Das Sonntagsgedicht

Geistliche Gedichte deutscher Dichterinnen
(vom 6. September 2009)

(c) Gerd Altmann Pixelio.de




Meta Klopstock
(1728-1758)


 

Die Liebe Gottes


Gott ist die Liebe!
Freu' dich deines Daseins, o Seele,
Der dich schuf, ist die Liebe!
Du darfst beten!
Darfst zum großen Schöpfer, selige, beten!

Wie das Stammeln seiner Gebor'nen
Ein Vater hört,
Hört er dein Stammeln!
Sieht mit Gnade, Lieb' und Erbarmung
Auf die Seele,
Die zu ihm betet, herunter.

O du, zu dem ich flehen darf,
Höre mein Fleh'n!!
Laß, wie meine Liebe nur kann,
Sie vom Leibe sich reißen!
Sie die Welt nicht mehr fühlen!
Und nur dich, nur dich,
Du Unerschaff'ner empfinden!

Die Liebe warst du,
Eh' du die Welten erschufst,
Eh' du höhere Geister,
Als sie der Mensch zu denken vermag,
Eh' du sie schufst.

Die Liebe warst du,
Da du unserer Welt:
Werde! gebotest.

Gott ist die Liebe!
Er ist's! sagt jedes Gestirn,
Jede Sonne der andern!

Er ist's, sagt der Wurm der kriecht,
Den unser Fuß zertritt,
Ohne daß das Aug' ihn sieht.

Harmonisch singen im Walde die Vögel:
Gott ist die Liebe!
Ihnen hallet der Wald nach:
Gott! Gott! Gott ist die Liebe!
Die Berge bringen's zurück:
Gott, Gott, Gott ist die Liebe!

Alles, was Odem hat, sagt,
Alles, was wächst und grünt,
Alles, was lebt und sich regt,
Alles, was Deine Hand,
Du großer Schöpfer, geschaffen hat,
Sagt: Der uns schuf ist die Liebe!

Oben am Throne,
An deinem Throne, Jehova!
Singt's mit feiernder Stimme der Seraph,
Und der Mensch
Stammelt's nach;
Er stammelt: Gott ist die Liebe!

Wie sehr ist er's uns,
Wie sehr den Menschen Liebe!
So ist er's nicht den Engeln.
Engeln vergibt er nicht Sünde!

Liebe war's, die dich, Adam,
Nach dem Bilde des Ewigen schuf!
Liebe der Hauch,
Wodurch die unsterbliche Seele
Deinen Leib belebte!

Mehr noch, die dich nicht verwarf,
Da du fielst.

Ach mit ihm sind wir Alle gefallen!
Sind wir verworfen?
Vom ewigen Richter verworfen?

Wie furchtbar ist der, der richtet!
Wie furchtbar Gerechtigkeit und Allmacht!
Tod und Verderben wie furchtbar!

O schauernde Seele,
Du vermagst nicht zu danken!
Aber fall' nieder, fall' nieder!
Bete, staun' und stamm'le Dank!
Fassen kannst du es nicht,
Aber o fühl' es:
Unser Richter ist unser Erlöser!

Unser Richter ist unser Erlöser?
Jehova will sich erbarmen?
Liebt uns noch?
Will selbst sich versöhnen?
Will selbst das Opfer sein?
O du ewige Liebe!

Nein, fassen kann ich's nicht;
Nur in Staunen und Thränen versunken
Und mit dem stärksten Gefühl
Der unsterblichen Seel' es fühlen!

Ihr oben am Thron', ihr Seraphim,
Fassen könnt auch ihr es nicht,
Aber ihr könnt danken!
Ach, dankt für eure Brüder!
Denn jetzt wissen, jetzt fühlen wir's:
Wir sind eure Brüder!

Werden's in Einer Seligkeit sein,
Wir Erlöste!
Ohne Sünde, wie ihr,
Werden wir ihn schau'n,
Ihn, der uns schuf!
Ihn, der uns erlöste!

Ohne Sünde, wie ihr!
Ach, er hat uns're Sünde getragen!
Hat sie vergeben!
Hat uns mit dem versöhnt,
Der Gericht hielt!

Ach, er ist gestorben!
Jesus Christus, der Gott ist, ward Mensch,
Und starb für die Menschen.

O du Lamm Gottes,
Das die Sünde der Welt trägt,
Erbarme dich unser!

Du bist gestorben?
Für uns Sünder gestorben?
Und wir sind Gerechte?

Komm' nie aus meiner Seele, Gedanke,
Komm' nie aus eines Christen Seele:
Für uns Sünder ist Jesus Christus gestorben!

Anbetung, Ehr' und Dank und Preis
Dem Lamme, das erwürgt ward!
Dem Vater, der uns nicht verwarf!
Dem Sohne, der uns erlöste!

Freu' dich deines Daseins, o Seele!
Der dich erschuf ist die Liebe!
Der dich erlöst: ist die Liebe!



 


Gedicht aus: Deutschlands Dichterinnen.
Blüthen deutscher Frauenpoesie
aus den Werken deutscher Dichterinnen
der Vergangenheit und Gegenwart
ausgewählt von Karl Wilhelm Bindewald
Osterwieck / Harz o.J. [1895] (S. 355-356)

Bild: (c) Gerd Altmann Pixelio.de




 

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