Hermione von Preuschen (1854-1918) - Liebesgedichte

Hermione von Preuschen

 


Hermione von Preuschen
(1854-1918)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

 




 

So Deine Küsse

Abendwind in dunkler Rosen Blätter
Haucht und weht und Düftewogen wühlt,
So Deine Küsse!

Stachelbiene, die in Haideblumen
Sommerschwere, schwüle Süsse saugt,
So Deine Küsse!

Tiger, der in bange Menschenlippen
Seine wilden Todesfänge bohrt,
So Deine Küsse!

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 53)
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Lorbeer

Am Abend, fröstelnd, wart ich auf die Flammen,
die mir die Griechin im Kamin entfacht,
Olivenholz und Sandel brennt zusammen,
dann starr ich schweigend in die kalte Nacht.

Der Holzstoß lischt, nach neuen Feuerbränden
begehr ich und sie bringt - sie schleppt ihn kaum,
mit Knospen überschüttet, in den Händen,
nun einen grünen, jungen Lorbeerbaum,

Daß kalter Lorbeer mir die Flammen spende,
die mir die Liebe schuldet - bis zum Ende!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 37)
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Schlaf' Kindlein, schlaf'

Am Fenster sitz' ich, fremd am fremden Strand.
Die Sonne sank, nur an den Felsen noch
Spielt Rosengluth; eintönig raunt das Meer
Ein Wiegenlied der armen Sehnsucht zu:
Schlaf', Kindlein, schlaf! denn wachtest Du, Dir hülfe
Nicht Glück noch Stern und nur allein die Zeit,
Die nun sich träge nur vom Rocken spinnt,
Doch, wenn wir glücklich sind, so eilend flieht.
Schlaf', Herz, Du sehnsuchtkrankes, armes Herz,
Schlaf', Kindlein, schlaf', Dein Liebster ist ja fern;
Im Tannenschatten weilt' er wohl bei Tag
Und dachte Dein und, da der Abend sinkt,
Presst er die Hände auf das bange Herz
Und flüstert ihm, wie ich: Schlaf', Kindlein, schlaf'!

… Am Fenster sitz' ich, fremd am fremden Strand,
Und kann die Sehnsucht nicht zum Schlummer zwingen;
Wild schreit sie auf und meine Augen schweifen
Bang' über's Meer, umsonst! Schlaf', Kindlein, schlaf'.

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 75)
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Wilder Träume Halme

Armer, armer Mann, das nennst du Flut
nennst du Geben?
Kennst nicht Rausch und kennst nicht Liebewut,
nicht das Leben.
Laß mich still zu deinen Füßen ruhn,
Hand in Händen, -
als ob wilder Träume Halme nun
blühend ständen!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 93)
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Aus dem Nest gefallen

Aus dem Nest bin ich gefallen,
gehöre nun Keinem und Allen.
Im Staube lieg ich hier -
nimm mich auf, nimm mich auf zu dir.
Will dirs ja lohnen, lohnen
mit güldenen Lebenskronen;
aller Wonnen Zärtlichkeiten
schimmernd über dich breiten
mit meinen sehnenden Armen.

Nur erwarmen laß mich – erwarmen!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 18)
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Saremo felici

Da ich heut im Abendglanze,
Wilde Blüthen in den Händen,
Auf normann'scher Felsenküste
Sass in duftend hohen Gräsern,
Blumenbunten, tausendfarbig,
Und die Wogen heimlich raunten
Unermüdlich mir zu Füssen,
Wo sich jäh die Felsen senken,
Abgrundlockend, abgrundtief:
Dacht' ich Dein und immer wieder
Dacht' ich Dein, und meine Sehnsucht
Klagt' ich all' den weissen Möven,
Die mich sonnbeglänzt umschwirrten.
Antwort gab ihr Flügelschlagen,
Gleiche, die die Welle kündet:
"Du und ich, wir werden glücklich,
Wenn durchkämpft die öde Trennung,
Namenlos, unendlich glücklich."

Und wie Trost von dannen trug ich's,
In die kleine Fischerhütte,
Sah dort, bis der Abend dunkelt,
Leidgetröstet in die Fluthen,
Und der Hauch des Meerwinds küsste
Meinen Mund mit Deinen Küssen.

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 78)
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Am Rain

Da ich neulich auf den Küstenfelsen,
Hart am Abgrund über Blumen schritt,
Ueber Gräser, die im Abendlicht
Golden strahlten: plötzlich traf mein Blick
Einen ganzen Rain voll rother Blüthen.
Blendend brannten sie in's Auge mir,
Doppelt flammend in der Abendsonne.
Doch ich wusste nicht, woher dies Glüh'n,
Doch ich wusste nicht, woher dies Leuchten.
Da ich näher endlich schritt, gewahrt' ich's:
Wie ein Meer von flammend rother Liebe
Blüht's von rothem Klee, von rothem Mohn,
Und so dicht drängt' einer sich zum andern
Von den Kelchen, dass das Grün verschwunden,
Hoffnung, die erstickt in solcher Gluth!

Unsrer Liebe musst' ich da gedenken,
Die in uns'ren armen Herzen brennt,
Flammt und leuchtet, wie dies Blüthenmeer!

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 90)
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Orchis

Das Orchisdüften
in meiner Kammer,
und tief im Herzen
der alte Jammer,

In blühnden Magnolien
das Bülbülsingen,
das brachte sie wieder
auf nächtigen Schwingen.

Nun schatten ums Haupt mir
mit Flügelschlagen
die brennenden Träume
aus toten Tagen!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 88)
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Das Schicksal wars

Das Schicksal wars – und schien ein Schmetterling,
der unsrer Seelen Blütenstäubchen fing.

Draus sproßten Palmen und durch ihre Wipfel
trug er den Seelenstaub zum letzten Gipfel.

So rastlos flattert er hin und zurück,
hoch über Meer und Berge, Grab und Glück.

Hoch über alle Lebensschranken ging
des Schicksals Flug – und schien ein Schmetterling!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 50)
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In deinen Pranken

Das sind die ergreifendsten Lebensnächte,
in denen die Fülle menschlicher Mächte,
göttliche Schauer und irdische Wonnen
in einem Brand ineinandersonnen.

In deinen Pranken die bebenden Glieder
stammeln zum Himmel uralte Lieder
von Zeugen und Sterben,
in Wonnen verderben!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 145)
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Asyl

Der Mond schien golden und voll und groß,
wir wandelten um der Liebe Schloß,
nach des Tages Brand
still Hand in Hand,
den raunenden, schluchzenden See entlang,
im dämmernden, zitternden Weidengang.

Ein griechischer Tempel baut sich empor,
schwarze Cypressen am Säulentor
und der Blick so groß und der Blick so weit
in der blauenden Berge Unendlichkeit,
Drüben der ragenden Säulen Schaft,
doch ein Abgrund zu unsern Füßen klafft.
Da riefst du: "Liebste, nun folge mir nach,
drunten der Tod – und hinter uns Schmach."
Und ich folgte und sprang und stand mit dir
vor des Griechentempels Säulenzier.
Würd unserer Liebe er ein Asyl,
die, verfolgt und gehetzt, nicht sterben will
und purpurn und leuchtend und riesengroß
lodert zum Himmel aus nächtigem Schoß!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 146)
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Du hattest Furcht

Der süßen Träume einer - flüchtigster -,
du mir zur Seite - Mangoblütenduft
in schweren, dichten Wellen um uns her.

Aus deiner Seele drang ein leiser Ton,
ein Aeolsharfenton -, auch meine Seele,
sie sang ihn mit!

Nacht sank herab, die Blüten flammten auf
im Kelchglas - meine Sehnsucht wuchs!
- - - - - - - - - - - -

Dann kamst du wieder -,
deine Seelentür
war mir verschlossen - und es starb ein Glück
noch in der Knospe!

Du hattest Furcht vor mir und vor der Liebe!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 96)
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Nachtlieder

I.
Sterbeglöckchen
Die Gletscherwelt versank im Nebelmeer,
Dunst hüllt die Sterne, und ein kühler Hauch
vom Fenster weht, - doch Herz an Herzen ruhend,
flammt es wie Feuer heiß von Mund zu Mund
und Glutenströme wogen zwischen uns,
von schwülem Heliotropenduft durchtränkt.

Aus unsern Seelen tönt ins tiefe Schweigen
ein Wundersang, - das hohe Lied der Liebe.

Doch jählings schreckst du auf mit irrem Ruf:
"das Sterbeglöckchen, hörst dus, hörst dus gellen?"

Schrill klingt es in die Nacht, so hart und grell.
Vom Fenster weht es kälter und es rieselt
ein Schauer eisig über unsere Glieder.


II.
Adam und Eva
Und wieder war es Nacht, die Firnenhäupter
erloschen nach dem Brand des Alpenglühens,
schienen nur matt noch in das All zu strahlen,
ins dunkle All, wie mit Opalgefunkel.

