Romantischer Garten

unbekannte bzw. vergessene
deutsche Dichter und Dichterinnen des 19. Jh.s
 


Robert Henri (1865-1929)
Porträt von Fay Bainter



Viktor Blüthgen
(1844-1920)


Glücks genug

Und mögen sie seufzen und klagen,
Wie übel das Leben bestellt:
Mir lächelt mit himmlischen Tagen,
Als müßt' ich sie küssen, die Welt.
Im traurigen Erdengetriebe,
Was macht mich so fröhlich gesinnt?
Ich trage im Herzen die Liebe
Und Dich, Du goldiges Kind!

Nicht darf ich genießen und träumen;
Kaum nipp' ich vom Becher der Lust;
Das selige Dehnen und Säumen,
Das hab' ich vergessen gemußt.
Ob Last mir und Sorgen verbliebe -
Ich weiß nicht, wie quälend sie sind:
Ich trage im Herzen die Liebe
Und Dich, Du goldiges Kind!

Wohl grüßt mich mit winkendem Schweigen
Manch' blühendes Mädchengesicht;
Wohl hör' ich aus taumelnden Reigen,
Was lachend die Sünde verspricht:
Ob sich mir die Göttin verschriebe,
Sie fände mich ehern und blind -
Ich trage im Herzen die Liebe
Und Dich, Du goldiges Kind!

Und darf ich ein seliges Stündchen
Dich schauen im gastlichen Haus:
Es lockt mich Dein plauderndes Mündchen
Durch Kälte, durch Wetter und Graus.
Wie wild es der Himmel auch triebe,
Mich kältet nicht Frost und nicht Wind -
Ich trage im Herzen die Liebe
Und Dich, Du goldiges Kind!
(S. 69-70)
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Durch den Tanz der Abendschatten

Durch den Tanz der Abendschatten
Treib' ich meinen Kahn zu Lande,
Wo die weißen Wasserlilien
Wachsen an des Teiches Rande.

Aus des Schilfes grünen Netzen
Weiße Arme schüchtern blinken;
In das weiße Netz der Arme
Darf der frohe Schiffer sinken.

Worte stocken, Herzen beben,
Schmachtend senken Blick in Blick sich;
In dem regungslosen Wasser
Spiegelt stumm mein junges Glück sich.
(S. 70)
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Anchises

O schöne Göttin, schaumgebornes Wunder,
Ich kenne Dich, wie Du Dich auch versteckest
Und, mich zu täuschen, Deinen Leib bedeckest
Mit unsrer Erdentöchter schnödem Plunder!

Den Nektar schmeckt' ich bei des Kusses Raube;
Verrätrisch blickt die Schulter aus dem Mieder -
Das sind der Cypris stolze Marmorglieder;
So sieghaft schmachtend blickt kein Weib von Staube.

Ich Elend-Glücklicher! Schon seh' ich zagend
Im Geist zerrissen unsrer Liebe Bande!
Abschleudern wirst Du diese Mißgewande,
Der Nacht verschwiegnen Mantel um Dich schlagend.

Dann wirst Du lächelnd mir die Hände geben
Und ach! der Götter traurig Recht gebrauchen:
Den letzten Kuß mir auf die Lippen hauchen
Und in die laue Sternennacht entschweben!
(S. 71)
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Aus: Deutsche Lyriker seit 1850
Mit einer litterar-historischen Einleitung
und biographisch-kritischen Notizen
Herausgegeben von Dr. Emil Kneschke
Siebente Auflage Leipzig Verlag von Th. Knaur 1887




 

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