Romantischer Garten

unbekannte bzw. vergessene
deutsche Dichter und Dichterinnen des 19. Jh.s
 


Peder Severin Krøyer (1851-1909)
Marie Krøyer



Andreas Wilhelm von Wittorff
(1813-1886)


Das rechte Wort

Wie gaben wir uns süße Namen,
Und nimmer war's das rechte Wort!
Beklemmten Herzens, wie wir kamen,
Schied jedes vom geliebten Ort.

Wie selig wir in Liebe waren
Wie eins das andere entzückt
Wir konnten's uns nicht offenbaren
Und, ach! wie hat uns das gedrückt!

Nun wechseln wir in trauten Stunden
Die Laute nur zum Ueberfluß;
Verstanden sind wir und verbunden,
Seit ich gewagt - den ersten Kuß.

Da schlug das innerste Entzücken
Hinüber wie ein Liebesblitz!
So leicht, so süß war auszudrücken,
Was über aller Worte Witz.

Und grüßt' ich dich nach langen Jahren,
Ich wär' mit Reden bald am Schluß.
Was ich gelitten und erfahren,
Dir sagte Alles - Kuß auf Kuß.


Aus: Deutsche Dichter in Rußland
Studien zur Literaturgeschichte
Von Jegor von Sivers
Berlin Verlag von E. H. Schroeder 1855 (S. 455)

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Frühlingssehnen

Immer tiefer möcht' ich tauchen
In des Haines grüne Nacht!
Immer würziger umhauchen
Mich die Bäum' in duft'ger Pracht.

Weiter! weiter! könnt' ich fliegen! -
Von der Menschen lauter Spur,
Traulicher mich anzuschmiegen
An den Busen der Natur.

Ach, und will ich's recht erwägen,
Was mich jagt den Wald hinein, -
Muß sie nicht auf Blumenwegen
Mir begegnen, die ich mein'?

Die mir alle Träume malen,
Ist sie nicht des Waldes Kind?
Zog sie nicht zu stillen Thalen,
Tief und still wie diese sind?

Blühen ihr nicht diese Matten?
Feiert sie nicht diesen Chor? -
Ach aus den verlängten Schatten
Trittst du endlich nicht hervor?

Aus: Deutsche Dichter in Rußland
Studien zur Literaturgeschichte
Von Jegor von Sivers
Berlin Verlag von E. H. Schroeder 1855 (S. 463)

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Die Esp im Herbst

's ist - gelt? - das schmucke Bäumelein,
Die Esp mit rothem Krönelein? -
Ist auch Herrn Zephyrs Liebste drum,
Schwänzt Abends nur um sie herum.

Gar süße Dinge sagt er ihr;
Schwätzt viel von heißer Liebesgier.
Weicht sie schon hier- und dorthin aus,
Er hält sie bei dem Köpfchen kraus.

Nun fährt Herr Herbst mit Sturm daher;
Wie wird dem Fant das Scheiden schwer!
Er hält sie fest, küßt sie halb todt;
Da wird das Esplein roth und roth.

Aus: Deutsche Dichter in Rußland
Studien zur Literaturgeschichte
Von Jegor von Sivers
Berlin Verlag von E. H. Schroeder 1855 (S. 464)

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Für wen?

Für wen, für wen die Gabenfülle?
Für wen die Blüthen und ihr Duft,
Für wen der Gräser zarte Hülle,
Für wen der Vogel in der Luft?

Mir nicht! Nicht würdig solcher Spenden,
Genieß ich mit beklemmter Brust
Und fühl' es wohl, die Götter senden
Nur ihrem Liebling solche Lust.

Drum mitten in des Lenzes Prangen
Späh' ich zur Ferne sehnend hin;
Mir ist, es würd' ein Fest begangen
Und ach! - es fehlt die Königin!

Aus: Deutsche Dichter in Rußland
Studien zur Literaturgeschichte
Von Jegor von Sivers
Berlin Verlag von E. H. Schroeder 1855 (S. 467-468)

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So kommt der Liebe Flammensegen,
Vor dem des Hasses Eis in mir
Zertropft zu einem heil'gen Regen -
Allein von Dir!

So kommt der Freiheit Lichtgedanke,
Wenn ich, in Banden der Begier,
Am Abgrund dunklen Wahnes schwanke -
Von Dir, von Dir!

So kommt der Muth, die Schicksalsbürde
Zu tragen wie des Mannes Zier,
Im Blick auf Deines Leidens Würde -
Von Dir, von Dir!

So kommt die Kraft, die ich im Kriege
Mit Leid und Leidenschaft verlier',
Im Schauen Deiner leichten Siege -
Von Dir, von Dir!