Am Herzen lag ich dir in Wonneschauern.
Vergessend alles, eins das andere fühlend,
durchglühts uns siedend bis zum letzten Nerv.
Da huscht es wie ein Schatten über dich
und deine lichte Stirn erlischt in Nacht.
Und draußen war es, als wenn Geisterhand
das weiße Leuchten von den Firnen streifte,
sie ragten starr und tot.

Am Fenster standest du, von höherer Macht
emporgezogen sacht aus meinen Armen.
Magnetisch aber zog es dir mich nach,
denn deine Arme griffen in das Dunkel
und suchten mich und fanden mich und enger
und immer enger standen wir umschlungen.
Wir fühltens wie von wilden Wellen kreisen
in unserem Blut.

Wohl eine Stunde standen wir im Bann
von rätseltiefer Elemente Macht.
Mir kams zu Sinn, - das erste Menschenpaar,
Adam und Eva vor dem Sündenfall -
da riß ich mich zerbrochen von dir los.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 19-21)
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Nil

Die Liebe ist wie der mystische Nil,
der aus dunkeln Gründen zum Meere fließt,
und die Ufer verheerend, ohne Damm, ohne Ziel
sich über die schauernden Lande gießt.

Und wenn verebbt der gewaltige Strom,
ein seliges Leben zu keimen beginnt,
eine Welt voll Blüten zum Himmelsdom
drängt sich, noch ehe die Flut verrinnt.

So ist die Liebe der mystische Nil,
ohne den meiner Seele Ufer verdorrt,
mit dem sie wächst zu göttlichem Ziel
und Blüten und Früchte trägt, fort und fort.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 49)
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Ziellose Liebe

Die wüsten Wasser durchschneidet der Kiel.
Wohin ich fahre, - mein fernes Ziel,
ich kenne es nicht, und die Nacht so schwer
und so dunkel - das Leben so dunkel und leer. -

Ein Licht am Ufer - der Sapphosprung!
Da steigt sie auf, so leuchtend und jung,
ich seh ihre ragende Lichtgestalt -
ihr letzter Sehnsuchtsschrei verhallt.

Die Liebe, die Liebe - einziges Ziel,
mit ihr alle Stürme Kinderspiel.

Der Sappho Schrei, wie lange vergellt.

Am Felsen der Sehnsucht alles zerschellt!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 47)
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Es ist schon spät

Draußen der Lenzorkan, im Glas die Veilchen,
ach - keiner hat sie mir gepflückt,
sie blühn und duften still ein kleines Weilchen,
dann welken sie, dem Sturm entrückt.

Birgt neue mir noch der Blätterschoß
in den Beeten, hoch am Achilleon?
Wachsen mir heimliche Blüten groß
an den Hängen Parnaß und Helikon?

Was birgt mir noch an verborgenem Glück
meiner Zukunft heimliches Veilchenbeet?
Blüh schneller auf, mein blaues Glück,
- es ist schon spät!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 31)
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Du bist gekommen!

Du bist gekommen ein Engel des Lichts,
doch Licht ist dem Feuer verwandt -
und Du wirst gehen, ein böser Geist,
der mein Leben zu Asche gebrannt!

Aus: Liebeslieder moderner Frauen
Eine Sammlung von Paul Grabein
Berlin Hermann Tostenoble 1902 (S. 143)
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Idol

Du bist mein Gott, zu Füßen lieg ich Dir,
Du bist mein Gott, hast Du mich gleich zertreten;
o laß mich in der letzten Stunde hier
zu meinem Gott noch einmal beten.

Noch einmal nimm mich auf in Deinen Arm
und laß mich fühlen Deines Herzens Schlag;
bin ich doch fürder nun so bettelarm
nach solcher Trennung fürchterlichem Tag.

Umsonst – und doch schufst Du zum Grabe mir
die Welt, zur Hölle – nur bei Dir ist Eden;
du bist mein Gott, zu Füßen lieg ich Dir,
du bist mein Gott, hast du mich gleich zertreten!

Aus: Liebeslieder moderner Frauen
Eine Sammlung von Paul Grabein
Berlin Hermann Tostenoble 1902 (S. 143)
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Phönix

Du füllst mir die Seele mit Sturm, mit Sturm
und lösest die Glieder, wie Frühlingsregen,
dein bin ich, dein, durchs Weltall jauchzt
mein zitterndes Sein dem deinen entgegen.

Und bin ich die Liebe, - nur deine Liebe,
und bin ich das Feuer – nur deine Flammen
lodern mit meinen in gleichen Gewalten
wunderherrlich im Weltall zusammen.

Siehe, verschüttet waren die Brände,
Staub und Alltag, Tod und Vergehen
ließen sie unter Moder und Triebsand
schwelend sterben, verglühn und verwehen.

Da kam der Sturm und aus deinem Feuer
griff er in meines mit tausend Händen,
bis alles versunken in Aschenhügeln,
- und der Phönix entstieg den Feuerbränden.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 24)
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Du greifst in deines eigenen Schicksals Speichen

Du greifst in deines eigenen Schicksals Speichen
mit Kinderhand,
wähnst goldene Liebeskronen zu erreichen,
erhaschst nur Tand.

Zerstörst vom reinsten Glück die heiligen Blüten
mit täppischer Faust -
und lebst dein Leben - Trug und Wahn zu hüten -,
bis es verbraust!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 12)
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Levkojen

Du weißt es ja: mit jedem Hauch im Wachen
Denk' ich an Dich,
Wie kommt es dann, dass stets vor meinen Träumen
Dein Bild entwich?

Schwer liegt mein Haupt auf dem zerwühlten Kissen
In Sehnsucht wach,
Warum nur, schattet mich des Traumgotts Flügel,
Folgst Du nicht nach?

Am Bett Levkojen, die Du sandtest, duften
So süss, wie nie,
Warum nur, streut der Mohn mir Schlummerkörner,
Verlier' ich sie?

All' unser tödtlich Glück, mir ahnt, es rastet
Nur kurze Zeit;
Missgünst'ger Schlaf, was neidest du dem Träumer
Die Seligkeit?

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 56)
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Durch wogende Meere

Durch wogende Meere, durch sengende Wüste
sucht ich den Mund, der wie deiner mich küßte,
sucht ich die Augen, die mich entzückten,
sucht ich die Arme, die mich erstickten,
sucht ich in Sinnen und Seelen die Tiefen,
die in den deinen gefesselt schliefen.
Nun sind sie wach und mit dumpfen Rohren
wird aus den Tiefen ein Neues geboren
- eine Liebe, weltengroß -
glückumschauert – hoffnungslos!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 143)
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Liebe

Ein Antlitz süss und lockend, Huld verheissend,
Mit tiefem, ahnungsdunkeln Schicksalsaugen,
So dämmert's unserem jugendflüchtigen Blick
Und zieht uns nach und stiehlt uns Herz und Sinn.

Die Liebe ist's.

An allem Erdengut lockt sie vorüber,
Durch Staub und Sumpf und Wogen geht der Pfad
Zu ihren süssen, abgrundtiefen Augen.

Doch kommen endlich wir dem Antlitz nah
Und stammeln flehend wir zu ihm empor,
Dass gnädig es sich niederneigen möge,
Weil unser Glück an seinen Lippen hängt.

Seh'n wir in seinem Blick das grause Nichts,
Das bis hinab zur Seele uns durchschauert,
Und wissen's: Nur Phantom ist alles Glück,
Das uns ihr nächtig' Auge je verhiess.

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 106)
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Mein Herz schreit laut

Ein liebeleeres Leben ist der Tod,
mich aber treibts zum zuckend heißen Leben,
da fand ich dich – in tiefster Seelennot
und hab die ganze Seele dir gegeben.

In ihrer Heimat, neu erwacht zum Glück,
ruht endlich sie, von deinem Arm umschlossen,
und nimmer, nimmer kann sie mehr zurück,
nachdem des Lebens Fülle sie genossen:

ein ander Sein, dem Leidenschaft kein Spott,
und das noch lieben kann und kann noch hassen.

Mein Herz schreit laut nach einem Menschengott,
mein Arm will ewig, ewig ihn umfassen.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 57)
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Rosenhain

Ein stiller, müder Tag – wir schreiten sacht
den engen Pfad, in Palmen eingetaucht,
dazwischen blühender Orangen Pracht
schwerschwülen Duft in unsre Seelen haucht.

Felswände unter uns, und silbern dort
Olivenwald, verdämmernd leis zum Meer,
das Mahnen seiner Brandung, fort und fort,
tönt dräuend wie die Sehnsucht drüber her.

