Adolf Friedrich von Schack (1815-1894) - Liebesgedichte

Adolf Friedrich von Schack

 


Adolf Friedrich von Schack
(1815-1894)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

 

Das erste Liebeswort

Das war der süßeste der Laute!
Sie sprachs, das erste Liebeswort;
Im Herzen nun trag' ich das traute,
Tiefselige Geheimniß fort.

Allein wo berg' ich meine Wonne,
Daß ich sie wohl behüten mag?
Dein Licht verhülle, läst'ge Sonne!
Verstumme, lärmbewegter Tag!

Weltfern sei meines Glückes Fülle
Begraben, wo sie nichts verräth
Und nur durch Nacht und heil'ge Stille
Des süßen Wortes Nachhall weht.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 32)
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Lied

Dein Haupt an meine Brust gelegt,
Schließe die Augen zum Schlummer!
Die Wonne, damit das Herz sie erträgt,
Muß ruhen, gleich dem Kummer!

Nur matt, wie über Wellen das Bild
Von zitterndem Laub und Gestäude,
Gleite durch deinen Traum und mild
Die Erinnrung vergangner Freude!

Wenn du Erquickung geschlürft hast still
Aus des Schlafs sanftquellendem Bronnen,
Mit meinen Küssen dann, Mädchen, will
Ich dich wecken zu neuen Wonnen.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 205)
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Dein Mund, vollathmend heiß an meinem Munde -
Dein Herz mit hohem Schlag an meins gepreßt,
Wie weihst du jede flüchtige Sekunde
Des Tages mir zum Liebesfest!

Und dann die heil'gen, wonnemüden Nächte,
Das Schwelgen Arm in Arm und Brust an Brust!
Mißgönnen nicht dem sterblichen Geschlechte
Die Götter solche Himmelslust?

Ja, denk' ich Alles, was du mir gegeben
Und noch mir giebst, so fürcht' ich ihren Neid;
Leicht zuckt ihr Blitzstrahl nieder auf ein Leben,
Das allzu voll von Seligkeit.

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 72)
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Maiwonne

Denkst du der Stunde, als zu Zweien
Wir saßen unter duft'gen Maien
Im Brautgemache der Natur?
Als Lippe wir an Lippe drückten,
Indessen über den Beglückten
Der Frühling im Triumphzug fuhr?

Die Wipfel bog er uns zu Häupten,
Hernieder von den Zweigen stäubten
Die Blüthen unter seinem Hauch;
Ihm tönte in den Laubenhallen
Das Feierlied der Nachtigallen,
Ihm quoll der Düfte Opferrauch.

Der Himmel jauchzte in Gewittern,
Durch alle Räume ging ein Zittern
Der Liebe und der Werdelust;
Allein die große Jubelfeier
Verstummte vor der Wonne Zweier,
Die selig ruhten Brust an Brust.

O Stunde, ewig unvergessen
Das weite Weltall mögt ihr messen,
Bis wo in Schwindel zagt der Blick,
Doch wenn zwei Wesen ihre Seelen
Im ersten heil'gen Kuß vermählen,
Wo ist ein Maß für solches Glück?

Sie beben stumm und freudetrunken,
Die Erde scheint um sie versunken,
Hinweggeschwunden Raum und Zeit,
Und von der Welt ist nichts geblieben,
Als nur zwei Herzen, die sich lieben,
Allein in der Unendlichkeit.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 161-162)
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Das Geheimniß

Du fragst mich, Mädchen, was flüsternd der West
Vertraue den Blüthenglocken?
Warum von Zweige zu Zweig im Geäst
Die zwitschernden Vögel sich locken?

Warum an Knospe die Knospe sich schmiegt,
Und Wellen mit Wellen zerfließen,
Und dem Mondstrahl, der auf den Kelchen sich wiegt,
Die Violen der Nacht sich erschließen?

O thörichtes Fragen! Wem Wissen frommt,
Nicht kann ihm die Antwort fehlen;
Drum warte, Kind, bis die Liebe kommt,
Sie wird dir Alles erzählen!

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 1 (S. 386)
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Strophen

Du willst, daß ich in Worte füge,
Was flüchtig ist wie Windeswehn,
Und meiner Seele Athemzüge,
Die leisen, kannst du nicht verstehn?

Doch glaub! Wonne wie die Klage,
Die nur in Geistertönen lallt,
Bleibt eine unverstandne Sage,
Wenn ihr das Herz nicht widerhallt.