Und sieh, die Kraft, mich zu besiegen
Hebt auch des Schweigens Bann in mir,
Und die erlösten Lieder fliegen
Zu Dir, zu Dir!


Aus: Literarisches Taschenbuch der Deutschen in Rußland
Herausgegeben von Jegor von Sivers
Riga Verlag von N. Kymmel 1858 (S. 291)

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Es lagen Blumen Dir im Schooß,
Ein Farbenchaos wirr und los;
Die düst're Gluth - den heitern Glanz
Versöhnte Deine Hand im Kranz.

Doch als den Schwall Du schön gereiht,
Wie ward des Werkes Lust zum Leid!
Vergessen sahst Du in dem Tand -
Des Lenzgeschmeides Diamant.

Da dacht' ich - fortgesandt von Dir
Nach Deines Kranzes bester Zier, -
Wie manch' ein Herz in ewgem Weh
Nach seines Glückes Rose späh'!

Und wieder dacht' ich - froh gewandt,
Des Gartens Kleinod in der Hand,
Wie oft von eitlem Kranz umweht
Mein Geist zu Dir, Du Ros' entschwebt!


Aus: Literarisches Taschenbuch der Deutschen in Rußland
Herausgegeben von Jegor von Sivers
Riga Verlag von N. Kymmel 1858 (S. 292)

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Du weißt - ein Sämann streute goldnes Korn
Auf vieles Land, auf daß es Frucht ihm zolle;
Doch manches fiel in wüst' Gestein und Dorn,
Ihn lohnte nur des guten Ackers Scholle.

Schau in den Saaten Deiner Blicke Loos,
Streust Du ihr Gold in wüste Herzen nieder.
O, senk' sie in des Dichterbusens Schooß,
Und ernte hundertfach - die Frucht der Lieder.

Aus: Literarisches Taschenbuch der Deutschen in Rußland
Herausgegeben von Jegor von Sivers
Riga Verlag von N. Kymmel 1858 (S. 292)

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Dies strenge Treiben kalter Pflichten,
Am Werk des Tages fortzuweben,
Dies friedlos emsige Verrichten,
O, nenn' ich das - genießen, leben?!

Wenn lichter Geister Reih'n am Morgen
Des Tages Ruf aus luft'gem Schweben
Zurück mir droht zum Schritt der Sorgen
Heiß ich dies Droh'n - Beruf zum Leben?!

Ach, alle die gebot'nen Schritte,
Zu denen mir den Fuß muß heben
Gewohnheit und der Tact der Sitte,
Nenn' ich den Pendelgang ein Leben?!

Und wenn ich aus erschlafftem Streben
Ermannend mich im Glauben hebe
Und betend ring', mich zu beleben,
Mag ich wohl sagen - daß ich lebe?!

Und wenn der Geist, entjocht der Mühe,
Doch mühgebeugt, sich muß ergeben
Den Träumen, daß er neu erblühe,
Nenn' ich die Flucht des Lebens - Leben?

Nur wenn im reichen Spiel der Kräfte
Eins wird das Schaffen und Genießen,
Wie in des Athmens Luftgeschäfte
Wir Hauche schlürfen und ergießen; -

Wenn mit befriedigtem Verlangen
Wir lustgeschäftig Schönheit schauen,
Und schauend süßen Traum empfangen,
Und schauend kühne Träume bauen; -

Nur wenn ich - ach, in flücht'gen Weihestunden -
Dich schau - Dir lausch' in scheuer Wonne Beben,
Da wird des Daseins volles Glück empfunden,
Nur diese Fülle nenn' ich Leben - Leben!

Aus: Literarisches Taschenbuch der Deutschen in Rußland
Herausgegeben von Jegor von Sivers
Riga Verlag von N. Kymmel 1858 (S. 292-293)

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Beim Abschied

O wende nicht den Blick von mir,
Er bracht' mir Frieden und Segen;
In Deiner Nähe für und für
Würd' ich wandeln auf guten Wegen.

Ich wollte fliehen zur Welt hinaus,
Daß sie nicht länger mich quäle, -
Du führtest mich zurück in's Haus,
Beschworst den Sturm meiner Seele.

Nun ziehst Du, Friedensengel, fort, -
Der Schwache will verzagen!
So darf ich doch zu stillem Hort
Dein Bild im Herzen tragen?

Aus: Schneeglöckchen Deutsche Lieder aus den Ostsee-Provinzen
gesammelt und herausgegeben von
Arnold Tideböhl und Wilhelm Schwartz
Riga und Leipzig
Verlag von Edmund Goetschel 1838 (S. 44)

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Der Stein

Du alter, harter Stein am Wege
Läß'st Sturm und Wetter über Dich ergehn,
Welch' Treiben auch um Dich sich rege,
Bleibst ruhig kalt an Deinem Platze stehn.

