Rainer Maria Rilke (1875-1926) - Liebesgedichte

Rainer Maria Rilke

 

Rainer Maria Rilke
(1875-1926)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

Bei dir ist es traut:
Zage Uhren schlagen
wie aus weiten Tagen.
Komm mir ein Liebes sagen -
aber nur nicht laut.

Ein Tor geht irgendwo
draußen im Blütentreiben.
Der Abend horcht an den Scheiben.
Laß uns leise bleiben:
Keiner weiß uns so.
(Band 1 S. 124-125)
_____
 


Bist du so müd? Ich will dich leise leiten
aus diesem Lärm, der längst auch mich verdroß.
Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten.
Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten,
harrt schon der Abend wie ein helles Schloß.

Komm du mit mir. Es solls kein Morgen wissen,
und deiner Schönheit lauscht kein Licht im Haus ...
Dein Duft geht wie ein Frühling durch die Kissen:
Der Tag hat alle Träume mir zerrissen, -
du, winde wieder einen Kranz daraus.
(Band 1 S. 127-128)
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Da steh ich und muß denken und muß sinnen,
so wie ein Träumender verloren sinnt.
Mein ganzes Herze konntest du gewinnen,
in einem Augenblick, geliebtes Kind,
und um mein Sein die leichten Fäden spinnen,
die zart und weich, doch unzerreißbar sind.
In meinem Busen glüht ein wonnig Minnen,
und längst erwachten schon so sanft und lind
des Herzens süße - zartgehegte Triebe
im goldnen Morgenstrahl der jungen Liebe.
(Band 3 S. 34-35)
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Die Liebende

Das ist mein Fenster. Eben
bin ich so sanft erwacht.
Ich dachte, ich würde schweben.
Bis wohin reicht mein Leben,
und wo beginnt die Nacht?

Ich könnte meinen, alles
wäre noch Ich ringsum;
durchsichtig wie eines Kristalles
Tiefe, verdunkelt, stumm.

Ich könnte auch noch die Sterne
fassen in mir; so groß
scheint mir mein Herz; so gerne
ließ es ihn wieder los

den ich vielleicht zu lieben,
vielleicht zu halten begann.
Fremd, wie niebeschrieben
sieht mich mein Schicksal an.

Was bin ich unter diese
Unendlichkeit gelegt,
duftend wie eine Wiese,
hin und her bewegt,

rufend zugleich und bange,
daß einer den Ruf vernimmt,
und zum Untergange
in einem Andern bestimmt.
(Band 1 S. 621-622)
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Das Land ist licht und dunkel ist die Laube,
und du sprichst leise und ein Wunder naht.
Und jedes deiner Worte stellt mein Glaube
als Betbild auf an meinen stillen Pfad.

Ich liebe dich. Du liegst im Gartenstuhle,
und deine Hände schlafen weiß im Schooß.
Mein Leben ruht wie eine Silberspule
in ihrer Macht. Lös meinen Faden los.
(Band 3 S. 177)
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Deine Stube mit den kühlen
Rosen in den vielen Vasen,
drinnen wir in tiefen Stühlen
lehnten, leise Lieder lasen -
und mein Auge sehnte zag:

ist die einsame Kapelle,
welche Zuflucht mir bedeutet;
warten will ich an der Schwelle,
bis mir deine Stimme läutet
meinen Lebensfeiertag.
(Band 3 S. 178)
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Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten
aus deinem Haar vergeßnen Sonnenschein.
Schau, ich will nichts, als deine Hände halten
und still und gut und voller Frieden sein.

Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben
den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit:
An ihren morgenroten Molen sterben
die ersten Wellen der Unendlichkeit.
(Band 1 S. 125)
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Du bist, als ob du segnen müßtest
wen die Madonnen längst vergaßen;
und oft, im Sommer, wenn du wüßtest:
da kamst du von den Abendstraßen
so klar, als ob du Kinder küßtest,
die traurig wo am Saume saßen.

Und jeder Rhythmus, der verschwiegen
aus stillen Wiesen aufgestiegen,
schien innig sich dir anzuschmiegen,
bis alles Winken, alles Wiegen
nur in dir war und nirgends mehr.
Und mir geschah: die Welt verginge -
und das Vermächtnis aller Dinge,
ihr letztes Lied, bringst du mir her ...
(Band 3 S. 615-616)
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An die Geliebte

Du kommst mir hoch vom Hang entgegen
im Feierkleid, im weißen Kleid;
sein wellenweiches Faltenlegen
rauscht in die Aveeinsamkeit.

Ein Grüßen blüht auf deinem Munde,
ein Winken weht von deiner Hand,
und durch des Abends rote Stunde
führst du das Glück ins kühle Land...
(Band 3 S. 555)
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Du meine Hohe, weise
mich weiter auf deiner Bahn;
komm und tu mir leise
Wunder um Wunder an.

Ich habe viel gelitten,
vieles starb und brach, -
jetzt geh ich mit blinden Schritten
deinem Leben nach.

Sehr alte Schmerzen rücken
zurück in ein Verzeihn,
mir baun sich goldne Brücken
zu deinem Gütigsein.
(Band 3 S. 173)
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Du, Hände, welche immer geben,
die müssen blühn von fremdem Glück.
Zart wie ein zages Birkenbeben
bleibt von dem gebenden Erleben
ein Rhythmenzittern drin zurück.