Ihr Sinn ist hin, ihr Laut verklungen,
Sobald die Lippe sie erst nennt;
Nicht eignet sich für Menschenzungen,
Was nur der Himmel weiß und kennt.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 46)
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Duftendes Geisblatt, steige
Höher empor, daß Ast mit Ast,
Ranke mit Ranke sich dicht verzweige
Zu der Liebe Sommerpalast!

Süß ists, wie wir zusammen
Ruhen unter dem wogenden Grün
Und des Laubes smaragdene Flammen
Uns zur Seite, zu Häupten sprühn.

Aber dichter und dichter
Schließ um uns sich das Blättergerank,
Immer noch spielen zitternde Lichter
Zu uns herab auf die Rasenbank.

Zeugen der Wonne dürfen,
Wenn in der Laube wir Nachts zu Zwein
Mund von Munde den Odem uns schlürfen,
Selbst die schweigenden Sterne nicht sein!

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 60-61)
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Genügen in der Liebe

Einst war in allen Räumen
Die Erde mir kaum weit genug;
Kein Land, kein Meer, wohin in Träumen
Mich nicht der Seele Flügel trug.

Auf Höhn, zuerst bestrahlt vom Morgen,
In Tiefen, die kein Senkblei mißt,
Wähnt ich den großen Schatz verborgen,
Der einzig werth des Suchens ist.

Doch jetzt o mehr, als was ich ehe
Gesucht am fernsten Meeressaum,
Fand ich bei dir in trauter Nähe,
Noch fass' ich Alles, Alles kaum.

Und, ganz das Glück nun zu genießen,
Das mir der schönste Tag geschenkt,
Möcht' ich der Welt mich rings verschließen,
In deinen Anblick nur versenkt.

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In zehn Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1897 Band 2 (S. 159-160)
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Morgenlied

Erwache, mein Mädchen! Im dämmernden Blau
Erlöschen die Sterne gemach;
Aufschwingt sich die Lerche, noch feucht vom Thau,
Zum leuchtenden Aetherdach.

Sie jauchzt im freudezitternden Lied,
Wie die Welt so schön, so schön,
Denn Wonnen, die unten kein Auge sieht,
Schaut sie in den himmlischen Höhn.

Und jubelt die Lerche, so jubelt mein Herz
Hoch in den Lüften mit ihr
Und sendet, mein Mädchen, erdenwärts
Vieltausend Grüße zu dir.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 45)
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Fliegt, durch die zitternden Reben
Ins Stübchen, ihr Töne, fliegt,
Wo hinter den Gitterstäben
Die Kleine schlummernd liegt!

Schon beim Klange der Saiten
Regt sich die Schläferin;
Liebliche Träume gleiten
Fühlt sie durch Seele und Sinn!

Web' aus tönenden Maschen,
Webe ein Netz, mein Lied,
Im Schlummer ihr Herz zu haschen,
Das wachend scheu vor mir flieht.

Länger mit Lachen und Necken
Höhnen mich soll es nicht mehr;
Wo es sich mag verstecken,
Fang' es und bring' mir her.

Nicht zürnen wird sie dem Diebe,
Der es geraubt über Nacht,
Wenn aus Träumen der Liebe
Beim Morgenroth sie erwacht.

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 74-75)
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Süßes Geheimniß

Glaub nicht, daß ich dem lauten Tage
Verrathe, was du mir vertraust,
Wenn mir vorbei mit flücht'gem Schritte
Du wandelst in der Deinen Mitte
Und mit dem Blick, halb kühn, halb zage,
Verheißend mir ins Antlitz schaust.

Berauscht vom Zauber deiner Nähe
Dann seh' ich lang dir staunend nach,
Und mälig erst, indem ich sinne,
Werd' ich des eignen Glückes inne,
Wenn ich die Rede ganz verstehe,
Die stumme, die dein Auge sprach.

Die Abendschatten werden trüber,
Längst in die Ferne schwandest du,
Und, wie den Tropfen Thau die Blume
Birgt in des Kelches Heiligthume,
Schließt meine Seele still sich über
Dem duftenden Geheimniß zu.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 44)
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Neues Leben

Heil, goldener Morgen, erschließ mir das Thor
Des neuen Lebenstages!
Noch nie begrüßt' ich dein Licht zuvor
So freudigen Herzschlages.

