Romantischer Garten

unbekannte bzw. vergessene
deutsche Dichter und Dichterinnen des 19. Jh.s
 


Nikolaos Gyzis (1842-1901)
Psyche



Karl Emil Franzos
(1848-1904)

Warum?

Wir liebten uns einst zur Frühlingszeit -
Wie liegt das so weit!
Doch kurz und flüchtig war der Traum,
Wie Wind und Schaum -
Nur einmal ruhten wir süß und bang
Am Bergeshang
Und einmal hab' ich im Buchengrund
Geküßt Deinen Mund ...

Das ist wohl an die fünfzehn Jahr
Oder länger gar -
Hab' Dich, ich mußt' in die Ferne geh'n,
Nicht wiederseh'n.
Dann hört' ich, ruhig und ungequält,
Du seist vermählt,
Doch jetzt, urplötzlich faßt es mich
Und ich denk' an Dich ...

Warum? ... Ich sitze vom Weine heiß,
Im lauten Kreis:
Was hat mir wohl in der Winternacht
Dein Bild gebracht?
Sehnst Du vielleicht zur Stund' unser Glück
So wild zurück -
Oder bist Du, ich ahn's entsetzt,
Gestorben jetzt?! ...


Aus: Deutsche Lyriker seit 1850
Mit einer litterar-historischen Einleitung
und biographisch-kritischen Notizen
Herausgegeben von Dr. Emil Kneschke
Siebente Auflage Leipzig Verlag von Th. Knaur 1887
(S. 194-195)
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Anna

Wie sich um Trümmer grau und wild,
Noch schlingen grünende Ranken,
So zieht mir zuweilen Dein helles Bild
Noch durch die düst'ren Gedanken!
Und mußt' auch sterben und verglühn
Das Glück jener Sommertage,
Noch fühl' ich's mir im Herzen blühn
Wie süße, traute Sage!

Oft seh' ich Dich zu stiller Stund'
Wie droben unter der Linde -
Dein Auge blitzt und es lacht Dein Mund
Und Dein Goldhaar flutet im Winde ...
Bis Thränen trüben die holde Gestalt
Mir armen, träumenden Thoren,
Bis mich's ergreift mit Schmerzensgewalt,
Daß Du mir auf ewig verloren! ...


Aus: Deutsche Lyriker seit 1850
Mit einer litterar-historischen Einleitung
und biographisch-kritischen Notizen
Herausgegeben von Dr. Emil Kneschke
Siebente Auflage Leipzig Verlag von Th. Knaur 1887
(S. 195)
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In der Sommernacht

Ich träumt' von Dir - bin ich erwacht
Und schau' nun bange in die Nacht -
Der Mond scheint blaß, in der schwülen Luft
Schwimmt süßer, schwerer Blumenduft -
Durchs offne Fenster dringt er ein ...
Hat mich geweckt der Mondenschein
Oder dies Düften, süß und schwer,
Als ob's Dein Atem, Geliebte, wär?
Hast Du auch träumend mein gedacht
Und bist voll süßer Glut erwacht?
Schwimmt in den Lüften Dein wilder Kuß,
Deiner dürstenden Liebe Gruß?
Ich seh' Dich ... Du lehnst auf dem weißen Pfühl,
Deine Stirne glüht, doch die Hand ist kühl -
Du fieberst - nach mir ... blickst bebend zur Seit',
Als grüßte Dich dort aus der Dunkelheit,
Wie in schöneren Nächten, so heute auch
Mein leuchtend Aug' und mein Lispelhauch ...
Du Wilde, Du Schöne, wie gern, wie gern
Wär' ich bei Dir und bin so fern!
Mich macht die Unrast krank und matt,
Mein Lager wird zur Marterstatt -
Das heiße Kissen drück' ich an mich,
Als wärest Du's - als hätt' ich Dich! ...
Vor Deinem Fenster mit süßem Schall
Singt weich und schmachtend die Nachtigall -
Dazwischen tönt über Wald und Kluft,
Wie der wilde Falk nach Beute ruft:
Lausch' diesen Beiden, lausch' ihnen gut -
So, Liebste, ist jetzt mir zu Mut ...

Aus: Deutsche Lyriker seit 1850
Mit einer litterar-historischen Einleitung
und biographisch-kritischen Notizen
Herausgegeben von Dr. Emil Kneschke
Siebente Auflage Leipzig Verlag von Th. Knaur 1887
(S. 196)
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Grabschrift

Die hier begraben liegt - die Leidenschaft,
Sie war das heiße Fassen und Vermählen,
Das Ineinanderflammen zweier Seelen,
Die gleich an Stolz und Schmerz, an Lieb und Kraft.

Sie hatten ihren Fesseln sich entrafft,
Um müd' vom Kampf, von peinlichen Verfehlen,
Im Liebesflammenbade sich zu stählen,
Doch eines blieb und hielt sie eng in Haft:

Die Reue blieb - die Reue trennte sie -
Wer Schuld mittrinkt, will er an Lieb' sich laben,
Der wird berauscht, doch glücklich wird er nie.

O Leser, neige stumm Dein Haupt und übe
Mitleid an all dem Weh, das hier begraben! ...
Das sei das Epitaphium unsrer Liebe.

Aus: Deutsche Lyriker seit 1850
Mit einer litterar-historischen Einleitung
und biographisch-kritischen Notizen
Herausgegeben von Dr. Emil Kneschke
Siebente Auflage Leipzig Verlag von Th. Knaur 1887
(S. 197)
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Camilla

Nun hab' ich endlich dir ins Herz geschaut,
Ins arme dunkle Herz ... Als gestern wieder
Des Mondes liebes Licht herabgethaut,
Trieb's mich zu dir ... Am Gitter sank ich nieder

Und spähte stumm ... Der Springquell rauschte laut,
Eintönig sang der Nachtwind seine Lieder,
Und durch die Lorbeerbüsche grüssten traut
In mattem Glanz der Musen Marmorglieder.

Da sah ich, wie sich Eine jäh bewegte ...
Schier brach mir aus der Brust ein angstvoll Rufen,
Ich sah, wie's schmerzlich sich im Antlitz regte,

Im stolzen, marmorschönen, marmorreinen ...
Du warst's - und niedersankst du auf die Stufen,
Und durch die Nacht erklang dein leises Weinen ...


Aus: Deutsche Lyrik der Gegenwart seit 1850
Eine Anthologie mit biographischen und bibliographischen Notizen
herausgegeben von Ferdinand Avenarius
aus den Quellen Dresden Louis Ehlermann 1882 (S. 65)

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Wozu?

Als nach dir, der Stolzen, Fernen,
Sehnend einst das Herz mir schwoll,
Hei! wie da von tausend Liedern
Herz und Lippe überquoll!

Aber nun ich dich errungen,
Nun mich süßes Glück umblüht,
Küss' ich schweigend, schweig' ich küssend
Und verstummt ist mir mein Lied.

Der ich meine Schmerzen klagte,
Jauchzen meine Wonnen nicht,
Denn wozu ein Leben dichten,
Lebt man selig ein Gedicht?

Aus: Von allen Zweigen. Neuere lyrische Dichtungen
ausgewählt von Sophie Verena
Dritte Auflage Berlin Verlag von H. W. Müller 1891 (S. 121)
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