Das sind die Hände mit den schmalen
Gelenken, die sich leise mühn;
und wüßten die von Kathedralen,
sie müßten sich in Wundenmalen
vor allem Volke heiligblühn.
(Band 1 S. 125-126)
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Ein Händeineinanderlegen,
ein langer Kuß auf kühlen Mund,
und dann: auf schimmerweißen Wegen
durchwandern wir den Wiesengrund.

Durch leisen, weißen Blütenregen
schickt uns der Tag den ersten Kuß, -
mir ist: wir wandeln Gott entgegen,
der durchs Gebreite kommen muß.
(Band 1 S. 129)
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Schlaflied

Einmal wenn ich dich verlier,
wirst du schlafen können, ohne
daß ich wie eine Lindenkrone
mich verflüstre über dir?

Ohne daß ich hier wache und
Worte, beinah wie Augenlider,
auf deine Brüste, auf deine Glieder
niederlege, auf deinen Mund.

Ohne daß ich dich verschließ
und dich allein mit Deinem lasse
wie einen Garten mit einer Masse
von Melissen und Stern-Anis.
(Band 1 S. 631)
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Es ist ja Frühling. Und der Garten glänzt
vor lauter Licht.
Die Zweige zittern zwar
in tiefer Luft, die Stille selber spricht,
und unser Garten ist wie ein Altar.

Der Abend atmet wie ein Angesicht,
und seine Lieblingswinde liegen dicht
wie deine Hände mir im Haar:
ich bin bekränzt.
Du aber siehst es nicht.
Und da sind alle Feste nicht mehr wahr.
(Band 3 S. 196-197)
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Gesehn, gehofft, gefunden

Gesehn, gehofft, gefunden,
gestanden und geliebt -
drauf eine Zahl von Stunden
durch keinen Schmerz getrübt.

Gequält, getrennt, geschieden
durch feindliches Bemühn -
dahin der Seele Frieden,
die süße Ruh dahin ....

Sich liebend treu geblieben,
geklagt, gesehnt, geweint
und dann, im bessern Drüben
auf ewig doch vereint.
(Band 3 S. 33)
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Zum Fest

Heut sind wir endlich allein, und von Gästen
droht uns ganz sicher heut keine Gefahr.
Schmück dich, mein Kind, zu der Liebe Festen,
rote Rosen stehn dir am besten,
rote Rosen steck dir ins Haar.

Und das Kleid nimm aus Großmutters Tagen,
mit den Ärmeln luftig gepufft.
Einmal kamst du mirs selber sagen:
Großmutter hats bei der Hochzeit getragen. -
Und in den Falten liegt noch der Duft.
(Band 3 S. 445)
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Stimmungsbilder

Hoch dort am Berge saß ich
im letzten Abendstrahl,
und doch zu schaun vergaß ich
das ausgespannte Tal.

Sah nicht die schattgen Wälder
im rötlich hellen Glanz,
sah nicht der reichen Felder
so farbenreichen Kranz

und Haine, frischbelaubte,
nicht sah ich Flur und Au -
sah nicht ob meinem Haupte
den Himmel duftig blau,

denn aus zwei Augen winkte
ein Himmel mir - so süß .....
aus diesem Himmel blinkte
das wahre Paradies.
(Band 3 S. 26)
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Die Stille

Hörst du, Geliebte, ich hebe die Hände -
hörst du: es rauscht...
Welche Gebärde der Einsamen fände
sich nicht von vielen Dingen belauscht?
Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider,
und auch das ist Geräusch bis zu dir.
Hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder ...
... aber warum bist du nicht hier.

Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung
bleibt in der seidenen Stille sichtbar;
unvernichtbar drückt die geringste Erregung
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein.
Auf meinen Atemzügen heben und senken
die Sterne sich.
Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke,
und ich erkenne die Handgelenke
entfernter Engel.
Nur die ich denke: Dich
seh ich nicht.
(Band 1 S. 379)
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Ich bin so still, du Traute,
und immer schweigen wir.
Du bist eine schlanke Laute,
der Frühling spielt auf dir.

Drum bin ich so still, du Ziere,
weil oft mir Angst geschieht,
daß ich einen Laut verliere
aus deinem lieben Lied.
(Band 3 S. 184)
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Ich geh dir nach, wie aus der dumpfen Zelle
ein Halbgeheilter schreitet: in der Helle
mit hellen Händen winkt ihm der Jasmin.
Ein Atemholen hebt ihn von der Schwelle, -
er tastet vorwärts: Welle schlägt um Welle
der großbewegte Frühling über ihn.

Ich geh dir nach in tiefem Dirvertrauen.
Ich weiß deine Gestalt durch diese Auen
vor meinen ausgestreckten Händen gehn.
Ich geh dir nach, wie aus des Fiebers Grauen
erschreckte Kinder gehn zu lichten Frauen,
die sie besänftigen und Furcht verstehn.

Ich geh dir nach. Wohin dein Herz mich führe
frag ich nicht nach. Ich folge dir und spüre
wie alle Blumen deines Kleides Saum..
Ich geh dir nach auch durch die letzte Türe,
ich folge dir auch aus dem letzten Traum ...
(Band 3 S. 176)
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Ich lieb ein pulsierendes Leben

Ich lieb ein pulsierendes Leben,
das prickelt und schwellet und quillt,
ein ewiges Senken und Heben,
ein Sehnen, das niemals sich stillt.

Ein stetiges Wogen und Wagen
auf schwanker, gefährlicher Bahn,
von den Wellen des Glückes getragen
im leichten, gebrechlichen Kahn ....