Nun dicht und voll, mit Blüten überdeckt
ein Rosenhain, in Blumen fast erstickt,
am Wege mächtig sich ein Felsblock reckt,
da rasten wir, allein und weltentrückt,

und süßer, goldenroter Abendglanz
schlingt auch um unsre Stirn den Rosenkranz.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 51)
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Allein

Es zittert der Mond auf den dunkelen Wellen,
in silbern und güldenem Schein,
Der Wind streift die Sträucher, die tageshellen,
und ich bin wieder allein.

Der Wind durchpeitscht das leuchtende Gleißen,
sprühts tausendfunkig empor,
so sprühts auch in Sehnsuchtsfunken, in heißen,
um die Liebe, die er verlor.

Aufs Kissen sinke ich müde, so müde,
weine in Schlaf mich ein,
im Traume noch raunt es mit wehem Liede:
Die Liebe ließ dich allein.

Dann kommt der Morgen mit bleiernen Schwingen,
noch kauert die Sehnsucht am Rain,
umkrallt mich, umgellt mich mit heißerem Singen,
nun bist du allein – allein! –

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 82)
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Horch - von fern ein goldenhelles Flöten

Horch - von fern ein goldenhelles Flöten,
auf - hinaus -, den ewigen Wurm zu töten,
der dir rastlos raunt: Wo blieb dein Glück?
Sehnsucht laß zu Hause nur zurück.

Fern im Blauen müssen Wunder liegen,
fern im Blauen wird dein Genius siegen!
Wo die Rosenhänge leuchtend stehn,
unter Ilios lichten Sonnenhöhn.

Fort vom Ofen - der beschränkten Enge,
in die Weite locken Wunderklänge,
lockt der Liebe flötensüß Getön:

Bin das Einzige - die Menschensonne,
noch in Höllen Paradieseswonne -,
selbst der Tod in meinem Arm ist schön!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 13)
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Und überflutet …

Ich denke dein – und wie die Sehnsucht schwillt
und überflutet meiner Seele Ufer,
da ruf ich deinen Namen in die Nacht,
doch keine Antwort kommt mir, keine, keine.

Fern bist du, fern; - vor meinem innern Blick
scheinst weiter du zu schweben, immer weiter,
und meine Arme fassen in das Nichts.
Doch aller Lebensdrang bäumt sich empor
noch einmal jach in letzten irren Feuern

… Ich denke dein und hoch die Sehnsucht schwillt
und überflutet meiner Seele Ufer.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 74)
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Ich kann sie nimmer vergessen

Ich kann sie nimmer vergessen,
des Tages leuchtende Pracht,
wie über schwarzen Zypressen
der Himmel tiefblau gelacht.

Auf einem Pfühl indessen,
wir beide, wonnig erwacht,
- nach einer unermessen
seligen Liebesnacht!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 53)
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Wie die Verdammten

Ich liebe dich, wie die Verdammten lieben!
Zum Richtplatz schleppt man mich – ich folge willig,
da – unter tausend dreisten Neugier-Augen,
gleichgültig starren, strahlt dein Augenpaar
in feuchtem Glanz – im Blitzstrahl des Verstehens:
jach stürz ich dir ans Herz, die Arme schling ich
um deinen Nacken, fester, immer fester.

Der Häscher neben mir spricht ernst und streng:
"Begnadigt sei, so lange er dich liebt".
Ich liebe dich, wie die Verdammten lieben,
trotz steter Todesangst und eisigen Schauern,
fühl Schönheit ich und Jugend mich durchglühen,
und Lebenswonnen unerschöpflich fluten
- so lange du mich liebst -

dann folgt das Richtbeil!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 147)
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Ich schritt in weltverlor'ner Einsamkeit …

Ich schritt in weltverlor'ner Einsamkeit
Heut' durch die silbergraue Dämmerung
Des tausendjährigen Olivenhains.
Im tiefsten Blau erstrahlt Liguriens Meer
Und hohe Palmen ragen still empor.
Halb See – und halb Orangenblüthenhauch,
Kühlt mir ein leiser Wind die heissen Schläfen;
Dumpf dröhnt empor das eh'rne Lied der Brandung,
Der Vögel Sang umschmeichelt süss mein Ohr
Und in die Seele dringt mit jedem Hauch
Die Weltenschöne.
Da denk' ich Dein, was könnt' ich And'res thun
In meines armen Lebens besten Stunden?
Da denk' ich Dein und denk's mit tausend Schmerzen.
Wie bist du fern, wie zürnst Du meiner Seele,
Dass sie sich zitternd zu der Deinen flüchtet,
Dass sie sich zitternd an die Deine schmiegt!
Doch weiss ich's: schritt'st Du heut' an meiner Seite,
Schaut' ich auf's Neu' in Deine ernsten Augen,
Vergeben müsstest Du dem armen Weibe,
Das, wie ein Kind, sein Leben würfe hin
Um Deine Liebe!

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 39)
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Ahasvera

Ich suchte – suche – seit ich denken kann,
das Glück, die Liebe, alle höchsten Gipfel
und alle tiefsten Gründe dieses Daseins!
Ein Glück, so grenzenlos, wollt ich erleben,
daß seine Wonne mich, durchschauernd, tötet!
Ich suchte – suche – seit ich denken kann;
doch nur die Jahre finden sich zusammen,
und immer schneller schwinden sie dahin!
Ich fand so viele höchste Erdengüter,
die treuste Liebe schreitet neben mir,
doch immer suchen muß ich – weiter suchen,
und stets vergebens! – An der Jugend Grenze,
da schon der Blick erreicht das andre Ufer,
da fand ich Dich – es lachten Deine Augen,
von Deinen Lippen flammt' es wie Verheißung:
"Hier ist es, hier!" Und wie die Motte taumelt zur Flamme,
stürzt ich zu Dir und gab Dir meine Seele.
- - - Und eine große Stille folgte dann,
……… doch als ich tiefer schaute,
als ich den Schleier riß von jenem Auge,
das mir wie alles Erdenglück geglüht,
- die ganze Sansara lacht mir entegen
und weiter nichts – denn Du bist seelenlos -
und meine Seele hab ich nun verloren!
… Doch immer suchen muß ich, weiter suchen,
ein Glück so grenzenlos, daß seine Wonne
mich beim Durchschauern tötet.

Aus: Liebeslieder moderner Frauen
Eine Sammlung von Paul Grabein
Berlin Hermann Tostenoble 1902 (S. 144-145)
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Ich weiss

Ich weiss, es ist nur Traum und Wahn,
Dass für einander wir geboren,
Doch seit Dich meine Augen sah'n,
Fühl' ich's, zum Licht bist Du erkoren,
Weiss ich's, mir ging das Licht verloren,
Noch eh' es mir gestrahlt im Nah'n.
Es hat nur im Vorüberschweben
Durchleuchtet meiner Seele Grund,
Nun kann mir Nichts Genügen geben,
In Sonnenglanz nur könnt' ich leben -
Und es ist dunkel bis zum Grund.

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 27)
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Nachtlämpchen

Im Krankenzimmer jede Nacht
das Lämpchen trüb und trüber brennt,
sein Docht nur Eines will und kennt:
im Oel zu löschen still und sacht.

Das Lämpchen der Vernunft erbleicht
mählig im liebekranken Sinn,
wenn es durch Sturm und Brandung hin
der Leidenschaften Meer durchstreicht.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 48)
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Am Sapphofels

Im nächtigen Jonermeer schimmert ein Licht,
am Sapphofels die Brandung wild zerbricht.
Wir schwanken ziellos, steuerlos vorüber,
rings alle Weite schwindet trüb und trüber.

- All das, was Sappho einst im Tod verlor -
in meinem Herzen flammt es neu empor. -
Und wenn ich sterbe, loht in andern auf
ewig der gleich unselige Liebeslauf. - -

Im nächtigen Jonermeer schimmert ein Licht,
- den Sapphosprung ewiger Glanz umflicht!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 56)
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Krokodile

Im Tank die Krokodile
liegen so träg am Tag,
zwischen badender Singhalesen
friedlichem Menschenschlag.

Doch nachts die Vorwelttiere
sperren die Rachen auf,
zermalmen, verschlingen, vernichten
wild im Zerstörungslauf.

So meine schwarzen Gedanken
schlummern in friedlichem Trug
und schlagen nur nachts ihre Pranken
ins Herz, das tagruhig schlug.

Krokodile, die wilden Wünsche
reißen die Rachen auf,
zermalmen, verschlingen, vernichten
in tödlichem Siegeslauf.

Krokodile, die wilden Wünsche!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 93)
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In einem Garten voll bunter Flammen

Im Traum - da hab ich dich wiedergesehn
in einem Garten voll bunter Flammen,
ich schritt am Arm dir, - in stillem Verstehn
schmolzen in einen Wunsch wir zusammen.

- - Doch dann verschwandst du - ich sah dich ziehn,
in der häßlichen, gaffenden, spöttischen Menge;
ich fühlte mir Jugend und Schönheit entfliehn
und stand allein in dem wirren Gedränge.

