giebt sich kund des Bundes inn're Wahrheit.
 

Heloise an Abälard
Der Stunde denk' ich, der geheimnißvollen,
Als sich mit feuchtem Glanz dein Auge schmückte,
Als das vom Uebermaß des Glücks bedrückte
Ließ auf mich nieder seine Thränen rollen.

In meinem Geiste hört' ich Reichbeglückte
Die Lieder, die durch alle Lande schollen,
Vom Nachhall unsres Glückes schon umquollen,
Als noch des Glückes Fülle mich entzückte.

O diese Lieder, die wie Nachtigallen
Entzündet vom melod'schen Liederbrand,
Sich schwangen durch des Lenzes grüne Hallen!

O diese Rosen aus dem Paradiese,
Die mit dem Dufte durch das Vaterland
Den Namen trugen deiner Heloise!
 

Heloise an Abälard
Glückselig, die geliebt von einem Dichter,
Mit ihm entrückt dem Treiben dieser Welt,
Ruht träumend aus im ros'gen Wolkenzelt,
Drin er entzündet seine Gnadenlichter.

In leisen, süßen Zauberworten spricht er,
Von feiner'n Wonnen ist sein Herz geschwellt,
Sein Aug' von sel'gem Gottesglanz erhellt,
Und ihr in's Haar statt Blumen Sterne flicht er.

Zerronnen! Dicht umhüllt von Trauerflören,
Im Kreuzgang knieend auf den kalten Steinen,
Bin ich umwallt von schwarzen Schattenchören.

Erloschen! Grabeskerzen seh' ich scheinen,
Nur Grabgesänge darf die Nonne hören,
Nur heiße Thränen auf die Gräber weinen.
 

Abälard an Heloise
Geliebte Braut in Christo, sei gegrüßt!
Und er verleihe dir den heil'gen Frieden,
Der alle Trauer, alle Qual hienieden
Mit seinem sanften Himmelstrost versüßt.

Und glaube mir, die Welt ist öd' und wüst,
Die du nach meinem Wunsche früh gemieden,
Und jeder Seele wird das Heil beschieden,
Die selbstvergessen für die Liebe büßt.

Laß fest in dir den Glauben Wurzel schlagen,
Dann sprieset lebendig in dir auf das Hoffen,
Als Krone werden sie die Liebe tragen.

Wo Glaube, Liebe, Hoffnung sich getroffen,
Erstarkt die Seele bald zu kühnem Wagen,
Und edler That sind neue Bahnen offen.
 

Abälard an Heloise
Du weißt, daß hohe Segenswunder schafft
Die Liebe, wenn sie stark empor sich schwinget
Zu solcher Höhe, daß sie sich entringet
Im Himmelsflug der Ichheit enger Haft.

Sie wird zum Helden, der, ob blutig klafft
Die heiße Wunde, stark die That vollbringet;
Zum Heiland, der am Kreuz die Welt umschlinget,
Und segnend stirbt als Gott durch ihre Kraft.

Was in der Liebe irdisch war, zerrinne,
Wir aber schließen heiliger und freier
Ein Liebesband hoch überm Reiz der Sinne.

Du Priesterin der höchsten Liebesfeier,
Zünd' an die Kerzen unsrer ew'gen Minne,
Und laß mich ruh'n in deinem weißen Schleier.
 

Abälard an Heloise
Die nur vom Erdenreize stammt, die Liebe,
Gleicht unsres Lenzes wonnevoller Rose,
Ein Kind der Erde, theilt sie Erdenloose,
Geboren, daß sie mit dem Lenz zerstiebe.

Blind folgend der Natur gewalt'gem Triebe,
Bleibt ihrem Bunde fern das Ew'ge, Große,
Sie ist die reizende, doch willenlose,
Nichts lebt in ihr, das nach dem Lenz noch bliebe.