Und senkt einst die Göttin die Waage,
zerreißt sie, was mild sie gewebt, -
ich schließe die Augen und sage:
Ich habe geliebt und gelebt!
(Band 3 S. 31)
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Ich möchte dir ein Liebes schenken,
das dich mir zur Vertrauten macht:
aus meinem Tag ein Deingedenken
und einen Traum aus meiner Nacht.

Mir ist, daß wir uns selig fänden
und daß du dann wie ein Geschmeid
mir löstest aus den müden Händen
die niebegehrte Zärtlichkeit.
(Band 3 S. 173)
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Dämmerstunde

Ich möchte einmal wieder lehnen
bei dir, im purpurnen Salon.
In deines Saitenspieles Sehnen
versiegt der letzte Liederton.

Ein rotes Dämmern löst die Wände.
Aus deines Kleides Seidensaum
blühn deine weißen Mädchenhände
wie Lilien im Mainachttraum.

Und deine Augen sind wie Sterne,
die überm Waldsee blinken blank,
drin eine blaue, märchenferne,
selige Wunderzeit versank.
(Band 3 S. 446)
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Ich möchte Purpurstreifen spannen
und möchte füllen bis zum Rand
mit Balsamöl aus Onyxkannen
die Blumenlampen, die entbrannt
im Mittag flammen, und verbrennen
bis wir uns mit dem Namen nennen,
der Sterne ruft und Tage bricht;
die Täler taun, die Winde fallen
den Dingen in den Schooß und allen
ist bang nach deinem Angesicht.
(Band 3 S. 174)
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Ich mußte denken unverwandt,
wie ich einst zwischen schwarzen Pinien
den tiefen Frühling sinnen fand,
als ich vor deiner Schönheit stand,
und durch der Scheitel dunkle Linien
dein Antlitz träumte wie ein Land.

Es schlich von deiner Lippen Saum
ein Lächeln auf verlornem Pfade -
ganz leis. Die andern merktens kaum.
So weht ein Blatt vom Blütenbaum:
nur Einer schaut die Frühlingsgnade,
und der sie schaut, ist wie im Traum.
(Band 1 S. 123)
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Ich weiß ein graues Schloß am See,
drin tiefe Gänge führen.
Mir ist, an allen Türen
muß ich, du meine ferne Fee,
dein Faltenrauschen spüren.
Im grauen Schloß am See.

Ich weiß ein graues Schloß am See
und einen leisen Garten.
Mir ist, daß hinter zarten
Oliven ich dein Winken seh,
und ich will einsam warten
im grauen Schloß am See.
(Band 3 S. 561)
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Mein Herz
(In Musik gesetzt von Ed. Joh. Hübner)

Ich weiß nicht, was ich habe,
mir ist ums Herz so schwer.....
Ums Herze? Ach was sag ich -
ich hab doch keines mehr.
Seit ich, mein Glück, dich kenne,
du süßes Liebchen mein,
vom ersten Augenblicke
an wars ja doch schon dein.
O mögst du es behalten,
damit es stets so blieb -
es soll ja dir gehören,
nur dir, mein süßes Lieb!
Giebs nie mehr mir zurücke -
es schlägt dir ja in Treu -
und willst du's nicht mehr haben
mein Schatz, dann brichs entzwei.
(Band 3 S. 15)
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Komm, schönes Kind

Komm du, mein schönes Kind,
laß dich umfangen,
nur einen Kuß geschwind,
still' mein Verlangen!
Zauderst du immer noch
mir ihn zu geben?...
's ist keine Sünde doch,
lieben ist leben!
Frag nicht, was morgen ist,
nütze die Stunden,
denke, die kurze Frist
ist rasch entschwunden.
Schön ist der Augenblick,
möcht gern ihn bannen,
doch sieh das falsche Glück
flieht rasch von dannen.
Uns winkt jetzt noch der Mai
mit frohen Reigen -
Ob ich dir ewig treu ...
das wird sich zeigen!
Forsch' nicht mit Sorg und Qual,
ob es so bliebe,
sagt ich doch tausendmal,
daß ich dich liebe.
Laß nicht vorüberziehn
den Traum, den süßen,
so lang die Rosen glühn
kannst du genießen!
(Band 3 S. 25)
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Leise hör ich dich rufen
in jedem Flüstern und Wehn.
Auf lauter weißen Stufen,
die meine Wünsche sich schufen,
hör ich dein Zu-mir-gehn.

Jetzt weißt du von dem Gefährten,
und daß er dich liebt ... das macht:
es blühen in seinen Gärten
die lang vom Licht gekehrten
Blüten, blühn über Nacht ...
(Band 3 S. 177)
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Leise ruft der Buchenwald.
Winkt mit seinen jungen Zweigen
weit hinaus ins Wiesenschweigen.

Kommt mein blonder Liebling bald
mir die tiefen Wege zeigen,
wo die Lichter wie Elfen reigen?

Kommt mein blonder Liebling bald?

Grüßend wird meine Seele sich neigen.
Meine Seele ist maieneigen
wie der rufende Buchenwald.
(Band 3 S. 175)
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Liebe auch läßt sich den Wellen vergleichen,
Sehnsucht wälzt ihre Wogen zum Ziele,
flüchtendes Nahen, nahendes Weichen,
heiligster Ernst und doch schönstes der Spiele.