Wir haben geathmet Mund an Mund,
Und Aug' in Auge gespiegelt,
Indessen die Lippen den großen Bund
Im heiligen Kuß besiegelt.

Mein darf ich, mein für Leben und Tod,
Für hier und drüben sie heißen;
Und ob die ganze Welt uns bedroht,
Wer will auseinander uns reißen?

Nun komme was will von Kampf und Leid,
Stark bin ich in Lieb' und Glauben;
Ich trag' im Herzen die Seligkeit,
Kein Gott mehr kann sie mir rauben.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 194)
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Ihr Lerchen, schüttelt den Thau von der Brust!
Fliegt auf aus Furche und grünender Saat,
Hoch über der höchsten Berge Grat
Schwingt euch empor in jubelnder Lust
Und jauchzt es in alle Lande hinein:
Sie ist mein!

Flammt auf, ihr Alpen, golden und roth!
Von Zacke zu Zacke und Felsenrand
Laßt schießen die Strahlen, bis hoch der Brand
Von Gletschern und Eisaltären loht,
Und leuchtets in alle Lande hinein:
Sie ist mein!

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 55)
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In deinem Blick sich ewig sonnen,
Wohl wär' es Himmelsseligkeit;
Allein auch mit dem Mindern schon
Zufrieden sei der Erdensohn!
Denn in der Liebe großen Wonnen
Wird Glück sogar das Trennungsleid!

Glück nenn' ichs, wenn im Abschiedsharme
Die Stimme flüstert: noch einmal!
Und aneinander wiederum
Die Lippen zittern freudestumm,
Bis langsam sich der Arm dem Arme
Entwindet in des Scheidens Qual;

Und Glück dann, wenn ein theurer Name,
Der Rose gleich, die einsam blüht,
Mit Duft des Fernseins Oede füllt,
Bis sich das Weh in Seufzern stillt,
Und heißer nach dem Trennungsgrame
Der Kuß des Wiedersehens glüht.

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 61)
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In deines Auges Quelle
Taucht sich mein Geist wie in ein Bad;
Die Welt strahlt ihm in reinrer Helle,
Wenn er in ihr vom Staub geklärt sich hat.

Er schwebt dahin mit lichter Schwinge,
Als ob erstanden aus dem Grab;
Durchsichtig werden ihm die Dinge,
Bis auf den tiefsten Grund schaut er hinab.

Was vor Jahrtausenden gewesen,
Wie was in Zukunft unser harrt,
Kann er in einem Blicke lesen,
Und Alles doch ist holde Gegenwart!

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 58)
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Komm, daß wir diese Stunde Arm in Arme
Zur seligsten des Lebens weihn!
Vergessen soll die Welt mit ihrem Harme
Im Vollgesang der Liebe sein!

Fernab ist die Vergangenheit versunken;
Und, ob ein Tag dereinst uns trennt,
Nicht denk' ichs, während meine Seele trunken
Im Kuß auf deinem Munde brennt.

Verwehn, in der Gefühle Sturm gebrochen,
Mag auf den Lippen uns das Wort,
Die Pulse doch, die aneinander pochen,
Die beiden Herzen reden fort.

Und wird das Thor vor uns erschlossen:
Wie scheuten wir den letzten Pfad,
Die wir in einer Stunde so genossen,
Was Herrlichstes das Leben hat?

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 77)
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An Adele

Laß mich nicht allein, Adele,
Nicht in weiter Welt allein!
Sonnen will ich meine Seele,
Weib, in deines Auges Schein.

Leg' in meine deine Rechte,
Daß an Ader Ader wallt!
Schaurig draußen sind die Nächte,
Und die Tage o wie kalt!

In des Menschenschwarms Gewühle
Steh' ich da betäubt und bang;
Daß nur Einer mit mir fühle,
Fruchtlos ist mein Herzensdrang.

Der Natur mich zu vertrauen
Streif' ich durch Gebirg und Wald,
Doch zurück von ihr treibt Grauen
In mich selbst mich wieder bald.

Ob das Herz in Freude schlage,
Ob es in Verzweiflung bricht,
Taub ist sie für unsre Klage,
Unsre Lust versteht sie nicht.

Ihre welken Blätter streut sie
Theilnahmslos auf unsre Gruft;
Nur aus unserm Staub erneut sie
Ihrer Lenze Blüthenduft.