Doch unsre Liebe, die erstarkt zur Tugend,
Ist ihrer tiefen Wahrheit sich bewußt;
Enttaucht dem heißen Wonnerausch der Jugend,

Dringt sie in Tiefen der verwandten Brust;
Das Unvergängliche in Trümmern suchend,
Ahnt sie im Tod des ew'gen Lebens Lust.
 

Abälard an Heloise
Der höchste Schritt ist's zur Vollkommenheit,
Wenn zwei in hoher Liebe überwinden,
Wenn, die erst Fessel war, den Geist zu binden,
Zur Schwinge wird, die rettend ihn befreit.

Und das wird sein die höchste Seligkeit,
Wenn wir dereinst in Gott uns wieder finden,
In ihm, den ahnend wir in uns empfinden,
Vermählt zu sein für alle Ewigkeit.

Die über Klippen einst gestürzt, die Welle,
Sie ströme nun, vom starken Drang gereinigt,
Dem Meer entgegen silberklar und helle;

Nicht ferner durch der Trennung Qual gepeinigt,
Bedenke, daß uns bald der Liebe Quelle,
Die endlich Alles in sich eint, vereinigt.
 

Heloise an Abälard
O Liebster, könnt' ich jetzt bei dir erscheinen,
In heil'ger Ruh zu deinen Füßen liegen,
Wie ein beschwichtigt Kind an's Herz dir schmiegen
Mein sinnend Haupt und leise, leise weinen!

Wie tief und heilig fühl' ich dich den meinen!
Jetzt wird mein Geist, der nah dem Unterliegen,
Durch deine Kraft den heißen Schmerz besiegen,
Um nachzustreben deinem Flug, dem reinen.

O führ' mich, Einziger, o führ' mich weiter!
An deiner Hand erklimm' ich Stuf' um Stufe
Der steilen, mühevollen Himmelsleiter.

Gieß Strahl auf Strahl von deinem hellen Lichte
Mir aus, mein Stern, zu dem ich flehend rufe,
Zu dem ich sehnend Herz und Blicke richte!
 

Heloise an Abälard
Erfülle mich mit deines Glanzes Pracht,
Laß meine Seele deinen Geist umfangen;
Wie einst mein Auge deinen Blick empfangen,
So schenke Klarheit meiner Seele Nacht.

Denn mancher Zweifel ist in mir erwacht,
Nicht kann ich blind an meinem Glauben hangen,
Drum laß des Lichtes auch zu mir gelangen,
Das deine Weisheit unsrer Zeit entfacht.

Du hast die heil'ge Wohnung uns gegründet;
Hier, wo die Wälder das Geheul, das wilde,
Des Raubthiers einst durchdrungen, uns verbündet;

Hast vor der Liebe himmlisch reinem Bilde
Die ew'ge Lampe unsres Diensts entzündet,
So spende jetzt das Oel durch deine Milde.
 

Heloise an Abälard
Wir, deine Töchter, wollen darum einen
Uns alle jetzt in flehentlicher Bitte,
Du wollest ordnen unsres Klosters Sitte,
Und dadurch ganz uns weihen zu den Deinen.

Doch laß dir sagen, daß mir unnütz scheinen
Will aller Zwang, darin der Körper litte;
Erlaß uns Qualen, die mein Geist bestritte,
Der gern im Großen opfert, nicht im Kleinen.

Auch sei es uns durch dich, o Herr, verkündet,
Woher den Ursprung unser Stand gewonnen,
Worauf sich unser streng Gelübde gründet.

Wo bliebe noch der heil'gen Ehe Segen,
Wenn nach dem Himmel Mönche nur und Nonnen
Hinwandelten auf einzig rechten Wegen?
 

Heloise an Abälard
Was ich nach deinem Wunsch begonnen habe,
Das will ich ganz und deiner werth vollenden,
Doch laß mich die getrübten Blicke wenden
Nur stets nach dir, nach meiner einz'gen Labe.

Mein glühend Herz kann noch nicht über'm Grabe
Daheim sein, wie die Frommen der Legenden;
Du mußt die Kraft mir zur Entsagung spenden,
Empor mich richten an der Liebe Stabe.