Dieses Erkämpfen mit Raunen und Rosen
schon mit der Venus den Wellen entstiegs,
süß vom verstohlenen Augenkosen
bis zu dem Kusse, dem Siegel des Siegs.

Ich will dirs erzählen:
Der Kuß ist ein Lied,
ein wortloses Lied;
ein Kuß - der geschieht!
Es löst das Solo zweier Seelen
in vollen Mollakkorden sich:
Küsse mich ........
Küsse mich - wie das süß -
Küsse mich, Kind, auf den Mund ...
Ja so ein Kuß verrät das und dies ...
Küsse die Lippen mir wund ...

Küsse mich lange, minutenlang,
küsse die Wangen mir rot.
Jetzt bin ich doch schon vor Liebe krank -
küß mich zu Tod ...

Liebe - leuchtende Liebe spannte
weit ihren Flug an des Weltalls Rand, -
Jeder durchwandert sein eigener Dante
Himmel und Hölle an ihrer Hand.

Jeder der weiß wie sie himmlisch oft nahte,
hell in den Augen ein süßes Gebot,
denkt auch das schreckliche >Lasciate<,
das sie am Tore der Hölle gedroht. -

Nicht eine Hölle voll Schwefelgeschwele
harrt meines Todes mit Schrecken und Pein -
Eine Hölle wärs meiner fiebernden Seele,
jemals von dir vergessen zu sein ...
(Band 3 S. 538-539)
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Sehnsuchtsgedanken

I.
Mächtig zieht ein Frühlingssehnen
durch das traumestrunkne Tal -
wenn des Mondes milder Strahl
glitzert in des Taues Tränen ....

Unweit - dort im Laubengange -
lispelt leis ein Frühlingshauch,
so daß eine Träne auch
perlet über meine Wange.

Mächtig zieht ein Frühlingssehnen
durch mein Herz mit einem Mal -
wenn des Mondes milder Strahl
glitzert in des Taues Tränen.


II.
Wenn oft der Tag, der hastig wilde,
die Sehnsucht in mein Herz verdrängt,
sobald die Nacht, barmherzig milde,
die Schatten auf mein Auge senkt,

läßt sie sich nimmermehr bezwingen,
wie lang sie auch verborgen blieb,
dann schwebt sie auf den Ätherschwingen
zu dir, mein fernes, schönes Lieb...

Und um den Weg nicht zu verfehlen,
dorthin, wo Liebchens Fenster liegt,
weiß sie ein Vöglein zu beseelen,
das spät zum Neste heimwärts fliegt.

Die Sehnsucht lenkt der Flügel Gleiten,
sie weiß mit Vorbedacht zum Schluß
das liebe Vöglein so zu leiten,
daß es am Fenster rasten muß.

Dort muß es eine Weile bleiben,
ehs weiter fortsetzt seine Bahn;
auch pocht es manchmal an die Scheiben
mit seinem Schnabel leise an.

Du aber schläfst. - Doch will ich schwören,
wärst du noch wach im Kämmerlein,
du hättests oft schon pochen hören!
Und siehst du's mal - so laß es ein!


III.
Ich seh so gern im Lichtgewand
dort in der blauen Ätherferne
allnächtig wandeln stille Sterne,
ich fühle ihnen mich verwandt.

Sie warens, die in frühster Zeit
schon tief in meine Seele schauten,
sie waren balde die Vertrauten
für meine Lust und für mein Leid.

Es ist - wie könnt es anders sein -
mein ganzes Herze ihnen offen,
und ihnen möcht ich all mein Hoffen
aus in die stillen Lüfte streun.

Dies Hoffen säh ich dann so gern
leicht durch der Nächte heilig Schweigen
empor zum Licht der Sterne steigen
und droben schweben - auch als Stern ...


IV.
Kannst du mir sagen, wo das Eiland liegt,
das mir so oft, wenn mich ein Traum gewiegt,
in meiner Kindheit Tagen schon erschien? -
Kannst du es nicht? An seinem Strande blühn
viel reiche Blumen auf im Sternenlicht,
kannst du es nicht? -

Kannst du mir sagen, wo das Eiland liegt,
an dessen Küsten sich gefügig schmiegt
mit feuchten Armen die kristallne See?
Kannst du es nicht? - wo dann nach allem Weh
sich um die Stirn ein kühler Lorbeer flicht,
kannst du es nicht?

Kannst du es nicht? -
Wo Liebe dir aus allen Quellen sprüht,
und wo ihr Hauch durch alle Wipfel zieht,
und ihre Glut in jeder Blume glüht,
ein rauher Winter nie den Lenz besiegt,
kannst du mir sagen, wo das Eiland liegt? -


V.
Mein Herz macht Sehnsucht hämmern.
Was ist doch Sehnsucht? Sag!
Ein Morgennebeldämmern
am Liebeslenzestag.

Denn ist er dann vergangen
der Nebel, der die Au
bedrückt, bleibt auf den Wangen
der Blumen heller Tau.

Und mildert sich das Sehnen,
bleibt in des Menschen Blick
wohl auch der Tau der Tränen
noch lange oft zurück.


VI.
Ich weiß, daß es erst stille werde,
das Sehnen, das mein Herz bedrängt,
wenn allbarmherzig einst die Erde
mit kühlen Armen mich umfängt.

Ganz stille glaubst du? Wirklich stille?
Verstummt, verhallt für alle Zeit? -
Auch wenn der Lenz die Blütenfülle
auf deines Grabes Hügel streut?

