Das Sonntagsgedicht

Geistliche Gedichte deutscher Dichterinnen
(vom 8. August 2010)

(c) Gerd Altmann Pixelio.de




Luise von Plönnies
(1803-1872)



Joh. 21, 17


Wenn mir, umrauscht vom Strom des Lebens,
Dein Bild erblaßt, du sanfter Hirt,
Wenn ich, erfaßt vom Drang des Strebens,
Auf fernen Bahnen mich verirrt –
Dann fragst du nicht, was fort mich trieb,
Du fragst nur sanft: Hast du mich lieb?

Wenn ich in bangen Todesschauern
Vor einem off'nen Grabe steh'
Und kaum vermag zu überdauern
Der Trennung herzzerreißend Weh,
Mir's scheint, als ob kein Herz mir blieb –
Dann fragst du leis: Hast du mich lieb?

Wenn mir der Zweifel naht, der schlimme,
Der alle Hoffnung mir verneint,
Wenn mir verstummt die inn're Stimme,
Wenn mir kein Stern von oben scheint,
Mein Herze gleicht dem leeren Sieb,
Dann fragst du ernst: Hast du mich lieb?

Wenn oft aus dunklem Herzensgrunde –
Mit selber unbegreiflich – steigt
Ein finst'rer Geist, der sich im Bunde
Mit jeder schlimmen Neigung zeigt,
Wenn wir erwacht der Sünde Trieb,
Klingt's wie von fern: Hast du mich lieb? –

Dann bricht der Tag mir an auf's neue,
Dann steigt das Kreuz vor mir empor,
Und nach dem Thränenbad der Reue
Wird's in mir klarer als zuvor;
Dann sprech' ich traurig: Herr, vergieb,
Du weißt, daß ich in Schwachheit lieb'!

Ja, wer dich könnte fest ergreifen,
Dich, des Vollkommnen Ideal,
Die heil'ge Liebe würd' ihm reifen
An deiner Liebe Sonnenstrahl.
Du, den an's Kreuz die Liebe trieb,
Du fragst mit Recht: Hast du mich lieb?



                                                    


Gedicht aus: Deutschlands Dichterinnen.
Blüthen deutscher Frauenpoesie
aus den Werken deutscher Dichterinnen
der Vergangenheit und Gegenwart
ausgewählt von Karl Wilhelm Bindewald
Osterwieck / Harz o.J. [1895] (S. 420)

Bild: (c) Gerd Altmann Pixelio.de




 

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