Das Sonntagsgedicht

Geistliche Gedichte deutscher Dichterinnen
(vom 19. September 2010)

(c) Gerd Altmann Pixelio.de




Elisa von der Recke
(1754-1833)



Betrachtung des Lebens Jesu

Mel.: Wie groß ist des Allmächt'gen Güte

Durchdenk' ich meines Heilands Leben,
Was fühlt mein liebend Herz für ihn!
Welch' Beispiel hat er uns gegeben,
Um uns zu sich empor zu zieh'n!
Er, auf der Tugend höchster Stufe,
Wie huldreich läßt er sich herab!
Wie weist er die Hosannarufe
Des Volks in reiner Demuth ab!

Hoch steht er da, der Heil'ge Gottes,
In seiner ganzen Herrlichkeit!
Er trotzt dem Pfeil des Heuchlerspottes
Und dem Verderben seiner Zeit.
Er hat sich seinen Weg gebahnet,
Von diesem weicht und wankt er nicht;
Er straft, er lehret und ermahnet,
Sein Wort ist Heiligkeit und Licht.

Zu diesem Licht führt er den Irren,
Ruft er den Wankenden empor,
Der sich in schrecklichen Gewirren
Und Täuschungen der Welt verlor.
Nicht sich, Gott will er offenbaren,
Wird auch sein hoher Sinn verkannt;
Und mitten unter Undankbaren
Entströmet Wohlthun seiner Hand.

Wie seine Feind' ihm auch vergalten,
Er rächte sich an ihnen nie;
Er schalt nie wieder, wenn sie schalten,
Sein göttlich großes Herz verzieh.
Er betet: "Gott! laß nicht auf ihnen
Die Lasten ihrer Sünden ruh'n,
Zur Strafe, welche sie verdienen!
Sie wissen, Herr, nicht was sie thun!"

So betet er im höchsten Leiden,
Bei seiner Feinde bitterm Spott;
So betet er, selbst im Verscheiden,
Für seine Mörder noch zu Gott!
Dann sieht er seines Jüngers Zähren,
Er sieht der Mutter tiefen Schmerz:
Ach! Beiden Tröstung zu gewähren,
Der Drang erfüllt sein brechend Herz.

Zum Jünger spricht er und zur Mutter
Mit einem liebevollen Ton:
"Johannes! sie sei deine Mutter!
Und er, o Mutter, sei dein Sohn!"
So krönt er sein erhab'nes Ende,
Das selbst kein Engel würdig preist,
Und ruft: "In deine Vaterhände
Befehl' ich, Herr, nun meinen Geist!"

Ich trage, Christus, deinen Namen;
Er möge meine Seele weih'n,
Dein göttlich Beispiel nachzuahmen
Und werth des Christenheils zu sein!
Es sei mir, wenn ich von der Erde
Nun scheiden und zum letztenmal
Noch: "Jesus Christus!" rufen werde,
Mein Licht im dunkeln Erdenthal!



                                                    


Gedicht aus: Deutschlands Dichterinnen.
Blüthen deutscher Frauenpoesie
aus den Werken deutscher Dichterinnen
der Vergangenheit und Gegenwart
ausgewählt von Karl Wilhelm Bindewald
Osterwieck / Harz o.J. [1895] (S. 371-372)

Bild: (c) Gerd Altmann Pixelio.de




 

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