Auch wenn dann wohl ein Taubenpärchen
im Laub die ersten Küsse tauscht,
auch wenn der Lenzhauch seine Märchen
erzählt, die du so gern erlauscht,

wenn er in seiner alten Weise
leicht lispelnd durch die Zweige streicht? - -
Vielleicht, daß ein Erinnern leise
bis in mein Grab dann dringt - vielleicht..


VII.
Dorthin mein Sehnen flieht
da wo du bist,
wenn sich von Tränen müd
mein Auge schließt.

Dann ist, als lösten sich
die Leiden schwer,
als kämst zu trösten mich
du zu mir her.

Aber noch kaum gestillt
Sehnsucht mir schien,
flieht schon dein Traumgebild,
muß es denn fliehn?
(Band 3 S. 76-80)
_____

 

Mein Leben ist wie leise See:
Wohnt in den Uferhäusern das Weh,
wagt sich nicht aus den Höfen.
Nur manchmal zittert ein Nahn und Fliehn:
aufgestörte Wünsche ziehn
darüber wie silberne Möven.

Und dann ist alles wieder still. . .
Und weißt du was mein Leben will,
hast du es schon verstanden?
Wie eine Welle im Morgenmeer
will es, rauschend und muschelschwer,
an deiner Seele landen.
(Band 3 S. 174-175)
_____

 

Mir ist, als ob ich alles Licht verlöre.
Der Abend naht und heimlich wird das Haus;
ich breite einsam beide Arme aus,
und keiner sagt mir, wo ich hingehöre.

Wozu hab ich am Tage alle Pracht
gesammelt in den Gärten und den Gassen,
kann ich dir zeigen nicht in meiner Nacht,
wie mich der neue Reichtum größer macht
und wie mir alle Kronen passen?
(Band 3 S. 196)
_____

 

Ich liebe!

Nun mag die Welt in ihren Festen beben,
entfesselt wüten mag das Element; -
denn eine neue Ära tritt ins Leben,
die keinen Haß und keinen Streit mehr kennt!
Durch meine Seele ziehts mit Zauberweben
o! wie's im Herzen glückverheißend brennt!
Die Pulse fliegen mir, die Lippen beben,
ich fühls, das ist es, was sich >Liebe< nennt!
Und möge alles rings in nichts versinken,
ich lebe und der Liebe Sterne winken!
(Band 3 S. 34)
_____
 


O! Könnt ich, was ich fühle, könnt ichs sagen! -
Doch keine Sprach' ist mir dazu verliehn,
auf zu den Sternen scheint es mich zu tragen,
die dort in dunkler Ferne leuchtend ziehn,
ja, immer höher führt ein Feuerwagen
mich in das Reich der schönsten Phantasien,
und dieses Herze fühl ich höher schlagen,
und diese Wangen fühl ich wärmer glühn!
Des Kummers Wolken seh ich leicht entschweben
und neue Glut entfacht mir neues Leben!
(Band 3 S. 34)
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Ob auch die Stunden uns wieder entfernen:
wir sind immer beisammen im Traum
wie unter einem aufblühenden Baum.
Wir werden die Worte, die laut sind, verlernen
und von uns reden wie Sterne von Sternen, -
alle lauten Worte verlernen:
wie unter einem aufblühenden Baum.
(Band 3 S. 174)
_____

 

Purpurrote Rosen binden
möcht ich mir für meinen Tisch
und, verloren unter Linden,
irgendwo ein Mädchen finden,
klug und blond und träumerisch.

Möchte seine Hände fassen,
möchte knieen vor dem Kind
und den Mund, den sehnsuchtblassen,
mir von Lippen küssen lassen,
die der Frühling selber sind.
(Band 1 S. 128-129)
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Wenn die Nacht sinkt...

Rings lag schon die Nacht so barmherzig und mild,
des Tages Getön war verklungen:
wir gingen selbander durchs weite Gefild
und hielten uns selig umschlungen.
Da war es durchs Herze so jauchzend und wild
und doch so besel'gend gedrungen ....
Doch nun - längst entschwunden das liebliche Bild, -
die Saite, die volle, zersprungen .....

Doch immer noch steht es mit himmlischer Macht
in hoffender Brust mir geschrieben;
das Feuer wird mächtig aufs neue entfacht,
vom Sturme der Weihe getrieben.
Und wenn - so wie damals - die liebliche Nacht
sich senkt von den Bergen dort drüben,
da glänzet im Aug eine Träne mir sacht
und ich träume - vom Lieben, vom Lieben!
(Band 3 S. 30)
_____

 

Die Braut

Ruf mich, Geliebter, ruf mich laut!
Laß deine Braut nicht so lange am Fenster stehn.
In den alten Platanenalleen
wacht der Abend nicht mehr:
sie sind leer.

Und kommst du mich nicht in das nächtliche Haus
mit deiner Stimme verschließen,
so muß ich mich aus meinen Händen hinaus
in die Gärten des Dunkelblaus
ergießen ...
(Band 1 S. 378)
_____

 

Sei du mir Omen und Orakel
und führ mein Leben an zum Fest,
wenn meine Seele, matt vom Makel
die Flügel wieder fallen läßt.