Du hießest aufwärts diese Mauern steigen,
Hast diesen Thürmen ihre luft'gen Bahnen
Geboten, daß sie frei gen Himmel steigen;

Führ' nun die Geister himmelan zur Klarheit,
Daß alle dich in ihrem Aufschwung ahnen,
Daß Form und Wesen sei harmon'sche Wahrheit.
 

Abälard an Heloise
Geliebte Braut in Christo, seine Gnade
Sei heut' mit dir und mir und mit euch Allen,
Auf daß wir fest und reinen Herzens wallen
Die schmalen aber sichern Lebenspfade.

Der Heiland kam und sprach: Euch Alle lade
Ich ein in meines Reiches lichte Hallen,
Doch fordr' ich keine irdische Vasallen,
Die Schätze suchen an der Welt Gestade.

Und wer mir folgen will aus reinem Triebe
Der lasse hinter sich das Gut der Erde,
Und solches nur erstrebe seine Liebe:

Triumph der Seele, Niedrigkeit der Hülle,
Dem Geiste Wonne und dem Leib Beschwerde,
Lust in Entsagung, in der Armuth Fülle.
 

Abälard an Heloise
Und Allen, denen noch im Herzen glühte
Von Gottes Schöpferglut ein Liebesfunken,
Sie waren ihm zu Füßen hingesunken,
Und folgten ihm mit gläubigem Gemüthe.

Vor Allen aber in der Frau entblühte
Der Liebe Seelenknospe gottestrunken;
Der Strahl, der ihr aus seinem Aug' gewunken,
Vermählte sich der eingebornen Güte.

Bei ihm kein strenges Richten, kein Verdammen;
Wie eine Mutter trug er sanft am Herzen
Den todtbedrohten Liebling aus den Flammen.

Der Sünde dunkle Flecken auszumerzen,
Bewies er, dass vom ew'gen Lichte stammen
Tugend und Lieb', in heißen Todesschmerzen.
 

Abälard an Heloise
So hob er aus den Flammen Magdalenen,
Und trug sie in der Liebe Heimathland,
Und löschte ihrer Sünden Todesbrand,
Mit seines Gottesauges heil'gen Thränen.

Und immer war's der Frauen reines Sehnen,
Das tief den Weg zu seinem Herzen fand,
Und sie auch sah man treu am Grabesrand,
Gleich Marmorbildern tiefer Trauer lehnen.

Und als die Gruft gesprengt, da durften Frauen
Den Lebensengel in den Lichtgewanden
Zuerst mit den verweinten Augen schauen;

Vor Allen sie, die Schuld durch Lieb' gebüßet,
Denn zu ihr trat der Gott, der auferstanden,
Und sprach mit sanftem Tone: Sei gegrüßet!
 

Abälard an Heloise
Und als nun Christus sich emporgeschwungen,
Ließ als Vermächtniß er zurück die Liebe,
Und daß sein Wort der Welt lebendig bliebe,
Ward eine Schaar vom heil'gen Geist durchdrungen.

Daß der lebend'ge Schatz, den sie errungen,
Mit ihrem Tode fruchtlos nicht zestiebe,
So zogen sie hinaus in's Weltgetriebe
Und predigten den Herrn in allen Zungen.

Und andre schlossen einen Bund der Geister;
In tiefer Stille, fern dem Reiz der Erde,
Erstrebten sie, gleich ihrem hohen Meister,

Triumph der Seele, Niedrigkeit der Hülle,
Dem Geiste Wonne und dem Leib Beschwerde,
Lust in Entsagung, in der Armuth Fülle.
 

Abälard an Heloise
Der Becher, der geprangt im stolzen Saale,
Erfüllt vom Feuerwein der Jugendglut,
Der Minnelust und tollen Uebermut
Und Sang und Klang geweckt im Kerzenstrahle;

Ward nun geweiht zur heil'gen Opferschale,
Daraus des Welterlösers göttlich Blut
Symbolisch quoll als heiße Liebesflut,
Wie aus dem goldnen Kelch beim Abendmahle.

