Maulana Dschelaleddin

Rumi

(1207-1273)

(in der Übersetzung von Vinzenz von Rosenzweig 1838)



Ja, ich schwör's bei deiner Seele
- Und es ist ein grosser Schwur -
Ohne dich liegt meine Seele
Stets in grossen Banden nur.

Wenn auch Chiser*, hochbeglücket,
Einst den Quell des Lebens fand,
Zieht doch immer grosse Sehnsucht
Ihn an deiner Lippen Rand.

Vieles hab' ich noch zu sprechen
Ueber dich und nur mit dir;
Doch ich schweige: es ist Schweigen
Eine grosse Lehre mir.

Wen die Furcht dir zu missfallen
Tiefes Schweigen hat gelehrt,
Wird von mir als grosser Weiser
Hochgeachtet und verehrt.

Wer um dich der Tugend Pfade
Frevelnd zu verlassen scheint,
Bleibt in meinen Augen immer
Nur ein grosser Tugendfreund.

Vor dein Antlitz fall' ich nieder,
Einem leeren Schatten gleich;
Doch kein Fall, ein grosser Flug ist's
In der Seligkeit Bereich.

Als ein mächtiges Geschenke
Ward dir Bagdad zuerkannt,
Und als grosser Zuckerballen
Prangt für dich ganz Samarkand.

Diess Geschenk und dieser Zucker
Reizen meine Lüsternheit,
Und doch kennt man allenthalben
Meine grosse Mässigkeit.

Von Verwandten und von Freunden
Trennt mich grausam deine Hand:
Denn das Band, das dir mich einet,
Ist fürwahr ein grosses Band!

Schweige, wie die Liebe schweiget,
Du der Liebe holdes Kind!
Wenn gleich alle deine Worte
Söhne grossen Stammes sind.

Hin zum Bügel von Tebrisens
Sonne flücht' ich immerdar:
Denn der gold'nen Sonne Sattel
Ist ein grosser Gau fürwahr!

* Chiser, ein Prophet, fand, nach der Legende, den Quell des Lebens,
den Alexander der zweigehörnte auf seinem Zuge in's Land
der Finsternis vergebens gesucht hatte.
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