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Etienne Charles Le Guay
(1762-1846)
Frauen-Porträt |
Rudolf Menger
(1824-1896)
An ein schönes Mädchen
Ich seh' Dich an zu tausend Malen
Und nimmer sieht mein Herz sich satt,
Wie auf Dein Haupt aus vollen Schalen
Die Schönheit sich ergossen hat.
Ich seh' Dich an und vor mir weben
Sich Liebesträume seltsam hin,
Von Dir empfangend Klang und Leben,
Nach Dir verschönernd Form und Sinn.
Mit träumt bei Deiner Augen Glühen,
Daß auch die Nacht hier Sonnen hegt,
Bei Deiner Lippen Purpurblühen,
Daß auch der Winter Rosen trägt;
Mir träumt, wenn Du Dich seitwärts neigest,
Daß die Antike sich belebt
Und, wenn Du voll Dein Antlitz zeigest,
Daß die Madonna vor mir schwebt.
Mir träumt von einem blassen Kinde,
Das fremd in dieser Welt sich fühlt,
Von einer schlanken, scheuen Hinde,
Die sich am Waldquell Wunden kühlt;
Von einem Herzen unverstanden,
Von einem Schwan in Nordlands Flut,
Von einem Klang aus fernen Landen,
Drin aller Himmel Sehnsucht ruht.
So seh' ich Dich zu tausend Malen -
So naht mir leise Traum auf Traum,
Es regt in Duft und Mondenstrahlen
Die Poesie den Wunderbaum,
Geheimes Klingen läßt sich hören,
Das grüßend Deine Scheitel küßt:
Nun möcht' ich bei den Göttern schwören,
Daß Du die Muse selber bist.
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Aus: Deutsche Lyriker seit 1850
Mit einer litterar-historischen Einleitung
und biographisch-kritischen Notizen
Herausgegeben von Dr. Emil Kneschke
Siebente Auflage Leipzig Verlag von Th. Knaur 1887 (S. 542-543)
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