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Anna Ritter
(1865-1921)
Stille Zeit
Die Tage rinnen leise hin …
Ein jeder bringt ein liebes Glück
Und eine liebe Sorge mit,
Und schau ich so den Weg zurück,
Den ich mit dir gegangen bin,
Da will es mir fast bange werden
Um so viel Seligkeit auf Erden. –
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Lichtbild
Ein lichtes Wölkchen segelt noch im Blau,
Ein friedevoller, leuchtender Gedanke,
Der in dem Kampf des Tages Sieger blieb.
So wandelst du, da mir der Abend sinkt,
In deiner Jugend ew'gem Glanz vorüber
Und schaust mich lächelnd an, mein todtes Lieb.
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Sturmeswerben
Hei, wie er tobt!
Wie er die nackten,
Sehnigen Schultern
Wild an die zitternden Scheiben stemmt.
Wie er ruft,
Wie er lockt!
Auf dem Tische das Flämmchen
Huscht hin und her,
Als ob es gescheucht,
Verängstigt wär,
Und die Rose im Glase
Strömt schweren Duft
In die dumpfe,
Brütende Kammerluft.
Was willst du von mir,
Du trotz'ger Geselle?
Was schaust du mit irren,
Glühenden Augen
In meine einsame
Kammer hinein?
Dein soll ich sein,
mit dir wandern?
Wohl thät ich's gern,
Denn mein Blut ist heiß,
Doch will ich dir sagen,
Was Keiner weiß:
In Liebe bin ich
Und süßer Noth,
In Sehnsucht, Jubel.
In Lust und Tod -
Eines Andern!
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Geheimnis
Ich trag' ein glückselig Geheimnis
Mit mir herum,
Ich möchts allen Leuten vertrauen
Und bleib' doch stumm!
Ach, jubeln möcht' ich und singen,
Von früh bis spät -
Und rege nur heimlich die Lippen,
Wie zum Gebet!
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Ich will den Sturm!
Ich will den Sturm, der mit den Riesenfäusten
Vom Boden der Alltäglichkeit mich reißt
Und mich hinauf in jene Höhen schleudert,
Wo erst das Leben wahrhaft Leben heißt!
Ich will den Sturm, der mit gewaltgem Athem
Zur lichten Gluth die stillen Funken schürt
Und, alle Kräfte dieser Brust entfesselnd,
Zum Siege oder zur Vernichtung führt!
Laß mich nicht sterben, Gott, eh meine Seele
Ein einzig Mal in Siegeslust gebebt -
Ich kann nicht ruhig in der Erde schlafen,
Eh ich nicht einmal, einmal ganz gelebt!
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Vom Küssen
War ich gar so jung und dumm,
Wollte gerne wissen:
»Warum ist mein Mund so roth?"
Sprach der Mai:
"Zum Küssen."
Als der Nebel schlich durch's Land,
Hab ich fragen müssen:
"Warum ist mein Mund so blaß?"
Sprach der Herbst:
"Vom Küssen."
_____
alle
Liebesgedichte
von Anna Ritter
Gedichte aus: Befreiung Neue Gedichte von Anna Ritter
Zweite Auflage Stuttgart 1900
J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger G.m.b.H.
folgende Gedichte:
Die Tage rinnen leise hin … (Stille Zeit)
Ich trag' ein glückselig Geheimnis (Geheimnis)
Ich will den Sturm, der mit den Riesenfäusten (Ich will den Sturm!)
Aus: Gedichte von Anna Ritter
Leipzig Verlag von A. G. Liebeskind 1898
folgende Gedichte:
Ein lichtes Wölkchen segelt noch im Blau (Lichtbild)
Hei, wie er tobt! (Sturmeswerben)
War ich gar so jung und dumm (Vom Küssen)
Biographie:
Anna Nuhn ging bereits sehr jung mit ihrem Vater, einem Exporthändler,
nach New York City. 1869 kehrte sie nach Deutschland zurück und besuchte
bis 1870 in Kassel die Schule. Danach ging sie für zwei Jahre auf das
Herrnhuter Pensionat zu Montmirail in der französischen Schweiz. Sie
kehrte nach der Ausbildung nach Kassel zurück und heiratete hier 1884
den späteren Regierungsrat Rudolf Ritter.