Nun wart ich umsonst im Gassenstaub -
meine rufende Stimme verhallt im Getose -
- ich warte - wilder Verzweiflung Raub

- - ewig die suchende - friedelose!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 73)
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Golfstrom

Im Weltenmeer der Golfstrom treibt,
und wo er treibt wird warm die Flut
und jeder Strand, den er umspült,
blüht farbig auf in Pracht und Glut.

So treibt in meiner Seele Meer
der Golfstrom deiner Liebesglut,
der mich umhüllt, umschwillt, umrauscht,
und weich umwogt mit warmer Flut.

Und wo ein Tropfen ihrer Kraft
sich meiner Seele heiß vermengt,
wird neu in junger Leidenschaft
ein Blütenschwall ans Licht gedrängt.

Im Seelenmeer der Golfstrom treibt,
und wo er treibt wird warm die Flut
und jeder Strand, den er umspült,
blüht auf in nie geahnter Glut.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 75)
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Sündfluth

Immer heisser, immer heisser
Liebe spricht,
Immer leiser, immer leiser
Mahnt die Pflicht.

Immer tiefer, immer tiefer
Wühlt die Gluth,
Immer höher, immer höher
Steigt die Fluth.

Immer ferner, immer ferner
Rückt das Land,
Fester fass' ich, immer fester
Deine Hand.

Sündfluth brandet wild und wilder,
Wonniglich!
Lass uns sterben, lass uns sterben,
Dich und mich!

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 58)
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Mein Kanaan

In deinen Augen lag ein Müssen,
ein Phosphorstrahl,
dein Mund stieß mir mit weichen Küssen
ins Fleisch die Qual.

Am Marterholz der Sehnsucht häng ich
nun festgebannt,
denn einzig nur bei dir empfind ich
gelobtes Land.

Weh! zwischen uns die tiefen Wasser
durchfurcht kein Kahn
und ferner schwindet, immer blasser
mein Kanaan.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 31)
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Heimatluft

In meinem Heim ans Fenster
stellt ich einen Blumentopf,
mit leuchtend farbigen Kelchen
blühte der arme Tropf.

Täglich gab ich ihm Wasser
und schob zur Sonne ihn,
dennoch bleichen die Blüten
und sterben langsam hin.

Da trug ich ihn zur Garten
in Wind und Wetter hinaus,
nun zerrt der Sturm die Ranken,
Herbstnebel brauen ums Haus.

Als jüngst ich den Garten betreten,
glaubt ich die Pflanze verdorrt,
doch sie stand von Knospen beschüttet,
die blühen nun fort und fort.

So ists auch mit meiner Seele,
die deiner Liebe fern, -
gefangen in goldenem Käfig,
verlöschen sieht Stern um Stern.

Könnt ich hinaus ins Leben,
umbraust vom tosenden Nord
um deine Brust mich ranken -

ich blühte fort und fort!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 54-55)
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Weltüberwindend

In Sturm und Flammen wolltest du kommen,
du hast in mir doch den Sturm geweckt,
und kamst so sauber, so zahm und gebürstet
wie alle andern, so ganz korrekt.

Wo ist deine Seele, daß ich sie fasse,
daß ich sie bette in meine Hut,
daß sie wächst und wild wird, wild wie die meine,
getränkt und gekräftigt von meinem Blut.

Dann gibt es ein Ringen, ein Leben, ein Sterben,
wir fürchten ihn nicht, den gewaltigen Tod,
weil weltüberwindend die Kraft unsrer Seelen,
dann wieder zurück in den Himmel loht!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 132)
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Jäh fühl ich's ...

Jäh fühl ich's: Bunt ist das Leben,
doch kalt wie gleißendes Erz;
nur der Tod kann Wärme geben
für eine liebeverwundetes Herz.

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 98)
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Komm zu uns - umhauchen mich die Düfte

Komm zu uns - umhauchen mich die Düfte,
Rosen dunkeln - weh - Erinnerungsgrüfte
öffnen sich bei ihrem schwülen Hauch.
... Rosen häuften sich zu Purpurkissen,
da mein einziges Glück mir jäh entrissen -
und der Kalla blasser Blütenhauf.
Weh mir - nächtig steigt Erinnrung auf:

... Da er starb - brach ich am Grab zusammen,
heimlich aber wühlten meine Flammen,
heimlich rissen seine Abschiedsworte
an des Herzens tiefstgeheimer Pforte!
Und sie sprang! - Zum Himmel loht empor
leuchtend bunt ein Strahlengarbenchor - - - -
und ich zog hinaus - die Liebe suchen!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 15)
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Komm zu uns - umbrüllen mich die Wogen

Komm zu uns - umbrüllen mich die Wogen,
haben Tausende hinabgezogen,
haben bittres Menschenweh gekühlt,
aller Sehnsucht Lasten fortgespült.

Komm zu uns - wir schlingen uns zum Kranze,
singen toll das Brautnachtlied zum Tanze, -
bis sie traumlos ruht in unsrem Bann -
deine Liebe, - die nicht sterben kann!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 19)
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Hoch über uns

Könnt ich bei dir, von deinem Arm umschlungen,
dir ganz die deinerfüllte Seele zeigen,
und dann, erlöst, wenn Gram und Leid bezwungen,
hinüberdämmern in das große Schweigen.

Nacht um uns her, - dein Blick wie Wetterleuchten
in meine Augen grell herüberzündend,
mit vollem Liebestrank die Lippen feuchten,
das tiefste Menschensein erschöpfend saugen.

Und dann … von Wunder still zu Wunder gleite
leise mein Ich, - vom Dunkel in das Dunkel,
das letzte Wissen: - endlich dir zur Seite,
hoch über uns der Venus Sterngefunkel.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 23)
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Laß ab

Laß ab von mir - es ist ein Traum
und das Erwachen bringt den Tod,
laß ab von mir - am Wüstensaum
erglomm purpurn das Abendrot.

Ein Rot in Götterdämmrungsglanz,
als berg es letzte Nacht im Schoß,
wie allen Lebens Totentanz,
wie Ewigkeiten tief und groß.

Ich weiß ja, daß dein Blick mich zwingt,
so oft du willst, in Qual und Brand -.
Laß ab - laß ab - die Geißel schwingt
zu hart in deiner harten Hand!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 87)
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Am Schicksalsmeer

Laß mich in deine Liebe flüchten
vor meinen Träumen,
am Schicksalsmeer seh ich so düster
die Wogen schäumen.

Und wilde Adler drüber kreisen
in stolzen Flügen,
- wärst du der Aar, deß Königsschwingen
empor mich trügen!

Mich rettend aus den irren Aengsten,
dem wirren Träumen,
- am Schicksalsmeer seh ich so düster
die Wogen schäumen.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 69)
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Liebe - wo bist du?

Liebe - wo bist du? Laß mich Frieden fühlen,
komm, mir die Feuerglut der Qual zu kühlen,
die Flammenmale, die die Welt mir schlug,
bis diesen Strand erreicht des Schiffes Bug,
der mir nur Echo gibt für meine Qual,
Blüten zu Kränzen für ein Totenmal -.
Liebe - wo bist du?

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 20)
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Lieder der Sehnsucht

I.
Lieder der Sehnsucht, mit Blut geschrieben,
von meinem meerestiefen Lieben, -

sie sollen dem Einen Kunde bringen
auf ihren tränentauigen Schwingen,

sie sollen ihm tief in die Seele dringen,
daß er Wunderwerke möge vollbringen, -

Lieder der Sehnsucht, mit Blut geschrieben
von meinem meerestiefen Lieben!


II.
Der Abend sinkt und die Liebe winkt, -
weh, du bist fern und der Abendstern blinkt,
zittert und flimmert ins Meer hernieder. -

Und die Wogen raunen die Zauberlieder,
die alten verfluchten,
die die Menschheit versuchten,
Jahrtausende lang -
so wonnezitternd und lockend bang, -

Die alten verbuhlten Zauberlieder,
zum Wahnsinn treibend wieder und wieder, - -

Und du bist fern …

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 72-73)
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Mein Dämon - weißt du noch - der wilde Traum?

Mein Dämon - weißt du noch - der wilde Traum?
Millionensternig strahlt der Himmelsraum.

Wir saßen einsam, hoch auf dem Balkon,
er war wie unsres Glückes erzener Thron.

Blauschillerseide floß um meine Glieder
auf die den Mund du preßtest immer wieder.

Dann klang »Sakuntala« dir von den Lippen,
den süßen, brennenden Korallenklippen,

an denen langsam die Vernunft versank
und tief vom Taumelkelch der Sinne trank.