So läuterte in Paulus starker Brust
Im glüh'nden Strahl der ew'gen Liebessonne
Zu reinem Geist sich wilde Sinnenlust;

So weihte heilige Begeisterung
Maria Magdalena ein zur Nonne,
Zum Kelche göttlicher Erinnerung.
 

Abälard an Heloise
Nun ich willfahret einem Theil der Bitte,
So gut ich es vermochte, will ich eilen,
Zu ordnen und zu regeln ohne Weilen
Dein Klosterleben nach bestimmter Sitte.

So werd' ich ewig sein in eurer Mitte,
So werden unsrer Trennung Wunden heilen,
Im Geiste werd ich eure Feier theilen,
Ob Zeit und Raum mir dieses Glück bestritte.

Wie eines Tempels inner'n Raum zu schmücken,
Der Maler Zeuxis nach den schönsten Frauen
Gemälde schuf, das Auge zu entzücken;

So schmück ich eures geist'gen Tempels Wände,
Mit höher'm Bild die Seele zu erbauen,
Ihr aber fleht, daß ich's mit Gott vollende.
 

Heloise an Abälard
Dank deiner Hand, die rettend mich ergriffen,
Zum Licht mich führt, aus diesen Nebelmassen;
Mußt' auch der Erdenfreude Schein erblassen,
Ich darf mit dir zu sel'gen Inseln schiffen.

Nicht irret in der Zweifel schroffen Rissen
Die Seele ferner einsam und verlassen,
Du lehrtest sie die ew'ge Wahrheit fassen,
Giebst Klarheit ihren dämmernden Begriffen.

Trag' mich hinan zum höchsten Ziel des Strebens
Laß mich erschau'n den Gottesquell des Lebens,
Der sich ergießt in dreifach heil'gem Strom;

Daß ich wie du erfüllt von seinem Lichte,
Ihn schau von Angesicht zu Angesichte,
Mit dir vermählt in der Erkenntniß Dom.
 

Abälard an Heloise
Gar manche heiße Pein hab' ich ertragen
Durch fremde Bosheit und durch eigne Fehle,
Denn schwer gekränkt ward ich an Leib und Seele
In voller Kraft von meinen Lebenstagen.

Ich ward geweiht dem schmerzlichsten Entsagen,
Daß sich die Kraft zu höh'rem Werke stähle,
Dann auf des Hasses und des Neids Befehle
Mußt' ich mein eignes Buch in's Feuer tragen.

Doch leicht kann ich das schwere Leid verschmerzen,
Weil mir durch Gott die höh're Kraft geblieben,
Ihn zu verkünden deinem tiefen Herzen.

Und seine Weisheit wird mich nicht verlassen,
Wird es vergönnen meinem reinen Lieben
Sein Wesen dreifach eins für dich zu fassen.
 

Abälard an Heloise
Als Weltendichter hab ich mir gedacht
Den höchsten Gott, der Alles wirkt und schafft,
Der aus dem unerschöpften Born der Kraft
Unendlich zeugt in gränzenloser Macht.

Durch Weisheit stets zum Schönsten angefacht,
War, um die Welt zu lösen aus der Haft
Des Todes und der sünd'gen Leidenschaft,
In ihm der Liebe heilig Werk erwacht.

Daß Leben neu entkeime der Vernichtung,
Vermählte seine Weisheit er der Erde
In seines heil'gen Geistes Liebesdichtung.

Die Weisheit sprach: Der Mensch sei auserkoren!
Die Allmacht rief herab ihr göttlich: Werde!
Da ward der Geist der Lieb' im Wort geboren.
 

Abälard an Heloise
Drum dich, die ich geliebt, will ich bitten,
Du wollest mit den Schwestern, den Geweihten,
Die Schwingen des Gebetes schützend breiten
Ob ihm, der steht in der Gefahren Mitten.