Gemeinsam mit ihm zog sie von Kassel zuerst nach Köln, später nach
Berlin und Münster. Rudolf Ritter starb 1893 und sie zog nach
Frankenhausen in Schwarzburg-Rudolstadt. 1898 veröffentlichte sie ihre
erste Gedichtesammlung, eine weitere folgte 1900. Im gleichen Jahr wurde
sie Mitarbeiterin der Zeitschrift Die Gartenlaube, die bereits vorher
Gedichte von ihr veröffentlicht hatte. 1902 erschien ihre Novelle
Margharita und später folgte noch ein Reisetagebuch. Das wohl
bekannteste ihrer Gedichte ist Denkt euch, ich habe das Christkind
geseh'n.
Aus:
www.wikipedia.de
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Es ist das Gedicht der Gedichte, die Ode an Weihnachten. "Denkt euch,
ich habe das Christkind gesehen!" Es stammt von einer Frau, deren Vater
aus Fritzlar stammt und die in Kassel gelebt hat. Anna Ritter (1865 bis
1921) ist in aller Munde, ohne dass irgend ein Mensch von ihr redet.
Vielen Generationen von Schulkindern war das Gedicht aus dem Schulbuch
vertrauter Begleiter der Weihnachtszeit. Es wurde in der Schule
auswendig gelernt und am Heiligen Abend unter dem Tannenbaum
vorgetragen.
Anna Ritter, geb. Nuhn, kam 1865 in Coburg auf die Welt, wo die Familie
wenige Jahre lebte. Den größten Teil ihres Lebens verbrachte sie in
Kassel. Der Vater, Eduard Nuhn, von Beruf Kaufmann, wurde 1830 in
Fritzlar geboren. Er siedelte mit seiner Familie nach New York um, wo er
ein Exportgeschäft betrieb. Als die Nuhns 1869 zurückkamen, kauften sie
eine Villa auf dem Kasseler Möncheberg, auf dem Gelände des späteren
Klinikums.
Hier verbrachte Anna ihre Jugend. In Kassel besuchte sie die höhere
Töchterschule am Ständeplatz, war zwei Jahre in einem Herrenhuter
Pensionat in der französischen Schweiz, kam zurück in die Heimat und
wurde in die Kasseler Gesellschaft eingeführt.
Ihr Gedicht "Der erste Ball" knüpft an dieses Erlebnis an. Sie verlobte
sich 1881 – gerade mal 16 Jahre alt – mit dem Referendar und späteren
Regierungsrat Rudolf Ritter, den sie 1884 heiratete.
Der frühe Tod ihres Mannes traf die junge Frau und Mutter von drei
Kindern hart. Es war ein Schicksalsschlag, von dem sie sich wohl nie
erholte. Anna zog mit ihren Kindern nach Frankenhausen am Kyffhäuser.
Dort entdeckte sie auch ihre lyrische Begabung. In ihrem Gedicht "An
mein Talent" bringt sie dies selbst zum Ausdruck:
Du bist mein nachgeboren Kind!
Als einst das Glück aus meinem Leben
Hinweggezogen, hat es dich
Als letzte Freude mir gegeben.
In späteren Jahren erinnerte sie sich voll Wehmut an ihre Zeit in
Kassel: "Ich hänge mit meinem ganzen Herzen an dem Hessenland, dort habe
ich meine Kindheit verlebt, auf dem Möncheberg, hoch über dem Casseler
Thal, dort hat mich die Liebe gegrüßt und das Glück, mein erstes Kind
ist dort geboren, und der Kasseler Friedhof hütet die Gräber derer, die
mir die liebsten auf Erden gewesen sind. So bin ich Hessin dem Gefühl
nach."
Einer detektivischen Spurensuche bedarf es, um in alten Zeitschriften
und Büchern über sie zu lesen. August Bollerhey aus Wehren hat diese
Spuren in akribischer Sammlung zusammengetragen.
Als Lyrikerin hatte sie gleich nach Erscheinen ihres ersten Bandes
"Gedichte" 1898 das Interesse der Öffentlichkeit auf sich gezogen.
Ungewöhnlich erfolgreich war Anna Ritter mit ihren Gedichten, die 1918
bereits in 30. Auflage erschienen. Auch der 1900 erschienene zweite
Lyrikband "Befreiung" erfuhr Auflage über Auflage.
Anna Ritter wurde 1900 Redaktionsmitglied der "Gartenlaube" und zog
später nach Marburg, wo sie am 31. Oktober 1921 verstarb.
Von HNA-Leserin Irmhild Georg aus Metze
Aus:
http://kassellexikon.hna.de/Anna_Ritter
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