In fieberschwangern Dschungelfinsternissen,
die Krallen tief ins wilde Herz gerissen,

wie Tiger eines mit dem anderen rang -
und dann zu seliger Einheit sich umschlang. -

In Dschungelnacht - Tiger am Wüstensaum -
ich weiß nichts weiter - alles war ein Traum!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 100-101)
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Dornennest

Mit schwarzen Flören wills mich eng umschnüren,
wo sind die Pfade, die zum Frieden führen?

Wo läßt die Liebe mich das Kräutlein finden,
das Einsamkeit und Tod hilft überwinden?

Ach – deine Liebe ist kein Ruhekissen,
ein Schmerzenspfühl, getränkt mit Bitternissen.

Ein Dornennest, das ich am Wege fand,
das mir das Herz zerfleischt und lähmt die Hand.

Mit Trauerflören wills mich eng umschnüren,
und keine Pfade, die zum Frieden führen.

Ach, deine Liebe ist kein Blütenland,
- ein Dornennest, das ich am Wege fand.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 100)
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Mondnacht

Mondnacht, blaue - alle Sehnsuchtsüße,
alle Schwermut tiefsten Menschenseins
kauert sich um deine müden Füße,
reckt sich hoch im Bann des mystischen Hains.

Mondnacht, hast umschlossen alles Leben!
Meiner dunklen Wünsche Schmerzensfracht
glüht noch einmal auf in seligem Beben
meiner letzten blauen Mondennacht!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 38)
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Somnambula

Nachtwandlergleich, im Glauben an dich
überschritt ich schwindelnde Firste und Zinnen
und sah hinein in leuchtende Wunder. -
Ein Blumenwald umwogte mein Haupt,
strahlend wie Sonnen, lodernd wie Flammen,
und ihr Düften gab mir Träumen und Rausch.

Je steiler die Dächer, je tiefer die Schründe,
desto kühner klomm ich empor und hinüber,
denn drüben lag deine Seele, dein Sein.

Da riefst du bei Namen mich, still und gelassen
und ich erwachte in schwindelnder Höhe
und kann nicht weiter, - denn jedem Schritt
droht nun der Tod!

Gib meinen Rausch, meine Träume mir wieder,
gib der Somnambula Kräfte mir wieder,
dass ich weiter kann schreiten über Graus und Schlünde, -
deinem Herzen entgegen.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 77)
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In Deinen Armen

Nicht weiss ich, soll ich's Liebe nennen,
Was ich in Deinen Armen jäh empfinde.
Ein Chaos von der schwersten Stumpfheit treibt
Es mich empor zu höchster Lust Entzücken.
Nur eines bleibt, und immer fühl' ich's gleich,
Ganz gleich, beherrschend all' mein tiefstes Sein:

Könnt' ich die Lebensfülle, die sich jetzt
So heiss durch alle Adern mir ergiesst,
Könnt' ich sie nur in Dich hinüberströmen,
Gesundheitfülle Deinen Gliedern gebend
Mit meinem Athem, meiner Kraft und Jugend!
Und dann in Deinem Kusse langsam sterben,

Es wär' ein seliger Tod!

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 115)
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Schrein

Nein – zürne nicht, daß unsern Sinn umflammt
die schwere Nacht,
noch fühl ichs in den Nerven wie von Sammt,
hab leis gelacht.

Arm das Gemach – doch wieviel Seligkeit
schloß es mir ein,
das enge Bett – von Königswonnen heut
ward es der Schrein!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 28)
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Nie wird das Bild mir blasser

Nie wird das Bild mir blasser:
mein Schiff in rasendem Sturm,
über dem wilden Wasser
drüben das Licht im Turm.

Dort sind die Sapphoklippen,
dort ward das Wunder vollbracht:
opfern mit blühenden Lippen
ewiger Liebe Macht.

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 39)
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Nimmer zu fassen

Nimmer zu fassen,
Dass Du mich liebst,
Dass Du mir Liebe
Um Leiden giebst.

Nimmer zu sagen
Die ganze Lust,
Nimmer zu tragen
Von Menschenbrust.

Nimmer zu meiden
In Schuld und Schmerz,
Nimmer zu scheiden
Herz nun von Herz.

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 92)
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Nun bist du dennoch gekommen

Nun bist du dennoch gekommen,
mein Glanz, meine Seele, mein Licht -
und von den goldenen Stunden
wird jede mir zum Gedicht.

Das in Nacht und Trübsal strahle,
wenn du gingst, wie wärmender Schein,
mir glühenden Abglanz male
in meine dunkelnde Pein!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 50)
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Nun blühn die Tazetten im tiefsten Tal

Nun blühn die Tazetten im tiefsten Tal,
wie er sie einst sandte unzähligemal.
Ich nahm sie zitternd aus Wattenschoß,
ihr Düften umwogte mich weltengroß
und hüllte mein ganzes Leben ein -

ich folgte dem Düften - mir folgte die Pein!

Tazetten blühen im tiefsten Tal!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 32)
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Oriflammen

Nun du mich voll erkannt,
laß voll uns wiederfinden,
laß unsrer Liebe Land
uns selig tief ergründen.

Laß uns in heiliger Glut
schmelzen in eins zusammen,
Seele verlohn und Blut
in tiefen Oriflammen!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 142)
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Nun kam es

Nun kam es, wie es kommen muß,
vom ersten Tag!
Die Lippen suchten sich im Kuß
im nächtigen Hag.

Die Körper fanden sich im Kuß
nicht mehr zurück
- nun kommt es, wie es kommen muß,
- das große Glück.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 141)
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Nun knospt es

Nun knospt es im griechischen Süden,
es sproßt an den Hängen empor,
bald steht in Millionen Blüten
leuchtend ein rötlicher Flor!

Ob wohl mit der Mandelblüte,
auf weinender Augen Glanz,
lindernde Hände breitet
die Liebe, im Frühlingskranz?

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 22)
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Sternennähe

Nur stammeln kann ich, nicht denken, nur fühlen,
fühlen so groß, so weltenweit,
nun hab ich ihn endlich, endlich, erklommen,
den höchsten Gipfel der Seligkeit.

Ich ruhe in deinen Armen gebettet,
hoch auf der Höhe, fernab vom Weh,
laß mich in Tiefen nicht zerschellen,
halte mich droben, in Sternennäh.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 123)
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Traum und Leben

Oft fahr' ich, oft, aus tiefem Schlafe auf,
Geweckt von seltsam geisterhaftem Rauschen.
Noch traumverworren, richt' ich mich empor
In dämmernd silberweisser Sommernacht
Und schau' mich um, in einer fremden Welt.
Im mondhellen, engen Kämmerlein,
Vor mir ein grosser Strauss von wilden Blüthen,
Lieg' ich im Himmelbett. Zur Fensteröffnung
Strömt es herein, wie stärkend salz'ger Hauch,
Und brandend, unermüdlich wogt und fluthet
Vor meinem Blick das Weltenmeer.

Da weiss ich's, einsam in der Juninacht:

Es war nur Traum mein ganzes früh'res Leben,
Und hier am fernen, fremden Strande soll ich
All' seine Süsse, seine Qual verwinden.

Dann, in der grossen, wundergrossen Liebe,
In Deiner Liebe, mein Geliebter, wach' ich
Zum Leben auf, zum wahren, höchsten Leben!

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 86)
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Der Sehnsucht nach

Rastlos, ruhlos - der Sehnsucht nach,
wandle ich von Gemach zu Gemach.

In weichen Wolken wogendes Düften,
ein Vogelträumen verklingt in Lüften,
auf meinen Lippen deine Worte.
- In meiner Seele alles verdorrte,
das nicht in deinen Zungen spricht.
Das Leben ward mir zum Gedicht,
das nur in deiner Sprache redet,
ohne dein Sein im Sand verödet,
mit dir, vom Morgenschein gerötet,
um ewige Glut und Schönheit betet -
und nur verenden will in Bränden,
die du geschürt mit Dichterhänden.

... Ich wandle von Gemach zu Gemach,
rastlos, ruhlos - der Sehnsucht nach!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 52)
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Ruanweli, die goldene Pagoda

Ruanweli, die goldne Pagoda -,
in ihrem Innern glühen tausend Schätze,
die keiner heben kann, denn tief im Grund
sind sie vermauert; - und ein Riesenbau
türmt sich darüber - hoch wie Pyramiden.

Doch drinnen wölbt sich ein geheimer Gang -
und einem einzigen nur war es vergönnt,
zu wandeln auf dem tiefgeheimen Pfad
und zu erschaun das aufgehäufte Gold -
dem König!
... Laß mir dein Herz ein Ruanweli sein,
laß mich, auf nachtgeheimen Pfaden wandelnd,
all seine Schätze - seine Wunder schaun -,

laß mir dein Herz mein Ruanweli sein!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 102)
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Wie Vögel

Schmetterlinge schillern und glühn,
groß wie Vögel -.

Wunsch und Sehnsucht gaukeln und blühn
wie am Himmel ein Sternensprühn,
bunt wie Vögel.

