Das Sonntagsgedicht

Geistliche Gedichte deutscher Dichterinnen
(vom 21. November 2010)

(c) Gerd Altmann Pixelio.de




Charlotte Elisabeth Nebel
(1727-1761)


Über die Worte: Mein Freund ist mein

Hohel. Sal. 2, 16 (1)
Mel.: Mein Hertzens-Jesu, meine Lust


Mein Heiland gibt sich ganz für mich.
O welche Glut der Liebe,
Die, Sünder, ihn für mich und dich
In Noth und Sterben triebe!
Das heiset recht "zuerst geliebt";
Wer sich so ganz für Feinde giebt,
Der kan die Liebe heisen.

Ganz gibt der treue Seelenhort
Sich mir in meinem Leben;
Ganz schenkt er sich in seinem Wort,
Ganz hat er sich gegeben
Für mich in Elend, Schmerz und Noth,
In Blutschweis, Marter, Angst und Tod.
Welch unaussprechlich lieben!

Ganz schenkt er sich dem Glauben auch,
Ganz gibt er sich der Liebe
Zum allerseligsten Gebrauch,
Nichts ist, das übrig bliebe.
Nein, alles dienet mir zum Heil.
Der ganze Jesus ist mein Theil,
Wenn ich ihn glaubig fasse.

Sein Vater ist mein Eigenthum,
Sein Geist ist mir gegeben;
Sein Kreuz und Leiden bleibt mein Ruhm,
Sein Todt bringt mir das Leben.
Sein Blut das ist mein Lösegeld,
Sein Wort dient mir in dieser Welt
Wohl recht zu einer Leuchte.

Sein Himmel ist mein Vaterland,
Sein Erbtheil ist mein Erbe.
Mein Name steht in seiner Hand;
Die Ruhstatt, wenn ich sterbe,
Ist seine offne JEsusbrust.
Die Nägelmaal sind meine Lust.
Ach welch ein Schatz ist JEsus!

Die blutige Gerechtigkeit
Zieht er mir an zum Kleide.
Sein Unschuld ist für mich bereit
Zum schönen Brautgeschmeide.
Sein Name ist mein festes Schloß,
Dahin ich flieh, wenn die Geschoß
Der Feinde mich verfolgen.

Sein Haupt ist mir das feinste Gold,
Sein Mund ist mir so süsse.
Die schönen Augen sind mir hold;
Mir bahnen seine Füsse
Den Weg zu jener Gottesstadt,
Die mich durch ihm zum Bürger hat.
Mich leiten seine Hände.

Sein treues Herz wallt gegen mich
Und bricht ihm für erbarmen;
Sein holder Mund eröffnet sich
Im Bitten für mich armen.
Sein Grab macht meins zum Heiligthum.
So ist die werthe Sarons Blum
Des Herzens Schatz und Weide.

Mein Heil, so nehm ich dich ganz an
Mit dem, was du erlitten,
Geredt, erworben und gethan,
Erbittet und erstritten,
Erkauft. Das alles ist nun mein,
Ja, du sollst selbst mein Alles seyn.
HERR JESU, sprich du Amen.



                                                    


Gedicht aus: Deutschlands Dichterinnen.
Blüthen deutscher Frauenpoesie
aus den Werken deutscher Dichterinnen
der Vergangenheit und Gegenwart
ausgewählt von Karl Wilhelm Bindewald
Osterwieck / Harz o.J. [1895] (S. 409-410)

Bild: (c) Gerd Altmann Pixelio.de




 

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