Romantischer Garten

unbekannte bzw. vergessene
deutsche Dichter und Dichterinnen des 19. Jh.s
 


Eugenie de Blaas (1843-1932)
 Der gelbe Schal



Eduard Ferrand

(1813-1842)


Waldeszauber

Wie geh' ich mit dir so gerne
Im dunkeln, flüsternden Wald -
Horch, wie das Waldhorn ferne
Verschwimmenden Tones verhallt.

Die Waldnacht ward dichter und dichter,
Umschattet mehr und mehr;
Grüngoldne verirrte Lichter
Nur zucken noch hin und her.

Hier möcht ich in's Gras mich schmiegen
Mit dir, du süßes Kind,
Und sehn der Blätter Wiegen
Im leisen Abendwind.

Und ihrem Flüstern lauschen
An deine Brust geschmiegt,
Bis uns der Wipfel Rauschen
In stillen Traum gewiegt.

Von Menschen spricht die Sage,
Ich hört' es einst als Kind,
Die bis zum jüngsten Tage
In Waldnacht verzaubert sind.

Und nimmer wollte sie lassen
Der weite, dunkele Wald,
Dort hielt sie bis zum Erblassen
Eine zauberische Gewalt.

O wären wir auf immer
Gebannt in des Waldes Schooß,
O ließ uns nimmer, nimmer
Der dunkle Zauber los.

Verschlängen sich die Zweige
Dicht hinter unserm Pfad,
Verwüchsen grün die Steige
Die unser Fuß betrat.

In stillen, süßen Träumen,
Wie gern wollt ich hier sehn
Der Blätter Welken und Keimen,
Die Jahre kommen und gehn.

Mit ihr allein, mir graute
Vor Einsamkeit nicht viel,
Die Nachtigall unsere Vertraute,
Das Reh dort unser Gespiel.

Vom wüsten Treiben ferne
Der Welt, verträumt ich hier
Dies wirre Leben so gerne
Allein, allein mit Dir.


Aus: Fünfzig Jahre Deutscher Dichtung
Mit biographisch-kritischen Einleitungen
herausgegeben von Adolf Stern
Zweite umgearbeitete und vermehrte Auflage
Leipzig Verlag von Ed. Wartig 1877 (S. 335-336)

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Einst

Wir standen vor einem Grabe,
Umweht von Fliederduft;
Still mit den Gräsern des Hügels
Spielte die Abendluft.

Da sprach sie bang und leise:
"Wenn von der Welt ich schied,
Und kaum noch Angedenken
Noch lebt in deinem Lied;

Wenn du auf weiter Erde
Verlassen und einsam bist,
Und nur im Traum der Nächte
Mein Geist dich leise küßt:

Dann komm zu meinem Grabe,
Von Flieder und Rosen umlaubt,
Und neig' auf die kühlen Gräser
Das heiße, müde Haupt.

Ein Sträußchen duftiger Blumen
Bringst du wie sonst mir mit;
Mich weckt aus tiefem Schlummer
Dein lieber, bekannter Schritt.

Dann will ich mit dir flüstern
So heimlich und vertraut
Wie damals, wo wir innig
In's Aug' uns noch geschaut.

Und wer vorüber gehet,
Der denkt: es ist der Wind,
Der durch die Blüthen des Flieders
Hinsäuselt leis' und lind.

Und wie du lebst, das Kleinste
Berichten sollst du mir,
Und ich will dir erzählen,
Was ich geträumt von dir.

Wenn dann der Abend gekommen,
Und Stern an Stern erwacht,
Dann wünschen wir uns leise
Und heimlich: gute Nacht!

Du gehst getröstet nach Hause
Im Abenddämmerschein,
Und unter meinen Blumen
Schlaf' ich still wieder ein."


Aus: Fünfzig Jahre Deutscher Dichtung
Mit biographisch-kritischen Einleitungen
herausgegeben von Adolf Stern
Zweite umgearbeitete und vermehrte Auflage
Leipzig Verlag von Ed. Wartig 1877 (S. 336)

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Waldträume

Ich weiß nicht, ein süßes Sehnen
Erwacht in meiner Brust,
Und meinen Busen dehnen
Lenzträume und Maienduft.

Mir ist, als sollt' ich träumen
Im abendsonnigen Wald,
Wenn unter schattigen Bäumen
Das Waldhorn rufend hallt.

Mir ist, als sollt' ich sinken
In's abendfeuchte Gras,
Aus Blumenkelchen trinken
Des Thaues Perlennaß;

Als sollt ich über mir schauen
Eilender Vögel Flug,
Und doch im sonnigen, blauen
Aether der Wolken Zug;

Als sollt' ich sie lächelnd fragen,
Wohin sie so eilig ziehn?
Und mich in süßem Behagen
Dehnen im weichen Grün.

Mir ist, als wären wieder
In dieser Winternacht
Die alten Träume und Lieder
Im Herzen aufgewacht.

Wie konnt' es im Busen nur bleiben
So warm und frühlingslicht,
Und eisige Flocken treiben
Mir in das heiße Gesicht.


Aus: Der neuhochdeutscher Parnaß 1740 bis 1860
Eine Grundlage zum besseren Verständnisse unserer Litteraturgeschichte
in Biographien, Charakteristiken und Beispielen unserer
vorzüglichsten Dichter
von Johannes Minckwitz
Leipzig Arnoldische Buchhandlung 1861 (S. 124)

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Die Knospe

Mein Herz ist eine Knospe,
Die still verborgen keimt,
Und in dem Sturm des Winters
Von schönren Lenzen träumt.

Mein Herz ist eine Knospe,
Durchwallt von süßem Duft:
Sie kann ja nicht erblühen
In eisig kalter Luft.

Mein Herz ist eine Knospe,
Und wenn es liebend bricht,
Entfaltet sich die Blüthe
Dem ewgen Sonnenlicht.


Aus: Der neuhochdeutscher Parnaß 1740 bis 1860
Eine Grundlage zum besseren Verständnisse unserer Litteraturgeschichte
in Biographien, Charakteristiken und Beispielen unserer
vorzüglichsten Dichter
von Johannes Minckwitz
Leipzig Arnoldische Buchhandlung 1861 (S. 124)

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