Und fall' ich, der so ruhelos gestritten,
Dann senkt mich ein zu des Altares Seiten,
An dessen Stufen ihr zu allen Zeiten
Frieden erfleht ihm, der so viel gelitten.

Wie einst Maria Lazarum erworben,
Dem Christi Thräne ward zum Lebensfunken
Für's Erdenleben, - so wenn ich gestorben,

Laß du für mich empor dein Flehen dringen,
Daß ruhen darf der Leib in Staub versunken,
Der Geist sich frei zum Quell des Lichtes schwingen.
 

Heloise an Abälard
Dein Brief, o Theurer, den mit heißem Sehnen
Ich mit den Schwestern bang erwartet habe,
Daß er in schwüler Pilgerschaft uns labe,
Hat uns versenkt in Trauer und in Thränen.

Wie aber kannst, mein Einziger, du wähnen,
Daß wir, getrennt von unserm einz'gen Stabe,
Noch wandeln könnten über deinem Grabe,
Die wir von dir nur unser Sein entlehnen?

O sprich, wo sollten all die bangen Herzen,
Die du gerettet aus dem Drang der Wellen,
Sich bergen vor dem Sturme solcher Schmerzen?

Du, der allein mit deinem heil'gen Auge
Entzündest unsrer Liebe fromme Kerzen,
Und unsre Hymnen schwellst mit deinem Hauche.
 

Heloise an Abälard
O vor dem Tode nimm uns nicht das Leben,
Gieb uns nicht das, was ärger als der Tod!
Seit der Gedanke unser Herz bedroht,
Verwandeln die Gebete sich in Beben.

An dir ist es, Geliebter, zu erheben
Dein Fleh'n für uns in unser letzten Noth;
Wenn es empor von unserm Grabe loht,
Wird unser Geist mit ihm gen Himmel schweben.

O sende den Betrübten bald ein Wort,
Das Freudeschwingen leihe unsern Chören,
Du unser Heil, du unser Seele Hort!

Du unser Heiliger, bei dem wir schwören,
Den ich erfasse einzig hier und dort,
Ach laß mich bald dein Wort des Lebens hören!
 

Heloise
Viel kann das schwache Menschenherz ertragen,
Die Wogen schlagen über ihm zusammen,
Es lebt, ein Salamander, in den Flammen,
Berührt vom Tod muß es noch bebend schlagen.

Mein Leben sah ich todt im Sarge tragen,
Sah, also todt, zum Leben mich verdammen;
Den Schlag, dem diese Schmerzen all' entstammen,
Ersehn' ich nun als Ende meiner Klagen.

Bei ihm ist meine Seele, nicht da drunten
Im dunklen Sarge, denn sonst müßte ja
So nah dem Todten, dieses Herz gesunden.

Ich weilte Tag und Nacht dem Grabe nah,
Doch immer heißer brennen meine Wunden,
Mein Leben, meine Seele sind nicht da.
 

Heloise
Den meine Seele liebt, hat sie gefunden;
Als mit den Schwestern ich wie er geboten,
Das Requiem sang dem geliebten Todten,
Hab' ich die Nähe Abälards empfunden.

Es hatte sich mein Geist dem Schmerz entwunden,
Als himmelan die hellen Töne lohten;
Ich sah verklärt in ew'gen Morgenrothen
Im Geiste ihn, der mir im Raum entschwunden.

Jetzt weiß ich, daß mein Heil da droben wohnet,
Nicht mehr verzweifelnd blick' ich dort hinab,
Und ohne Buße werd' ich jetzt belohnet.

Frei darf mein Geist zu dem Geliebten schweben,
Die letzte Thräne wein' ich auf sein Grab,
Denn unsrer Liebe quillt unsterblich Leben.
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Alle Gedichte aus: Gedichte von Louise von Ploennies
Darmstadt Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske 1844

Abälard und Heloise Ein Sonettenkranz (38 Sonette)
aus: Neue Gedichte von Luise von Ploennies
Darmstadt 1851 (S. 235-274)


 

 


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