Träume, tolle, erwachen zu Hauf,
schlagen die toten Augen auf,
scheu wie Vögel!

Sterben nach einem einzigen Tag,
liegen zerstreut über Feld und Hag -
zahllos wie Vögel!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 89)
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Sonnenuhr

Schwül ist die Frühlingsnacht und sternenlos;
Der Regen rieselt unermüdlich nieder,
Und Kirchenglocken dröhnen nah und fern,
Die Stunde kündend. – Heut am frühen Tag
Schritt ich mit Dir im Borromeopark
An einer grossen Sonnenuhr vorüber.
Da kam es mir zu Sinn, was einst ich las:
"Und Menschenherzen giebt's, wie Sonnenuhren,
Die nur im Strahlenschein des gold'nen Lichts,
Der Sonne, die aus Andrer Herzen quillt,
Die Seelenzeiger rühren!" – Meine Sonne
Bist Du, nur Du. Wenn graue Wolken hüllen
Das, was allein die Seelenuhr bewegt,
Dann steh' ich kalt und theilnahmlos und stumpf,
Gleich jener Sonnenuhr, in dunkler Nacht;
Und nur das Eine, wie verschmachtend, schrei' ich:
"Gieb Deine Küsse mir, die Sonne, wieder!"

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 81)
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Nicht von dieser Welt

Sieh, ich bin schwach, ich lebe kaum,
ohne die Liebe,
in mir aber ist für Flammen Raum,
in mir wird Wahrheit ein Menschentraum,
nicht von dieser Welt!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 46)
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Erwartung

Tagüber hatten sie so geschwatzt,
geraucht und gespielt im Hafen-Café,
Albanesen und Juden, Griechen und Türken.
Dick war die Luft und weiß und schwer,
hemmte den Atem, betäubte den Sinn.
Ich saß dazwischen, scheu in der Ecke,
trank schon den vierten süß-türkischen Mokka.
- - Noch immer kein Schiff - die Stunden zerrannen,
Tropfen für Tropfen im Schneckengang.
Die Sonne sank und die Nacht stieg zum Thron,
herrschte, schwül lastend, mit dunkler Hand
über Ozeanen und Bergen und Welt!
Noch immer kein Schiff, das Schiff mit dir,
das dich, deine Liebe mir bringen sollte,
deine dunkle, süße, betörende Liebe!

Schon tragen die Wasser dich näher und näher ...

... So harrte in Träumen ich Stund' um Stunde,
fühlt wieder geborgen mich, dir am Herzen,
das Weib im Mann, seiner Welt beschlossen!
... Rings lärmten die Griechen, die Juden und Türken,
und rauchten und schwatzten. Von kläglichen Lampen
nur trüb drang ein Scheinen durch Dünste und Dampf.
Ich träumte von dir und mir klang deine Stimme:
»So ist nun dein Dämon dennoch gekommen.«

Trompetentusch von der Felsenfestung, -
feierlich klingt's in die Nacht hinaus.
Da naht auch der Fährmann: »Kyria, das Schiff kommt -
Zwölf Stunden Verspätung!«

Ach, auch die Folter wär Wonne gewesen -
harrend auf dich!

Im kleinen Nachen mit anderen Barken
fahr ich zum Koloß mit den farbigen Lichtern.
Und wieder ein dröhnend Trompetenklingen.
So fahr ich hinaus in die Nacht, dir entgegen,
- der Liebe, dem Glück!

- - - - - - - - - - - - - - -

Unter Sprachgewirr, unter drängenden Fremden
such ich vergebens - - - du bist nicht gekommen!

... Und so fahr ich immer dem Glück entgegen
und finde es nie!

Bei der Landung aber, wieder vom Felsen,
feierlich dröhnend, Fanfarenklänge!

Das ist das Leben!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 42-44)
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Du trugst den Mantel mir zum Lager hin

Trugst deinen Mantel mir zum Lager hin,
hast du mich dennoch lieb? Ich faß es kaum,
daß ich in deiner Hut geborgen bin,
daß deine Wärme blieb - auch meinem Traum!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 54)
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Venus

Ueber den Wassern ein Schaumgeflimmer -
nächtens leuchtender Sternenschimmer -
hoch die Venus funkelt von fern -,
ewiger Morgen- und Abendstern.

Hat sie tröstend geweiht den Tag,
schützend hämmernder Pulse Schlag,
und ist erfüllt ihr Liebeslauf,
strahlt neu als Stern der Nächte sie auf.

Liebe - sie dämmt das Leben ein,
endlos im Kreislauf von Lust und Pein -,
Liebe, sie bringt um Sinn und Verstand
den, der aus ihrem Licht verbannt!

Nächtens leuchtender Sternenschimmer,
über den Wassern ein Schaumgeflimmer

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 76)
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Mit blühendem Lorbeer

Und du wirst dennoch kommen,
durch Nacht und Tränengraus,
mein Lieben soll dich zwingen
ins Glück, ins Leben hinaus.

Zwingen in meine Arme,
zwingen in Schönheitsglanz,
deine zage Stirn umwinden
mit blühendem Lorbeerkranz!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 45)
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Und ich ging hinaus, die Liebe suchen

Und ich ging hinaus, die Liebe suchen -
oder meines Lebens Kern verfluchen!
Aber finden? - Gott und Welt verfluchen -,
und ich ging - und fand den kleinen Mann,
der das Weib belügt, so oft er kann,
der das Echte, der das Freie, Große
gar nicht will, das Wilde, Schrankenlose!

Der mit tausend kleinen Nebensachen
sein Gefühl umschränkt; im wilden Rachen
des Geschicks nur Episodenspiel,
eine Nacht - ein Abenteuer will.

Und am Ende seiner müden Lust
sagt er stolz: Ich hab es ja gewußt -,
tausend Weiber hab ich nun besessen,
wie sie hießen, hab ich längst vergessen,
doch sind alle gleich in jenem einen!

das der Mann, den ich gesucht, den Reinen!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 16)
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Und ich kam - und alles war nur Lüge

Und ich kam - und alles war nur Lüge,
alles trägt die alten Sehnsuchtszüge.

... Brennen muß ich - brennen ... bis zu Ende -,
heb umsonst zum Opfern meine Hände.

Wie Odysseus zur Nausikaa
kam ich her - mein Glück ist nimmer da,

Zog noch weiter - zog in letzte Tiefen,
draus die nächtigen Stimmen jüngst mich riefen.

Wieder muß ich weiter, weiter ziehn,
und das Echo äfft - wohin - wohin!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 14)
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Orchideen meiner Seele

Und ich zog nach den Fluren am Ganges,
ließ mich durchglühn von Tropensonnen,
Orchideen meiner Seele
spiegeln ewigen Liebesbronnen.

Der - verschüttet vom Triebsand des Tages -,
reicht in unergründbare Schächte,
drin meines rastlosen Herzensschlages
Toben ich höre, durch brennendste Nächte.

Den kein Alltag jemals kann kühlen,
nimmer der Lebenswinter vereisen,
Urweltsehnsucht berufenster Erbe,
muß ich die Ewigkeit an mich reißen!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 90)
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Und in der Opferschale …

Und in der Opferschale flammt das Licht …
Nun schling um meinen Leib die starken Glieder
und zwing mich jauchzend in die Urnacht nieder,
aus deren Schoß entstieg mein Traumgesicht!

Mein Traumgesicht von Flammen, die sich einen,
mein Traumgesicht von Gluten, nie gekühlt -
küß diese Lippen, diese heißen, reinen
von niegekannter Fluten Schaum umspült.

Küß diese weißen Hände, die sich ranken
um deiner Löwenmähne wirr Geflecht -
und schlag in meine Glieder Deine Pranken
und töte mich – der Löwin wird ihr Recht!

Aus: Liebeslieder moderner Frauen
Eine Sammlung von Paul Grabein
Berlin Hermann Tostenoble 1902 (S. 147-148)
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Psyche

Und scheinst du auch eine dunkle Raupe,
bist du doch ein heimlicher Schmetterling,
im Irisglanz deiner Wunderflügel
sich rettungslos meine Seele fing.

Sie alle zerstücken die häßliche Raupe,
dich Liebe, die du von anderer Art,
sehen in dir nicht das Flügelwesen,
märchenduftig und zauberzart.

Dich Liebe mit den gleißenden Schwingen,
meine Psyche, mein heimlicher Schmetterling,
nach dessen Glanz meine Seele flattert,
in dessen Schmelz sich mein Herz verfing.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 52)
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Und wieder Einer

Und wieder einer - jung und fein und wild -,
in seiner Seele ungesungene Lieder -
von Tränen trächtig - und er liebte mich -,
für einer Stunde Zeit verstand er mich.