Laß mich nicht allein, Adele,
Nicht in weiter Welt allein!
Sonnen will ich meine Seele,
Weib, in deines Auges Schein!

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 1 (S. 445-446)
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Heimkehr

Leiser schwanken die Aeste,
Der Kahn fliegt uferwärts,
Heim kehrt die Taube zum Neste,
Zu dir kehrt heim mein Herz.

Genug am schimmernden Tage,
Wenn rings das Leben lärmt,
Mit irrem Flügelschlage
Ist es ins Weite geschwärmt.

Doch nun die Sonne geschieden
Und Stille sich senkt auf den Hain,
Fühlt es: bei dir ist der Frieden,
Die Ruhe bei dir allein.

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In zehn Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1897 Band 2 (S. 188-189)
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Ständchen

Mach auf, mach auf! doch leise, mein Kind,
Um Keinen vom Schlummer zu wecken!
Kaum murmelt der Bach, kaum zittert im Wind
Ein Blatt an den Büschen und Hecken;
Drum leise, mein Mädchen, daß nichts sich regt,
Nur leise die Hand auf die Klinke gelegt!

Mit Tritten, wie Tritte der Elfen so sacht,
Die über die Blumen hüpfen,
Flieg leicht hinaus in die Mondscheinnacht,
Zu mir in den Garten zu schlüpfen!
Rings schlummern die Blüthen am rieselnden Bach
Und duften im Schlaf, nur die Liebe ist wach.

Sitz nieder! Hier dämmert's geheimnißvoll
Unter den Lindenbäumen.
Die Nachtigall uns zu Häupten soll
Von unseren Küssen träumen
Und die Rose, wenn sie am Morgen erwacht,
Hoch glüh'n von den Wonneschauern der Nacht.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 98)
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Winternacht

Mit Regen und Sturmgebrause
Sei mir willkommen, Decembermond,
Und führ' mich den Weg zum traulichen Hause,
Wo meine geliebte Herrin wohnt!

Nie hab' ich die Blüthe des Maien,
Den blauenden Himmel, den blitzenden Thau
So fröhlich gegrüßt wie heute dein Schneien,
Dein Nebelgebräu und Wolkengrau.

Denn durch das Flockengetriebe,
Schöner, als je der Lenz gelacht,
Leuchtet und blüht der Frühling der Liebe
Mir heimlich in der Winternacht.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 213)
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Trennung

Noch einen mir, der Kraft mir leihe!
Gieb, Weib, bevor ich scheiden muß,
Für Leben mir und Tod die Weihe
In einem langen, heil'gen Kuß!

Laß brennend ihn von deinem Munde
Mir bis ins Herz des Herzens glühn,
Und duftend glänze diese Stunde
Gleich Rosen, die auf Gräbern blühn!

Um unsre selig-süßen Schmerzen
Soll sie, und um des Abschieds Qual,
Aufflammen halb wie Hochzeitkerzen
Und halb wie Leichenfackelstrahl;

Und fern noch in der Trennung Wehe
Mir leuchte sie, wenn ich verirrt
Am Rand des jähen Abgrunds stehe
Und Alles um mich finster wird.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 190)
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In ihrem Arm

O laß mich ruhen in deinem Arm
Und tief in die Augen dir schaun!
Das löst mir vom Herzen den nagenden Harm,
Und herab in die Seele fühl' ich es warm
Wie aus dem Himmel mir thaun.

Reich her, reich her den göttlichen Trank,
Der von den Lippen dir quillt!
Ich dürste und schmachte matt und krank;
Erst wenn ich an deinen Busen sank,
Wird all mein Sehnen gestillt!

O mehr noch! was schüttelst du lächelnd dein Haupt?
In Küssen gieb mir das Glück,
Das flüchtige, das mir die Welt geraubt,
Und den alten Glauben, den ich geglaubt,
Und der Kindheit Frieden zurück!

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 168)
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O rede fort! Wie Weihgesänge
Tönt deine Stimme mir ans Ohr;
Was herrlich in der Welt der Klänge,
Eint sich in ihr zum vollen Chor,

In ihr der Plauderton der Quelle,
Der Felsengrotten Widerhall
Mit dem Gebraus der Wasserfälle
Dem Frühlingslied der Nachtigall,

In ihr mit mächt'gem Waldesrauschen
Der Lenzluft erster Athemzug; -
Ihr eine Stunde stumm zu lauschen,
Ist für das Leben Glück genug.