Gieb mir das Niebeseßne wieder:
das Glück der Tat, das Recht zu Ruhn, -
mit einem Wiegen deiner Glieder,
mit einem Blick für meine Lieder,
mit einem Grüßen kannst du's tun.
(Band 3 S. 181)
_____

 

Lieder der Sehnsucht
(Gedichtkreis für Lou Andreas-Salome)

Die Sehnsucht singt:
I.
Seit deinem ersten Leiden
geh ich mit dir, - und schau:
Kannst du mich unterscheiden?
Heute träumt uns beiden:
Ich bin eine einsame Frau.

Du darfst mich noch nicht erkennen.
Ich bin - die Sehnsucht, nicht wahr?
Einmal wirst du mich nennen,
leg mir dann leise das Brennen
heiliger Rosen ins Haar.

Schon kannst du heimlich winden
den Kranz, zu krönen mein Haupt.
Leise wirst du entblinden,
wenn er gelang, und mich finden
schön, -wie du mich geglaubt.


II.
Sahst du schon je nach meinem Kleide,
vernahmst du meiner Stimme Ton?
Der Frühling kommt. Wir wandern beide,
und alle Lüfte sind wie Seide,
und alle Wiesen warten schon.

Führ mich die weiten, weißen Wege
Vielleicht, daß ich in süßer Angst
dir einst im heimlichsten Gehege
die Hände auf die Stirne lege,
nach denen du in Träumen langst.


III.
Du darfst mir nicht ins Auge sehn,
du weißt nicht, wer ich bin, -
und durch den Felderfrühling gehn
wir doch zusammen hin.

Vielleicht enthüllt mein Auge sich.
Wir wandern weit zu zwein.
Führst du mich oder führ ich dich
ins Hirtental hinein?


IV.
- - -:Du fragst mich oft: Wirst du noch lange
gehn neben mir so fremd und blaß.

Bis es mich weckt mit Zauberzwange,
vielleicht ein Lied mit seinem Klange,
vielleicht ein Schaun ins Maigeprange,
ein kleines leises Irgendwas.

Ein Abend an dem Sommerweiher,
ein Insellanden irgendwo:
Dann lös ich meine leisen Schleier
und meine Augen grüßen freier
zu dir. - Bis zu der fernen Feier
führ mich den Weg und frag nicht so.


V.
Die Sehnsucht singt:
Ich bin dir wie ein Vorbereiten
und lächle leise, wenn du irrst;
ich weiß, daß du aus Einsamkeiten
dem großen Glück entgegenschreiten
und meine Hände finden wirst.

Ich geh mit dir durch alle Prose
und lehre ratend dich verstehn
die tiefen Werte aller Lose.
Das ist: in jeder kleinen Rose
den großen Frühling werden sehn.

***

Fand auf fernentlegnen
Wegen Rosen. Mit dem Reis,
das ich kaum zu halten weiß,
möcht ich dir begegnen.

Wie mit heimatlosen
blassen Kindern such ich dich, -
und du wärest mütterlich
meinen armen Rosen.
(Band 3 S. 570-572)
_____
 

 

So milde wie Erinnerung
duften im Zimmer die Mimosen.
Doch unser Glaube steht in Rosen,
und unser großes Glück ist jung.

Sind wir denn schon vom Glück umglänzt?
Nein, uns gehört erst dieses Rufen,
dies Stillestehn auf weißen Stufen,
an die der tiefe Tempel grenzt.

Das Warten an dem Rand des Heut.
Bis uns der Gott der reifen Keime
aus seinem hohen Säulenheime
die Rosen, rot, entgegenstreut.
(Band 3 S. 184-185)
_____

 

Lautenlieder

I.
Tönet zu der Trauten wieder,
liebeslichte Lautenlieder,
tönet, tönet durch die Nacht.
Von ihr mögt ihr Trübes drängen,
daß sie dann bei Liebesklängen
aus dem schönsten Traum erwacht.

Nur mit sanften Schwingenschlägen
sollt ihr euer Klingen legen
nahe an ihr schlafend Ohr;
denn es darf nichts Trübes düstern
ihren Traum, und Liebesflüstern
traget leis zu ihr empor.

Senkt euch wie der Falter lose,
der nicht mit Gewalt der Rose,
die ihn lockt, entgegenstreckt
seine frisch betauten Fühler,
senkt euch, daß der Lautenspieler
seine Rose nicht erschreckt.


II.
Wie ich so gerne wüßt,
wenn du mir ferne bist,
ob du auch mein gedenkst,
teueres Lieb? -
Ob von der reinen Lust
wohl auch in deiner Brust
süßes Erinnern des
Glückes verblieb? -

Faßt dich ein Sehnen rauh,
das dann der Tränentau,
wenn auch nicht stillen ganz,
lindern doch kann, -
wenn du der Zeit gedacht,
die uns viel Leid gebracht,
weil sie die Trennung, die
böse, ersann?

Dann denk: die Liebe wacht,
denk, daß der Liebe Macht,
die unser Hort mit Recht
ewig doch ist,
leicht auch die Zeit betört,
daß sie bereit gewährt
und auf die Trennung, die
böse, vergißt.


III.
Ich bin von dir so ferne
und sehn mich nach dir hin.
Mich hören nur die Sterne,
die stille droben ziehn.
Und was ich dir verhehle,
verborgen kanns nicht sein
für sie, denn in die Seele
schaun sie mir tief hinein.

Dort lesen sie mein Sehnen,
dort klärt ihr lichter Strahl
den Grund für meine Tränen,
den Grund für meine Qual, -
und manchen Wunsch, der gerne
den Lippen möcht entfliehn. -
Mich hören nur die Sterne,
die stille droben ziehn.