Für einer Stunde Zeit verstand er mich!
- dann sanken wieder dichte Seelenschleier
- und lichtberaubt würgt mich die alte Nacht!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 97)
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Kobra

Und wieder träumt ich -
zu fern, fernen Ufern
wär ich gezogen; -
auf Palmenwipfeln
brütet die Glut,
und die Affen höhnen -

Orchideen umdüften mich brünstig,
und ich male die Wandelbilder
indischer Sonnen! -

Da schießt eine Kobra,
gelbgrün schillernd, aus Dschungelnächten.
Und sie umschlingt und umwürgt mir die Brüste
und sie frißt mir das Herz - ich erwache!

Törichte Schlange, du kommst zu spät!
Mein Herz haben mir lange die Schmerzen zerfressen,
an seiner Stelle wuchtet ein Stein.

Nun muß ich suchen
ein neues Herz -
für die alten Schmerzen!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 74)
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Mohnblumen

Und wieder zieh' ich durch die weite Welt,
Und wieder flammt mir rings vom Wiesenrain
Die Blüthe, die der Leidenschaft geweiht,
Der rothe Mohn.

Und wieder, wie vor manchem, manchem Jahr
Bäumt sich empor dies ungestüme Herz
Und schreit nach Glück und schreit nach Liebe, Liebe,
Und wieder flammt vor meinem trüben Blick
Der rothe Mohn!

Der rothe Mohn – Und spottet meines Leids
Und mahnt an jeden ungeküssten Kuss,
Und mahnt an all' die ungelöschte Gluth,
Und mahnt an meiner Seele tiefste Qual,
Der rothe Mohn!

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 28)
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Die Knospen schwellen

Verhüllt und verschleiert der Berge Pracht,
kein Licht auf der schweren Zypressen Nacht,
nur die Knospen an starrenden Zweigen
stehen verhüllt und schweigen.

Sie schweigen von blauender Lenzeszeit,
sie wachsen hinein in die Seligkeit,
die Knospen schwellen und schweigen!

Kommt endlich die Nacht, da in Liebesarm
am Berghang ich lehne, so selig-warm,
unter goldnen Orangenzweigen?
Und die Blüten schlagen die Augen auf -
und es schauert ein leuchtender Lenz herauf?

Die Knospen schwellen und schweigen!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 26)
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In der Nacht

Von meinem Bette fahr' ich oft empor,
Aufschreckend jäh' aus fieberirrem Traume,
Weil es mir däucht, es dräng' aus weitem Raume
Ein zages, scheues Klopfen an mein Ohr;
Du ständest draussen
Im Windessausen,
Du trätest licht aus tiefster Nacht hervor.
Mit dir zurück
Kehrte mein Glück
Und mit Dir jede höchste Erdenwonne.

Dann lehn' ich wachend, einsam in den Kissen,
Um mich das öde Dunkel ohne Stern,
Und lausche athemlos, ob nicht von fern
Auf's Neu' Dein Pochen tönt in Finsternissen.
Mich äfften Träume,
Sie werden Schäume;
Vor meiner Thür kein Klopfen tönt an's Ohr.
Nie kommt zurück
Mit Dir das Glück
Und nie und nimmer kost' ich Erdenwonne.

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 74)
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Warum?

Warum erblüht aus toten Schründen,
was doch vergehn und sterben muß?

Was schreit mein Herz nach süßen Sünden
und lechzt nach niegeküßtem Kuß -
warum?

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 77)
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Was frommen Blüten und Düfte?

Was frommen Blüten und Düfte
all meiner zehrenden Pein,
kein Arm umpreßt meine Hüfte,
allein bin ich - allein.

Was frommen Klänge und Töne,
berauschende Südenpracht,
die leuchtende Weltenschöne?
Mich umhaucht's wie Modernacht.

Mich umhaucht Vergessen und Schweigen,
statt Brot gibt die Welt mir Stein -,
ich gab ihr mein alles zu eigen
und sie - läßt mich ganz allein!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 36)
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Was ist mir Deine Liebe?

Was ist mir Deine Liebe? Ist sie Glück,
Ist sie Entzücken, ist sie Seligkeit,
Verhängniss, dem erschauernd ich mich beuge;
Ein unausdenkbar Hohes, das mein Leben
Gewandelt und geadelt und verklärt?

Ich weiss es nicht. Bei all' den schönen Worten
Bleibt mir's im Herzen stumm und nur die Frage
"Was ist mir Deine Liebe?" reckt sich höher
Und höher nur, wie dräuend, mir empor.
Was ist mir Deine Liebe?

So lieg' ich bangend in der Zweifelsnacht
Und Antwort dämmert langsam mir herauf,
Bis sie am Lebenshimmel sonnig flammt.

Nichts ist mir Deine Liebe, das von aussen
Mir neu in dieses Leben treten könnte,
Sie ist mein Ich, sie ist mein Leben selber.
Und gingest Du für immer heute von mir,
In wenigen Tagen bräche schon zusammen
Der Tempel, den sie Menschenleib genannt,
Und keine Macht der Erde baut' ihn wieder.

Was ist mir Deine Liebe?

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 104)
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Morgenstern

Was steigt herauf in wunderseliger Pracht,
ein goldnes Licht in meines Lebens Nacht?
Wie neue Jugend strömts durch meine Glieder,
fand ich die Liebe endlich – endlich wieder?

Wild pocht mein Herz in ungestümem Schlag,
jäh reißts hinüber mich ob Raum und Zeit.
Was bist du? Erdenwonne meinem Tag
oder der Morgenstern der Ewigkeit!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 140)
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Dunkle Liebe

Was weißt denn du von meiner dunkeln Liebe,
die wie die Urkraft stark das Herz durchbebt,
mich reißt in tiefsten Elends Nachtgetriebe,
mich in die Seligkeit der Himmel hebt.

Mich schaffen läßt in echter Künstlerwonne,
wie Götterlieblinge, lorbeerumlaubt,
oder am Boden kriechen, fern der Sonne,
wenn deiner Liebe Trost mir wird geraubt.

Und fühlst du nicht, was in die Hand gegeben
als Herrscher dir ein ehernes Geschick?
Ein ewig großes Gottesgnadenleben,
ein qualgemordet reiches Menschenglück.

Was weißt denn du von meiner dunkeln Liebe,
die mein Verhängnis ist durch Schicksalsschluß,
in der durch Tagesglut und Nachtgetriebe
die Siegespalme treibt – mein Genius!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 95)
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Ständchen

Wenn das Silberlicht des frühen Morgens
Mir die Augen küsst, dass ich erwache,
Traumbefangen dann und ganz verwundert,
Ohn' Erinnern noch, den Tag beschaue:
Dringt an's Ohr mir leises Vogelzwitschern
Süss herüber, wie aus weiter Ferne.

Lächelnd schliess' ich dann die Augen wieder,
Träume noch von Dir, schon halb im Wachen:
Dass Du mir die Frühlingsvögel schicktest,
Alle Lieder meinem Tag zu bringen!

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 54)
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Hungerphantasie

Wenn der Hunger steigt und die Not der Seele,
die Sehnsucht nach Glück würgt die schmachtende Kehle,
dann wähnst Du von starker Arme Gewalten
in Wollustschauern Dich niedergehalten.
Dann fühlst Du erstickt Dich von saugenden Küssen,
wähnst in wühlenden Wonnen vergehen zu müssen,
in wühlenden Wonnen, mysterisch umfacht!
Und dann wachst Du auf – so allein – in der Nacht
und reckst die Arme in Finsternissen!
- Nach Lebensbränden verschmachten müssen,
das sind die sengensten, zehrendsten Schmerzen,
die brennende Sehnsucht nach wild – wildem Herzen.
Zehrende Unrast durch alle Glieder,
aufs Lager Dich zwingend wieder und wieder.
Nach Wonne verschmachten mit Wonnegesichten -
das sind die Qualen, die uns vernichten!

Aus: Liebeslieder moderner Frauen
Eine Sammlung von Paul Grabein
Berlin Hermann Tostenoble 1902 (S. 146-147)
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Rosenzeit

Wenn die Rosen voll in Blüte stehn,
wolltest du an meinem Herzen liegen,
wolltest dich in meine Arme schmiegen,
Welt und Schicksal wolltest du besiegen,
wenn die Rosen voll in Blüten stehn.

Nun die Rosen längst in Blüten stehn
und der Lenz im Aether haucht, im blauen,
wolltest du in meine Augen schauen,
all dein Leben meiner Hand vertrauen -
wenn die Rosen voll in Blüte stehn.