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 65)
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Lob des Leidens

O schmäht des Lebens Leiden nicht!
Seht ihr die Blätter, wenn sie sterben,
Sich in des Herbstes goldnem Licht
Nicht reicher als im Frühling färben?
Was gleicht der Blüthe des Vergehns
Im Hauche des Oktoberwehns?

Krystallner als die klarste Fluth
Erglänzt des Auges Thränenquelle,
Tief dunkler flammt die Abendglut
Als hoch am Tag die Sonnenhelle,
Und Keiner küßt so heißen Kuß,
Als wer für ewig scheiden muß.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 128)
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Oft, wenn wir ruhen Mund an Mund
Und meine Adern an den deinen pochen,
Nach innen lausch' ich plötzlich still;
Ich fühle, wie aus unsrer Seele Grund
Ein Wort, noch nie auf Erden ausgesprochen,
Empor sich ringen will.

O! der Natur Geheimniß ruht
Und alles Lebens in dem Wort beschlossen,
Doch matt bisher noch ists verhallt.
Höher aufflammen laß der Küsse Gluth,
Daß es zuletzt, in vollen Klang ergossen,
Von unsern Lippen wallt!

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 81)
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Schleich, Gesang, mit leisen Tritten,
Schleich' an der Geliebten Pfühl!
Dir vertrau' ich, keinem Dritten,
All mein innerstes Gefühl.

Meine Lieder all, auf denen
Frisch noch liegt des Herzens Thau,
Blinkend von der Liebe Thränen,
Bringe hin der theuren Frau!

Trag' zu ihr, was mir an Früchten
In der Seele je gedieh;
Goldnen Aepfeln gleich am lichten
Weihnachtsbaum umleucht' es sie!

Auf der Lautentöne Wellen,
Die sich suchen, die sich fliehn,
Glitzernd laß dahin den hellen
Schein durch ihre Träume ziehn,

Bis dem Schimmer und dem Klange
Ihre Seele Antwort giebt,
Und ein Roth auf ihre Wange
Mir verräth, daß sie mich liebt.

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 70)
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Stumm liegt die träumende Natur;
Wozu die große Stille brechen?
Das Herz laß mit dem Herzen nur,
Das Auge mit dem Auge sprechen!

Spricht Blüthe so mit Blüthe nicht
An des Jasminstrauchs duft'gen Zweigen?
So Stern zu Stern mit goldnem Licht
Nicht in der Sommernächte Schweigen?

Das ist die Sprache, weltenalt,
Die lang die Liebe schon gesprochen,
Eh sie den ersten Laut gelallt;
In Worten spricht sie nur gebrochen.

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 74)
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Süß sind die Laute all, in denen
Die Liebe traute Zwiesprach hält.
Süß ist das Wort, das zwischen Thränen
Und Lächeln flüchtig ihr entfällt,

Und süß der Schwur auch, der gleich Zweigen
Zwei Leben ineinander flicht;
Doch süßer noch der Lippen Schweigen,
Wenn Seele nur mit Seele spricht.

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 56)
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Träume mit den leichten Schwingen

Träume mit den leichten Schwingen
Flattern zwischen ihr und mir,
Schweben auf und schweben nieder,
Tragen kaum geborne Lieder
Flügelschnell ihr hin und bringen
Mir ein Lächeln heim von ihr;

Pflücken Blüthen auf den Auen,
Schön wie sie der Frühling giebt,
Streuen auf ihr Ruhekissen
Maienglocken und Narcissen,
Die in Düften ihr vertrauen,
Daß mein Herz sie einzig liebt.

Ihre Lippen regt sie leise,
Wie sie solche Gaben sieht;
In dem Flüstern, in dem Lallen
Hör' ich meinen Namen schallen,
Und wir reden wechselweise,
Bis der Schlummer von mir flieht.

Dann im Dunkeln aufgerichtet,
Schau' ich, daß ich einsam bin -
Ach, im Traum nur mocht' ich wagen,
Was ich fühle, ihr zu sagen,
Und das Lied, für sie gedichtet,
Stirbt auf meiner Lippe hin.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 16-17)
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Enthülltes Geheimniß

Von meinem Auge sank es wie ein Schleier,
Da ich zuerst dich fand. Mir war,
Als würd' im Tempel mir bei heil'ger Feier
Ein göttliches Geheimniß klar.