IV.
Das Auge feucht von Tränen
seh ich hinab ins Tal,
die Seele voller Sehnen,
das Herze voller Qual.
Du bist mir ja, du Traute,
du bist mir ja so weit,
so greif ich denn zur Laute
und klage ihr mein Leid.
Ein Vöglein lauscht der Weise
von einem Zweige her,
dann senkts das Köpfchen leise,
als ob ihm traurig wär.
Und plötzlich spannts die Flügel ...
Im Augenblicke schon
ists über Tal und Hügel
und meinem Blick entflohn...
Ich seh die Bergeslehnen
erglühn im Abendstrahl,
die Seele voller Sehnen,
das Herze voller Qual.


V.
Rings überall im weiten Tal
verbreitet sich ein heilger Friede,
die Blumen nicken abendmüde
und träumen wohl vom Sonnenstrahl,
der ihnen Lenzeslust gesandt ...
Ich steh an des Altanes Rande
und schaue sinnend in die Lande,
die liebe Laute in der Hand.
Ich träume auch vom Sonnenstrahl,
der einstens reiches Glück mir zollte -
O wenn er mir noch scheinen wollte
ein einzig Mal - ein einzig Mal! ...


VI.
Wenn ihr einst mich in die traute
Heimaterde senkt hinab,
Freunde, gebt mir meine Laute
als mein einzig Gut aufs Grab.
Zwischen Rosen legt sie nieder,
daß sie ruhig rasten kann,
wenn auch alle ihre Lieder
in den Saiten schlummern dann.
Wenn mir selber dann auch ihren
Klang zu leiten nicht mehr frommt,
wird der Wind die Saiten rühren,
immer - wenn der Frühling kommt.
(Band 3 S. 62-66)
_____

 

.... Und dein Haar, das niederglitt,
nimm es doch dem fremden Winde, -
an die nahe Birke binde
einen kußlang uns damit.

Dann: zu unseren Gelenken
wird kein eigner Wille gehn.
Das, wovon die Zweige schwenken
das, woran die Wälder denken
wird uns auf und nieder wehn.

Näher an das Absichtslose
sehnen wir uns menschlich hin;
laß uns lernen von der Rose
was du bist und was ich bin ...
(Band 3 S. 602)
_____

 

Und du warst schön. In deinem Auge schien
sich Nacht und Sonne sieghaft zu versöhnen.
Und Hoheit hüllte wie ein Hermelin
dich ein: So kam dich meine Liebe krönen
Und meine nächteblasse Sehnsucht stand,
weißbindig wie der Vesta Priesterin,
an deines Seelentempels Säulenrand
und streute lächelnd weiße Blüten hin.
(Band 1 S. 131)
_____

 

Verstehst du, was die Bäume säuseln
dort droben in der Wipfel Höh?
Verstehst du, wenn die Wellen kräuseln,
was dir verkündet wild der See?

Verstehst du auch der Vöglein Weise
am Lenzesmorgen - zart und traut,
verstehst du, was der Quell dir leise
mit seinem Murmeln anvertraut?

Verstehst du auch den Strahl der Sonne,
bricht er durch Wolken grau und trüb? -
Er ist ein Gruß - ein Gruß voll Wonne,
ein süßer Gruß - vom fernen Lieb!
(Band 3 S. 27)
_____

 

Was hilft es denn, daß ich dir aufbewahre
aus meinem Wandern manches Wunderbare,
das ich empfing, und das mir fremd entglitt -
ich will nicht, daß ich Rosen für dich spare,
ich will sie jung in deinem jungen Haare,
und wenn ich wieder in den Frühling fahre:
dann mußt du mit.

So viele Villen weiß ich jetzt, in denen
kein fremder Fuß die große Stille stört,
so viele Gärten, die sich sonnig sehnen,
mit Abenden, Terrassen und Fontänen,
und manche warme Nacht an Arnolehnen,
die bange ist, weil sie nicht uns gehört.
(Band 3 S. 197)
_____
 

 

Weisst du, ich will mich schleichen
leise aus lautem Kreis,
wenn ich erst die bleichen
Sterne über den Eichen
blühen weiß.

Wege will ich erkiesen,
die selten wer betritt
in blassen Abendwiesen -
und keinen Traum, als diesen:
Du gehst mit.
(Band 1 S. 124)
_____

 

Das Paradies

Wenn nach seinem Sündenfalle
aus der Wonne Paradies,
daß der Mensch in Sorgen walle,
zürnend ihn ein Gott verstieß -

Wenn er ihn zum Leid erkoren
und zu Sorgen und Gefahr,
wenn der Menschheit das verloren,
was ihr einstens Segnung war,

so, daß will zurück er kehren
zu dem Paradies, daß ihm
muß den Eintritt streng verwehren
mit dem Schwert ein Cherubim, -

wenn ans Erdenlos gebunden
alle sind - ich ganz allein
hab den Weg zurück gefunden,
und das Paradies ist mein!

Ohne Trug! Denn nicht genügt es
mir als Bild der Phantasie,
nein in deinen Augen liegt es
wunderlieblich, Valerie!

Nein auf deinen Lippen glüht es,
wonnig herrlich unentweiht,
und durch meine Seele zieht es
nun mit Himmelsseligkeit.

Es ist mein mit seinen Wonnen,
mein mit seinem ganzen Glück,
und der Glanz der Erdensonnen
blendet nicht mehr meinen Blick.