Und was sich ringsum regt, es muß vergehen;
Das wild'ste Leben sinkt zuerst in Staub!
Viel tausend Wesen sahst Du schon entstehen,
Der Zeit, der gier'gen rettungslosen Raub.

Was lebt und fühlt verzehrt sich alle Tage
In Hoffen, Streben, kraftzerstör'nden Müh'n:
An Deiner Härte müssen Freud' und Plage,
Jedwed Gefühl spurlos verüberziehn.

So hör' denn auf, Du thörig Herz, zu fühlen,
Bliebst gern Du, wie der Stein dort, unversehrt. -
Doch nein! laß Freud' und Leiden Dich zerwühlen,
Dies schöne Leben ist doch fühlenswerth.

Aus: Schneeglöckchen Deutsche Lieder aus den Ostsee-Provinzen
gesammelt und herausgegeben von
Arnold Tideböhl und Wilhelm Schwartz
Riga und Leipzig
Verlag von Edmund Goetschel 1838 (S. 46)

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Nachtlied

Mit der Nacht
Ist die Sehnsucht mir erwacht;
Herz will nicht zur Ruhe gehen,
Will noch in die Ferne sehen
Durch die nacht.

Siehst nur Nacht! -
Laß die Zukunft höh'rer Macht;
Scheuch' mit Traum die trüben Sorgen,
Zukunft bleibt Dir doch verborgen
Stumm wie Nacht. -


Aus: Schneeglöckchen Deutsche Lieder aus den Ostsee-Provinzen
gesammelt und herausgegeben von
Arnold Tideböhl und Wilhelm Schwartz
Riga und Leipzig
Verlag von Edmund Goetschel 1838 (S. 55)

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Im Tanzsaal

- Und wie die Paare Arm in Arm
Fortschweben vor mir hin,
Da fährt's in meinem stillen Harm
Mir mahnend durch den Sinn:

Sieh, wie sich frohe Jugend freut,
Sieh reiner Seel' Gewinn,
Und Du, im Herzen quälend Leid,
Siehst kalt und freudlos hin.

Und ko9nnt' nicht länger ferne stehn;
Zur holdsten Tänzerin
Flog ich, und ihres Odems Wehn
Strich an der Wang' mir hin.

Wol kühlt' ihr Odem heißen Schmerz,
Verwehte düstern Sinn,
Doch stahl mir das geheilte Herz
Die süße Zauberin.


Aus: Schneeglöckchen Deutsche Lieder aus den Ostsee-Provinzen
gesammelt und herausgegeben von
Arnold Tideböhl und Wilhelm Schwartz
Riga und Leipzig
Verlag von Edmund Goetschel 1838 (S. 58)

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Frühlingssonette

1.
Lehr' Du mich, Vöglein, Frühlingslieder singen!
In heilger Frühe, schwebend hoch im Lichte,
Saugst Du Begeistr'rung ein zum Lustgedichte,
Zu Erd' und Himmel Deine Töne dringen.

Regst unermüdlich Deine kleinen Schwingen,
Bist augenblicks entschwunden dem Gesichte -
Doch gern auf Deinen Anblick ich verzichte,
Denn schön're Lieder wirst von dort Du bringen.

Da bist Du wieder! Von des Himmels Nähe
Sinkst Du auf Deine Flur, Du hast ihr Regen
Und fröhliches Gedeihn herabgeflehet:

So sinkt der Dichter von des Traumes Höhe
Zu Erdenbahn herab, doch Liebessegen
Tönt fort von Herz zu Herzen unverwehet.


2.
O, ist dies Herz noch Frühlingsfreuden offen?
Du Wunderarzt vom Himmel uns gesendet,
Hab Dank! Du hast die schwere Kur vollendet,
Und wieder kann ich weinen, lieben, hoffen!

Und Leben saug' ich ein aus tausend Stoffen,
Von dem das öde Herz sich lang gewendet;
Berauscht vom süßen Duft, den Du gespendet,
Wähnt noch mein Herz zu träumen, süß betroffen.

Dir denn zum Ruhme, segensvoller Knabe,
Soll sich mein Herz in Liedern froh entfalten,
Zu viel, zu viel für eines Menschen Busen!

Kalliope, Du liebste mir der Musen,
Sei mit mir! Laß im Worte nicht erkalten
Was ich so warm, so tief empfunden habe.

Aus: Schneeglöckchen Deutsche Lieder aus den Ostsee-Provinzen
gesammelt und herausgegeben von
Arnold Tideböhl und Wilhelm Schwartz
Riga und Leipzig
Verlag von Edmund Goetschel 1838 (S. 64-65)

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