Ob die Rosen auch in Blüten stehn,
kann das Blumenprangen mir nicht frommen,
ist mein Hoffnungsstern in Nacht verglommen.
Mit den Rosen bist du nicht gekommen,
die doch rings in tausend Blüten stehn.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 116)
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Wenn durch graunächtiges Schimmern

Wenn durch graunächtiges Schimmern
im Silberolivenhain
goldglänzendes Strahlenflimmern
schleiert die Stämme ein,
daß auf Runen, die tausendjährig
das Leben unheilbar schlug,
Lichtrosen, lenzeswährig
aufblühn an goldnem Bug, -
dann denk ich, so müßt auch die Seele
aufglühn in rosiger Pracht,
wenn strahlend durch Schuld und Fehle
Selige Liebe lacht!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 21)
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Weißt du noch?

Weißt du noch, wie wir die Rosen pflückten,
die roten leuchtenden Liebesrosen,
ins Fleisch uns die spitzen Dornen drückten,
denn ohne Dornen – wie wärens denn Rosen?

Weißt du noch, wie ich die Rosen legte
am Abend, neben das schlichte Essen?
Wie uns ihr Atem den Sinn bewegte?
Dies Düften – ich kann es nimmer vergessen.

Weißt du noch, wie wir die Rosen pflückten
von unsern Lippen in lodernden Küssen,
die Dornen der Sehnsucht ins Herz uns drückten,
bis wir an den Wunden verbluten müssen.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 80)
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Frau Minne

Weißt du, was ich erträume und sinne?
Einmal dir öffnen die erzene Brünne.
Einmal, einmal dir liegen am Herzen,
auszulöschen dir Gram und Schmerzen,
einmal, einmal den Rausch dir geben,
leuchtendes, seligstes Menschenleben.

Einmal, einmal mich zu dir finden,
nach deiner Seele heimlichsten Gründen.
Müssen herrliche Blumen dort blühn,
müssen leuchtende Wolken dort ziehn,
müssen selige Vögel singen,
müssen ewige Sterne klingen!

Einmal, einmal dir sein Frau Minne.
Einmal dir öffnen die erzene Brünne!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 94)
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Wie bist Du kühl …

Wie bist du kühl und vernunftbereit,
bereift Dein Haupt -
das meine, wie je in der Jugenszeit,
von Träumen umlaubt.

Nach Träumen, nach Schäumen lechzt Dein Weib;
so kühl Deine Hand -
weil sie schon so vieler Frauen Leib
heischend umwand.

Ich aber, darbend in Sehnsuchtsglut
ein Leben lang;
wer weiß, ob nicht schon zur letzten Hut
die Pforte sprang.

Eh Du kränzest mich im Totenschrein
mit Asphodill -
gelebt will ich haben und selig sein -
und hungerstill!

Aus: Liebeslieder moderner Frauen
Eine Sammlung von Paul Grabein
Berlin Hermann Tostenoble 1902 (S. 145-146)
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Wie ein abgestorbener Geist

Wie ein abgestorbener Geist, so schau ich
auf der Erde einziges Glück – die Liebe.
Kann sie nicht mit starkem Arm umfassen
und die Flammen meines Herzens müssen
ungenutzt verlöschen und verenden.
Hätten Weltenbrände schüren können,
Götterglück dem einen Manne geben,
der im Tod versank und dessen Seele
bis zum letzten Hauch ich weiter suche,
denn des Lebens Leben ist die Liebe!

Wie ein abgeschiedener Geist verzehr ich
mich nach Lebensblut und Erdenwonnen!

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 13)
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Wie ein assyrischer König

Wie ein assyrischer König
kamst du in purpurner Nacht,
schmiegtest die bräunlichen Glieder
zärtlich an Lilienpracht.

Deine metallische Stimme
rief mich ins Leben zurück,
wie ein assyrischer König
kommst du und zwingst mich ins Glück.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 29)
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Wie in brennenden Rosen

Wie in brennenden Rosen
fühl ich mich stehen,
in ungelöschten,
in ewigen Feuern!
Wie so reich mein Leben.

Und wie arm an Frieden,
wie arm an Liebe,
wie arm an Glück!
Wie bettel-, bettelarm!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 33)
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Wie jung bin ich, wie kinderjung

Wie jung bin ich, wie kinderjung,
ich lebe ja nur im Glück.

Alles andre ist kein Leben,
nur Wurmvegetieren,
im Staube sich wälzen und winden.

Nach Stunden erst zählt mein Leben,
nach wenigen, kurzen Stunden!

Törichter Knabe,
ich bin jünger wie du!
Jung geblieben
durch ein armes Leben,
arm an Glück.
So jung bin ich -
so kinderjung!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 30)
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Und doch

Wie müde doch bin ich vom Kampf und Streit,
Von allem Streben und Ringen,
Von allem Wetten und Wagen, weit,
Weit fort von allem Gelingen.

Und doch: uns're Liebe, trotz Gram und Leid,
Hoch über den Erdendingen,
Trägt schicksalgewaltig, ob Trennung und Zeit
Zur Sonne mit Götterschwingen.

Aus: Via Passionis. Lebensbilder
von Hermine von Preuschen
Dresden und Leipzig Verlag Carl Reissner 1895 (S. 47)
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Anuradhapura. Wilde Elefanten

Wilde Elefanten kommen
oft zur Nacht,
rauben aller Lotosblüten
weiße Pracht.

Trinken aus dem Tank die Fülle,
ziehen fort -,
lassen ohne Blüt' und Wasser
leer den Ort.

Und so fürcht ich, meiner Träume
Lotospracht
wird der Elefanten »Schicksal«
Raub zur Nacht.

Trinken leer den Born der Sehnsucht,
ohne Hort,
meine Seele harrt der deinen
- und verdorrt!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 99)
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Wie eine Blume von anderem Sterne

Wo ist die Retterin, die Liebe?
Es stöhnt der Wind, - ich bin allein. -
Wenn alles dennoch Täuschung bliebe,
statt goldner Wahrheit nur ihr Schein? -

Bist eine Blume von anderem Sterne,
deren Düften den Sinn berauscht,
nach deren Herzschlag, in tötende Ferne,
mein zitterndes Sehnen, wie lange, lauscht!

In deinem Kelch mir die Schläfen kühlen,
dich eng umschlingen und niederziehn,
dich endlich fassen, dich endlich fühlen, -
laß mich dir endlich am Herzen blühn.

Aus: Flammenmal von Hermione von Preuschen
Zweite Auflage Verlag Continent Theo Gutmann
Berlin-Charlottenburg [1903] (S. 22)
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Wie eine Mänade

Wo ist die Schönheit,
wo ist die Liebe?
Ist eins im andern,
ist keines wahr?

Wie eine Mänade
durchschluchz ich den Morgen,
durchras ich den mittag -,
durchsehn ich den Abend,
- und taumle ins Dunkel
der großen Nacht. - - -
Und doch - - - überm Dunkel
leuchtet ein Stern mir
- der Stern meines Ich!

So große Sehnsucht,
so große Liebe,
so große Leiden -,
die haben erkauft sich
die Ewigkeit!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 68-69)
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Wüßt ich das Lied, das ihn bannt, das ihn zwingt

Wüßt ich das Lied, das ihn bannt, das ihn zwingt,
an mein armes, einsam verloderndes Herz,
das durch alle Fernen hinüberklingt,
durch alle Türen - durch Panzer und Erz.

Das dem einen Mann in die Seele dringt,
dem einzigen, der für mich nur erdacht -,
der einsam wie ich - mit der Sehnsucht ringt,
nach mir die Arme reckt - Nacht für Nacht.

Wo ist das Lied - das ihn zu mir zwingt,
aus der Einsamkeiten ewigem Schnee,
das ihm die Ebenbürtige bringt,
Genossin seiner leuchtenden Höh?

Wüßt ich das Lied, das ihn zu mir reißt,
wüßt ich zu seiner Kammer den Weg,
furchtlos durch Steppen totvereist
fänd ich, auch über Höllen, den Steg!

Wüßt ich das Lied!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 24)
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Schwanensingen

Zu deinen Füßen sitz ich still,
meine Seele in deine verflogen,
um uns dräuendes Lebensmeer,
wirbelnde, wellende Wogen.

Ich lausche deinem betörenden Sang,
meiner Seele Schwanensingen - -
und wenn der letzte Ton verklang,
muß auch mein Leben verklingen!

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 51)
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Eine hohe schimmernde Frau

Zur Nacht hatt ich einen Traum:
Eine hohe, schimmernde Frau
in goldenem Peplum,
das Strahlendiadem
auf rötlichen Locken,
nahte sich meinem Lager.
Sie hob meine Lider,
Sah mir in die Augen,
tief, tief!
Dann strich sie mir übers Herz,
flüsterte: »Armes Kind!«
und verschwand. - -

Sappho, warst du's?
Kamst du herüber
vom levkischen Felsen,
den mir die Morgensonne umstrahlt,
von dem du den Todessprung wagtest,
um der Liebe willen!
Sappho - warst du's?

Aus: Hermione von Preuschen Kreuz des Südens.
Gedichte. Berlin Continent, o. J. [1907] (S. 28)
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