Das Sonntagsgedicht

Geistliche Gedichte deutscher Dichterinnen
(vom 8. Mai 2011)

(c) Gerd Altmann Pixelio.de




Frieda Hornig
(Ende 19. Jh.)



Ostermahnung


Wieder grüßt uns neugeboren
Und verjüngt die schöne Welt;
Wieder zieht zu allen Thoren
Frühling ein, der Siegesheld;
Wieder läßt, auf blum'gen Wiesen
Und auf schatt'gen Waldeshöh'n,
Primeln er und Veilchen sprießen,
Rings ein neues Sein ersteh'n!

Ueberall ein froh' Getümmel,
Und im reinsten Jubelton
Steigt manch Lied heut' auf zum Himmel,
Bis hinauf vor Gottes Thron. –
Endlich sind sie überstanden
– Winterschlaf und Todesruh',
Welt ist frei von allen Banden,
Mensch, erwache nun auch du!

Tod und Hölle sind bezwungen
Durch des Welterlösers Macht,
Liebe hat den Sieg errungen,
Und der Sonne wich die Nacht.
Längst vorbei sind jene Wochen
Dunkler Zeit auf Golgatha,
Und das Kreuz ist abgebrochen,
Denn – der Ostertag ist da! –

Mahnend durch die Sonntagsstille
Tönt die Glocke ernst und klar,
Und es ruft ein höh'rer Wille
Dich zur Kirche, zum Altar. –
O, verstehe ganz den Segen,
Den die heil'ge Osternacht
Für die Menschheit allerwegen
Und für Dich auch hat gebracht! –

Er, der für die Welt gestorben,
Hielt getreu, was er verhieß:
Neu erschlossen, neu erworben
Ist für uns – das Paradies!
Ob das Leben auch hienieden
Dornenvoll oft scheinen mag –
Nur getrost! Zu ew'gem Frieden
Ruft auch uns ein Ostertag.




                                                    


Gedicht aus: Deutschlands Dichterinnen.
Blüthen deutscher Frauenpoesie
aus den Werken deutscher Dichterinnen
der Vergangenheit und Gegenwart
ausgewählt von Karl Wilhelm Bindewald
Osterwieck / Harz o.J. [1895] (S. 305-306)

Bild: (c) Gerd Altmann Pixelio.de




 


 

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