Er erhebt sich frei mit Klarheit
zu dem deinen, denn ihm fließt
jenes Licht, das reine Wahrheit,
jenes Licht, des Leben ist.

Er entschwebt dem Erdenballe
wonnetrunken - und du rufst
ihn ins Reich der Ideale,
das du liebend ihm erschufst.

Vally, du hast mir erschlossen
wahrlich ein Elysium,
wie's die Götter nie genossen
im beglückten Altertum.

Ein durchglänztes beßres Eden,
heller, schöner noch als dies,
das in gleichnisvollen Reden
der von Nazareth verhieß ...

Wenn ein Gott mich nun vertriebe,
mir mißgönnend solches Glück -
immer führte deine Liebe
mich ins Paradies zurück.
(Band 3 S. 53-55)
_____

 

Wenn zwei sich finden tief im Lenzen,
muß das ein liebes Wandern sein.
Ein jedes Wort ist ein Ergänzen,
der weite Weg hat keine Grenzen,
und tausend Tiefen hat der Hain.

Und lauter leise Lauben warten,
und lauter linde Lüfte gehn
mit Lispeln in dem birkenzarten
Geäst, weil durch den Blütengarten
die Sehnsucht irrt auf sachten Zehn .....
(Band 3 S. 564)
_____

 

Wie fühlten im Busen wirs quellen!
Wie fühlten im Herzen wirs schwellen
voll Liebe, voll Lust und Fried'!
Gern lauschten dem Quell wir, dem schnellen,
dem Murmeln der eilenden Wellen - -
es klang wie ein Liebeslied.

Doch wie nun die Sonne auch scheine,
fort wall ich verlassen und weine,
des Lebens, des Liebens müd.
Der muntere Quell nur alleine
eilt hin durch die Fluren, die Haine
und murmelt das alte Lied!
(Band 3 S. 26-27)
_____

 

Liebeslied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.
(Band 1 S. 482)
_____

 

Will dir den Frühling zeigen,
der hundert Wunder hat.
Der Frühling ist waldeigen
und kommt nicht in die Stadt.

Nur die weit aus den kalten
Gassen zu zweien gehn
und sich bei den Händen halten -
dürfen ihn einmal sehn.
(Band 1 S. 126)
_____

 

Das war im Mai....

Wir gingen selig, still selband';
die Welt so feierlich
lag vor uns da; - und Hand in Hand
wir gingen, sie und - ich.
Wir schwuren Liebe uns und Treu
mit Hoffen im Gemüt .......
Das war im schönen, goldnen Mai,
als alles rings erblüht! -

Und wieder lachte die Natur
in hellem Sonnenschein,
doch ich, ich wallte durch die Flur
verlassen und allein; .....
weil dort in stiller, heilger Weih'
ein Grab herübersieht .......
Das war im schönen, goldnen Mai,
als alles rings erblüht!
(Band 3 S. 11)
_____

 

Vorbei

Wir hatten uns erkoren,
versprochen Lieb und Treu,
wir hattens uns geschworen...
Und nun ists doch vorbei!.

Verwelkt die schönsten Triebe,
verdorret, müd und matt,
und ach, das Herz der Liebe
und auch des Lebens satt.

>Vorbei< - wie sie auch glühten
im schönen jungen Mai,
vorbei die holden Blüten -
auf immerdar vorbei! -

Erweckt euch nichts mehr wieder
mit himmlischer Gewalt,
sind all die frohen Lieder
auf ewig nun verhallt?

Und doch durchs Herze leise
mir immerfort noch zieht
die zarte, liebe Weise -
das alte schöne Lied!
(Band 3 S. 9)
_____

 

Abendgang

Wir wandeln in den Abendglanz
den weißen Weg durch - Taxusbäume,
du hast so tiefe, tiefe Träume
und windest einen weißen Kranz.

Komm, du bist müde. Kurze Rast:
Du lächelst in die heißen Fernen,
du lächelst zu den ersten Sternen,
und ich weiß, daß du Schmerzen hast.

Ich sehne mich so ... Du verstehst. -
Und dieses Sehnen wird erst enden,
wenn du mit leisen, müden Händen
die erste Wiegendecke nähst.
(Band 3 S. 445)
_____

 

Die Menschen wollens nicht verstehn!

Zwei Herzen haben sich gefunden
- die Menschen wollens nicht verstehn -
und die sich innig treu verbunden,
sie sollen auseinander gehn!

Doch mächtig einen sie die Triebe,
man trennt sie, 's ist des Schicksals Lauf,
doch in den Herzen glüht die Liebe
in Sehnsucht um so mächtger auf.

>Er< ist so bleich - sie sehns mit Bangen -
und nicht zu ändern ist sein Sinn,
es schwanden doch von >ihren< Wangen
die Rosen auch schon längst dahin!

Und eines Morgens trug man beide
- die Menschen wollens nicht verstehn -
zur Ruhe nach dem Erdenleide -
dorthin, wo still die Kreuze stehn!

Dort ruhen selig sie im Frieden
des leeren Lebens matt und müd -
>geliebt, gehofft, getrennt, geschieden<
das ist das alte, alte Lied!
(Band 3 S. 10)
_____

 

Alle Gedichte aus: Rainer Maria Rilke Sämtliche Werke.
Herausgegeben vom Rilke-Archiv.
In Verbindung mit Ruth Sieber-Rilke
Besorgt durch Ernst Zinn
Insel Verlag Frankfurt a. Main 1955


 

 


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