Und in die Seele kam mir tiefes Schweigen;
Mit Staunen, wie zum erstenmal,
Sah ich die hocherhabne Sonne steigen,
Des Mondes milden Dämmerstrahl.

Erst nun ist Alles, Alles mir erschlossen,
Die Stimmen all' von Wald und Flur
Versteh' ich nun, das Welken und das Sproßen
Des ewig waltenden Natur.

Und was der Weisen Lehren nicht gelungen,
Nur durch der Liebe Zaubermacht,
Die feur'ger redet, als mit Engelzungen,
Hast du es, fast noch Kind, vollbracht.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 195)
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An Sie

Was birgst du dich vor mir? Ich habe
In meinen Träumen schon als Knabe,
Als Jüngling schon dich oft geschaut,
Sanft deiner Nähe Hauch empfunden
Und Morgens, wenn du mir entschwunden,
Mit Thränen meinen Pfühl bethaut.

Wenn nächtlich unterm Sternendache
Das Rufen mir, das tausendfache,
Von Wald und Flur zum Ohre drang,
Oft fernher durch der Stürme Brausen,
Der Ströme Rauschen, in den Pausen
Vernahm ich deiner Stimme Klang.

In allem Hohen, allem Schönen
Der alten Dichtung, in den Tönen,
Mozarts und Webers hört' ich sie;
Beim Orgelklang durch die Choräle
Erscholl sie mir, und meine Seele
Trank brünstig ihre Melodie.

Doch, die du immer mich umschwebtest,
Oft fragt' ich zweifelnd, ob du lebtest,
Weil keine dir auf Erden glich.
Und, wie die wechselnden Gestalten
Des Lebens mir vorüberwallten,
In jeder, jeder sucht' ich dich.

Ich sah sie kommen, sah sie schwinden,
Und konnte nie die Eine finden,
Nach der das Herz mir einzig rang -
Mein Haupt verhüllt' ich da voll Trauer
Und fühlte, wie des Todes Schauer
Durch meine Glieder eisig drang.

Schon schwand vom Leben mir das Beste,
Verdorrend sinken seine Aeste,
Welk seine Blätter nach und nach,
Doch wieder naht, im Sturm sich wiegend,
Der Frühling, Grab und Tod besiegend,
Und neu wird alte Hoffnung wach.

Komm denn, du, die mir immer fehlte,
Braut, der ich mich im Geist vermählte!
Birg meinem Blick dich länger nicht!
Mit hohen, sehnsuchtschweren Schlägen
Klopft zitternd dir mein Herz entgegen,
Komm, daß es nicht in Jammer bricht!

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 295-296)
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Strophen

Wenn du hinweggegangen,
Glaub' ich lange dich noch zu sehn;
Um die Schläfe und um die Wangen
Deinen Athem mir fühl' ich wehn.

Wenn von deinen Reden
Längst der Ton dem Ohre verklang,
Hört die entzückte Seele jeden
Laut, den du gesprochen, noch lang.

In der Stille der Nächte,
Wenn voll Bangen das Herz mir schlägt,
Fühl' ich, wie leise sich deine Rechte
Auf die Stirne, die Brust mir legt.

Arme, die weich mich umranken,
Wiegen mich ein; ich athme kaum;
Deine Worte, deine Gedanken
Klingen und duften um mich im Traum.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 15)
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Wahre Schönheit

Wenn du in den Fürstensälen,
Mädchen, bei der Kerzen Schein,
Strahlst im Glanze der Juwelen,
Glaubst du schön zu sein?

Wie von Welle hin zu Welle
Hurt'gen Flugs die Schwalbe streicht,
Auf des Marmorbodens Helle
Schwebst du flügelleicht.

Aus des braunen Lockenhaares
Fülle, die dein Haupt umflicht,
Leuchtet deiner Augen klares
Blaues Himmelslicht.

Aber eisig ist ihr Schimmer,
Wie der Diamanten Pracht,
Wie das frostige Geflimmer
Der Decembernacht.

Ob mit Allem, was auf Erden
Prächtig ist, du dich umgiebst,
Mädchen, schön erst wirst du werden,
Glaub' mir, wenn du liebst!

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 1 (S. 442-443)
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Wenn mich dein Arm umschlungen hält,
An deinen meine Lippen hängen,
Dringt fernher nur der Lärm der Welt
Noch an mein Ohr mit matten Klängen.

Herab aus deinen Augen thaut
Ein Glanz, den meine kaum ertragen,
Tiefklar, wie wenn der Himmel blaut
An wolkenlosen Junitagen.

Die Wimpern senk' ich vor dem Licht;
Erst nach und nach in ganzer Fülle,
Wie es kein Erdenschatten bricht,
Kann ich es schauen, ohne Hülle.

Doch zweifelnd frag' ich: muß mein Blick
Nicht für die niedre Welt erblinden?
O werd' ich noch den Pfad zurück
In das verlaßne Leben finden?

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 75)
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Wenn müd du von der Liebe Wonnen,
Und sanft dich Schlummer überfließt,
Entzückt fühl' ich dein warmes Leben
An meins in jedem Tropfen beben,
Der durch die Adern hingeronnen
In leichter Wallung sich ergießt!

Des Auges blaue Strahlenkreise
Verbirgt die Wimper meinem Blick;
Doch dämmernd durch die zarte Hülle
Wie Mondglanz quillt des Lichtes Fülle,
Und deine Lippen murmeln leise
Im Traume noch von unserm Glück.

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 79)
_____

 

Wunsch

Wenn uns von zitternder Wimper
Die Wonnezähre tropft,
Wenn bebend Lippe an Lippe hängt
Und Ader an Ader klopft,
Was kann uns die Erde noch bieten fortan,
Das matt nicht erbleichen muß?
Sind Ewigkeit und Himmel
Doch unser in jedem Kuß!

Nicht uns, o Herr, nach erloschner Gluth
Ein Leben öde und schaal!
Hernieder auf unser vollstes Glück
Laß zucken den Wetterstrahl,
Daß, wenn der Küsse heißester noch
Uns brennt auf der Lippen Roth,
Wir, Seele in Seele zerrinnend,
Eins werden im flammenden Tod!

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 106)
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Wenn unter duftgen Blüthenzweigen

Wenn unter duftgen Blüthenzweigen
Wir ruhen, Haupt an Haupt gelehnt,
Wie süß der Küsse Wechseltausch!
Welch Flüstern in der Liebe Rausch!
Wie spricht, so oft die Lippen schweigen,
Das Auge, das von Wonne thränt!

Die Locke hier mußt du mir lassen
Für jene Zeit, wo fern du bist,
Daß an dem Pfand sich mein Gedanke
Aufrichte, wenn ich zweifelnd schwanke
Und nicht mehr glauben kann, nicht fassen,
Daß mein solch Glück gewesen ist!

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In zehn Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1897 Band 2 (S. 160)
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Sonett

Wie lieblich ruht es sich in Sommernächten,
Wenn durch das Laub, wo träumend Vögel singen,
Der Westwind rauscht, als ob auf Mondlichtschwingen
Von fernen Welten Geister Grüße brächten!

Adele wiegt mich sanft mit ihrer Rechten
Und, wie wir fest uns aneinander schlingen,
Umwallen uns mit schwarzen Lockenringen
Langfließend ihres Haars gelöste Flechten.

Schlaf, heil'ger Schlaf! laß deine Murmelquellen
Melodisch rauschend unser Haupt umspülen,
Und trag' uns fort auf ihren Schaukelwellen

Ins Meer des Traums, daß nach dem Tag, dem schwülen,
Wir uns in seinen frischen, dämmerhellen,
Von Mondenglanz erfüllten Grotten kühlen.

aus: Gedichte von Adolf Friedrich von Schack
Berlin 1867 (S. 240)
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Wie sollten wir geheim sie halten,
Die Seligkeit, die uns erfüllt?
Nein, bis in seine tiefsten Falten
Sei Allen unser Herz enthüllt!

Wenn Zwei in Liebe sich gefunden,
Geht Jubel hin durch die Natur,
In längern wonnevollen Stunden
Legt sich der Tag auf Wald und Flur.

Selbst aus der Eiche morschem Stamme,
Die ein Jahrtausend überlebt,
Steigt neu des Wipfels grüne Flamme
Und rauscht, von Jugendluft durchbebt.

Zu höherm Glanz und Dufte brechen
Die Knospen auf beim Glück der Zwei,
Und süßer rauscht es in den Bächen,
Und reicher blüht und glänzt der Mai.

aus: Gesammelte Werke des Grafen Adolf Friedrich von Schack.
In sechs Bänden.
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
Stuttgart 1883 Band 4 (S. 57-58)
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